Mothers of the Nation

The blog Mothersofthenation hopes to start a discussion on aspects of the history of “women’s professions” in Weimar and Nazi Germany, as experienced by a small group of alumni of a Hamburg Frauenschule. The core and launching pad of the blog is constituted by a Rundbrief connecting 12 women graduates of the school. Started in April 1927, it circulated until 1965, with a long interruption during the war. When it stopped, there were three handwritten volumes.

The twelve friends’ original intention in launching the Rundbrief had been to keep in touch as they progressed through their careers as “social educators and caretakers” specializing in Early Childhood Care and Education, Gymnastics and Dance, Home Economics and Social Hygiene, Practical Nursing or Design. In the Spring of 1927, they had dispersed, each embarking on an internship, practicum or course of further training. They expected to be permanently placed in the careers of their choice within a year or two. In reality, jobs were scarce, and became increasingly so. This was due to the cumulative effect of a deteriorating economy and changing images of social work, involving both greater professionalization and greater politization. Internships led to more internships, to volunteering or at best temporary/adjunct positions, leading to discouragement, a sense of wasted qualifications, and the gradual channeling into the private spheres of marriage, motherhood and consumerhood of energies which their teachers had originally trained for the larger vision of social motherhood, social hygiene and social design.

The permanent jobs came together with the establishment of the Nazi regime. This meant that employment was now overcast by the question of allegiance to the regime, participation or non-participation in the “voluntary” Arbeitsdienst institutions, class-conflict on top of the perennial frustration with bureaucratic ineptitude.

Originally translated for the private use of one woman’s English-speaking daughter and grandchildren, these letters seemed at first purely ‘personal’ in tone and content. Disappointingly, the Rundbrief contained little in the way of explicit political or sociological commentary. References to a larger context are for the most part in the nature of allusions, and seen through the filter of the writers’ professional activity. True to their middle-class origins, they remained close to their families ; also true to their middle-class origins they hiked and traveled, by themselves or with male and female friends; and true to their German middle-class origins, they were intensely involved in the various aspects of what has become the worldwide culture of the body.

The nature of their work meant that there was often little distinction between the private and the professional: internships for the most part were done in institutional settings in the countryside, the gymnastics students lived in boarding-school on a Baltic Sea island. And their far-flung travels to visit exhibits, to attend performances or perform themselves, their avid interest in modern dance, new technology and design and the Bauhaus movement reflected the nature of their training.

Gradually, our disappointment about the apolitical quality of these ‘letters’ gave way to excitement about a vivid, often surprising, image of the world of this group of middle-class, Frauenschule-educated women. There was something infectious about their vitality, their appetite for experience, the multifaceted quality of their training, the way it reflected the vitality and diversity of German culture in the 1920s and 30s, and the paradoxes of the transition from Weimar politics and culture to the Nazi politics and culture. As our interest in these young women grew, so did our questions about this document.

How representative were these young women of aspiring social workers of their time, evolving from charity workers, ‘motherly caretakers of the nation’ to professionals and on to ‘mothers of the nation —or in the case of these women to ‘mothers (not necessarily) for the nation’ ?

How did others experience the tensions between these various conceptions of motherhood ?

How would these experiences parallel those of women in other parts of the world during the latter part of the 19th century and the first half of the 20th century?

What were the continuities between the Weimar period and the Nazi period? how was the latter prepared by the former?

What was the relationship between the school they attended and other Frauenschulen? and with the rest of German education? and for that matter, how did the school evolve during the Nazi period?

As for this Rundbrief, for all its apolitical quality, how personal was it really? what does it say about the Rundbrief as literary form?

These and other questions will be examined in a series of extended footnotes to the Rundbrief, which we hope will serve as launching pads for a wider discussion.

Mothers of the Nation

Der Blog Mothersofthenation basiert auf der Hoffnung, dass er als Ausgangspunkt einer Diskussion historischer Aspekte von “Frauenberufen” in der Weimarer Republik und im Nazideutschland dienen möge. Zu Grunde liegen die Erfahrungen einer kleinen Gruppe von Absolventinnen einer Hamburger Frauenschule. Ausgangspunkt und zentraler Inhalt des Blogs ist ein Rundbrief, der die Verbindung zwischen 12 Absolventinnen der Schule aufrecht erhalten hat. Der Rundbrief wurde im April 1927 begonnen und war, bis auf eine lange Unterbrechung während des Kriegs, bis 1965 im Umlauf. Zum Schluss existierten drei handschriftliche Bände.

