Rundbrief
Rundbrief- Klassenbuch
des Abschlußjahrgangs 1927
der Frauenschule Hamburg
Klassenangehörige:
Elfriede Benecke
Gertrud Beyer
Käthe Brandes
Dora Düker
Gertrud Frischgesell
Carla von Lauenstein
Annemarie Lepel
Helga Ritter
Ilse Schomaker
Hildegard Schulze
Margarete Schulze
Else Sporleder
Abschrift
des dreibändigen Klassen-Rundbrief-Buches
beginnend mit der “Präambel”
Rundbrief - Band
Das Buch soll in der Reihenfolge, in der die Namen eingetragen sind, herumwandern.
Jede einzelne muß es spätestens nach fünf Tagen weiterreichen.
Zum 1. April jedes Jahres soll es an Carla von Lauenstein geschickt werden.
Wechselt jemand die Wohnung, so wird gebeten, die Änderung der Adresse vorn einzutragen.
Groß-Hansdorf, den 30.April 27
Ich beginne das Buch jetzt mit dem Wunsch, daß alle an ihm Freude haben möchten und alle mit gleichem Interesse für seinen Zweck eintreten. Ich möchte, es ginge allen in ihrem Praktikum oder in der neuen Schule so gut, wie mir augenblicklich. Nach einem Monat Arbeit haben wir beide, Grete und ich unser erstes Gehalt bekommen. Wir sind natürlich selig. Außerdem läßt sich nach einem Monat eine Menge erzählen, und das ist Euch sicher das Wichtigste. –
Grete und ich wohnen hier in einem kleinen, aber sehr netten Zimmer mit viel Blumen und Sonnenschein (wenn die Sonne scheint) und einem herrlichen Blick über den Park und die Wälder, der besonders schön jetzt im Frühling mit all den grünenden Bäumen ist. Leider haben wir nicht immer Zeit, in unserer freien Stunde nach draußen zu gehen, aber wenn, dann genießen wir es sehr. Unser Zimmer ist sehr freundlich eingerichtet und gestern haben wir den ersten Umräumversuch gemacht, um es noch gemütlicher zu machen; vielleicht folgen noch andere.
Mit der Arbeit bin ich in der Küche gelandet und Grete auf Paterre, dort muß sie unter einer Hausbeamtin Fräulein Lotze und mit einem Lehrling das Eßzimmer und die Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer u.s.w. von Frau Oberin und dem Arzt in Ordnung halten und für die Mahlzeiten alles in Ordnung halten. Gerade eben ist uns gesagt, daß von Montag an Grete in die Küche kommt und ich auf Paterre, damit ich auch einen Einmachmonat in der Küche sein kann, damit bin ich sehr zufrieden. Die ersten Tage waren für uns sehr aufregend. Wir sanken mittags und abends jeweils müde ins Bett. Jetzt geht es bedeutend besser. –
In der Küche habe ich jetzt die meiste Zeit mit einer Hausbeamtin zusammen mit einer Helferin und zwei Kochlehrlingen gearbeitet, abgesehen von einem Kochlehrling in der Brotküche und fünf Gemüseputzern. Im ganzen sind hier vierzehn Kochlehrlinge und 7 Helferinnen. Die Kochlehrerin, Frl. Schmelzer, war jetzt lange krank und kommt erst Montag wieder zur Arbeit. Es hat mir sehr leid getan, denn sie ist sehr nett und ich hätte bei ihr noch mehr lernen können; während ich so mehr Selbständigkeit (Aufsatz!) hatte und damit ganz zufrieden war. Die Hausbeamtin heißt Frl. Nissen, ist sehr nett und auch Brennerstraßenzögling. (Brennerstraße war Standort der Frauenschule) Ich war sehr froh zu hören, daß sie sich immer freuten, Schülerinnen aus der Brennerstraße zu bekommen, lieber als aus Altona. Außerdem ist hier noch eine Hausbeamtin, die in der Tesdorpstraße war, auch Fräulein Hammerschmidt und Fräulein Buesche hatte; das ist sehr nett. Die Arbeit in der Küche macht mir viel Freude. Ich lerne Maße kennen und behalten. Allerdings ganz andre wie in der Schule. Große Mehlschwitze: mit 7 Schaufeln Mehl und etwa 2 Pfd Margarine; Suppen mit 2 x 3 Pfd Gries. Meine Freistunde ist zu Ende. Darum Schluß und allen herzliche Grüße und Glück in ihrer Tätigkeit.
Carla von Lauenstein.
Wyk auf Föhr, den 3. Mai 27.
Ihr lieben Klassenkameradinnen!
Ich bin nun auch glücklich im Praktikum gelandet und habe es sehr gut getroffen. Ich bin wie Grete Schulze im I. Stock (nicht Paterre) gelandet. Die Arbeit ist recht langweilig. Staubwischen und Waschtisch und Betten machen kann ich nun schon zur genüge. Bin ich im I. Stock fertig, so muß ich durchs ganze Haus gehen und nachsehen, ob Helferinnen und Dienstmädchen gut gearbeitet haben. Ich lerne dabei freilich Umsicht und Schelten; aber angenehm ist es nicht, die Helferin herzukriegen und zu sagen: “He, Sie, Fräulein XY, Sie haben nicht gut Staub gewischt oder die Schiebladen der Kinder nicht aufgeräumt!” Besonders unangenehm ist es mir bei den Helferinnen. Ich soll mit ihnen Kameradschaft halten, und muß ihnen eins auf ihren verehrten Schädel geben (o weh, das darf Fräulein Pfannenstiel nicht lesen). Ist in der Küche einzumachen, oder will Frau Welling, die Leiterin, einen freien Nachmittag haben, so helfe oder vertrete ich in der schön heißen Küche. So auch heute. Mit drei Leutchen haben wir 120 Pfd Rhabarber eingemacht. Am Donnerstag und in der nächsten Woche noch einmal dieselbe Menge. Spaß macht es aber doch, trotz Akkordarbeit.
Bis jetzt ist noch nicht besonders viel zu tun. Zur Zeit sind nur zwölf Kinder hier und davon liegen fünf an Windpocken krank im Bett. Diese werden von der einen Kindergärtnerin gepflegt und kommen gar nicht mit uns in Berührung. Es ist deshalb ziemlich still und trüb im Haus. In acht Tagen kommt aber Betrieb herein, dann kommen zehn Kinder und nach ein paar Tagen wieder welche und so fort bis zu 65 Kindern. Das wird ein Leben und vielleicht auch Arbeit geben! In der Hochsaison sind wir hier drei Helferinnen, zwei Kindergärtnerinnen, eine Schwester, fünf Dienstmädchen, meine Wenigkeit und nicht zu vergessen die drei Leiterinnen, die alle Krankenschwestern sind. Außerdem gehört zu Haus Tanneck eine große Gärtnerei mit unseren Gehilfen und Gärtnern. Alles in allem läßt es sich schon aushalten.
Nur eins ist schade, ich komme so wenig raus und kann so die See wenig oder kaum genießen. Tanneck liegt direkt am Wald und dahinter ist die See. In dem Hain wird jeden Morgen ein Dauerlauf von unsern Kindern im Gymnastikanzug veranstaltet. Es sieht famos aus.
Nachmittags während meiner Freizeit mache ich Liegekur auf dem schönen Südbalkon. Gestern und heute haben wir sogar ein Sonnenbad genommen. Es ist herrlich.
Euch allen wünsche ich ein ebenso gutes Praktikums- und Unterrichtsjahr wie ich es hier in Wyk verleben darf.
Es grüßt Euch herzlich
Eure Annemarie Lepel.
Rittergut Quassel, d. 15.5.27
Meine lieben, alten Kameradinnen!
Vor drei Tagen ist das Buch bei mir gelandet und nun will ich Euch mal berichten, was ich hier zu schaffen habe. So gut mit der Freizeit wie Annemarie, Grete + Karla habe ich es nicht; höchstens Sonntag steht mir etwas Zeit zur Verfügung. Also nun geht`s los! Morgens um 5 Uhr wird aufgestanden, das späteste ist 5 1/2 Uhr; dann habe ich als erstes die Räucherkammer mit frischem Holz und Brennmaterial zu versehen; nach diesem folgt die Milchannahme für die Wirtschaft, genaue Buchführung darüber u.s.w. Dann wirft man sich auf das Frühstück-Vorbereiten und zwar für die Leute muß es fix + fertig gestrichen sein + für den zehnköpfigen Wirtschaftshaushalt. Hiernach stürze ich mich auf das Mittagessen; und zwar habe ich zwei Küchen nebeneinander zu kochen: wieder für die Leute und für uns; eine Hetze! wie Ihr Euch denken könnt. Gas gibt`s hier nicht, alles wird auf dem Herde fabriziert. Unheimlich viele neue Gerichte lerne ich kennen. Nach dem Mittagessen reinige ich mein Heiligtum = Speisekammer. Ist das Wetter schön, geht`s in den Garten hinaus, dann werden Beete gezogen, gejätet, gesät u.s.w. Regnet es, so wird die Wirtschaftswäsche repariert. Um 4 Uhr geht die Brotschneiderei + -schmiererei wieder los. Jeden Abend gibt es warmes Essen für die Leute sowie für uns. Nach dem Abendessen habe ich nichts mehr zu tun. Dann ist die Uhr meistens 9 Uhr; hundemüde klappt man ins Bett; es ist wirklich selten, daß ich mal einen Abend unten bleibe. Sonnabends ist Backtag; dann schmettere ich Tortenböden in den Ofen (ein furchtbar bockiges Biest!). In der letzten Woche hatten sich “Groß-Reinemachen” (das Haus hat 20 Zimmer) + die 4-wöchentl. Wäsche froh vereint; die Wäsche dauerte 3 Tage. Gewaschen habe ich nicht mit; aber dafür desto mehr geplättet – bis abends um 10 Uhr. Da nutzte kein Cloué-Verfahren (clouer = an-, auf-, nageln, fesseln) mehr, um sich neue Beine einzubummeln. Zwei Kinder sind hier im Haus; ein Junge von 3 Jahren + ein Säugling, ein entzückendes Geschöpf. Für den letzteren muß ich die Nahrung machen, des öfteren muß ich ihn ganz bemuttern. Das wäre so in großen Zügen mein Arbeitsfeld. Manchmal reichlich viel, aber man muß die Zähne zusammenbeißen. Dazu mußte ich mich noch einige Tage ins Bett legen, weil ich so klapperig war, augenblicklich besteht meine Nahrung nur aus Haferschleim + Tee. O Wonne! Sonst ist es hier wirklich sehr, sehr nett. Das Stuben- + Küchenmädchen sind wirklich nette Dinger. Der Familienkreis ist ebenfalls äußerst nett; er besteht aus dem Administrator, der jungen 22 jährigen Schwägerin, einer äußerst tüchtigen Wirtschafterin; der Geflügelzüchterin, der Sekretärin, meiner Wenigkeit + den Kindern. Die Trauer wirkt noch etwas bedrückend, aber die Kinder bringen schon wieder selbst Leben ins Haus.
Das Rittergut selbst ist wunderschön; besonders jetzt im Frühling – alles steht im vollen Grün. Alle Nutztiere sind hier in riesigen Mengen vertreten.
Sonst ist es hier sehr mofsig (?), man schreibt sich durch die Sonntage; Vergnügen gibt`s hier überhaupt nicht.
Übrigens Euch noch zur Kenntnis, daß ich jetzt meine Nägel ganz kurz trage; der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe!
So, nun auf Wiedersehen bis zum nächsten Jahr auf unserem Klassentag. Ich muß jetzt Schluß machen, weil ich jetzt in den Kuhstall rennen muß + die Milch an die Tagelöhner ausgeben.
Herzlichst
Eure Helga Ritter.
Kneift den Daumen, daß ich hier nicht versaure!! (Ihr wißt doch, daß ich die Anlagen dazu habe!!) – Bitte lacht nicht, ja-a-a?
Lüneburg, den 20. Mai 1927.
Meine lieben Kameradinnen!
Soeben bin ich mit meiner Arbeit fertig. Ich habe heute tüchtig geschuftet, um für Sonntag alles schön zu haben. Sonst lasse ich es nur langsam angehen, denn mein Wirtschaftsgebiet ist ja nicht so groß. Daher kann ich Euch auch nicht so seitenlang davon erzählen wie Helga z.B.
Ich bin ja leider noch immer im Hause, aber es fällt zu schwer, eine gute Stelle für mich zu finden, wo ich die Bindekunst erlernen kann. An sich habe ich es natürlich sehr schön hier. Jeden Nachmittag gehe ich hinaus in den Garten und helfe meinem Bräutigam. Es gibt augenblicklich unendlich viel Arbeit in der Gärtnerei. – Ich nähe auch schon fleißig an meiner Aussteuer. Meine ganze Wäscheaussteuer habe ich schon beisammen. Ich nähe jetzt zuerst die Leibwäsche; daß es viel Freude macht, könnt Ihr Euch wohl denken. Es ist herrlich, daß wir alle so schön gelernt haben.
Nebenbei bin ich auch noch Kunstmalerin. Ich habe sehr viel zu tun und bekomme auch gut bezahlt. Blusenbänder werden immer halbe Dutzend weise bestellt. Jetzt muß ich auch mehrere Schals bemalen. Neulich habe ich ein Kleid bemalt. Meine Farbenflaschen brauche ich gar nicht wieder fortzustellen. Es macht mir unendlich viel Spaß. Somit habe ich doch etwas Entgelt (und brauche keine Steuern dafür zu bezahlen). – Wenn es abends schön ist, gehen Luten und ich meistens aus. Gestern haben wir gerudert, ganz herrlich beim Sternenschein auf der spiegelglatten Ilmenau. –
Ich wünsche Euch auch einige so schöne Stunden! Bald ist Pfingsten, ich freue mich schon, hoffentlich hat Petrus Erbarmen, daß man hinausfliegen kann.
Seid alle recht herzlich gegrüßt.
Eure Ilse Schomaker.
Potsdam, den 28. Mai 1927.
Ihr Lieben Elf!
Es ist schön, daß wir noch voneinander hören. Ich habe mich riesig gefreut, als ich neulich Abend, als ich todmüde aus der Schule nach Hause kam, das Buch vorfand. – Ich will Euch nun gleich erzählen, wie sich mein Leben hier gestaltet. Die erste Periode meines Aufenthaltes hier ist schon bald zu Ende, in einer Woche gibt`s Ferien! Herrlich ist das, ich freue mich mächtig! Im übrigen habe ich mich aber hier schon ganz gut eingelebt. Auf meiner Junggesellenbude, die übrigens ein sehr nettes Zimmer ist, fühle ich mich schon ganz zu Hause. Potsdam ist eine entzückende Stadt. Ich glaube in dieser Beziehung könnt Ihr mich alle beneiden, denn vorläufig habe ich auch noch genug Zeit, mir alle Schönheiten anzusehen. Obgleich das Wetter bisher wenig schön war, habe ich schon herrliche Spaziergänge und Ausflüge gemacht. Die Havelseen, die sich um Potsdam herumziehen, sind ganz wunderhübsch. Und auch die Anlagen und Parks mit den vielen Schlössern bieten viel Schönes. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Schlösser und Schlößchen es hier gibt, ich hatte vorher davon keine Ahnung. – Mein Schulweg ist auch ganz herrlich, jeden Tag gehe ich durch den Neuen Garten und am Heiligen See entlang. Die Lage der Schule läßt sich mit der der Brennerstraße überhaupt nicht vergleichen, auch die Einrichtung mag wohl etwas neuzeitlicher sein. Trotzdem fühle ich mich noch mehr zur Brennerstraße hingezogen, denn in den Geist dieser Schule bin ich noch nicht sehr eingedrungen. Es wird hier furchtbar gefühlsmäßig gearbeitet, in der Zeichenstunde z.B. zeichnen wir bloß Eindrücke, nichts Wirkliches, Realistisches, sondern Eindrücke von Stoffen, Garnen, von dunkel, hell u.s.w. Das war mir zuerst wirklich etwas böhmisch. Auch der übrige Unterricht wird sehr modern gehandhabt. Praktische Arbeiten haben wir bisher kaum gemacht, wir probieren nur andauernd. In der freien Handarbeit machen wir Häkelproben, im Wäschenähen Proben für die Verzierung von Bettwäsche. Und dann ist das, was bei uns in Hamburg für organisch galt, hier noch lange nicht so. Man muß sich erst sehr in diese Arbeit hineinfinden. So viel habe ich aber schon gemerkt, daß wir in den theoretischen Fächern in Hamburg sehr viel gelernt haben. Und an die andere Auffassung im übrigen wird man sich ja gewöhnen können. Sehr viel Freude machen mir die Vorträge über Kunstgeschichte, die wir hier hören. Ich war auf diesem Gebiet bisher dumm und bin nun froh, daß ich eine kleine Ahnung bekomme. Der Herr, der diese Lichtbildervorträge hält, ist ein glänzender Redner, der einen wohl begeistern kann. – Einmal in der Woche fahren wir übrigens nach Berlin und hören da Vorlesungen über Weltwirtschaft und Pädagogik. Das macht auch viel Spaß, man fühlt sich da so halb wie ein Student, wenn man eifrig nachkritzelt, was der Dozent einem vorerzählt. Und außerdem lernt man auf diese Art und Weise auch Berlin kennen. Der einzige Nachteil dabei ist, daß ich an dem Tage schon so furchtbar früh aufstehen muß, um 1/2 6 Uhr nämlich (jetzt werden die Praktikumleute wohl die Nase rümpfen über diese Faulheit). Dafür sind wir dann schon um 11 Uhr frei in Berlin, haben also Zeit, uns allerlei anzusehen. Ich war neulich einmal in der Wochenend-Ausstellung. Ich weiß nicht, ob Ihr davon gehört habt, es ist da eine ganze Kolonie kleiner Wochenendhäuser aufgebaut. Es war sehr interessant. Wie Ihr seht, gibt es hier also Abwechselung genug. Zum Versauern besteht keine Gefahr, nur vergrünte Gesichter werden wir wohl bekommen. Bei den Stopfereien u. Flickereien gucken wir uns jetzt schon die Augen aus dem Kopf. Den Unterricht haben wir bei einer ziemlich altmodischen Tante, die fast an Frl. Jager erinnert. Wenn man beim Nähen einmal vom Faden abgewichen ist, sagt sie: Teuerste, Sie müssen trennen. Neulich hat sie uns angekündigt, sie wollte ihre Lupe mitbringen! Lieblich, nicht wahr? – Meine Mitschülerinnen sind sehr nett, wir sind 17, nur 1 Bubenkopf dabei, überhaupt alle sehr solide, das fällt in dieser Schule wirklich auf, aber das Wäscheseminar soll das immer so an sich haben. Was mir in dieser Klasse sehr fehlt, ist das Singen. Es sind zwar verschiedene ganz sangeslustig, viele sind aber ebenso kräftige Sänger wie ich. Sonst sind wir aber auch schon recht fidel und ausgelassen zusammen gewesen.
Morgen wollen wir (d.h. nicht die ganze Klasse) einen Ausflug machen nach Paretz*), das ist ein ziemlich weiter Weg. Da muß ich gut ausgeschlafen haben. Darum Schluß jetzt.
Seid alle recht herzlich gegrüßt von Eurer
Hildegard Schulze.
*) = Ortsteil der Stadt Ketzin im Kr. Nauen, Bez. Potsdam, an der Havel und am Paretz-Niederneuendorfer Kanal.
Groß-Hansdorf, den 3.5.27.
Liebe alte Klasse,
obgleich das Buch schon nach so kurzer Zeit zum zweiten Mal aus Groß-Hansdorf berichten soll, hat es Euch von unserer Arbeit allerlei Neues zu erzählen. Inzwischen haben wir sie nämlich schon ein- bzw. zweimal gewechselt. Im Mai tauschten wir unsere Arbeitsgebiete direkt gegeneinander aus und kamen uns zuerst ganz komisch vor in der neuen Welt. Wir hatten uns vorher so schnell eingelebt, daß wir uns immer noch zum Alten hingezogen fühlten. Allmählich gewann Carla aber die Arbeit “auf Parterre” und ich die in der Küche lieb und wir konnten uns nun erst recht gegenseitig davon erzählen, Leid und Freud miteinander erleben, nachdem wir beides in jeder Arbeit selbst erfahren hatten. Wenn ich nun von mir erzählen soll, so muß ich ehrlich gestehen, daß mir die eine Beschäftigung bedeutend mehr Freude macht, weil sie viel interessanter ist und doch wenigstens auch den Geist etwas in Anspruch nimmt, was man vom Bohnern und Staubwischen und dergl. schönen Dingen ja wahrlich nicht behaupten kann. Der Dienst in der Küche ist auch nicht immer derselbe. Ich habe abwechselnd eine Woche Frühdienst und eine Woche Spätdienst, d.h. im ersten Fall muß ich um 5 Uhr auf sein, um die Kochlehrlinge zu wecken und mit ihnen zusammen die Arbeit anzufangen. Dann bin ich abends nach dem Essen frei, also etwa um 1/2 8. Während der Frühdienstwoche hat man besonders in der Brotküche Dienst, in der für die 100 Kinder das Brot gestrichen wird (zu jeder Mahlzeit also ungefähr 200 od. 300 Scheiben) und für die Angestellten das Essen zu den Nebenmahlzeiten vorbereitet wird. Man hat damit natürlich nicht den ganzen Tag zu tun, denn es arbeitet dort ein Lehrling mit mir zusammen. In der Zwischenzeit helfe ich in der Kochküche. Die Zeit, die dafür in Frage kommt, ist morgens von 10 – 12, nachmittags bis 6 Uhr. Ich habe dann oft backen müssen. (Mit Mürbekuchen von 200 g Mehl sind wir natürlich nicht zufrieden, höchstens von 2 Pfd; Topfkuchen von 1 Pfd ist auch gar nichts, 6 oder 12 Pfd Mehl ist die Menge, die auf einmal verarbeitet wird, dann reicht es gerade einmal zum Sonntagskaffee.) Zuerst haben wir immer lachen müssen über die Gefäße, in denen alle möglichen schönen Sachen angerührt werden, das werdet Ihr anderen Praktikumleutchen wohl verstehen können, nicht wahr? Und der Betrieb hier ist ja noch gar nicht mal so sehr groß.
In der Spätdienstwoche brauche ich erst um 7 Uhr auf meinem Posten zu sein und muß dafür abends die letzte in der Küche sein. Da wird es natürlich sehr verschieden spät. Die Regel ist 1/2 9, es war auch schon 9 1/4 od. 1/2 10 Uhr. In dieser Woche ist man aber den ganzen Tag in der Kochküche. Daß man dort unter einer Lehrerin und einer Hausbeamtin arbeitet, schrieb Carla schon. In der letzten Woche war es für mich zwar anders. Die Lehrerin hatte mit Büroarbeiten zu tun und übertrug mir den ganzen Kram, während die Hausbeamtin in der Brotküche beschäftigt war. Ach du meine Güte, wie hab ich da vor Angst und Aufregung, daß alles zur Zeit fertig wurde, oft geschwitzt ( ganz abgesehen von der Gluthitze am Herd.) Drei Lehrlinge hat man unter seiner Fuchtel, die natürlich nichts allein können, und dann ist man selbst noch nicht ganz sicher in allem. Aber die guten Leute, die das Essen dann in 1/2 Stunde verzehren, an dem man sich den ganzen Morgen voller Angst und Sorge geplagt hat, ahnen ja nichts von alledem und darüber ist man dann ganz beruhigt. Nachmittags ist die Arbeit nicht immer so viel. Zum Abendessen gibt es für die Kinder nur eine einfache Grütze oder eine Suppe zu kochen, das kann man nach einigen Wochen schon ganz im Traum. Wenn es für die Angestellten auch nichts besonderes gibt, wird am Nachmittag viel gebacken od. für den nächsten Tag das Essen vorbereitet.
Die Arbeit gefällt mir auch darum so gut, weil wirklich mit guten Zutaten und reichlich gekocht wird, ohne daß etwa verschwenderisch gearbeitet würde. Man lernt es alles so “reell”. Seit dem 1. Juni ist Carla nun in der Waschküche tätig. Da gibt es reichlich zu tun und die Arbeit ist auch wohl beinahe die anstrengendste. Es macht ihr aber viel Spaß; sie mag die Arbeit besonders darum gern, weil die anderen augenblicklich in der Waschküche Beschäftigten sehr nett sind; und diese Momente geben ja bekanntlich jeder Arbeit ein ganz anderes Aussehen.
Nun muß ich Euch noch von unserer Spezialtätigkeit erzählen, die uns absolut in der alten Übung erhält: wir geben jede einmal wöchentlich Handarbeitsstunde; und zwar Carla den Lehrlingen, ich den Helferinnen. Augenblicklich ist diese Runde der interessanteste Handarbeitsunterricht, den man sich denken kann. Er besteht nämlich im Beibiegen von Hand- u. Maschinenflicken. Wenn die armen Geschöpfe das endlich begriffen haben, (es wird noch lange dauern, wie es mir scheint) soll Wäsche genäht werden. Darauf freuen wir uns alle viel mehr.
Um nun von der Arbeit zu schweigen, möchte ich zum Schluß noch erzählen, daß sich unser Leben im übrigen sehr nett und glücklich abspielt. In unserer freien Zeit, die ja nicht gerade reichlich bemessen ist, genießen wir all das Wunderschöne, was die Natur uns ringsum bietet. Wenn wir uns abends nur einen kleinen “Luftschnappspaziergang” vornehmen, können wir uns meistens gar nicht wieder trennen. Man ist ja eigentlich immer viel zu müde, um länger aufbleiben zu können, als erlaubt ist (10 Uhr). Das schöne Wetter und die gemütlichen Stunden, die wir uns namentlich mit einer Hausbeamtin oft abends schaffen, sind uns aber zu schade, um zu schlafen. Man gewöhnt sich auch an die Arbeit, ohne in jeder freien Stunde ins Bett zu sinken, wie wir es in der ersten Zeit taten.
Heute bin ich sehr glücklich, weil ich nach Hause fahre, um dort den 1. Pfingsttag zu verleben. Ich freue mich besonders, von Hilde aus Potsdam alles Neue zu hören, was sie dort umgibt.
Seid für heute alle recht herzlich gegrüßt von Eurer
Margarete Schulze.
Spandau, den 17.06.1927
Ihr Lieben alle!
Nun bin ich wohl am dransten mit dem Bericht. Es hat mir viel Freude gemacht, von Euch allen zu hören und dazu, daß es Euch so gut gefällt. Ich kann von mir dasselbe behaupten; es ist hier nach den letzten beiden Jahren wie in einer Sommerfrische, bei der man sich allerdings ein bißchen anstrengen muß. Wir freuen uns immer wieder, daß wir hier untergekommen sind. Es wäre wirklich für unsere Klasse so das richtige. – Morgens um 7 Uhr müssen wir in vollem Dreß (und das ist ja nicht gerade viel, ein besserer Badeanzug) auf dem Turnplatz erscheinen. Daß Lüneburg nicht immer zuerst am Platz ist, kennt Ihr ja. Wir singen dann mit den Hörren (was die männlichen Wesen sind) ein gemeinschaftliches Lied, worauf ein Wort von Jahn oder so verlesen wird. Vor Pfingsten war es denn so, daß jede Riege für sich in den Wald lief und dort 2 Std. herumtollte. Die Riegen sind nach der Größe zusammengestellt, Elfriedchen und ich sind in der III. unter einer Turnlehrerin Frl. Pagenstecher. Wir gingen jeden Morgen nach einer anderen Waldecke, und je nach dem Gelände machten wir dort unsere Übungen. Zuerst Körperschule, Volkstänze, Ballspiele; auch wurden Bäume erklettert, Gräben übersprungen, Räuber u. Prinzessinnen gespielt u.s.w. Ihr glaubt nicht, welchen Spaß das machte! Dreckig und müde langten wir um 9 Uhr in der Hochschule an. Schnell unter die Dusche und dann zu 2 Vorlesungen. Entweder Methodik, Gerätekunde, Geschichte der Leibesübungen, mediz. Hilfswissenschaften oder Theorie des Ruderns oder Schwimmens. Man ist leider immer etwas müde! Zuerst imponierte uns am meisten das Beifalltrampeln und Schurren. (was natürlich nicht sehr angesehen ist.) Einige Vorlesungen haben wir mit den Hörren gemeinsam. – Danach geht`s wieder an die Arbeit. Entweder Schwimmen oder Massage od. orthopäd. Turnen. Das letzte ist ein Bild für die Götter, wenn wir so auf allen 4-en herumkriechen und hüpfen. Bei der Massage müssen wir uns gegenseitig bearbeiten. Augenblicklich sind wir beim Rücken angelangt, auf dem wir “herumquetschen”. Es ist jedoch ein ganz angenehmes Gefühl. Um 1 ist dann Pause für erst mal. Der Magen knurrt dann auch schon bedenklich und wartet auf Zufuhr. Appetit hat man hier!! Uhauhau! (das ist nämlich unser kannibalischer Schlachtruf) Vom Schlafen natürlich gar nicht zu reden. An 2 Nachmittagen haben wir 3 Std. Rudern. Das Kastenrudern macht ja gerade nicht überwältigenden Spaß, doch ohne Fleiß kein Preis. Desto schöner ist es jetzt, mit dem Boot hinauszufahren auf Rollsitzen! Unser Ruderlehrer ist ein kleines Gehuck (?) mit furchtbar hohlem Kreuz, aber sehr energisch und unerbittlich. Ich habe nämlich wegen furchtbarer Erkältung 2x gefehlt und muß dafür nachrudern, trotzdem ich bewiesen habe, daß ich`s konnte. – Wenn wir mit dem Boot auf der Havel herumgondeln, fährt er immer mit seinem Motorboot “schön” nebenher und schreit uns mit einer Blechschnauze zu, wenn irgendetwas falsch gemacht wird. Alles ist heilfroh, wenn Jule (so heißt er) außer Sicht ist.
Jetzt nach Pfingsten ist der Betrieb bedeutend anstrengender geworden. Morgens geht`s nicht mehr in den Wald, sondern es wird tüchtig auf dem Platze trainiert, so daß einem alle Knochen weh tun. Nach der Körperschule werden wir ein paar mal um den Platz herumgehetzt, dann wird gesprungen, Speer geworfen, Kugel gestoßen, Schlagball gespielt oder irgend so etwas. Man ist nach den 2 Stunden ziemlich erschlagen; doch das schadet ja nichts. Jedes Mal, wenn wir zu einem neuen Gerät marschieren, wird kräftig gesungen. Auf dem Turnplatz ist eigentlich ständig ein fröhliches Gesinge! Tennis kann man nebenbei auch spielen, doch ich habe leider keinen Tennisschläger + auch kein Geld, mir einen zu kaufen. Ebenso kann man in den großen Ferien einen Segelflugkursus mitmachen. Doch das kostet natürlich viel und außerdem möchte ich gerne dann nach Hause fahren.
Leider hatten wir bisher nicht allzu gutes Wetter, doch in letzter Zeit hat es sich etwas gebessert. Da wird jede freie Zeit ausgenützt, um sich auf dem großen Rasenplatz auf dem Turnhof in der Sonne zu aalen. Doch das wird wohl nicht mehr lange gehen. Es heißt Trainieren und trainieren, damit man die Anforderungen erfüllen kann. Bis Mitte August ist nicht mehr lange Zeit; dann steigt unser Examen. Doch daran wird noch nicht gedacht!
Ich glaube, ich habe genug erzählt; für Elfriedchen muß auch noch etwas übrig bleiben.
Euch “Elfen” recht herzliche Grüße
von Eurer Else Sporleder.
Gut Heil, Gut Heil, Gut Heil!
(hipp hurra ist jetzt abserviert)
Spandau, d. 21.6.27.
Ihr Lieben allesamt!
So, nun will ich Euch von unserem schönen Spandau weiter berichten, Else hat Euch ja schon unsern Tagesablauf erzählt und wie gut uns alles gefällt. Wir müssen ja tüchtig ran, aber das geht Euch ja auch so, abends sinkt man nur so in sein Bett! Neben unserer Arbeit haben wir aber so manche schöne Abwechslung, daß wir wirklich nicht verderben können! Denkt Euch, vor Pfingsten zog die gesamte Hochschule in drei Jugendherbergen 8 Tage lang, unsere Riege mit der 2. u. 3. Männerriege war in Chorin bei Eberswalde. Das waren herrliche Tage, abgesehen von dem kalten Wetter. Morgens um 7 Uhr wurde aufgestanden, schnell sich im Bach gewaschen und Körperschule gemacht. Dann ein Waldlauf, Chorin liegt entzückend, ganz im Grünen, darauf gehörig gefrühstückt und gespielt bis zum Mittag. Nachmittags wurde wieder draußen herumgetobt oder die Gegend angesehen, wenn´s regnete saßen wir gemütlich drinnen und sangen. Abends wurden dann draußen Volkstänze gemacht, da haben wir sogar eines Tages vor Mackensen getanzt, der das Kloster besichtigen wollte, das ganz in der Nähe liegt. Da waren wir vielleicht stolz! Wir haben da überhaupt so allerlei erlebt; von unserem “Hochzeitskuchen” muß ich Euch auch mal erzählen. Eines Nachmittags zogen wir nach Chorinchen (das nächstgelegene Dorf), um einmal ordentlich Kaffee zu trinken, es war außerdem Himmelfahrt, da konnten wir´s uns schon mal leisten! Alles war schon fideler Laune in Gedanken an schönen Kuchen und Kaffee – flötje piepen – der einzige Bäcker im Dorf hatte nur noch Kuchen, der für eine in den nächsten Tagen stattfindende Hochzeit bestimmt war! Und wir hatten solchen Hunger! (den haben wir hier nämlich immer!) Wir nun schnell gefragt wo das Hochzeitshaus wäre und allesamt hingezogen. Nachdem wir ein Lied in die Luft geschmettert hatten, öffneten sich sämtliche Fenster und sogar die liebliche Braut (uns blieb das Lied im Halse stecken bei ihrem Anblick!) guckte heraus. Und o Wunder, nach einigem Hin und Her und nach unserm mit recht viel Ausdruck gesungenen “Das Lieben bringt groß Freud´” war sie so gerührt, daß sie ihr kleines Bauernmädchen zum Bäcker schickte, das mit einem großen Blech Streuselkuchen wiederkam! Das war ein Hallo! Begeistert sangen wir der gütigen Spenderin ein Dankeslied und zogen, der kostbare Kuchen voran, im Gänsemarsch durchs Dorf und vor unsere Herberge. Dann wurde sich im Kreis aufgestellt, der Kuchen ein paarmal durchgeschnitten und immer abgebissen bis er alle war. Wie wir gelacht haben glaubt Ihr nicht, noch jetzt schwärmen wir “Chorintchen”! Ihr hättet dabei sein müssen, wie oft wünschen Else und ich, daß Ihr hier wärt, besonders bei unserm schönen Gesinge, das wir doch in Hamburg auch so schön konnten! Jedenfalls waren es herrliche Tage, und ich hatte außerdem noch die Vorfreude auf zu Hause. Zehn Tage hatten wir frei, sie gingen natürlich viel zu schnell hin, und doch freute man sich schon wieder auf Spandau. Sonntag waren wir zur großen Berliner Ruderregatta, das war famos, na, bis wir so rudern können, wird “Jule” uns noch manches Mal durch sein Tutrohr bekritteln! Am 29. ist ein Sportfest im Stadion, da macht unsere Riege Hindernislaufen, wir üben schon tüchtig. Außerdem heißt´s jetzt trainieren für´s Examen im August, es wird doch ziemlich viel verlangt. –
So, Ihr lieben Alle, nun will ich Schluß machen, heute Abend ist Sonnenwendfeier, da heißt es pünktlich das Abendbrot fertig machen. –
Laßt es Euch allen weiterhin recht gut gehen und seid herzlich gegrüßt
von Eurer Elfriede Benecke.
Harburg, d. 29. Juni 1927
Meine liebe Klasse,
heute kann ich Euch nur möglichst kurz mitteilen, was Euch interessieren wird. Ein ander Mal, wenn wir nicht gerade in den Vorbereitungen für unsere Sommerreise stecken, will ich ausführlicher schreiben. Morgen fahren wir nämlich mit dem Feriensonderzug nach Lyck in Ostpreußen, wohin uns mein Onkel eingeladen hat. Ich freue mich natürlich furchtbar. Es soll dort im masurischen Seengebiet ganz wunderschön sein. Natürlich wollen wir uns auch Königsberg ansehen und auf der Rückreise wahrscheinlich ein paar Tage in Berlin bleiben. Ist es nicht ganz herrlich? Vielleicht erzähle ich Euch im nächsten Brief von allem. Das ist dann wenigstens auch für alle etwas Neues, während ich heute eigentlich nur für Annemarie, Dora und Käthchen schreibe. Die anderen von Euch sind schon im Bilde. Also es gefällt mir sehr gut im Turnkursus. (Übrigens wie schön, daß Ihr alle glücklich und zufrieden seid in Eurer Tätigkeit). Zuerst will ich den Stundenplan schreiben. Gertrud Frischgesell kann ja noch mit 1000 Einzelheiten kommen. Der Unterricht ist leider stets am Nachmittag, da Lehrerinnen daran teilnehmen. Das ist aber auch das einzige Unangenehme.
Montags: von 3 1/4 – 8 Theorie, und zwar Pädagogik, die alle schon Geprüften nicht
mehr mitzumachen brauchen. Ich fange also erst um 4 1/4 Uhr an. Dann
Geschichte der Leibesübungen, Fachmethodik, Anatomie. (Gebäude für
Lehrerfortbildung in der Biederstr.)
Dienstags: Von 4 – 7 Turnen. (Lerchenfeld)
Mittwochs: 1 – 1/2 3 Schwimmen (Lübecker Tor)
Donnerstags: 4 – 7 Leichtathletik
Freitags: morgens 1/2 8 – 9 Schwimmen (Kellinghusenstr.), nachmittags 4 – 7 Turnen
Sonnabends: frei.
Dann muß man noch 2 mal abends in einem Verein turnen, daß ist für mich Dienstags und Donnerstags. – Ich bin sehr zufrieden damit. Wenn es einem auch kaum zuviel werden kann, so hat man doch genug zu tun. Wie die armen Geschöpfe, die ihren Beruf daneben haben, es aushalten wollen, weiß ich nicht!
Die Lehrkräfte sind alle sehr nett und tüchtig, hauptsächlich Foht. Bei dem wagt man alles, woran man sonst nicht denken würde. Wir haben fleißig Handball und Fußball gelernt, Schlagball kommt noch. Neulich mußten wir bei einem Handballspiel, das zwischen Schülern der Primaklassen von Uhlenhorst und Hamm ausgetragen wurde, zusehen, um den Schiedsrichter zu beobachten. Es goß in Strömen. Der Platz war eine Pfütze, die armen Jungs sahen nachher schlimmer als jene bekannten Rüsseltiere aus!!! (Wildschweine)
Eigentlich ist es ja besser, Leichtathletik und Geräteturnen so zu verteilen, wie die Spandauer es haben, bloß daß die beides in kürzerer Zeit erlernen müssen. Im Winter bekommen wir für
2 Leichtathletikstunden Gymnastik, Bode und Laban.
Neulich besichtigten wir das Stadion mit Schwimmbad im Altonaer Volkspark. Besonders imponierte uns der 10 m hohe Springturm, von dem wir aber nur runterzugucken brauchten. Es ist eine enorme Höhe. Gut, daß wir uns mit 3 m beschränken dürfen.
Das Schwimmen soll bei normalem Sommerwetter in offenen Badeanstalten sein, von denen wir mehrere kennen lernen sollen. Bis jetzt war aber noch keine Gelegenheit. Es ist immer sehr schön. Wir übten bisher außer Brustschwimmen: Rückenschwimmen auf 3 Arten, Rückenkriechstoß, Seitenschwimmen Hand über Hand u.a. Dann unter Wasser schwimmen (dabei denkt man immer, man müßte platzen), tauchen aus dem Sprung und aus der Schwimmlage, Kopfsprung, Hechtsprung und Startsprung fingen wir an (bei letzterem klatschen alle auf) und noch vieles andere. – Wir sind entschieden sehr tüchtig, wenn wir ausgelernt haben.
Eben vergaß ich noch zu erwähnen, daß wir beim Schwimmen auch etwas Massage lernen. Im Kursus sind eigentlich lauter nette Mädchen; daß einem trotzdem nicht alle gefallen, ist klar. 2 sind nach der Aufnahmeprüfung überhaupt nicht wieder erschienen und eine ist jetzt noch weggeblieben. Wir sind nun 23. Die 3 waren auch gerade wenig sympathisch.
Ich glaube, jetzt wißt Ihr alles. Ein langes Geschreibsel ist es natürlich doch wieder geworden.
Ganz schnell will ich noch berichten, daß ich am Pfingstsonnabend einen entzückenden kleinen Neffen bekommen habe. Er wog 8 Pfd, jetzt nimmt er fleißig zu. Zuerst machte er immer urkomische zusammengefaltete, meist mißvergnügte Gesichter, aber er wird zusehends von Tag zu Tag manierlicher. Manchmal macht er seine Augen groß auf, vergrellt (?) sie auch manchmal in die Ecken; zu witzig. Inge ist sehr stolz auf ihr Brüderchen Hans; na, überhaupt, wir alle haben uns riesig gefreut.