Ursprünglich beabsichtigten die 12 Freundinnen, mit Hilfe des Rundbriefs den Kontakt aufrecht zu erhalten, während sie ihren Beruf als “Sozialpädagogen und Betreuer”, mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf Betreuung und Erziehung von Kleinkindern, Gymnastik und Tanz, Hauswirtschaft und Sozialhygiene oder Krankenpflege und Design ausübten. Im Frühling 1927 waren sie auseinander gegangen, entweder um ein Praktikum oder eine weitere Ausbildung zu machen. Voll Zuversicht dachten sie, dass sie innerhalb von ein oder zwei Jahren in der Lage sein würden, den erwählten Beruf auszuüben. Die Realität sah anders aus: Arbeitsstellen wurden immer mehr zur Mangelware. Grund dafür war der immer weiter um sich greifende Abstieg der Wirtschaft und das sich wandelnde Bild der Sozialarbeit, wobei sowohl eine ausgeprägtere Professionalisierung als auch größere Politisierung eine Rolle spielten. Praktika führten allenfalls zu weiteren Praktika und zu freiwilliger oder höchstens Gelegenheits- und untergeordneter Arbeit. Die Folgen waren Entmutigung und das Gefühl, dass die Ausbildung umsonst gewesen war. Der private Bereich, Ehe, Mutterschaft, nahm allmählich an Anziehungskraft zu, und hier erschöpften sich Energien, die von ihren Lehrern eigentlich zu einer umfassenderen Vision von Mutterschaft im sozialen Gefüge, Sozialhygiene und Design im sozialen Umfeld herangebildet worden waren.

Feste Arbeitsplätze gab es in dem Moment, wo das Naziregime Fuß fasste. Das bedeutete, dass von jetzt ab, zusätzlich zu dem ewigen Frust mit der unzulänglichen Bürokratie, jegliche Anstellung von Fragen der Systemtreue, der Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an den Einrichtungen des Arbeitsdienstes und Klassenkonflikt überschattet waren.

Ursprünglich waren diese Briefe für den privaten Gebrauch der englischsprechenden Tochter und der Enkel einer der Frauen übersetzt worden. Sie erschienen zunächst in Ton und Inhalt von rein persönlicher Natur zu sein. Es war enttäuschend, dass der Rundbrief nur wenig an explizit politischem oder soziologischem Kommentar enthielt. Hinweise auf den größeren Zusammenhang erfolgen hauptsächlich in Form von Anspielungen und sind aus den beruflichen Aktivitäten der Schreibenden zu ersehen. Getreu ihrer bürgerlichen Abstammung blieben sie familiennah; ebenso getreu ihrer bürgerlichen Abstammung wanderten und reisten sie alleine oder mit Freunden oder Freundinnen, und getreu ihrer deutschen bürgerlichen Abstammung nahmen sie intensiven Anteil an verschiedenen Aspekten der inzwischen weltweit verbreiteten Körperkultur.

Die Art ihrer Arbeit bedeutete, dass es oft wenig Unterschied zwischen privatem und beruflichem Bereich gab: Praktika fanden meistens in ländlichen Institutionen statt. Die Gymnastikschüler wohnten in einem Internat bei Berlin. Aus ihren weiten Reisen, um Ausstellungen und Aufführungen zu besuchen oder selber an Aufführungen teilzunehmen, ihrem großes Interesse an modernem Tanz, neuer Technologie, Design und der Bauhausbewegung ist zu ersehen, welcher Art ihre Ausbildung war.

Nach anfänglicher Enttäuschung über die unpolitische Natur dieser “Briefe”, waren wir dann doch überrascht von dem lebendig geschilderten Weltbild dieser Gruppe bürgerlicher Frauen, die die Frauenschule absolviert hatten. Ihre Vitalität und ihr Lebenshunger wirkten ansteckend, ebenso die Vielseitigkeit ihrer Ausbildung, so wie sie die Vitalität und Unterschiedlichkeit der deutschen Kultur der 20er und 30er Jahre wiederspiegelte; dazu das Paradox des Übergangs von der Politik und Kultur der Weimarer Republik zu der des Naziregimes. Im gleichen Maß, in dem unser Interesse an diesen jungen Frauen zunahm, nahmen auch die Fragen zu, die dieses Dokument auslöste.

Wie repräsentativ für ihre Zeit waren diese jungen zukünftigen Sozialarbeiterinnen, die sich von wohltätigen Werken und “mütterlichen Betreuern der Nation” zu beruflich qualifizierten Frauen und “Müttern der Nation” - oder im Falle dieser Frauen - zu “Müttern (nicht unbedingt) für die Nation” entwickelten?

Wie wurde diese Spannung zwischen verschiedenen Auffassungen von Mutterschaft von anderen empfunden?

Wie ließen sich diese Erfahrungen vergleichen mit denen von Frauen anderer Länder in der Zeit vom Ende des 19. Jh. bis zur ersten Hälfte des 20. Jh.?

Was war der Zusammenhang zwischen der Weimarer Republik und der Nazizeit? Wie wurde letzterer durch erstere Vorschub geleistet?

Wie sah die Beziehung aus, zwischen der Schule, die sie besuchten und anderen Frauenschulen? und zwischen anderen Einrichtungen des deutschen Bildungswesens? Und wie entwickelte sich die Schule im Ganzen während der Nazizeit?

Wie persönlich war dieser Rundbrief - trotz seiner unpolitischen Natur - eigentlich? Welche Schlüsse lassen sich hieraus über den Rundbrief als literarische Form schließen?

Diese und andere Fragen werden in einer Reihe ausführlicher Fußnoten zum Rundbrief untersucht werden. Es ist zu hoffen, dass sie den Anstoß zu einer weiteren Diskussion geben werden.