Nun laßt es Euch auch weiterhin recht gut gehen. Überarbeitet Euch nicht, hauptsächlich die Praktikumsleutchen.
Wann mag das Buch nun wiederkommen? Hoffentlich wird´s einigermaßen prompt weitergeschickt, daß man öfter mal die Freude erlebt, es zu erhalten.
Seid alle herzlichst gegrüßt von
Eurer Gertrud Beyer.
Vom Jubiläumsfest der Brennerstraßenpenne wollte ich erzählen, habe es natürlich vergessen. Es waren ganz entzückende Aufführungen. Aber Grete und Carla waren ja auch da, also wendet Euch an die. Oder Ihr kriegt es, allerdings etwas veraltet, Weihnachten mündlich zu hören.
Auf Wiedersehen!
Stettin, d. 7.Juli 1927.
Faulheit laß nach, oder ich dreh dir`n Hals um!
Geliebte Gemeinde!
Da Hitze ja bekanntlich alle Körper u. sonstiges ausdehnt, hat sie auch ganz wie von selbst die kurze Spanne Zeit, die mir nach gesetzlicher Vorschrift vergönnet ist, dieses Buch zu behalten, verlängert. Aus 5 Tagen wurden 8, eh man`s gedacht. –
Stettin wird augenblicklich von einer unnatürlichen Wärmnis heimgesucht. Besonders natürlich der fünfte Stock des Warenhauses Gebrüder Horst, Paradeplatz. In selbigem fünften Stock aber sitze ich von 8 – 1 und von 15 – 18 1/2 an einer von den fünfzig elektrischen Maschinen, mit vornübergebeugtem Haupt, krummer Wirbelsäule – auf meiner Stirne perlt der Schweiß und fällt ein Tropfen dieses edlen Stoffs auf die blitzblanke Maschine – zischt`s – dampft`s – futsch is. (Mich schaudert`s beim Lesen dieser Zeilen!) Und alles dies hab ich ganz für umsonst nach der edlen Melodie: “Hei schimpfet sick Verwalter – und ersett` `n schöne Knecht.”
Zu besagtem fünften Stock führen 173 (od. 137?) Stufen empor, (täglich x 4 = 692 / bzw. = 548 Stufen), die man zu Fuß zu erklimmen hat, da man als “Personal” den Fahrstuhl nicht benutzen darf. Da man als “Personal” – um die Sache auch gleich mal von der andern Seite zu belüchten – aber auch unten im Geschäft Prozente kriegt, schustere ich mir morgen einen tadellosen Bademantel für 9M ( und es gibt hier wahrhaftig Bademäntel zu 50M, aus ganz verrücktem Stoff, der sich als Bettvorleger sehr gut, als Tischdecke weniger, zum Bademantel im Leben nicht eignet.) Wenn ich nun abern meinen Bademantel habe, fühle ich mich natürlich verpflichtet, selbigen spazieren zu führen. Dies geschieht nun, indem ich am 1. August so Gott will (Gott in diesem Fall = Potsdam) nach Rügen abdampfe. Hoffentlich macht sich das Wetter dann ebenso wie jetzt, damit andere Leute brutzeln müssen, während ich mich in der Sonne molche. – Nach diesem kleinen Abschweif retour ins Geschäft! Ich denke, Ihr seid mir die etwa 1000 Stufen (s. Hitze) nachgestiegen, jetzt öffne ich die Arbeitsstubentür, und, Achtung Gasmaske! ein betäubender Ge-duft-stank-ruch (entschuldigt die Faselei, aber ich bin noch ganz benommen!) von schlecht durchgelüfteten Menschen und widerlich süßlicher Appretur schlägt uns entgegen. Tief u. kräftig geatmet! Desto eher gewöhnt man sich daran. Nun gestattet, daß ich vorstelle: Frl. Krause, Leiterin der Wäschestube, Frl. Wodrich, 2. Oberbonze, beide noch aus Carla Dudys Zeit stammend. (Zwischenbemerkung: Die Krausin ist ebenso füllig wie liebenswürdig u. Wodrichen ebenso mager wie ziegig; ich glaube, daß besonders in vorgeschrittenem Alter Körperfülle und Gemüt in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander stehen: je rundlicher, desto netter, je dünner, desto giftiger! Habt Euch also danach!! Dann die Zuschneiderinnen: Frl. Kien, Frl. Weise, Frl. Preuße, alle aus dem Jahrgang 1905 (Frl. Preuße ist nicht größer als ich, und wächst auch nicht mehr, etsch!) Ferner Frl. Kletschke, Praktikantin und das übrige Heer der Arbeiterinnen, zu dem ich mich noch nicht “sozial” eingestellt habe, indem ich erst seit kurzer Zeit, nachdem ich mein Herz zwischen beide Fäuste nahm und mich auch an eine “elektrische” wagte, mang ihnen mang sitze. Die elektrische Maschine ist ein Prachtstück. Bei ihr fällt das Treten, was erstens nicht bekömmlich u. 2. sehr anstrengend ist, untern Tisch und außerdem hat sie ein Tempo, bei dem Euch seekrank wird, und was mit meinem Tempo bislang leider noch nicht im geringsten Zusammenklang steht. Na, täuft man de Tied aff, zwei Berichte sind schon unter Achen und Krachen nach Potsdam gegangen. Na, im Herbst kommt das Carlinchen, dann diktieren wir sie uns gegenseitig in die Feder, was, Carla?
Tschä, Kinner, nähmt mi dat nich öwel, ick gläuf, wi möt mit dat Papier `n bäten sporsamer ümgohn, düssenthalben klau (?) ick nu in`t Bett! – Laßt es Euch allen so gut gehen wie`s mir geht!
Froliche Grüße!
Eure Käthe Brandes.
Hamburg.den.19.7.1927
Liebe Klassenschwestern!
Wir zwölf sind nun in alle vier Winde zerstreut, und es ist hübsch, daß dieses wunderbare Buch uns noch zusammenhält. Eure Berichte haben mich natürlich sehr interessiert. Was für arme, geplagte Menschenkinder Ihr doch seid. Dagegen hab ich es direkt unverschämt gut.
Wie Ihr wißt, wollte ich ins Turnseminar eintreten. Da ich aber keinerlei Vorbildung hatte, konnte man mich nicht aufnehmen. (Ich bin ein Schaf gewesen, daß ich nicht schon vorher geturnt habe.) Dann bin ich zur Oberschulbehörde gegangen und habe mich fürs kleine Schwimmexamen gemeldet. Im Herbst steigt schon die Schwimmprüfung. Dann bin ich zu Fräulein Günther gegangen, diese wies mir eine Hospitantenstelle in der Hasselbrookstraße an. Nun bin ich schon seit Ende April dort und fühle mich sehr wohl. Es sind in der Volksschule zwei Küchen, die ersten 3 Tage bin ich in der einen, die letzten Tage in der zweiten. Allzuviel zu tun hat man als Hospitantin nicht gerade; und da immer eine Woche lang dasselbe gekocht wird, (es kommen jeden Tag andere Schülerinnen) ist es auch langweilig zuletzt. Morgens brauche ich erst um 1/4 vor 10 Uhr in der Küche zu sein, bis 10 habe ich Zeit, die Lebensmittel abzuwiegen, dann kommen die Kinder. Es sind täglich 18 – 24 Kinder da, sie sind sehr zutraulich und gefügig, auch ganz sauber. Sie kommen immer viel lieber mit ihren Angelegenheiten zu mir als zu Fräulein Hinsch und Fräulein Pape, die beide schon ziemlich ältlich sind. Letztere ist das reine Musterbeispiel in Bezug auf Methodik, wie man es nicht machen soll. Sie fragt die Kinder bis ins kleinste genau, was sie jetzt zu tun haben (z.B. wieviel Liter Wasser beim Aufsetzen von Salzkartoffeln genommen werden sollen). Die Folge ist, daß die Kinder nie Bescheid wissen. Fräulein Hinsch gibt guten Unterricht.
Dienstags und Donnerstags gehe ich dann zum Schwimmkursus, meine Kolleginnen sind sehr nett, sämtlich Schwimmerinnen. Montags und Donnerstags turne ich noch im Verein, es macht mir sehr viel Spaß. Mittwochs hat der Verein sein Schwimmtraining, zu dem ich mich auch
gewöhnlich einfinde.
Ihr seht, ich werde nicht so übermäßig mit Arbeit überhäuft, nach den großen Ferien wird es aber etwas anders. Setzt Euch mal recht fest auf´n Stuhl, damit Ihr nicht umfallt: Ich habe in Wandsbeck eine Stelle als Haushaltungslehrerin bekommen bei Fortbildungsschülerinnen. Zuvor ist es erst nur einmal in der Woche, aber es ist ein Anfang. Und wie ich sie bekommen habe? Ich bin ganz frech zu dem betreffenden Direktor hingegangen und habe gefragt, ob er mich nicht gebrauchen könnte. Der Herr war äußerst freundlich, schien die Brennerstraße und Fräulein Rudtke zu kennen und gut leiden zu mögen. Wenn das Buch jetzt wieder zu mir kommt, werde
ich Euch als wohlbestallte Lehrerin von meiner neuen Tätigkeit erzählen.
Zu meinem Schrecken sehe ich, daß die Epistel lang geworden ist, u. alldieweil mir der Stoff ausgegangen ist, mache ich Schluß für heute.
Herzliche Grüße
Eure Dora Düker.
Hamburg, d.22.7.27
Liebe Kolleginnen!
Vor drei Tagen bin ich von meiner Reise zurückgekehrt. Weil mir das Herz nun davon noch so voll ist, und Gertrud Beyer Euch schon so Vieles vom Turnkursus geschrieben hat, werde ich Euch zuerst einmal vom Rhein schreiben.
Ja, denkt Euch, ich habe den vielbesungenen alten Vater Rhein gesehen, den herrlichsten aller Ströme, mit seinen alten Burgen. Am 2. Juli entführte mich der Feriensonderzug nach Köln. Es war Sonntagmorgen, überall läuteten die Glocken. Nachdem wir uns unseres Gepäckes entledigt hatten, besuchten wir den Kölner Dom, der innen von riesigen Säulenbündeln getragen wird. Es wurde gerade die Hauptmesse gehalten, ein unbeschreiblich feierlicher Eindruck war es. Danach besichtigten wir die Schatzkammer des Domes, in welcher es von all den goldenen Monstranzen, den Brillanten, Diamanten und sonstigen wertvollen Steinen nur so funkelte. Leider waren wir nach der Fahrt zu ermüdet, um noch mehr in Köln zu besichtigen. Am anderen Tag fuhren wir per Bahn nach dem Siebengebirge, um von der alten, zerfallenen Ruine, dem Drachenfels, auf den Rhein hinunterzuschauen. Wir hatten von dort oben eine herrliche Ansicht. Schräge gegenüber erblickt man Rolandseck und den Rolandsbogen und unten, mitten im Rhein gelegen, die langgestreckte, bewaldete Insel Nonnenwerth. Dann fuhren wir abwechselnd per Schiff “Goethe” und Bahn bis Bingen. Je weiter man den Rhein hinauf fährt, desto herrlicher wird er, mit seinen hohen Felsen und Weinbergen. In Assmannshausen übernachteten wir. In diesem entzückenden, kleinen Städtchen herrscht abends ein Singsang, daß man vor 1 Uhr nicht die Augen zu kriegt. Es scheint ein ewiges Potpourri zu sein, gerade ist ein Lied zu Ende, ein kleiner Übergang, schon setzt das nächste ein. Dazwischen hört man die Glocken läuten, sieht den Rhein in blauen Dunst gehüllt, es ist wie ein Traum, wie eine Oper.
Zurück fuhren wir auch wieder teils mit dem Dampfer, teils mit der Bahn an der Loreley, der Pfalz, Ruine Ehrenfels, und der Festung Ehrenbreitstein vorbei nach Hamborn zu meinen Verwandten, um dort noch einige Zeit zu verbringen.
Ihr braucht also keine Sorge tragen, daß ich versauern könnte. In 14 Tagen beginnt die Turnerei wieder. Unser Turnlehrer brachte vor den Ferien schon 2 große Koffer mit Büchern und Schriften mit, die wir alle unbedingt gelesen haben müssen. Es wird einem ganz schwindelig. Nun will ich aber schließen, denn Ihr wißt ja, daß ich kein Freund großer Reden und langem Geschreibsel bin.
Herzliche Grüße!
Eure Gertrud Frischgesell.
Groß-Hansdorf, Genesungsheim, d. 2. Aug. 1927.
Liebe Klasse!
Als ich Trudels Bericht vom Rhein las, da packte mich direkt die Reiselust. Mit Gertrud Beyer zog es mich nach dem Osten.
Na, jetzt ist der Schmerz, daß wir keine Ferien haben, überwunden, denn bei allen andern hat nun die Arbeit auch wohl wieder angefangen und so kann ich von unserer Arbeit erzählen. -
Grete ist inzwischen in die Waschküche gewandert und ich wie im Anfang in die Küche. Die Waschküchenzeit hat mir sehr viel Freude gemacht. Wir waren mit einer Hausbeamtin, einer Helferin und zwei Lehrlingen da, die alle gut zusammen paßten. Unsere Arbeit teilte sich in zwei Waschtage und vier Plättage. An den Waschtagen mußte ich im Anfang richtig den ganzen Tag mit der Hand waschen. Später habe ich die einzelnen Maschinen bedient. Wir arbeiten nämlich mit Waschmaschine, Spüler und Zentrifuge. Die fast trockne Wäsche ist dann auf der Leine verhältnismäßig schnell trocken.
Beim Plätten habe ich zuerst nach Schulmanier langsam geplättet, aber wenn man den ganzen Vormittag nichts weiter als Kielerblusen plättet, dann flimmert es wohl vor den Augen, aber man bekommt einen gewissen Schwung. – Augenblicklich müht sich Grete an einer extra gut zu plättenden Hemdhose von Fräulein Doktor mit Spitzen und Spitzchen und Fältchen, sonst hätte sie jetzt mit mir Freistunde. Ich bin froh, daß ich im September noch einmal in die Waschküche komme.
In der Küche ist jetzt viel zu tun; dauernd erscheint jemand mit der Nachricht: die und die – Bett – Angina. 10 vom Personal liegen bereits. Bis jetzt von allen Gruppen einige. Es spitzt sich alles darauf, daß Grete und ich uns legen, na wann?
Die Hausbeamtin, mit der ich in der Küche arbeite, ist auch krank und ihre Vertretung legte sich den nächsten Tag; nun wurstele ich allein in der Kochküche. Manchmal geht es gut, manchmal drunter und drüber. Entweder ist das Essen nicht fertig, oder es reicht nicht; natürlich etwas übertrieben. Schade ist nur dabei, daß Grete und ich den Lehrlingen beim Gemüseputzen abends helfen und dann wird´s zu spät zum Baden. Die vorigen Wochen sind wir an jedem schönen Tag mit den Lehrlingen, Helferinnen, Hausbeamtinnen und Frl. Doktor hingegangen und haben sehr viel Freude gehabt, wenn es auch nur ein kleiner Teich ist mit der Färbung vom Lattenkamp (?) in dem wir unsere Schwimmkünste zur Geltung bringen. Käthe ist mit der Ostsee bei Rügen direkt zu beneiden.
Vorigen Sonnabend war ich zu Hause in Lüneburg und spazierte durch die Straßen, dachte Ilse Schomaker zu treffen. Denken ist bekanntlich Glücksache. Das Glück war mir nicht hold; aber trotzdem habe ich es sehr genossen. Grete hat ihr Stück inzwischen fertig geplättet und sitzt neben mir, sich häuslich mit Strümpfestopfen beschäftigend.- Die Freistunde ist gleich um und das Buch soll doch endlich weg, darum Schluß!
Herzliche Grüße von Grete und mir der ganzen lieben Klasse.
Carla v. Lauenstein
Ihnen 12 sendet recht herzliche Grüße und wünscht weiter viel Freude an der Arbeit
Ihre Karla Dudy.
(Karla Dudy ist eine der ehemaligen Lehrerinnen aus der Brennerstraße)
Wyk a/Föhr, den 14.VIII.27
Liebe Klassenkameradinnen!
Welch eine Freude ist doch dieses Büchlein! Von jedem weiß man, was er tut. Ich mache Euch nun einen Vorschlag zur Sparsamkeit. Das Buch ist gerade einmal herumgewandert und schon fast halb voll. Ich bitte daher, nicht jeden neuen Brief mit einer neuen Seite anzufangen. Dann können bestimmt noch mehrere Briefe mehr hinein. – Meine zweite Bitte ist: “Kommt bitte alle zum 28. Dez. 1927 zu mir in meine Hamburger Wohnung, damit dort der Klassentag stattfinden kann”. Wer damit nicht einverstanden ist, nicht in Hbg und Umgegend ist, schreibt es mir bitte, damit ich evtl. ihn umlege.
So, das wäre das “Geschäftliche”; jetzt komme ich persönlich. Mir geht es soweit recht gut. Die Arbeit häuft sich stundenlang. (Die Hauswirtschaftlichen Praktikumsleutchen werden mich verstehen.) Zentnerweise wird eingemacht. Wenn die Johannisbeeren fertig eingeweckt sind, (das ist am 20. d./Mts) werde ich die Leitung der Küche für einen Monat übernehmen. Ich habe dann für 55 – 60 Personen zu kochen. Das wird ein Betrieb werden. Ich freue mich schon sehr darauf, obgleich ich einen ganz, ganz kleinen Bammel habe. Aber nur Mut, die Sache wird schon werden. Mehr als versalzen kann ich die Speisen ja nicht. Außerdem habe ich auch schon immer hier selbständig gearbeitet.
Neben der Arbeit gibt es noch mancherlei Vergnügen. Vom Heim aus wurden Segelfahrten und Wagenpartien unternommen. Ich habe schon Sylt und Amrum kennengelernt. Auch kenne ich Föhr schon wie meine Westentasche. Gesellschaftlich ist hier nichts los. Der richtige Ort zum Versauern. (Ähnlich scheinbar Gut Quassel!) Zur Hochsaison gab es gerade so fünfzehn Herren als Kurgäste. Wenn man zur Reunion (= gesellige Zusammenkunft/Ball) geht, muß (man) was Männliches mitbringen, um zu tanzen!! Tanzen und so weiter kann man ja in Hbg nachholen. Das Praktikum ist nicht dazu da. – Übrigens punktroller*) ich schon. Ich habe schon 10 Pfd zugenommen. Ich wiege jetzt ganze 112 Pfd! Ist das nicht eine Leistung von mir?! Habt ihr Praktikumsleutchen auch solche Erfolge erzielt wie ich?
Herzliche Grüße allen Lieben und Aufwiedersehen Weihnachten.
Eure Annemarie Lepel.
*) Punktroller = (kosmet.) Rollstab mit Gummibelag zur Entfettung
Rittergut Blücher, d.19.8.27.
Ihr lieben alten Gespenster!
(beliebter mecklenburg. Ausdruck)
Nun wäre ich wieder an der Reihe, um meine werten Krähenfüße in diesem Buche zu verewigen. Donnerwetter hab´ ich mich gefreut, als der Briefträger es mir gestern brachte. Abends um 11 Uhr habe ich mich noch dahintergeklemmt und mit Heißhunger alles verschlungen. Fein, daß Ihr noch alle so fidel seid. Nun Euch erst einmal zur wichtigen Nachricht, daß ich umgezogen bin von dem Rittergute Quassel nach dem Rittergute Blücher bei Boizenburg a / Elbe; und zwar aus dem Grunde, weil die Familienverhältnisse sich so unglücklich gestaltet haben, daß es nicht mehr zum Aushalten war. Auseinandersetzen lassen sich solche Dinge nicht, man muß sie selbst miterlebt haben. Kurzentschlossen bin ich nach hier übergesiedelt, wo es nun ganz wunderschön ist. Aber davon nachher; nun erst noch von meinem Leben auf Quassel. Meine hauptsächlichen Arbeiten kennt Ihr ja schon; neben diesen Arbeiten bin ich noch in der Geflügelzucht unterrichtet worden von der Geflügelzüchterin, die ich des öfteren für einige Tage vertreten mußte. So schoß ich denn mit Futtereimern und Trinknäpfchen in die unzähligen Ställe mit den unzähligen Tieren, 5x werden die Viecher am Tage gefüttert + jede Tiersorte jedes mal ein anderes Menü. Zuerst gingen mir Fischmehl, Trockenhefe, Brennesseln, Kleie usw. durcheinander wie die Schwarzen mang die Weißen. Aber dann hab ich´s doch kapiert, haleluja!! Hühner untersuche ich auf Eier hin + werde wütend, wenn sie stundenlang im Fallnest gesessen haben + nichts gelegt. Ein Fest habe ich noch auf Quassel mitgefeiert + zwar das 25-jährige Besitzerjubiläum von Geheimrats. Nachmittags um 2 Uhr fing´s an. Das ganze Dorf kam angezogen. Die Kinder führten Tänze auf, ganz reizend. Nach den Vorführungen war eine Kaffeetafel mit Unmengen von Kuchen. Nachdem sich alle den Magen gefüllt hatten, tollten Junge wie Alte auf der Schloßwiese in Spielen umher. Das Schönste von allem aber kam am Abend: der Tanz auf dem Pferdestallboden! Also, Kinder, es war himmlisch! Mit dem ganzen Dorf habe ich getanzt, vielmehr gehopst; denn die Alten hüpften wie die jüngsten Lämmer. Die Jüngeren schwangen ganz manierlich das Tanzbein. Nach dem ersten Walzer klapperte mir schon das Gebein; denn es war stumpf, so stumpf, daß ich am anderen Tage um mindestens 3 cm Größe eingebüßt hatte. Aber herrlich war´s doch. Und getreten wurde man! Kukirol hätte am nächsten Tage in Quassel reich werden können. Das wäre das einzige Vergnügen gewesen, welches ich in Quassel erlebt habe. –
So, und nun bin ich hier in Blücher, bei Herrn und Frau Rittergutspächter Schultze als Ersatz für ihre beiden jüngsten verheirateten Töchter. Ich soll neben meiner vielen Arbeit noch Leben in die Bude bringen. (Die Stimme hätte ich ja danach!) Nun will ich mal fixing das Wichtigste niederbohren, denn die Uhr ist schon wieder weit über 11 (über 23!). Um 5 1/2 Uhr fängt mein Tagewerk an (am liebsten zerschmettere ich jeden Morgen den Wecker!). Mit dem Hausmädchen zusammen putze ich Staub in den unteren Zimmern in den verstecktesten Winkeln. Danach bearbeite ich mein Zimmer, welches übrigens ganz reizend ist, gründlichst von hinten bis vorne. Ist dieses getan, ziehe ich zu meinem geliebten Hühnervieh usw., welches auch hier vorhanden ist, nur in geringeren Mengen. Neben dem Füttern, miste ich Ställe (der Geruch soll sehr gesund sein!) usw. Man gewöhnt sich an alles. Ich hab´ das Viehzeug wirklich schon mächtig in mein Herz geschlossen. Dann geht´s ans Mittagessen welches ich mit der Mamsell zusammen mache. Wir kochen für 13 – 15 Personen; denn wir haben Eleven hier auf dem Gute, nette, junge Dachse. Buttern und Zentrifugen habe ich auch schon gelernt; Brote backe ich auch. Nächste Woche soll ich Tauben den Kopf abreißen; mir graut wahrhaftig. Nachmittags wird geflickt und gestopft od. im Garten gearbeitet. Freitags + Sonnabends wird gründlich reingemacht. Schönes Stück Arbeit in diesem gr. Herrenhaus. Arbeit findet sich immer in Hülle und Fülle. Vergnügen hat man hier nicht, aber die ländl. Einsamkeit fällt nicht so auf, weil immer Gäste da sind und ein reizendes Familienleben herrscht. Ich fühle mich hier einfach äußerst wohl. Übrigens hat mein Gewicht auch schon enorm zugenommen. Von 103 Pfd auf 125!!! und fein braun bin ich.
Also, wegen des Klassentages, diese Lepel; ich hoffe, daß ich es einrichten kann. Aber bestimmt läßt es sich ja nicht sagen. Es wäre ja herrlich, wenn wir uns schon alle Weihnachten wieder in die Arme sinken könnten; vielen, vielen Dank für die Einladung.
Nee, Kinnings, nun aber Schluß; meine Epistel ist ja endlos!
Mit herzlichen Grüßen
Eure Helga Ritter.
Lüneburg
Meine liebe Klasse!
Das Datum will ich lieber vergessen, sonst werdet Ihr ganz böse, aber Elfriedchen hat auch noch hineinsehen können. So hat es doch ein Gutes getan. Ich habe mich zu sehr gefreut, als das Buch kam. Wie Ihr Euch alle quälen müßt, ich muß Euch wirklich bewundern. Dagegen habe ich es ja blendend gut gehabt und muß es vielleicht jetzt nachholen. Denkt Euch nur in ein paar Tagen bin ich futsch aus Lüneburg! Ich habe eine Stelle als Volontärin in einem Blumenhaus in Düsseldorf bekommen. Ich bin heilfroh. Es war zu schwer, etwas Gescheites für mich zu finden. Wenn wir uns Weihnachten sehen, kann ich Euch sicher viel Neues erzählen. Hoffentlich wird was lange gewährt hat endlich gut. Ich wohne wahrscheinlich 1/2 Std. vom Geschäft in der Metzerstraße 36 bei Schulzes, Bekannten von einer Freundin aus Lüneburg. Wenn es auch so nette Leutchen sind wie unsere Schulzes, dann wird es mir dort schon gefallen. Ich fahre am Donnerstag und zwar mit meiner Freundin zusammen, die bei ihren Bekannten eingeladen ist. Wir fahren 10 Std mit dem Eilzug. – Ich freue mich schon auf den schönen Rhein. Von Trude habe ich ja schon einen Vorgeschmack gekriegt. – Mein Luten sagt, daß ich doch schon in 8 Tagen wieder hier wäre. Hoffen wir aber das Beste, wenn es auch manchmal schwer fällt. Also das ist das Neuste. – Liebe Annemie, ob ich dann Weihnachten frei bekomme ist ja auch noch die Frage. Ich danke Dir tausendmal. Es wäre ja entzückend.
Mir geht es augenblicklich sehr gut. Ich habe im Juli auch noch eine Erholungsreise in den Harz gemacht. Ich war 14 Tage mit meiner Mutter in Lautental. Wir wohnten im Waldkater einem Kurhaus, das ganz einsam liegt zwischen Hahnenklee und Lautental. Wir haben von dort herrliche Ausflüge und Autofahrten gemacht und haben viel Schönes gesehen. Auf der Rückfahrt haben wir uns noch Goslar und Hannover angesehen. Es waren wunderschöne Tage. Meine Tante aus Hannover ist immer mit uns gezogen. – Mein Bräutigam hat sich eine Woche später auf die Socken gemacht. Er war erst in München und dann ist er in den Alpen herumgewandert, hat die Zugspitze bestiegen usw. Der konnte von seiner 10-tägigen Reise mehr erzählen als ich. – Die Welt ist doch zu schön, hoffentlich geht sie noch nicht so bald unter. Die ewigen Unwetter sind ja schrecklich. Als wir damals in Lautental ankamen, haben wir einen Wolkenbruch erlebt, wie ich es noch niemals gesehen habe. Das Wasser stürzte von den Bergen und gerade auf das Hotel zu, welches ganz unter Wasser stand in den unteren Räumen. Es schwamm beinah weg. 30 cm Schlamm stand in allen Zimmern vom Personal. Der ganze Garten war vernichtet. Tagelang rannte das H2O noch von den Bergen. Wo das nur noch immer herkam? – In Lüneburg war neulich eine Windhose, bei der 12 große Bäume auf der Straße glatt umgeweht sind. Wenn das so weiter geht ein viertel Jahr! – Na lieben Kinder hoffentlich ist es morgen recht schön. Ich möchte gerne noch mal hinaus in die Heide, die jetzt hier ganz herrlich blüht. Morgen vor einem Jahr waren wir mit Frl. Dudy in der Heide nach Einemhof. Wir haben damals noch viele Pilze gefunden. – Vor 2 Jahren waren wir auf dem Petersberg. Es sind doch zu schöne Erinnerungen. –
Nun lebt alle wohl; seid aus Lüneburg zum letzten Mal gegrüßt von
Eurer Ilse.
Potsdam, den 2. Sept.27.
Liebe alte Klasse!
Jetzt hat man schon ordentlich zu studieren an dem Buch, aber wie viel Spaß macht das! -
Else und Elfriedchen haben nun also schon ein Examen hinter sich? Da gratuliere ich. Wenn ich doch auch erst so weit wäre! Wir haben jetzt tüchtig zu arbeiten. Was wir bei unserm bummeligen Anfang versäumten, soll jetzt alles wieder eingeholt werden. Im Wäschenähen machen wir jetzt Hemdhosen, die wir erst in Nessel abgeformt und heute anprobiert und vorgeführt haben. Da hättet Ihr dabei sein müssen, es war ein Witz. Über all die extravaganten Formen hättet Ihr Euch biegen können vor Lachen. Jeder hat natürlich einen oder vielmehr x verschiedene neue Schnitte ausgeführt. Meiner ist der reinste Frack. Ihr könnt Euch sicher denken, daß man viel Zeit zu all dem Probieren braucht, denn in den andern Fächern ist das dasselbe. Wenn dann ein Gegenstand zu einem bestimmten Termin fertig sein muß, muß man den Achtstundenschlaf schon manchmal beträchtlich kürzen. Bis jetzt haben wir aber noch eine herrliche Zeit gehabt und werden noch lange davon zehren können. Denkt Euch, wir waren nach den großen Ferien eine Woche lang zu einer Studienfahrt in Stuttgart. Da haben wir die deutsche Werkbundausstellung “Die Wohnung” besichtigt. Es war natürlich herrlich. Die Ausstellung selbst war sehr interessant. Am schönsten waren die modernen Häuser, die da von den bedeutendsten jetzigen Architekten erbaut sind. Man kann sich kaum ein Bild davon machen, ohne die Siedlung gesehen zu haben. Es ist fabelhaft interessant, sowohl die Außenansicht wie auch die Inneneinrichtung der Häuser ist ganz anders als man es im allgemeinen gewöhnt ist. Durch den meistens verwandten Eisenbeton sind ganz andere Möglichkeiten gegeben. – Auch außer der Ausstellung war die Reise wunderschön. Stuttgart ist eine entzückende Stadt. Besonders, wenn man daß erste Mal nach Süddeutschland kommt, macht sie wohl einen großen Eindruck. Sie liegt in einem Talkessel und zieht sich rings bis auf die umgrenzenden Berge hinauf. Wir hatten von unserem Quartier einen herrlichen Blick auf die Stadt. – Die Menschen da in Süddeutschland sind viel freundlicher und gemütlicher als hier bei uns (besonders als hier bei Berlin). Es war nur zu witzig, daß wir sie nie richtig verstehen konnten. Die Straßenbahnschaffner z.B. sagten uns immer so wunderschön ausführlich Bescheid, und doch waren wir meistens nachher nichts schlauer als zuvor. – Auf der Rückreise waren wir noch einen ganzen Tag in Heidelberg, es war entzückend, wenn ich auch gestehen muß, daß ich mir manches noch schöner vorgestellt hatte nach den vielen Erzählungen, die man darüber hört. Bei Stuttgart war der Eindruck viel unmittelbarer und darum stärker. – Aber nichtsdestotrotz, Heidelberg ist auch herrlich. Wir hatten wunderbares Wetter, konnten also alles nach Herzenslust genießen, besonders weil unsere Klasse ohne Lehrerin fahren durfte (unsere Klassenlehrerin war krank). Wir sind zuerst zum Schloß hinaufgestiegen, hatten von da einen wunderschönen Blick auf die Stadt und den Neckar. Das Schloß selbst ist direkt romantisch, es hat so viele Winkel, Tore und Türme, daß man stundenlang da herumstöbern könnte. Dann sind wir über den Kaiserstuhl nach Neckargmünd gegangen. Vom Kaiserstuhl aus hatte man auch eine herrliche Aussicht, man sah die nächsten Gebirgszüge, den Rhein ganz in der Ferne u. wir bilden uns sogar ein, den Turm des Straßburger Münsters erspäht zu haben. – Nachher konnten wir noch im Neckar baden und auf dem Neckar rudern. Es war alles wunderschön und wir waren traurig, schon so bald wieder abfahren zu müssen. Die Fahrt selbst war ein Vergnügen eigener Art, 22 Stunden im Personenzug 4. Klasse! Nun sitzen wir schon drei Wochen lang wieder in unserem alten Dreh und müssen die Aussicht auf die Berge durch die auf die Seen ersetzen. Interessiert Euch übrigens die Lage unserer Penne? Ich habe gerade eine Photographie davon und kann sie Euch mitschicken. Da können die, die die Absicht haben, hier einmal herzukommen, sehen, wo sie landen werden. Von außen betrachtet ist´s sehr schön, nicht wahr? Von innen nicht immer. Nun lebt für heute wohl.
Herzlich grüßt Euch
Eure Hildegard Schulze.
Liebe Annemarie, zu dem Klassentag werde ich sehr gern kommen! Wahrscheinlich bin ich ja zu Hause. Ich freue mich jetzt schon und danke Dir herzlich.
Harburg, 18.Sept.27
(am freien Sonntag)
Meine liebe Klasse!
Mit schrecklich schlechtem Gewissen fange ich diesmal meine Epistel an, alldieweil ich die vorgeschriebene Zeit in unerhörtem Maße überschritten habe, ohne daß in den letzten 14 Tagen eine derartige Hitze herrschte wie bei Käthe im Juli in Stettin. Ich könnte mir höchstens denken, daß die “Strahlungswärme” meines geliebten Kochherdes in Groß-Hansdorf den üblen Einfluß ausübte. Wie Ihr seht, bin ich seit dem 1. Sept. noch einmal wieder in der Küche. Ich bin ganz froh, zu sehen, daß man im Praktikum doch bestimmt zugelernt hat, besonders, was Selbständigkeit bei der Arbeit betrifft. Carla und ich finden beide, daß wir uns, nachdem wir das zweite Mal in die Küche gekommen sind, längst nicht mehr so bei der Arbeit aufregen und daß alles reibungsloser läuft als zuerst. Natürlich leistet man sich oft noch etwas, worüber man sich grün und blau ärgern möchte, vor allem geniert man sich so entsetzlich den Lehrlingen gegenüber, wenn man irgendeine Dummheit gemacht hat. Ein kleiner Trost ist es uns in solchen Fällen allerdings oft gewesen, wenn wir einsahen, daß uns selbst die Blamage viel größer erschien als z.B. unseren Vorgesetzten.
Im übrigen geht es uns glänzend wie bisher in Gr.-Hansdorf. Es tut uns fast leid, in 14 Tagen schon von dort fort zu müssen. Wir können gar nicht begreifen, wie dieses 1/2 Jahr gesaust ist. Im Oktober werde ich mich ausruhen von des Jahres Arbeit, Hilde in Potsdam besuchen und im übrigen vergnüglich auf Reisen gehen. Nachdem fange ich mein Praktikum für Kranken- u. Säuglingspflege im Harb. Krankenhaus an, worauf ich mich schon sehr freue. Hoffentlich werde ich an solche Arbeiten herangelassen, bei denen man tatsächlich die pflegerische Tätigkeit lernt.
Zum Schluß danke ich Annemarie herzlich für die freundliche Einladung zum Klassentag. Ich freue mich schon sehr auf das Wiedersehen. Hoffentlich wird es etwas damit.
Ich grüße alle recht herzlich.
Eure Margarete Schulze.
Lüneburg, den 20.Sept.1927.
Ihr Lieben allzusammen!
Soeben komme ich von der Stadt und finde das Buch vor. Ich habe mich ganz schrecklich gefreut und will auch gleich mein Geschreibsel hinzufügen.
Ich hatte schon Angst, der Brief würde nach Spandau wandern u. das hätte nun große Konfusion gegeben. Wir sind nämlich umgezogen Erstens weil wir die 6 Wochen Ferien durchbezahlen sollten und überhaupt u. so. Wir wohnen jetzt ab 1. Okt. in der Kaiserstr. bei Kolbe.
Ihr werdet sicher ganz neidisch, wenn Ihr von 6 Wochen Ferien hört. Sie sind leider schon am 27. zu Ende. Wir haben sie ganz herrlich begonnen, indem wir die ersten 10 Tage durch Rügen gewandert sind. Wir waren eine nette Schar aus unserer Riege und haben die Tage, leider nicht bei Sonnenschein, genossen. Kleines (Anm.: gemeint ist Käthe Brandes), wenn wir Dich nun getroffen hätten! Das wäre eine Überraschung gewesen. Wir sind von Altefähr immer an der Küste entlang gewandert über Sellin, Binz, Saßnitz, Königsstuhl. Zuletzt landeten wir auf Hiddensee, wo wir 2 Tage bleiben wollten, doch des schlechten Wetters wegen leider gleich wieder abgedampft sind. Ich glaube, Kleines, wir hätten uns aber gern (?) mit Dir sehen lassen dürfen, mit Deinem fabelhaften Bademantel. Weißt Du, wir waren doch mit Rucksack bewaffnet, schliefen des nachts auf Heu u. auf Stroh oder Jugendherberge. Es hat uns trotzdem nicht gestört, wir schliefen wie die Bumskeulen. Es war wirklich eine wunderschöne Zeit. Doch Ihr habt ja fast alle etwas so Schönes hinter Euch. Ob wir wohl es alle noch einmal zur Nordlandreise bringen? Ganz im Geheimen freue ich mich ja schon auf etwas Ähnliches. Denkt Euch, Ostern nach dem Examen, fährt die Hochschule nach Riegland (?) bei Obersdorf zu einer Schneeschuhfahrt auf 10 Tage. Da möchte ich ja zu gerne mit … wenn das Geld nicht wäre! Doch das ist ja noch so lange hin. Vorher liegt noch ein großer Teil Arbeit vor uns. Leichtathletikprüfung; ist “aus, Dein treuer Vater!” Elfriedchen und ich haben sie einigermaßen überstanden. Dann stieg auch vor den Ferien noch ein Teil der Ruderprüfung. Es mußten 10 km in der Stunde gerudert werden, wobei es auf die Sekunde ankommt. Dieses Vergnügen konnte ich natürlich nicht mitmachen, denn mit des Geschickes Mächten! Das werde ich dann wohl in den nächsten 3 Wochen nachholen müssen. Dazu kommt dann der andere Teil der Ruderprüfung, der uns bislang auch noch nicht klar ist. Trotzalledem haben wir´s glaube ich lange nicht so schwer wie die Praktikanten und Hilde. Ich kann nur immer wieder sagen, daß dieses bis jetzt mein schönstes Jahr ist. Der schöne Spandauer Sommer ist ja leider vorbei, doch wir haben ja all die Haufen Sonne aufgespeichert, sind (jetzt beinahe: waren) ordentlich braun. Ich habe auch eine Gewichtszunahme zu verzeichnen. 3 1/2 Pfd, mit den beiden anderen kann ich also nicht konkurrieren. Am Montag dampfen wir nun wieder hin u. fangen mit einem neuen Stundenplan an!
Ich freue mich schon sehr auf unseren Klassentag u. nehme doch stark an, daß ich dabei sein kann. Willst Du es dieses Mal schon wieder übernehmen, Annemie? Das ist ja rührend. Hab vielen Dank. – Vorher kommt der Brief wohl noch einmal!
Euch allen herzliche Grüße und weiter so viel Freude
Eure Else Sporleder.
Ilse haben wir mit nach Düsseldorf verpacken helfen u. sie ist seitdem noch nicht wieder angelangt, trotz Lutens Weissagung. Sie hat mir schon geschrieben, daß sie wieder die Primelkrankheit hatte.
Spandau, den 30.Sept.27
Ihr Lieben alle!
Nun sind wir schon wieder hier in Spandau gelandet und haben schon soviel herumgehampelt, daß wir vor lauter Muskelkater kaum die Treppe erklimmen können! Ja, ja, das machen die Ferien, aber schön war´s doch. Gerade kommen wir aus dem Wasser mit klitschnassen Haaren natürlich. Augenblicklich üben wir mit aller Kraft das Tauchen, das Chlorwasserschlucken ist dabei das Gräßlichste, draußen können wir ja nun leider nicht mehr schwimmen. Unser Stundenplan hat sich sehr verändert, statt um 7, fangen wir um 8 Uhr an (trotzdem haben Else und ich seit Schulanfang von der Morgenandacht nur noch die Hälfte gehört – mancher lernt´s nie!) dann haben wir jetzt an Stelle der Leichtathletik in der Hauptsache alle möglichen Spiele, außerdem ist noch Schulturnen hinzugekommen und dann die Lehrproben.
In der nächsten Woche soll schon die Ruderprüfung vor sich gehen, diese 10 km Fahrt vor den Ferien war vielleicht eine Pferdearbeit – wir waren erstmal erledigt. Else hat ja diese schöne Tour noch vor sich, aber auch die 1 Stunde geht ja vorüber. – Morgen bei der Hindenburgfeier veranstalten unsere Riegen untereinander Wettkämpfe, wir spielen Schlagball, das wird ein heißer Kampf werden. Sonntag wird in Berlin wohl mächtiger Trubel sein, wir beide werden es wohl vorziehen, nach Plaue zu fahren, denn bei der Menschenmenge sieht man ja doch nicht viel, und außerdem sind wir zu einer Autotour in Plaue eingeladen. – Unser neues Zimmer gefällt uns gut, viel größer und gemütlicher ist es, und vor allen Dingen haben wir elektrisches Licht und brauchen bei unserer Arbeit (wenn wir bedenken, wieviel Theorie noch in unsere Köpfe hinein muß, sträuben sich unsere Haare!) nicht wie in der anderen Wohnung bei einer Petroleumfunzel zu sitzen! – So, Ihr Lieben alle, für heute will ich nun Schluß machen. Annemarie, hab´ herzlichen Dank für Deine liebe Einladung, wie fein, wenn wir alle mal wieder zusammen sind, das wird ein Erzählen werden!
Nun recht herzliche Grüße Euch allen!
Eure Elfriede Benecke.
Harburg, d.23.10.27.
Liebe Klasse,
also wäre man mal wieder an der Reihe einzuschreiben. Wohl das letzte Mal vor Weihnachten. Herzlichen Dank für die Einladung Dir, liebe Annemieze, und Deiner lieben Mutter. Zum wievielten Mal wollt Ihr Euch rührenderweise nun schon diesen Rummel aufhalsen? – Jedenfalls wird da das mündliche Ausquatschen schneller vonstatten gehen als es bei dieser umständlichen Art geschieht. Käthchens “Neuigkeiten” sind nun olle Kamellen, und ich weiß nicht, ob sie dies Buch noch bei ihrer Frau Pastorin erreicht. Jetzt im Herbst wird sich die Tätigkeit vieler von uns geändert haben.
Bei uns allerdings ist es ziemlich dasselbe geblieben. Die Zeiten haben sich etwas verschoben, meistens hören wir abends noch später auf als bisher. Die Leichtathletik ist zur Hälfte verschwunden, dafür beginnt im November bis Weihnachten der Bade-Kursus bei Herrn Huber, worauf wir uns alle sehr freuen. Natürlich wird man jetzt überall etwas schärfer rangenommen. Das wird sich wohl bis Ostern steigern. Vor der Freitagsschwimmstunde haben wir Theorie. Es fängt 1/4 nach 8 an. Dienstags sollen künftig die Kinder zum Übungsunterrichten kommen. Ich bin gespannt, wie das wird. Hoffentlich sind das nicht solche Angstpartien wie in der Bremer- bzw. Mühlstr. Viel, viel lesen müssen wir, die Haare können sich einem steil aufrichten, wenn man an das noch zu durchackernde denkt. Berge! Entsetzlich.
In den Herbstferien waren wir bei meinen Großeltern in Lübeck. Da hatten wir noch Glück mit dem Wetter. Wie ist es jetzt schon abscheulich! Von meiner Sommerreise erzähle ich lieber Weihnachten, dann ist sie allerdings schon total verjährt. Aber wenn ich mich hier auf Details einlassen wollte, dann würde das Buch voll. Es war natürlich ganz himmlisch. Die ganze Reise war ein einziger leuchtender Festtag! Jetzt habe ich die Erinnerung – und viele Bilder. Vielleicht kann ich zum Klassentag was mitbringen. Wir waren außer in Lyck noch an verschiedenen Orten Ostpreußens: Goldag, Rominten, Rudczanny (daran brecht Euch mal alle die Zunge ab), Königsberg, Cranz, Rauschen usw. Auf der Rückreise 8 Tage in Berlin. Das war freilich keine Erholung mehr, aber unvergeßlich schön war es auch. Man kann sich nicht mehr vorstellen, daß man damals ungefähr umkam vor Hitze.
Kinder, Kinder, das wird ja am Klassentag ein Schwatzen werden. Da werden all diejenigen, die im Praktikum am Versauern sind, mal ordentlich angepurrt und aufgekratzt. Wir Turnerinnen werden die Muskelmassen an Armen, Beinen usw. vergleichen und an Hand eines
angespannten Bizeps feststellen, wer die Tüchtigste ist. Man kriegt die reinsten Schwerathleten-Gliedmaßen!!
Im September machte unser Kursus samt Lehrkräften einen Wochenend-Ausflug in die Heide nach Soltau. Ich konnte allerdings leider nicht mit. Aber die Bilder habe ich. Bringt mal alle zum 28.12. an uns interessierenden Bildern mit, was Ihr besitzt.
Auch im September hatten wir einen 3-tägigen Kursus bei dem Dänen Niels Bukh, um einen Einblick in dessen Gymnastik zu erhalten. Es war interessant und aufregend. Mit meinen Klavierstunden mußte ich jetzt erstmal für 1/2 Jahr aufhören, ich hoffe, dann wieder anfangen zu können. Natürlich spiele ich für mich fleißig weiter. In diesem Winter hatte ich schon wieder das Glück, den Pianisten Horowitz zu hören. Letztes Jahr erzählte ich Euch schon viel von seinem Spiel. Es ist herrlich, ihn zu hören, nebenbei sehr anregend.
Mein kleiner Neffe gedeiht vorzüglich, er wiegt schon 14 1/2 Pfd und sieht rund und schier aus. Ich finde ihn goldig, obgleich er mir gestern mit Geschick einen Fleck auf mein Kleid spuckte. Aber das gehört mit dazu.
Na, nu Schluß. Haltet Euch munter, Ihr grünenden, wirtschaftenden, turnenden, ställeausmistenden, unterrichtenden – und was weiß ich – Gestalten und seht zu, daß Ihr bis zu unserem rührenden Wiedersehen nicht vergammelt.
Seid allesamt herzlichst gegrüßt von
Eurer Gertrud Beyer.
Annemieze, was soll das Sparen eigentlich, viel über Weihnachten wird das Buch doch nicht gehen. Aber hüpft Dir nicht freudig das Herz, wenn Du mein kleines sparsames Gekritzel erblickst?
Na, nu Schluß. Haltet Euch munter, Ihr grünenden, wirtschaftenden, turnenden, ställeausmistenden, unterrichtenden – und was weiß ich – Gestalten und seht zu, daß Ihr bis zu unserem rührenden Wiedersehen nicht vergammelt.
Seid allesamt herzlichst gegrüßt von
Eurer Gertrud Beyer.
Annemieze, was soll das Sparen eigentlich, viel über Weihnachten wird das Buch doch nicht gehen. Aber hüpft Dir nicht freudig das Herz, wenn Du mein kleines sparsames Gekritzel erblickst?
Stettin, d. 28.10.27
Gehorsam, wie ich mir immer habe, wage ich es nicht, diesen
Platz unausgenutzt zu lassen; hi, hi , kicherte das Scheusal,
sträubte sein Gefieder und flog auf die nächste Seite.
Schönen Gutentagauch!
Ich habe dies Buch mindestens 3 x mit Verstand und Würde in mich aufgenommen, und mit Freuden festgestellt, daß alle noch ebenso frisch, fromm, fröhlich u. frech sind wie ehemals, u. daß Post demnach bei Annemarie begeisternd (empfangen?) werden muß. Herzliches Dankeschön, Annemarie, für die Einladung.
Hier hat sich inzwischen nichts welterschütternd Neues ereignet. Die Arbeit macht immer noch Spaß, ist mir noch nie langweilig geworden. “Organisch” ist hier grundsätzlich nichts, Hilde, mein armer Geist muß sich für Potsdam sicher noch bannig umstellen. Die Penne macht sich auf dem Bilde ja entzückend. Augenblicklich bin ich dabei, mir einen Schlafanzug zu nähen, ich hab überhaupt schon so allerhand für mich selbst geschneidert, wofür ich monatlich noch 20M obendrein bekomme, nette Einrichtung, wie? (besteht schon seit Juli) Am 1. November fange ich mit der Zuschneiderei an. Dudys haben mir schon Franz-Branntwein zur Stärkung meiner schwachen Hände angeboten und Plünnen zum Bewickeln durchgescheuerter Finger. Weihnachten verlasse ich dieses schöne Nest, um mich, allerdings erst vom 1. Februar ab, in Hamburg in den Hansawerkstätten zu betätigen. Fein, darauf freue ich mich sehr.
So, Kinnings, kurz und schmerzlos – für heute weiß ich nichts mehr.
Seid recht herzlich gegrüßt von
Eurer Käthe Brandes.
.
Hamburg, 13.Nov.27
Meine lieben Hafen*) allezusammen!
(* Anm.: Ableitung a. d.. Klassenbezeichnung HF II.d.)
Es war für mich eine so große Freude von Ihnen allen mit großer Befriedigung aus Ihren Wirkungskreisen zu hören, daß ich meine Freude mit Ihnen teile und allen herzlich danke. Leider aber konnte ich beim besten Willen meiner Pflicht, pünktlich zu schreiben, nicht nachkommen! Wir standen nämlich in der Schule wieder einmal im Zeichen eines Festes. Feste feiern gehört zur Aufhellung des grauen Alltags! Insbesondere in unserm grauen Mauseloch. Also Frl. Peitzner feierte ihr 25 jähriges Dienstjubiläum! Aus diesem Anlaß tat das ganze Kollegium in der herrlichen Aula unseres stattlichen Nebenhauses einen Waldspaziergang mit Picknick. Frl. Peitzners Vorliebe für Blumen und Tiere entsprechend waren die verschiedenen unterhaltsamen Darbietungen. Ein Verkehrspolizist schuf die entsprechende Ordnung. Ich selber, als alter Professor, fing im Laufe des Abends “den allgemeinen Vogel”! Ein schrecklich stures Viech, und hielt zu aller Ergötzen eine kleine Vorlesung über diesen “Upupa pops”*) und möchte auch Sie bitten, diesem Viech keinen Einlaß in Ihr Gehirngefüge zu gewähren! Denn einmal eingenistet, folgt er fanatisch der ihn beherrschenden fixen Idee und verliert so die größere Blickweite. Aus einzelnen Berichten glaube ich gefühlt zu haben, daß an manchen auch mir noch bekannten Orten der Upupa noch immer und mit verstärkter Idee herumschwirrt, was mich heimlich zum Lachen brachte. Aber wie gesagt: hüten Sie sich vor dem allgemeinen Vogel und bewahren Sie sich das feine Gehör für die mannigfaltigen Kräuselungen des Äthers, den Wuchs des Grases und die Musik der sich teilenden Spaltpilze! -
In nächster Nähe winkt wieder die Weihnachtsmesse und wir, d.h. meine Klasse und ich, stehen mitten im Pfefferkuchenbacken. So an die 120 Weihnachtsmänner, Reiter, Eierfrauen sind bereits fertig und strahlen in allen Farben. Dieses Mal soll statt der Pfefferkuchenhäuser ein riesiger Fliegenpilz Verkaufsstand sein. Ach wie oft gedachte ich des Vorjahres, wo Sie alle so unermüdlich und emsig schafften!
Auf der Stuttgarter Ausstellung bin ich auch gewesen und bin ebenso begeistert und bereichert heimgekommen! Wenn ich könnte, würde ich meine Wohnung ganz so umgestalten. Das haben Sie alle nun noch vor sich, den neuen Geist der Wohnkultur sich zu eigen zu machen Übrigens haben wir hier in Hamburg einige prächtige neue Baublockwunder (?) der betreffenden Bauherren besichtigt. Da gefiel mir vor allem das Laubenhaus in Barmbeck. Ein großer hufeisenförmiger Klinkerbau mit mehreren Stockwerken und etwa 112 Zweizimmer- und 30 Dreizimmerwohnungen. Jede Wohnung hat ihren direkten Zugang von einem Laubengang aus, von denen an jedem Stockwerk in der Länge der ganzen Hausfront einer entlangläuft. Es gibt nur 3 Treppenhäuser, die direkt auf jeden Laubengang münden, sodaß die Wohnungen eben von da aus erreichbar sind. Kinderlärm im Treppenhaus, Verunreinigungen und Streit über Reinhaltung usw. fallen gänzlich fort. In den Treppenhäusern unmittelbar am Gang befinden sich die Müllschütten, sodaß dadurch viel Mühe und Schmutz gespart wird. Im Keller stehen den Einwohnern unzählige Bade-, Brause- und Waschstuben zur Verfügung. Wannen, Zentrifugen, Waschmaschinen liefert das Haus, ja selbst Trockenkulissen für die Wäsche fehlen nicht, sodaß heute eine Familienwäsche in 2 1/2 Std. schrankfertig gemacht werden kann. Auf dem Boden sind Versammlungs- und Kinderspielräume. Jedes Stockwerk hat einen geräumigen Dachgarten mit Brausen und Turngelegenheit! Die Idee und der Geist, die diesem Bau zu Grunde liegen sind geradezu genial. In solchem Bau wirkt sich wahres Gemeinschaftsgefühl aus!
Aber ich merke, daß ich schon zu viel Ihre Zeit beansprucht habe, darum will ich schließen, obgleich ich noch viel berichten könnte.
Ich wünsche Ihnen weiter alles Gute, viele Freude und Erfolg!
Herzliche Grüße
Ihre Gertrud Rudtke
*) Anm.: Upupa (e)pops = [von Haus aus] Wiedehopf
Hamburg, den 15.11.27.
Liebe Klasse!
Eure Episteln haben mich mächtig gefreut, ich hatte schon gewartet auf das Buch. Und darum will ich auch gleich meinen Senf dazu geben, obgleich ich´s gestern erst erhielt. Wegen Platzersparnis bin ich noch auf dieser Seite angefangen, das Bild gehört aber zu Frl. Rudtkes Brief.
Ihr scheint es ja überhaupt mächtig fein zu haben u. die Arbeit, des Lebens Würze! ham! ham!, fehlt auch nicht. Die Hauptsache ist, daß Ihr alle gesund seid und Euren Humor nicht verliert. Mir geht´s auch ganz gut und auch meine Arbeit macht mir Freude. Ist aber ein schweres Stück Arbeit Ich habe jetzt in der Woche 3x drei Kochstunden, 1 Std. Lebenskunde u. 2 Std Schneidern, also im ganzen 12 Stunden. Ihr seht, ich bin einen Schritt schon vorwärts gekommen. Montags von 8 – 11 Kochen: die Klasse ist sehr nett, besteht nur aus 10 Putzmacherinnen. Die Mädchen sind sehr ruhig und geschickt. Montags von 4 – 8 habe ich Theorie u. Kochen in meiner eigenen Klasse, es sind 16 Schülerinnen. Sie sind sehr zutraulich, u. es läßt sich mit ihnen allerlei beschicken; es sind aber alles Arbeiterinnen aus Haus Neuerburg (Zigarettenfabrik). Das merkt man aber nicht sehr, sie haben sich bis jetzt ganz gut benommen. Dienstags von 1 – 4 Kochen bei (?)-schülerinnen. Sie sind sehr lebhaft und man muß dauernd zwischen ihnen sein, damit sie keine Dummheiten machen. Aber sonst eine nette Klasse. Die schlimmsten sind Arbeiterinnen aus Neuerburg, die ich Donnerstags beim Schneidern habe. (Es sind aber andere als Montags.) Die Mädels sind kaum zu bändigen und machen einem das Leben recht sauer, vor allem durch die schreckliche Unruhe (25 Schülerinnen). Sie sind auch ziemlich widerspenstig.
Außerdem hospitiere ich Mittwochs, Freitags und Sonnabends noch in der Hasselbrookstraße.
Sonnabends habe ich den Unterricht zu geben bei 24 Schülerinnen. Die Unterrichtsart ist wie bei unseren Lehrproben, nur nicht so schrecklich programmäßig. Die Klasse ist ganz gut zu lenken, es sind Kinder der Hasselbrookstr. Außerdem turne ich Montags, Donnerstags u. Sonnabends im Verein u. zwar in einer Riege, die nur aus Seminaristinnen vom Turnseminar besteht. Wir sind ungefähr zu achten (8) in dieser Sonderriege. Wir machen oft Übungen, die die erste Riege turnt, müssen also ziemlich ran. Freitags gehe ich dann auch noch zum Schwimmen. Meine Schwimmprüfung habe ich ganz gut bestanden Wir hatten keine Theorie, wurden aber vor zusammen acht Herren und Damen der Oberschulbehörde aufs nasse Element losgelassen. Wir hatten zu können: eine Strecke Brustschwimmen, eine Strecke Rückenschwimmen, 1 Fußsprung, 1 Kopfsprung aus dem Stand, 1 Kürsprung (ich machte Kopfsprung rückwärts) Tauchen nach Ringen (6 Ringe waren Mindestsatz), Streckentauchen (ich bin durchs ganze Bassin gekommen, fein was?) und dann noch Retten. Ein Kind mußte sich am Boden an einem Sandsack festhalten, u. wir mußten es heraufholen und an Land bringen. Gottseidank klappte alles.
Zu meinem Schrecken sehe ich, daß ich schleunigst aufhören muß, da ich um 13 Uhr in Wandsbeck sein muß. Heute gibt´s Biersuppe, gebr. Hering u. Kartoffelsalat. Guten Appetit! (es muß nämlich von allen Lehrerinnen das gleiche gekocht werden, damit die Mädchen gleichmäßig ausgebildet werden.)
Meine Epistel ist ja das reinste Gummiband!!!
Tausend herzliche Grüße
Eure Dora Düker.
Liebe Annemarie! Recht herzlichen Dank für die freundliche Einladung, ich kann aber leider am 28. nicht, da ich Weihnachten verreist bin. Kannst Du es vielleicht auf ein, zwei Tage vor Weihnachten verlegen, ich möchte doch so gern dabei sein!
Tausend Dank im voraus, Dora.
(Anm.: An ihrem folgenden Brief hat der Schreiberin, Gertrud Frischgesell , offenbar etwas nicht gefallen: sie hat ein Blatt aus dem Buch herausgeschnitten, sodaß der Brief nun mittendrin beginnt.)
… denn Kopfhechtsprung und Salto habe ich schon riskiert. Besonders den letzten, wer den noch nicht gesprungen hat, kennt Springerfreuden nicht! Da fällt man manchmal rücklings platt und manchmal auf´s Gesicht!
Es ist doch gut, daß ich Fräulein Rudtkes Rat, nebenbei nicht zu hospitieren, befolgt habe, denn man ist abends ziemlich müde und freut sich, daß man ausschlafen kann. Heute nachmittag kommen wieder die Kinder, da heißt es energisch vor die Front treten und kommandieren. Auch mir blüht heut das Glück, Lehrprobe zu halten.
Wie schnell ist doch dies Jahr verflossen, in vier Wochen feiern wir schon wieder Weihnachten. Ich freue mich schon darauf, alle wieder zu sehen und sage Dir, liebe Annemarie und Deinen Eltern, vielen Dank im voraus. Liebe Annemarie, ich möchte Dir noch mitteilen, daß am 22.12. die Uhlenhorster Turngesellschaft ihr Weihnachtsfest feiert, dies möchte ich ungern versäumen. Falls Du den Klassentag umlegst, möcht ich Dich bitten, dies zu bedenken. Bis dahin lebt alle recht wohl und seid herzlichst gegrüßt von
Eurer Gertrud Frischgesell.
Lüneburg, d.28.Nov.1927.
Liebe Klasse,
nachdem Grete und ich am 1.Okt. noch zusammen das Bergfest unserer Ausbildung verlebt haben, haben wir uns getrennt. Wir genossen jede auf ihre Weise unsre Ferien, und nun bin ich nach 3 1/2 Jahren endlich wieder zu Hause. – Leider sind schon wieder zwei Drittel dieser schönen Zeit verflossen, und meine Gedanken richten sich auf den 1.Jan., wo ich Lüneburg verlasse und nach Bremen gehe. Es steckt wenigstens doch Wanderlust in mir, und es scheint, als ob ich es hier nicht aushalten könnte; aber dem ist nicht so. –
Mich hat leider das Geschick nicht mit Käthe zusammengeführt; sondern ich sitze nun hier in einem Wäschegeschäft, strampele auch von morgens 8 1/2 Uhr bis abends 6 1/2 Uhr mit 1 1/2 stünd. Mittagspause. Es gefällt mir ausgezeichnet; augenblicklich habe ich ein Oberhemd in meinen jetzt wieder “zarten” Händen. Sonnabend habe ich zum ersten Mal zugeschnitten und mir Muster mit nach Hause genommen. Ich habe fleißig zu tun, arbeite meistens auf Bestellung, manchmal auch für das Lager des Ladens und bin dann hochbeglückt meine Gegenstände im Schaufenster wiederzusehen und dann zeigen zu können; ein Vorteil, den die Kleinstadt, den der kleine Betrieb dem großen gegenüber hat. – Stolz bin ich auf mein Gehalt von 35M, das ich Donnerstag in Empfang nehmen werde. Ich bin damit den Lehrlingen im dritten Jahr gleichgestellt. – Leider ist das am 1.Jan. vorbei; denn im Krankenhaus muß ich eher zuzahlen.
Im übrigen sehe ich dieses Vierteljahr als Erholung an. Die Arbeit strengt mich kaum an; und ich habe Zeit genug, nebenher Vorträge zu besuchen, rhythmische Turnstunden zu nehmen und sogar, nun staunt: eine 4-stündige Tanzstunde mitzumachen. Ihr könnt mich alle beneiden, ich fühle mich äußerst wohl und genieße voller Behagen die Adventszeit. Sonntag haben wir hier braune Kuchen gebacken und nächsten Sonnabend will ich in die Brennerstr. und mir die Weihnachtsmesse ansehen. Fräulein Dudy schrieb mir, daß sie Sonnabend, d.3. von 4 – 7 Uhr wäre u. Sonntag den 4. von 7 – 10 Uhr. –
Ich hoffe, daß ich in vier Wochen mündlich weitererzählen kann, und daß das auch alle zu hören bekommen. Liebe Annemarie, für die Einladung danke ich recht herzlich; ich komme natürlich sehr gern und erwarte mir Nachricht über Tag und Stunde. –
Allen herzliche Grüße
Carla v. Lauenstein.
Hamburg, den 4.XII.27.
Liebe Klassenkameradinnen!
Das liebe Rundbriefbuch kam zwar mit einer großen Verspätung bei mir an, hat mir aber nichts desto weniger trotz sehr viel Freude gemacht. Wie freut es mich, daß es Euch allen so gut geht, daß Ihr noch dieselben lieben Leutchen seid. Was den Klassentag anbetrifft, so bleibt es beim 28. Dez. 27 zwischen 7 u.8 Uhr. Vor Weihnachten geht es leider bei uns nicht, und Ihr werdet sicher auch keine Zeit vor dem Fest haben. Wer den Tag nicht kommen kann, schreibt mir bitte rechtzeitig ab.
Mir geht´s unterdessen recht gut. Seit dem 15.10. bin ich in Hamburg im Säuglingsheim. Die kleinen Dingerchen sind ja zu goldig. Zuerst war ich auf der Station der ganz kleinen Säuglinge (von 4 Wochen bis zu 1/2 Jahr). Zuerst können sie noch nicht lachen und sich kaum bewegen. Dann auf einmal heißt es, Hillmerchen hat gelacht, und jeder geht zu dem kleinen Wurm hin und versucht es zum Lachen zu bringen. Besonders niedlich ist das Stadium, wenn die Kleinen versuchen, sich aufzurichten und einen mit Blicken verfolgen. Sie sehen dann richtig frech aus. Auch kennen die kleinen Wesen uns ganz genau. Sie wissen, was sie bei der einen Tante machen dürfen, und was bei der anderen. Wir hatten alle unsere Lieblingskinder, unsere Söhne und Töchter, wie wir sagten. Beim Füttern hieß es stets: nehmen Sie bitte nicht meine Tochter oder meinen Sohn. Solange wir unsere Lieblinge nicht verzogen, durften wir mit ihnen tun, was wir wollten. Aber wehe, wenn das Kind verwöhnt wurde, dann gab es ein Himmeldonnerwetter. Die Mamawürde wurde entzogen. Mir ist es aber nie passiert. Mein Töchterchen ist stets lieb und brav. – Seit einer Woche bin ich meiner Tochter untreu geworden. Ich bin auf eine andere Station versetzt. Hier sind Kinder, die Sitzen und Stehen und Laufen lernen sollen. Einige, unsere “Großen” können schon laufen. Hier ist das Arbeiten noch anstrengender als oben, die Großen nehmen einen stets in Anspruch. “Tante bauen, Schwester Lepel mala, mala” usw. Alle halbe Stunde etwas Neues. Am besten gefallen mir auf dieser Station die Stunden in der Box. Sie sind so selig, wenn sie 5 Minuten sitzen oder stehen dürfen. Außer von Säuglingen kann ich Euch nichts berichten. Ich bin nämlich abends tot vor Müdigkeit.
Herzliche Grüße auch von Mutter und auf Wiedersehen.
Eure Annemarie Lepel.
Liebe Gertrud!
da Du so gern von uns hörst, schicke ich Dir dieses Buch zum Einschreiben. Du siehst daraus, daß wir noch die alte lustige, freche Gesellschaft aus der Frauenschule sind. Wenn Du Lust hast und in Hamburg bist, möchte ich Dich bitten, am 28.XII.27 mit zum Klassentag zu kommen. Schreib mir bitte darüber. Ich würde mich (wie auf alle anderen der HF II D) sehr freuen. – Einen großen Gefallen tätest Du mir, wenn Du Fräulein Buesche unser Büchlein senden würdest. Ich weiß leider ihre Adresse nicht.
Herzlich Grüße
Deine Annemarie Lepel.
11.XII.27.
Liebe alte Klassenkameradinnen!
Ich habe mich mächtig gefreut von Euch allen zu hören, vor allem, daß es Euch allen gut zu gehen scheint. Seit 2 Tg. bin ich wieder im Lande. In Wien war es sehr schön, viel, viel schönes habe ich gesehen. Vorläufig bleibe ich erst einmal hier.
Mit herzlichsten Grüßen
Eure Gertrud Lorentzen .
Hamburg, 14.XII.27
Kloster-Allee 55.
Meine liebe HF II. d.
Gestern kam ich todmüde von der Schule nach Haus, nicht gerade ermunternd hatte auch noch das Wetter gewirkt; zuerst hatte es geschneit, darauf geregnet (wie das in Hamburg so üblich ist!) – aber alle Müdigkeit war vergessen, als ich dieses Büchlein vorfand! Sie glauben nicht, wie ich mich gefreut habe von Ihnen zu hören, und daß Sie mich noch nicht vergessen haben! Eine besondere Freude ist es mir, daß Sie noch alle so vergnügt und zufrieden sind wie damals! Beim Lesen Ihrer Zeilen ist manches in mir mitgeklungen, besonderes Verständnis habe ich natürlich für diejenigen, die in Hauswirtschaft ihr Praktikum machen, beinahe laut mußte ich lachen, daß auch einige von Ihnen – trotz der vielen Arbeit – so gut zugenommen haben. Mir ging es damals genau so – schließlich war ich schon entsetzt, wenn jedesmal die Waage ein höheres Gewicht anzeigte – aber lange angehalten hat´s nicht! – Wie freut es mich, daß auch einige von Ihnen solch schöne Reisen gemacht haben und über das Gesehene und das Erlebte so begeistert sind – dafür habe ich volles Verständnis, reise und wandere doch auch ich so gern. In den Sommerferien war ich in der Bretagne, in einer alten Seeräuberstadt – sehr interessant – nachher wieder einige Tage in Paris – sehr eindrucksvoll! Was werden Sie nun erst alles unternehmen, wenn Sie Ihr Geld selbst verdienen! – In den Herbstferien war ich – zeitweise mit Fräulein Rudtke zusammen – in Stuttgart. Ich bin ebenso begeistert wie Fräulein Schulze, ich habe alles in goldener Herbstsonne genossen, auf der Rückreise sah ich mir noch Karlsruhe, Baden-Baden, Heidelberg und Darmstadt und Frankfurt an, herrlich war´s! Nur eine kleine bittere Pille gab´s hinterher für mich: ich mußte Bericht erstatten über die Ausstellung, aber auf diese Weise habe ich mich noch mehr vertieft in dieses Gebiet, und das hat mir wiederum auch viel Freude bereitet. – Die Schilderung der Ostpreußen-Reise von Fräulein Beyer hat auch viele Erinnerungen in mir wachgerufen – nach dem so schwer auszusprechenden Rudczanny habe ich mal einen Schulausflug gemacht (lang, lang ist´s her!) – Nun muß ich aber auch noch etwas aus der Schule erzählen. Die Messe ist vorüber – es tritt mal eine kleine Atempause ein! Haben Sie eigentlich von unserer Tätigkeit auf der Hausfrauen-Messe im Oktober gehört und gelesen? Dort haben wir mit unseren Schülerinnen elektrische Apparate im Betrieb vorgeführt, das heißt, es wurde den ganzen Tag mit Elektrizität gekocht, gebacken, gebraten, gewaschen, geplättet, gebohnert, Staub gesaugt, Kaffee gekocht usw. usw. – das war nicht einfach, da wir die Apparate selbst erst kennen lernen mußten – aber diese ganz neuartige Arbeit hat uns auch viel Freude gemacht. Zum Dank wurden die etwa 200 Schülerinnen und etwa 20 Lehrerinnen vom Bund Hamburgischer Hausfrauen ins Uhlenhorster Fährhaus eingeladen – war das reizend! Kaffee, Kuchen, Schlagsahne gab´s an reizend gedeckten kleinen Tischen in Hülle und Fülle, Reden wurden gehalten (unser Lob wurde in allen Tonarten gesungen – unsere aller Häupter hoben sich merklich!); später hörten wir Lieder zur Laute und famose humoristische Vorträge, zum Schluß wurde noch getanzt – ich glaube alle Teilnehmerinnen denken mit Freude an diese netten Stunden zurück. – Sonst ist in der Schule alles beim alten! – Wie schön, daß Sie sich Weihnachten alle wiedersehen werden. Da muß ich an das vorige Jahr denken, wie vergnügt waren wir doch da zusammen – ich muß noch lachen in dem Gedanken an die Lehrproben – Entgleisungen, von denen Sie erzählten. In diesem Jahre kommen Sie nun zum Teil schon von weit her aus den verschiedensten Windrichtungen zusammen, mögen Sie alle ein recht frohes Wiedersehen feiern können, und möge die Freundschaft – darin gemeinsame Freuden und Leiden geknüpft – Sie noch manches Jahr mit einander verbinden – je älter man wird, desto mehr weiß man solche Freundschaften zu schätzen. Ich wünsche Ihnen allen, daß Sie auf das nächste Jahr mit ebensolcher Freude und ebensolchem Stolz zurückblicken mögen, wie auf das vergangene. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal wieder über Ihr Leben und Treiben hören würde.
Seien Sie alle herzlichst gegrüßt von
Ihrer Anni Büsche.
P.S. Haben Sie auch noch alle Ihren Zopf? Zur Stuttgarter-Reise ist der meine gefallen – nach den Herbstferien erschienen mit dem Bubikopf außerdem noch: Fräulein Rudtke, Kühn und Oerter!
Blücher, den 18.12.1927.
Meine lieben Mitschwestern!
(feudale Anrede, fast der Vorsitzenden einer Frauenbewegung angepaßt.)
Ich ergreife mit klammen Fingern die Feder, denn es herrscht hier eine Hundekälte, man ist so vermummt, daß nur noch von “weiterrollen” die Rede sein kann und nicht von gehen. Hier merkt man den Winter bannig in der Ebene. Mein Zimmer ist ein Eisloch, 3 Fenster und Außenwände; zur rechten Zeit bin ich ausgezogen, um dem Anfrieren im Bette zu entgehen. Ich habe eine arbeitsreiche Zeit hinter mir, vielmehr stehe ich noch drin, denn vor Weihnachten auf dem Lande gibt es enorm viel zu tuen. Aber es macht mir doch mächtigen Spaß. Vor 5 Wochen haben wir geschlachtet; und zwar 20 Gänse; Frau Sch. hat geschlachtet und ich habe sie alle gehalten, ich muß ehrlich sagen, es war für die Nerven eine Pferdearbeit; dann haben wir gerupft, daß die Federn flogen und zum Schluß auch die Arme das Tattern kriegten; hiernach sind sie für den Verkauf fertig gemacht worden. Es war eine Freude, die Dinger fix und fertig in einer Reihe hängen zu sehen. Nach den Gänsen kamen die Schweine dran. 3 Schweine mußten ihr Leben lassen. Ich war mit dabei, die Schweine sterben mindestens noch einmal so schnell wie die armen Gänse. Dann sind sie zerlegt worden; Därme mußte ich herrichten, Wurst mischen, stopfen, abbinden, Schwarzsauer kochen, Wurst kochen und was alles bei der Schlachterei zu tun ist. Nachts um 1 Uhr waren wir fertig und fielen um 2 Uhr in unsere Betten. Aber gelernt habe ich viel dabei. Am Freitag haben wir wieder 2 Schweine geschlachtet, und wieder Hähne, Hühner und Gänse. Und gebackt wird in großen Mengen, nicht 1/2 Pfd-weise, sondern von 30 Pfd Mehl usw.; denn die Leute erhalten am Heiligabend alle 2 Pfd Nüsse usw.
Kinnings, es ist doch die schönste Zeit vor Weihnachten, besonders wenn das Wetter danach ist. Gestern haben wir Weihnachtspakete gepackt; ein wunderschönes Vergnügen …
Weihnachten bin ich bei meinen Eltern, Hurra! Ich bin glücklich darüber. Am Donnerstag werden unsere Riesentannen, die wir aus unserem Walde holen, geschmückt; und am Freitag wird der Gabentisch aufgebaut. Ach, ich habe ja noch so viel vor. Darum will ich jetzt den Schlußpunkt machen. Wie ich mich auf unseren Klassentag freue, ist Euch wohl gänzlich klar.
Herzlichst
Eure Helga Ritter.
Düsseldorf, d.10.Jan. 28
Meine liebe Klasse!
Nun hat unser liebes Büchelchen wohl lange genug ausgeruht, ich werde es mal wieder in Bewegung setzen, von mir habt Ihr ja auch Weihnachten persönlich nichts gehört. Die Lüneburger haben Euch sicher erzählt, daß ich zu Hause war. Ich habe sie auch nicht mehr gesprochen. Meine Zeit, die ich zu Hause verbringen durfte, war gar zu kurz bemessen. Es tut mir ja wirklich sehr leid, daß ich Euch nicht habe wiedersehen können. Ihr werdet doch hoffentlich nicht böse auf mich sein, das ist denn sowas, wenn man verlobt ist. Aber schön ist es doch. Ich habe ganz himmlische Tage in Lüneb. verlebt. Ich kann mich jetzt nur schwer wieder an den grauen Alltag gewöhnen. Ihr seid vielleicht auch neugierig zu hören, was ich hier treibe. – Ich bin hier in einem sehr netten Blumengeschäft als Volontärin. Ich habe es sehr gut getroffen und schon viel gelernt. Wir arbeiten nur erstklassige Sachen. Ich habe sehr große Freude daran. Man glaubt gar nicht, wie lieb man jedes Blümchen gewinnt, wenn man so jeden Tag damit umgeht. Vor Weihnachten haben wir unendlich viel zu tun gehabt, jeden Abend wurde es 10 od. 12 Uhr. Genau so war es auch an besonderen Festtagen, Allerheiligen usw. Jetzt ist es allerdings sehr still im Geschäft. – Ich habe augenblicklich meine Mittagspause, die 2 Std. dauert. Morgens muß ich um 8 Uhr erscheinen u. abends bis 7 Uhr dort sein. In meiner Pension gefällt es mir auch sehr gut. Ich muß allerdings vom Geschäft aus immer eine 1/4 Std. mit der Bahn fahren, aber das stört mich nicht, ich bin im Gegenteil immer heilfroh, wenn ich aus dem Stadtlärm heraus bin. Hier draußen ist es herrlich. – Düsseldorf gefällt mir sonst sehr gut, es ist eine ganz moderne Großstadt mit wunderschönen Bauten u. Anlagen. Gegenüber von unserem Geschäft liegt der Hofgarten, der im Sommer bezaubernd schön ist. Gleich davor liegt das Schloß Jägerhof. – Gestern habe ich auch mal wieder einen herrlichen Spaziergang am Rhein entlang gemacht. Dann bin ich durch den Ehrenhof gegangen, dort stehen noch einige Gebäude von der Gesolei*), ganz fabelhaft schön. – Dann hat Düsseldorf auch ganz herrliche, breite Straßen und die sind quadratisch angelegt, daß man sich sehr leicht zurechtfindet. Es gibt wunderschöne große Geschäfte, viel schöner als in Hamburg. – Also Ihr hört, daß es mir hier wirklich gut gefällt, hauptsächlich zuerst als alles neu war. – Elberfeld und Barmen habe ich mir auch schon angesehen, u. nächstens will ich mal nach Essen fahren. Zu meinem Geburtstag kommt mein Bräutigamm vielleicht hier her mich besuchen, dann wollen wir zwei nach Köln fahren. Hoffentlich geht es Euch allen auch so gut wie mir. Die Düsseldorfer Luft bekommt mir nebenbei ausgezeichnet. Ich wiege jetzt 132 Pfd, also tüchtig zugenommen.
Euch allen tausend Grüßse.
Ilse Schomaker.
*)”Gesolei” = Große Ausstellung für Gesundheit, soziale Fürsorge und Leibesübungen Düsseldorf 1926 (08.05 bis 15.10.1926)
Potsdam, den 15. Januar 1928
Ihr Lieben alle!
Dieses Mal ist das Buch zu etwas ungelegener Zeit zu mir gekommen, d.h. ich hatte allerdings schon darauf gewartet, und es hat mir auch viel Freude gemacht. Aber ich kann Euch heute leider wenig Neues hineinschreiben. Ich habe jetzt so schrecklich viel Arbeit, daß ich wenig freie Zeit erübrigen kann. Und wir haben uns ja auch erst gründlich auserzählt, daß Ihr alle wißt, wie es mir ergangen ist. Ich denke noch oft an den Klassentag, es war doch fein. Jetzt verlangt also, wie gesagt, die Schule ganz energisch ihr Recht oder auch noch mehr. Man merkt, daß es dem Examen zugeht. Klausuren spuken, man wird von einer Arbeit zur anderen gehetzt, sodaß die unfertigen sich in den Schubladen türmen. Aber dabei vergeht die Zeit sehr schnell, und man empfindet dieses Vierteljahr als nicht zu lang. Unsere nächste große Arbeit wird ein Schlafanzug. Dienstag fangen wir damit an. Ich bin selbst gespannt, was für Dinger dabei herauskommen werden. Wochenlang werden wir wohl daran zu tun haben. Voriges Jahr um diese Zeit quälten uns ganz andere Sorgen. Da gingen uns Albumin (Anm.: Eiweißstoff) u. Kase’in und Eisen, Blei u. Zink durcheinander mit Eierstich u. Weinschaumsauce. Das ist mir jetzt alles so weit ins Unbewußtsein gerutscht, daß ich´s bestimmt nicht wieder heraufholen könnte. Was man sich wohl zu seinen sämtlichen Examen noch alles einpauken und wieder vergessen muß! Gut, daß das Gehirn die Eigenschaften einer Ziehharmonika besitzt. Meines ist heute vollkommen ausgepumpt, vermutlich, weil ich den ganzen Tag geprünt habe. Darum also Schluß. Hoffentlich bringe ich das nächste Mal etwas Gescheiteres zu Papier.
Euch allen recht herzliche Grüße.
Eure Hildegard Schulze.
Meine Liebe Klasse von 1925 – 26!
Oft und gern denke ich noch an das Seminarjahr mit Ihnen zusammen zurück. Am letzten Sonnabend dachte ich während des Unterrichts lebhaft an Sie, und kaum hatte ich um 1/2 3 Uhr die Klasse verlassen, steht Margarete Schulze mit dem Rundbrief vor mir. Also gibt es doch noch Gedankenverbindungen. Mit großer Freude und Interesse lese ich Ihre Berichte und kann Sie mir alle so recht in Ihrem Wirkungskreis vorstellen. Nicht mehr lange wird es dauern, so werden die schönen Lehrjahre vorüber sein und Sie wenden sich den schweren Lebensjahren zu. So ganz einfach ist es oft nicht, aber mit gutem Willen kommt man über die größten Schwierigkeiten hinweg. Bei uns hat sich durch den Tod von Frl. Pfannenstiel, der uns doch noch zu schnell kam, trotzdem man ihr eine Erlösung von ihrem schweren Leiden gewünscht hatte, eine Menge im Unterricht geändert. Frl. Grünenberg hat die Lehrübungen mit übernommen, für die anderen Fächer sind fremde Damen und Herren vorläufig eingestellt.
Wir sind wieder mitten in der größten Arbeit, denn am 20. + 21. Febr. steigt schon die praktische Prüfung, diesmal mit Doppelklassen, 28 Schülerinnen. Am 2. März ist dann alles wieder überstanden. Das gute Frl. Liese ist schon eifrig bei der Arbeit um alle mit Seufzern fertiggestellten Sachen der Prüfungskommission verschönt erscheinen zu lassen.
Hoffentlich wird es Ihnen 12 weiter recht gut gehen, und werden Sie weiter Erfolg und Freude haben!
Mit freundlichem Gruß
Ihre Karla Dudy.
Harburg, den 29.Jan.28.
Meine lieben Mitschülerinnen!
So sehr wie dieses Mal hab ich mich noch kaum über das schon ersehnte Buch gefreut, trotzdem wir uns ja erst vor kurzem auserzählt hatten. Ich war besonders so begeistert, weil man durch die Berichte von unseren Lehrerinnen mal wieder recht lebhafte und lustige Erzählungen aus der geliebten Penne hört. In der “herrlichen Aula des stattlichen Nebenhauses” (um mal gleich einen Anknüpfungspunkt festzuhalten) haben Käthe Brandes und ich übrigens neulich an einem Unterhaltungsabend des Schulvereins teilgenommen. Die Darbietungen waren alle von einer Frauenschulklasse, alle sehr lustig, zum Teil ganz entzückend. Unter den Besuchern waren leider wenige uns bekannte. Es ist aber so angenehm, daß ich jetzt, seitdem ich brav und bieder von 1/2 9 – 1/2 6 tägl. ins “Geschäft” marschiere, wieder an derartigen Veranstaltungen teilnehmen kann. Ich freu mich, daß ich die Abende nun wieder für mich frei habe nach des Tages Last und Müh, die jetzt übrigens auch nicht annähernd mehr so groß sind wie in den ersten Praktikumabschnitten. Ihr wißt ja, daß ich jetzt bis zum 1. April bei der Firma Möhring in Hamburg Wäsche nähe, aber Ihr wißt nicht, oder denkt wahrscheinlich nicht, was man in 1 3/4 Jahren nach dem Handarbeitsseminar alles verlernen kann. Ich war zuerst entsetzlich ungeschickt an meiner Nähmaschine, hab mich dann zwar allmählich mit ihr angefreundet und kenne nun auch ihre übelste Angewohnheit, das Sticheauslassen, sowie deren Ursache und Beseitigungsmöglichkeit, so daß ich nicht immer gleich “einen Mechaniker zu Rate zu ziehen” brauche. Alles äußere Drum und Dran aus dem Wäschenähpraktikum könnt Ihr Euch aus Käthes und Carlas Berichten damals ja vorstellen. 35 Näherinnen etwa in einem verhältnismäßig kleinen Raum, an elektrischen Maschinen, die heillosen Spektakel machen, dazwischen die Knopflochmaschine, die noch viel heilloseren Radau macht. Trotzdem hab ich aber eigentlich nie Kopfschmerzen davon bekommen, wie Käthe erzählte. Den größeren Ärger bei der Arbeit verursachten mir die nicht gerade schöne Beleuchtung bei meiner Maschine und meine untauglichen Augen, für deren verstärkte Weitsichtigkeit ich aber inzwischen nun eine stärkere Brille bekommen habe; nun kann ich die Stiche, die ich trennen muß, besser sehen, wenn ich sie mit der Stecknadel auspieksen will, und die Falten besser messen, die ich genau 7 1/2 mm, aber nicht 8 mm, breit nähen muß. Es wird im Geschäft ja so peinlich genau gearbeitet, wirklich mit Bruchteilen von mm gerechnet; und davon bin ich ja nun nicht gerade begeistert. Was ich bis jetzt alles geschustert habe, ist ja nicht so furchtbar interessant, natürlich zuerst ganz einfache Sachen, Bettücher gesäumt und dergl.. Spaß machten mir Säuglingshemdchen, die ich nähen mußte u. die mich lebhaft an die Arbeit vorher, bei den Säuglingen im Krankenhaus, erinnerten. Na, und nun allmählich hab ich ja auch schon andere Wäsche, z.B. Nachthemden mit Passe, Kragen u. Ärmel, fabriziert. Für die Dinger hab ich richtig Interesse gekriegt. Ich muß Euch übrigens noch die letzte Arbeit aus dem Krankenhaus erzählen. Als wir dort am Sylvesterabend beim Abendbrot saßen, wurde uns noch ein kleiner Säugling eingeliefert mit – Läusen! (Das war zwar nicht die Krankheit, sondern nur die Zugabe) Ja, ja, “kommen die Kinder ganz verlaust später usw. … , heißt es säubern sie, Sie sehn, es ist, um auf dem Kopf zu stehn.” Wir stellten uns lieber nicht erst auf den Kopf, sondern setzten dem armen Wurm dafür auf seinen eine Läusekappe. Es war mir höchst interessant, das noch in der letzten Stunde meiner krankenpflegerischen Tätigkeit zu lernen, und die noch kennen zu lernen, nämlich die Läuseviecher.
Meine Zukunftspläne kann ich Euch nun auch schon etwas genauer entrollen als Weihnachten.
Ihr wißt, daß ich mich in Spandau zur Turnausbildung angemeldet habe. Nun habe ich die erfreuliche Antwort, daß ich zur Aufnahmeprüfung zugelassen bin. Daß ich damit wirklich aufgenommen werde, ist ja zwar noch sehr unsicher, denn es werden bedeutend mehr Bewerberinnen zur Prüfung zugelassen, als überhaupt aufgenommen werden können. Ich hoffe aber, daß ich nun doch einen kleinen Schritt weiter bin. Vorläufig muß ich natürlich energisch trainieren. Der Muskelkater sitzt mir immer woanders, das Turnen macht mir aber Spaß und ist mir sehr dienlich nach fast 4 Jahren, in denen ich gar nicht geturnt habe. Wenn ich die Aufnahmeprüfung erst überstanden hätte und wirklich in Spandau säße, würde ich mich bannig freuen, ich denke mir das Ausbildungsjahr so erfrischend und gesund.
Zum Schluß ein kräftiges “Gut Heil” allen, die nun bald schon ihre Turnkünste im Examen beweisen und als tüchtige Sportler daraus hervorgehen werden.
Euch allen weiter viel Freude in den gepriesenen und sicher schönen Lernjahren wünschend, grüße ich Euch herzlichst.
Eure Margarete Schulze.
Spandau, den 17.II.1928
Ihr Lieben alle!
Das Buch hat ja nun wohl lange genug unser Vertikow verziert, es muß sich endlich wieder auf die Reise begeben. Ihr müßt schon entschuldigen, doch in der letzten Zeit hatten wir zuviel um die Ohren. Am 12. stieg unsere große Wintervorprüfung in der Städtischen Oper in Charlottenburg. Das gab Vorbereitungen genug. Es mußte ausprobiert und geübt werden. Wenn es auch viel Spaß machte, so hat es uns doch sehr viel Kraft und noch mehr Zeit gekostet. Aber schön war es doch. Es wurde wieder das historische Mädchenturnen gezeigt. Vielleicht seht Ihr uns mal in den Illustrierten oder im Kino, denn gestern hat man uns auch gefilmt. Unsere Riege stellte das Turnen um die Jahrhundertwende dar mit Pluderhosen und Matrosenblusen und einem Ring mitten auf dem Schädel. Es war eine Freude uns anzusehen!? – Danach wirkte das nunzeitliche Turnen besonders fein, die Bodenübungen und Geräteübungen. Zum Schluß ein Volkstanz von Männlein und Weiblein. Wir hatten uns dazu alle abgetönte einfarbige Kleider genäht mit 3m weiten Röcken. Die Herren hatten weiße Sporthemden und schwarze Hosen; es machte sich sehr fein. Es war schon allein interessant, mal hinter den Kulissen einer solch großen Bühne herumzustöbern. All die Schalttafeln für Blitz, Donner, Einschlag usw. Und dann die vielen Garderoben. Uns hatte man in den 4. Stock bugsiert, in die Statistengarderobe. Und der Ballsaal entzückend. Wir haben natürlich alles ausspioniert. Das Komische war, daß man im Zuschauerraum aber auch nicht einen Menschen sehen konnte, ein gähnendes schwarzes Loch! Am Dienstag wurde der ganze Rummel in einer Turnhalle wiederholt. Nun ist es auch genug. Man hat schließlich keine Lust mehr, denn zwischendurch all die Examen. Das praktische orthopädische ist fertig. Da mußten wir ihnen so 2 Übungen vorkriechen. Eben hatten wir die Theorie. Da setzt man sich hin und lernt und guckt sich das Gerippe und den Muskelmann von hinten und von vorn an, um nachher einen Augenblick mit ganz was anderem dranzukommen. Und so ist es eigentlich doch schon immer gewesen. Na man könnte sonst auch ganz gefährlich reinschlittern. Ich mußte über die Spannbeuge reden, das ging herrlich. Elfriedchen hatte Beckenneigung und Form der Wirbelsäule. Nun fehlt noch die orthopädische Lehrprobe, dann ist das Gebiet auch erst mal fertig. Die richtige Turnlehrprobe haben wir am Dienstag gehalten. Es klappte alles ganz gut. Doch die Gören waren unverschämt frech, dann mit 3 Klassen in einer Halle, man schrie sich die Seele aus dem Leib. Übernächste Woche fängt die Schwimmprüfung an, alles stürzt sich schon voller Verzweiflung in die Fluten, die Haare sind nie mehr trocken. Und dann geht´s immer so weiter. Vorläufig ist alles noch wie ein großer unmöglicher Berg vor uns. Aber in 4 Wochen ist ja schon alles vorbei. Schade, dann ist das schöne, vielleicht das schönste Jahr zu Ende. Ich mag noch gar nicht dran denken. Und dann … ? fängt der Ernst des Lebens an! Wenn wir nur wüßten, wo wir Ostern landeten! Diese Bewerbungsschreiben, ich wünsche Euch allen viel Vergnügen dazu! Hoffentlich klappt was! – Und vor allen Dingen müßt Ihr dafür sorgen, daß die Skifahrt was wird, nämlich für Schnee! Augenblicklich ist ja alles ohne!
Nun muß ich Schluß machen, denn um 4 heute nachmittag wollen wir uns mang das Familienbad in das Chlorwasser stürzen. Wenn das man gut geht!
Euch allen weiter viel Spaß und Freude in der Arbeit und den Hamburger Turnern ein kräftiges “Gut Heil” für das Examen.
Eure Else Sporleder.
Spandau, d. 17.2.28
Ihr Lieben!
Diesmal bekommt Ihr nur einen ganz kurzen Gruß von mir, denn Else hat Euch ja schon von allem Neuen berichtet! Gerade kommen wir aus dem Chlorwasser-Familienbad, es war verheerend, bei jedem Sprung schwebte man in Gefahr, irgendeinem planschenden Wesen da unten in den Nacken zu springen! Aber was hilft´s, immer rin ins Vergnügen, die Prüfung, die Prüfung!! Aber trotz unserer Ängste sind wir immer noch lustig und fidel, und an Abwechslung fehlt´s uns ja auch nicht, siehe “Städtische Oper”! Das war interessant, ich sage Euch, man kam sich ganz anders vor auf dieser großen Bühne, ob Ihr uns wohl mal im Film seht? Dann erschreckt nicht ob unserer Schönheit, denn der “Knust” auf unserem Haupt steht uns herrlich zu Gesicht! – Laßt es Euch weiter recht gut gehen, Euch Hamburgern Hals- und Beinbruch zum Examen!
Nun seid alle herzlichst gegrüßt
von Eurer Elfriede Benecke.
Harburg, d. 26.2.28.
Liebe Kameradinnen,
Euch Spandauern vielen Dank für Eure frommen Wünsche. Wenn man erst alles überstanden wäre, und gut möglichst! Ihr seid ja schon bald fertig, aber wir kommen erst nach Ostern dran, arbeiten die ganzen Ferien durch. Am 13. April ist die schriftl. Prüfung (Aufsatz und 2 Themen aus der Anatomie), am 20. (noch unbestimmt) praktische Pr., desgleichen am 23. u.24. (Haupttage mit Lehrproben usw.), Ende April die Schwimmprüfung. Also kann man eine eventuelle Stellung erst zum 1. Mai antreten. Hoffentlich findet sich was. Das ist ja nun der hüpfende Punkt für alle von uns, die jetzt fertig werden. Überhaupt wird von Ostern ab wohl für die meisten wieder alles anders werden.
Wir haben übrigens immer noch Bode*)-Gymnastik, da diese für die Schule besser zu gebrauchen ist als Laban**). Neulich sahen wir im Civius Busch-Gebäude eine Vorführung von einem Laban-Chorwerk. Manche fanden es sehr schön. Nächsten Mittwoch gehen wir zu einer Vorführung von Lopes-Hannover***). Anfang März zu einer solchen von Dora Menzler****). Es ist in der Weise immer allerhand los in Hamburg, und wir müssen natürlich in erster Linie hin.
Mittwochs sehe ich in der Schwimmhalle Lübeckertor öfter Frl. Rösler, die nach uns mit Schülerinnen da ist, neulich entdeckte ich auch Frl. Dudy von oben aus, mußte aber schon wieder zum Zuge stürzen, sodaß zum Erzählen keine Zeit war.
Am Hochreck übt jetzt jede schon ihre Kürübung, ebenso beim Schwimmen jede ihre Kürsprünge. Um das Unterrichten zu lernen, gehe ich öfter Sonnabends nachmittags zu unserem H.T.B. (Harbuger Turner Bund ? ), Kinderabteilung. Viele von uns sind ja schon Lehrerinnen und können es daher besser. Im Übrigen sind eine ganze Reihe momentan irgendwie blessiert; man muß sich vorm Examen wirklich noch besonders in acht nehmen, daß man sich nichts verknaxt oder so.
In der Brennerstraße sind die Examen ja auch bald überstanden. Gunda Hähnel erzählt mir immer davon. Anfang März werden die schon fertig. Wißt Ihr noch, wie wir voriges Jahr alle bibberten und uns gegenseitig aufregten? Das meiste, was wir dort gelernt haben, hauptsächlich die Theorie, ist einem schon gänzlich ins Unbewußtsein gerutscht. Wem von Euch geht es nicht so?
Nun laßt es Euch weiter allen recht gut gehen, bei Wäschenähen, Viehzucht, Säuglingen, Blumen, Turnerei Krankenpflege usw.
und seid auf´s Herzlichste gegrüßt von
Eurer Gertrud Beyer.
(Anm.: *Bode, Rudolf = “Altmeister der deutschen Gymnastik”; **Lablan, Rudolf von = Tanz-Pädagoge u. -Theoretiker, u.a. “raum-rhythmische Bewegungslehre”, Laientanzgruppen u. Bewegungschöre; ***keine Aussage im Brockhaus); **** D. Menzler gründet 1908 eigene Schule zur Ausbildung von Gymnastiklehrerinnen in Leipzig.
Tag und Datum weiß ich nicht,
Fragst Du mich – dann beiß ich Dich!
Ihr lieben Leutchen,
Ich bin wieder im alten Nest und fahre jeden Morgen – nicht in die Hansawerkstätten, wie ich das vorne irgendwo verkündet habe – sondern zu Frau Diebitsch-Hardorff, einer Kunstgewerblerin am Neuenwall. Der Hansawerkstättenmann wollte mich plötzlich für so kurze Zeit nicht aufnehmen, trotzdem er es vorher fest versprochen hatte. Jetzt steht er unter Geschäftsaufsicht, ich bin ja nicht schadenfroh – aber meckern könnte ich feste – wenn die Sache an sich (u. als solche) nicht so`n trauriges Zeichen für Hamburg wäre. Also mit dem Ideenstehlen für Sommerkleider wird das wohl nun nichts mehr, geliebtes Helgackel, verflossenes Quassel !
In meinem neuen Praktikum fühle ich mich herrlich wohl. Ich arbeite ohne Mittagspause von 1/2 9 – 1/2 18 (büschen anstrengend für mich altes Wrack) mit 3 Gesellinnen und 3 Lehrlingen zusammen, das sind sehr nette Hamburger Derns. Am 17. Mai bin ich fertig und pause dann den ganzen Sommer, worauf ich mich schrecklich freue. Frau Diebitsch ist rührend besorgt um mich u. setzt mich jeden Tag einmal zum Luftschnappen an die Alster. Frau Diebitsch ist auch die Ursache meiner augenblicklichen Praktikumsbegeisterung. Sie ist ein sehr feiner, lieber Mensch, mit unendlichem Humor begabt, die nie die Flunken hängen läßt, und sich selbst bei den schrecklichsten Geschehnissen zu retten weiß, und es geschehen bei uns Dinge, Kinner, Ihr ahnt es nicht: ganze Kleider werden versengt, seidene Decken betinten-kleckst, Stickereien eingerissen und eingeschnitten – und alles flickt sie mit dem Mantel der Liebe in Gestalt von hübschen Schmetterlingen, aparten Blumen, Kringeln, Punkten u.s.w. zu, sodaß niemand mehr etwas von dem Malheur ahnt. Hoffentlich färbt sie etwas auf mich Pedanten ab.
Ich könnte Euch stundenlang von ihr erzählen (nicht schreiben!), da ich aber wirklich nicht weiß, wo ich da anfangen und wo aufhören soll, höre ich lieber auf, bevor ich angefangen habe, und schicke das geliebte Buch, das sich schon wieder mal etwas länglich bei mir aufgehalten hat, schleunigst weiter.
Herzlichst
Eure Käthe Brandes.
Sonntag, d. 22. April 1928
in der Mittagsfreistunde.
Liebe Klasse!
Fast ein halbes Jahr liegt zwischen meinem letzten Bericht und diesem; ich bin seit dem 1. Jan. hier in Bremen im Willehardhaus, d.h. dem ehemaligen Marinekrankenhaus und habe das Vierteljahr Krankenpflege am 1. April beendet. Zwei Monate habe ich als Lehrschwester auf der Kinderstation und den dritten auf einer Frauenstation gearbeitet. Denkt Euch! ich trage richtige Schwesterntracht, Kleider bis auf den Fußboden, steife Kragen und eine weiße Haube. Jetzt kommt mir das nicht einmal mehr komisch vor, ich fühle mich äußerst wohl. Ich wohne mit zwei anderen Lehrschwestern zusammen, von denen die eine jetzt Nachtwache hat und für vier Wochen ausgezogen ist. – Die Krankenpflege liegt jetzt soweit hinter mir, daß ich kaum noch davon berichten kann. Auf der Kinderstation wechselte ich mit zwei anderen Lehrschwestern die Arbeit, eine zeitlang hatte ich die Kleinen bis zu 2 u. 3 Jahren, dann Mädchen bis zu 15, danach Jungens bis zu 15 Jahren. In allen Abteilungen habe ich gern gearbeitet; am schönsten war´s aber bei den Jungens, die sind wirklich rührend dankbar. Eine Woche habe ich einen sehr schwer kranken 6-jähr. Jungen gepflegt, der dann an Gehirnhautentzündung starb. – Er war mein erster Todesfall!! – Ich habe nachher noch einige auf der Frauenstation erlebt, die mich aber lange nicht so ergriffen, wie der Tod dieses Jungen, den ich dauernd gepflegt hatte. – Eine Woche lang habe ich bei Operationen, die an unseren Kindern gemacht wurden, Arme, Beine oder Köpfe halten müssen; das war sehr interessant, dabei hatte ich genügend Zeit, genau den Hantierungen des Arztes zuzusehen. –
Auf der Frauenstation hatte ich verschiedene innere und chirurg. Fälle. Die Patienten lagen zu zweien und dreien in kleineren Zimmern; durchschnittlich 16. Ich arbeitete mit einer Stationsschwester und zeitweise noch einer zweiten Lehrschwester zusammen. –
Augenblicklich komme ich nur indirekt mit Kranken zusammen; ich arbeite mit einer Diätassistentin, die jetzt in Eppendorf ausgebildet ist, zusammen in der Diätküche. Wir richten uns nach Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett. Staunt!! mein Ragnar Berg (schwed. Ernährungsforscher: Mineralstoffwechsel + “Spurenelemente”; anorg. Basen/Säurebildner in Nahrung) , u. das chem. Praktikum sind wieder zu Ehren gekommen. Wir wollen auch noch Kalorienberechnungen machen. Wir haben hauptsächlich Magen-, Herz-, Nieren-, Zuckerdiäten und auch eine “Entfettungsdiät”, für einen Mann, der mit 315 Pfd eigentlich auf den Jahrmarkt gehört. Ich nähre mich jedenfalls nach allen Diäten, was mir davon paßt heraussuchend, und fühle mich sehr wohl dabei. Ich koche Mehlschwitzen von 10 g Butter, 10 g Mehl, wiege 12 g Butter als Tagesration für Dickchen und 10 g Kartoffeln für eine Zuckerkranke ab. Dieser Püttcherkram macht zuviel Spaß. Neulich hatten wir sechs mal Nudelauflauf und jeder verschieden, salzfrei, salzarm, fettfrei, normal, besonders gut usw. Allmählich habe ich mich zurechtgefunden und wünsche im Augenblick sogar etwas mehr Betrieb. Es geht uns beiden als selbständiger Anhängsel der großen Küche äußerst gut, daß wir beinah den Neid der Götter fürchten. Ich bleibe voraussichtlich bis zum 1. Juli hier. Was dann kommt mögen die Götter wissen; ich weiß noch nichts. –
Ich hoffe das Buch vor einem halben Jahr noch wieder zusehen, denn eigentlich interessiert mich der Wechsel, der jetzt zu Ostern eingetreten sein wird, sehr. –
Herzliche Grüße Euch allen
Eure Carla von Lauenstein.
Himmelfahrt, den 17.5.1928
Liebe Klassenschwestern!
Endlich ist das Buch wieder angelangt bei mir, ich dachte schon, es wäre verloren gegangen. Was ich von Euch allen höre, interessiert mich immer sehr, das Buch ist ja auch das einzige, was mir von Euch zu hören gibt. Ihr scheint es ja jetzt im allgemeinen nicht schlecht zu haben und ich kann auch nicht klagen. Ich sitze noch in Wandsbeck und fühle mich allmählich dort zu Hause, es hat aber lange genug gedauert. Mein Hospitantenjahr habe ich glücklich hinter mir. So was langweiliges kann man sich nicht zum zweitenmal denken. Jeden Tag flicken und stopfen und sonst nur zusehen, mal etwas schreiben; das ist die ganze tägliche Arbeit gewesen. Nur Sonnabends, wenn ich den Unterricht hatte, war´s netter für mich. Vor ungefähr 14 Tagen habe ich die Prüfung für das Turnseminar bestanden und bin jetzt schon fleißig am Turnen. Ich hab ´s also doch noch geschafft. Vor einer Woche war ich in der Brennerstraße gewesen, um mich nach dem Gewerbeseminar zu erkundigen, es wird eins hier in Hamburg aufgemacht, denkt Euch mein Entsetzen, als mir Rudtke mit einem Bubenkopf und Herrenschnitt entgegenkommt. Ziewold und Echte haben sich auch einen zugelegt und noch eine ganze Menge andere Lehrerinnen, die ich kaum mit Namen kenne. Ja, ja die Brennerstraße kommt sich! Mit dem Gewerbeseminar ist es leider nichts, das erfordert noch 3 Jahre Studium, dafür habe ich keine Moneten. Am Turnabend habe ich mit dem Wandsbecker Kollegium einen Ausflug nach Kranz gemacht, ich habe lange nicht so viel gelacht wie da. Die alten Lehrer, die doch eigentlich die mürrischsten sein sollten, waren im Witzereißen die schlimmsten. Die Dampferfahrt nach Kranz war herrlich, dann 2 Stunden immer auf dem Deich gewandert, darauf wie die Schlemmer zu Mittag gegessen, wieder eine gute Stunde gewandert und von Wisch mit dem Dampfer zurück. Ich kann allen, die in Hamburg sind, diese Tour wärmstens empfehlen. Heute am Himmelsfahrtstag, sollte wieder eine Tour steigen, aber sie ist leider Gottes verregnet. Im Turnseminar turnen wir ohne Pause jeden Tag, außer Mittwochs, 2 1/2 Std., dazu kommen noch Schwimmen und Vereinsturnen, (wir müssen irgendeinem Verein angehören!) Da könnt Ihr Euch denken, wie das zuerst anstrengt. Theoretische Stunden gibt´s auch noch nebenbei. Vergnügt und lustig ist´s aber bei uns, da geht alles noch mal so gut.
Nachdem ich meine Epistel noch einmal durchgelesen habe, fällt mir auf, daß es ein ziemliches Durcheinander geworden ist. Aber ich traue Euch soviel Grips zu, einigermaßen Verstand hineinzubekommen.
Else und Elfriede haben Ihr großes Jahr jetzt auch schon hinter sich und atmen auf. Ist die Prüfung, oder die Prüfungen besser, gut abgelaufen und war´s schwer? Jetzt Schluß, ich weiß nichts mehr. –
Ein dreifach kräftiges “Gut Heil!”
Eure Dora Düker.
Hamburg, d. 14.6.28
Liebe Klasse!
Vor einer Woche erhielt ich das Buch von Dora, sie läßt vielmals um Entschuldigung bitten, durch ihren Besuch hatte sie das Absenden ganz vergessen.
Ihr denkt gewiß, ich wäre schon in Amt und Würden, das ist aber nicht der Fall, vorläufig habe ich mich bei der Oberschulbehörde noch nicht vormerken lassen, da es bei uns im Hause viel zu tun gibt. Wir ziehen nämlich kommenden Mittwoch von hier fort nach Dassendorf, Post Aumühle, am Sachsenwald gelegen, in unser eigenes Häuschen und sind beim Verpacken der Sachen.
Die Prüfung hätten wir also glücklich hinter uns. Vielleicht wird es einige interessieren, das Thema der schriftlichen Arbeit zu hören. Es gab zwei Themen zur Auswahl, sie lauteten:
1.”Die Verwendung des Kastens im Mädchenturnen”,
2.”Welches ist das Ziel des Turnunterrichts?”
Die anatomischen Themen: „Blutkreislauf“ oder „Muskulatur des Schultergürtels.” – Ihr seht, daß es ganz einfach war. Zur mündlichen Prüfung hatte man natürlich viel zuviel gepaukt. So hatte ich mir in der Anatomie Ansatz und Ursprung sämtlicher Muskeln eingeprägt und kriegte natürlich ganz etwas anderes. Ich mußte über die Haut sprechen, es ging sehr gut. Auch das Praktische klappte alles. Wir mußten zuerst klettern und zwar an einem Tau hoch und an zweien im Beugehang abwärts hangeln. Das hatten wir vorher zur Genüge geübt. Dann folgten Flanke, Hocke, Grätsche am Pferd und Kasten, selbstverständlich ohne Hilfestellung. Am Hochreck und Hochbarren eine Kürübung. An einem anderen Nachmittag wurden wir in Leichtathletik, Spielen und Volkstänzen geprüft. Auch mit den Lehrproben ging es sogar so gut, daß wir von den Schwimmlehrproben z.T. befreit wurden. Ihr könnt Euch unsere Freude vorstellen, da schwammen wir noch einmal so leicht in unserem nassen Element.
Für heute muß ich schließen, denn die Arbeit ist kein Frosch, sie hüpft uns nicht davon.
Herzliche Grüßse
Eure Gertrud Frischgesell.
Hamburg, den 19.VI.28
Geliebte Rasselbande,
nennt Ihr das Vorschriften befolgen?! Fast jede hat das Buch wieder länger als erlaubt gehabt!! Auf diese Weise hat der Rundbrief zu einer Runde über ein halbes Jahr gebraucht; und unterdes wartet man und wartet man, von Euch etwas Neues zu erfahren! Auf diese Weise habe ich so viel nachzutragen, die Epistel wird immer lang und länger …
Als wir uns das letzte Mal, Weihnachten bei uns sahen, war ich noch mitten im Säuglingspraktikum. Es war, wie Ihr alle wißt, sehr nett, wenn auch sehr anstrengend. Dann ging ich zu Frau Leo Krebs ins Schneideratelier. Ich dachte, ich könnte schon ein wenig schneidern, weil ich es doch sogar durch das Lehrerinnenzeugnis schriftlich hatte. Aber nichts davon, im Atelier konnte ich so ungefähr von vorn anfangen. Zuerst wie die kleinen Lehrlinge Druckknöpfe annähen, Schrägstreifen zusammennähen usw. Geisttötend! Vor allen Dingen ging es noch genauer als im Seminar her. Ungefähr so war´s: Meistrin, ich bin fertig, darf ich trennen? Auf ein viertel mm kam es an. Die Leutchen, die im Wäschenähpraktikum waren, kennen vielleicht Ähnliches. Nach und nach bekam ich dann die netteren Sachen. Das machte viel Spaß. Interessant waren die Festkostüme zu arbeiten für die großen Künstlerfeste. Natürlich mußte alles mindestens aus Kreppedechine („crêpe de chine“: eine von vielen Kreppgewebearten) angefertigt werden. Geld spielte keine Rolle, aber Geschmack! Manchmal dachte ich im stillen, wie kann man nur diese sich beißenden Farben zusammen verarbeiten, und wenn das Kostüm fertig war, war´s geschmackvoll und todschick. Nach einem Vierteljahr hatte ich aber genug von der Schneiderei (mein Praktikum war ohne- dies zu Ende) und fuhr zu meinem Bruder nebst Schwägerin. Das waren fidele Wochen in Groß-Ilsede. Die kleine Gesellschaft (Mädchen und Junge) ist zu niedlich. Die Irmtraut ließ einem den ganzen Tag keine Ruhe. Morgens um 7 1/2 Uhr zu nachtschlafender Zeit (wenn man Ferien hat) kam sie schon an mit ihrem: “Ammahie autei.” (aufstehen) Sie zog mir kurzerhand die Decke weg und war tödlich beleidigt, wenn ich nicht sofort mit beiden Füßen aus dem Bett sprang. Den ganzen Tag ging es dann so fort. Erst wenn die kleine Bagage im Bett war, hatten wir Ruhe. Aber schön war´s doch.
Augenblicklich, d.h. von Beginn des Semesters an, studiere ich auf der Universität in Hbg. Käthe Brandes, Friedel Seegers, Ilse Timm mit mir. Im Herbst soll nun “bestimmt” die Prüfungsordnung herauskommen. Es wird Euch sicher interessieren, welche Fächer ich belegt habe: Pädagogik, Psychologie, Physik, Chemie Staatswissenschaft, Betriebswissenschaft, Jugendkunde (Volkswirtschaft sollte ich auch, tu es aber erst im nächsten Semester). Dazu kommen verschiedene Übungen und Hospitationen. Wie Ihr seht, ist es eine äußerst interessante Zusammenstellung. Es macht uns auch diebischen Spaß. Vorgeschlagen wurden uns diese Fächer von Schulrat Loose und dem Leiter des Erziehungswiss. Seminars der Universität. – Fräulein Konow u. Fräulein Knorr studieren jetzt auch, wir haben sie schon oft getroffen.
Übermorgen ist akademische Sonnwendfeier am Bismarckstein bei Friedrichsruh. Alle studierenden Verbände und was sonst auf der Unität herumläuft geht hin. Nachmittags ist eine Feier mit Ansprache des Rektors der Uni in dem Mausoleum, dann geht´s wie üblich durch den Schloßpark und abends Fackelzug zum Bismarckstein. Dort wird dann ein großes Feuer angezündet und gesungen. Es wird sicher wieder sehr feierlich.
So nun hab ich für heute genug geschrieben. Ich bitte Euch nur um eins, gebt das Buch etwas schneller weiter. Sonst verlobt und heiratet eine und man konnte, weil man´s nicht wußte, nicht zum Hochzeitsschmaus kommen!
Euch allen wünsche ich ein ebenso schönes Leben wie Lüttjes und ich es jetzt haben
und grüße Euch herzlichst.
Eure Annemarie Lepel, stud.phil. (tut wenig!)
Hbg; den 24.6.28
Geliebte Gemeinde,
wie rührend ich mich finde, daß ich mich an meinem freien Nachmittag hinsetze, um in dieses Buch zu kritzeln, kann ich gar nicht sagen. Annemarie brachte es vor einigen Tagen, bitte nicht Wochen! Also Kinnings, Blücher liegt hinter mir, jammerschade! Es war ein famoses Jahr zwischen Mist und Viehzucht; ich habe mich glänzend erholt dabei; es war ja ungeheuer viel Arbeit, aber sie machte Freude, weil wir uns alle glänzend verstanden. Am letzten Sonntag war ich nach dort eingeladen, es war ein herrlicher Tag. Am 15. April habe ich nun mein 2. prakt. Jahr angefangen; augenblicklich pflege ich Säuglinge, also entzückend, kann ich Euch sagen, aber anstrengend. Ich bin in dem selben Heim, in dem Annemarie gearbeitet hat.
Bis zum 1.Juli arbeite ich bei den Kleinsten auf der Oben-Station; dann nach einem Monat auf der Unten-Station bei den Krabbelkindern, und noch einige Tage in der Milchküche. Man könnte die Gören vor Wonne auffressen. Unser kleinstes ist 13 Tage alt, noch dazu eine Frühgeburt; ein schemenhaftes Wesen, das man kaum in der Badewanne wiederfindet. Man arbeitet schon so sicher mit den Kleinen, daß einem die Kleinheit gar nicht mehr aufgeht. Es wird einem mächtig schwer fallen, von den Würmern fortzugehen. Nach Erledigung der Säuglingspflege werde ich mich erst einmal 14 Tage auf die faule Haut legen. Man kann die paar Tage Ausspannung aber wirklich gebrauchen nach diesem Gehetze in der ewig warmen Luft. Und dann werde ich mich das letzte 3/4 Jahr auf die Schneiderei stürzen; Frl. Rudtke riet mir dazu (sie sieht übrigens recht gut aus mit dem Bubenkopf). Ein Praktikum wird mir von der Schneiderzwangsinnung zugewiesen in meinem Bezirk. Dann wird es mir wohl wie Euch gehen, daß nichts davon da ist von dem im Seminar Gelernten. Und danach werde ich auf die Universität wandeln und mein Wissen zu bereichern suchen. Aber das liegt ja noch in weiter Ferne. Hat eigentlich schon jemand von Euch einen Bubenkopf? Ich trage noch immer meinen Steert und gehe wohl bald zur Antike über. – Aber ich muß jetzt wirklich Schluß machen, wenn Ihr ahntet, welche Briefschulden auf meinen Schultern lasten.
Also Schluß mit Jubel.- Herzlichst
Eure Helga Ritter
(noch immer dieselbe Klaue, o Jammer!!)
Lüneburg, den 20.Juli 28
Meine liebe Klasse.
Das Buch ist diesmal lange gereist, bis es mich gefunden hat. Es hat mich sehr gefreut. Da es aber sehr ungelegen in unseren Umzug hineinkam, mußtet Ihr Euch noch etwas gedulden. Wir wohnen jetzt in der Grapengießerstraße und haben eine wunderschöne Wohnung. Ein Umzug bringt natürlich viel Arbeit mit sich, das könnt Ihr Euch ja denken. Nun haben wir alles fein gemütlich. Ich bleibe jetzt vorläufig im Haus bei meiner Mutter und helfe in der Gärtnerei meines Verlobten. Wenn es nicht so schwer wäre, eine Wohnung zu beschaffen, dann wäre ich wohl heute schon verheiratet, aber das fällt noch sehr schwer. Wir müssen uns noch erst selbst ein Haus Bauen. Bei uns kommt es auch immer darauf an, daß die Wohnung geschäftlich vorteilhaft liegt. –
Ich habe augenblicklich herrliche Tage hinter mir. Meine Freundin mit ihrer Mutter, mein Bräutigam und ich haben eine achttägige Radtour an die Ostsee gemacht. Es waren anstrengende Tage, hauptsächlich bei der Hitze, aber wundervoll. Wir sind am ganzen Strand entlanggefahren bis nach Heiligenhafen. Ich habe viel an unsere Tour damals gedacht. Es war wirklich schön, und braun wie die Neger sind wir. Meistens haben wir zweimal am Tag gebadet. – Nun heißt es wieder fleißig sein. Alle Beeren und Kirschen sind reif, die muß ich für uns einkochen usw. – Hoffentlich geht es Euch allen gut. Ich will jetzt schließen, sonst wird das Buch zu schnell voll.
Seid alle herzlichst gegrüßt
von Eurer Ilse Schomaker.
Zäckericker-Lose, den 7. August 1928
Liebe alte Klasse!
Heut ist mein letzter Ferientag und ehe der alte Dreh wieder anfängt, will ich das Buch noch schnell weiter schicken. – Wie Ihr seht, bin ich wieder hier in Zäckericker-Lose (brecht Euch nur beim Lesen nicht die Zungen ab), seit 8 Tagen bin ich zwar erst hier, die übrige Ferienzeit habe ich in Harburg verbracht. Morgen geht´s nun wieder nach Potsdam, ich denke mit einigem Grauen daran, denn vor dem steigenden Examen hab ich einen ziemlichen Bammel. In ungefähr 6 Wochen hoffe ich, damit fertig zu sein. Im Oktober gehe ich dann wahrscheinlich erst ins Praktikum, und zwar in Hamburg. Darauf freue ich mich sehr. Die seminarmäßige Prümerei wird einem schließlich mal über, und man sehnt sich danach, mal wieder ordentlich drauflosnähen zu können. Es tut uns nur allen leid, daß die Klasse dann schon wieder auseinander gehen muß. Wir haben uns alle so gut verstanden und immer so nett zusammengehalten. -
Vor den Ferien haben wir noch eine herrliche kleine Reise zusammen gemacht. Wir waren in Chemnitz zur Besichtigung von Wirk- und Strickmaschinen und im Anschluß daran zwei Tage in der sächsischen Schweiz. Da haben wir auf der Burg Hohnstein gewohnt. Wenn Ihr mal Gelegenheit habt dorthin zu kommen, müßt Ihr es unbedingt machen. Ich habe noch keine so schöne Jugendherberge gesehen. Erstens liegt sie ganz herrlich, zweitens ist sie auch wunderschön eingerichtet und drittens sind die Leute da alle so nett, daß man sich gleich ganz wohl fühlt. Wir wären alle gern noch dageblieben. – Da ich jetzt noch allerlei mit dem Pauken und mit Schulvorbereitungen zu tun habe, muß ich für heute schließen.
In meinem nächsten Bericht kann ich Euch hoffentlich von dem Examen erzählen. Kneift bitte die Daumen.
Euch allen herzliche Grüße.
Eure Hildegard Schulze.
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Harburg-Wbg., d. 22.8.28.
Liebe Hamburger Klasse!
Seit einigen Tagen bin ich wieder einmal zu Hause, ich habe 6 Wochen Ferien. Zum Teil wißt Ihr wohl, daß ich seit Ostern in Spandau bin in ders. Ausbildung wie Else + Elfriedchen im vorigen Jahr. Ich bin sehr froh, daß ich dieses Jahr so ausfülle, es ist sicher viel reicher an schönen Erlebnissen, als wenn ich noch 1 Jahr Praktikum machen würde. In diesem halben Jahr, von dem Ihr alle noch gar nichts wißt, weil das Buch diesmal so lange Zeit zu einer Runde brauchte, hab ich so viel, und so viel Schönes, erlebt, daß ich jetzt gar nicht weiß, wo ich mit dem Erzählen anfangen soll. Es würde im Grunde auch Elses + Elfriedchens Berichten von damals sehr ähnlich werden, denn die Arbeit ist bei uns in diesem Jahr ja ganz dieselbe. Kurz nach Pfingsten waren wir eine Woche lang in der Jugendherberge in Lagow bei Frankfurt a/Oder, das war wunderschön. Da haben wir ein herrliches Leben geführt, begünstigt durch prachtvolles Wetter.
Ich hab vorher gar nicht gedacht, daß die Mark so wunderhübsche Gegenden besitzt wie dort z.B. Das Schönste waren die herrlichen Seen in den Wäldern, deren es eine ganze Reihe gab + in denen allen es sich herrlich baden ließ. Das nächst außerordentliche Ereignis, das Spandau brachte, war das deutsche Turnfest in Köln. Wir fuhren zunächst nach Mainz und von dort mit dem Dampfer bei strahlendem Wetter nach Köln, 11 wundervolle Stunden lang. Ihr könnt Euch denken, daß diese Rheinfahrt einen fast schon völlig von der ganzen Reise befriedigt sein ließ. Vom Turnfest habt Ihr sicher alle viel in den Zeitungen gelesen u. auch Abbildungen gesehen. Der Höhepunkt des Festes war für mich entschieden der Umzug an dem Sonntagvormittag, der ungefähr 5 Std. dauerte. Da war ja alles so begeistert, die Kölner Bevölkerung wie die sämtlichen Festteilnehmer. Das war wirklich mal wieder ein Erleben von Einigkeit und begeistertem Deutschsein. Den Auslanddeutschen und den Turnern, die aus den Grenzgebieten da waren, wurde natürlich besonders zugejubelt. – Neben dem Turnfest war es natürlich fein, den Dom und die Pressa (1928 erste Medienmesse Deutschlands) kennenzulernen. Die wenigen Tage waren wirklich ausgefüllt bis zum letzten mit Eindrücken und Erlebnissen, die man hinterher in Ruhe erst alle verdauen konnte, und an denen man noch lange zehren kann.
Es ist uns mit diesen Unterbrechungen nun natürlich eine ganze Menge Übungszeit verloren gegangen, sodaß die Leichtathletikprüfung, die eigentlich vor den Ferien noch sein sollte, verschoben werden mußte bis zum Anfang des nächsten Semesters. Nur die Ruderprüfung ist noch gewesen und vorher die dazu gehörige 2-täg. Ruderwanderfahrt. Da haben wir auch erlebt, was sich nur erleben ließ. Es war an den Tagen gerade recht heftiger Sturm, den man an Land und selbst in der Havel zuerst zwar wenig spürte. Als wir aber in den ersten See kamen, waren dort derartige Wellen und solch ein fürchterlicher Wind, daß wir kaum wußten, wie bei aller Kraftanspannung nur durchzukommen. Nach einigen Stunden wurde notgelandet, weil das nicht länger so auszuhalten war. Nach der Mittagspause meinte man, das Wasser sei wohl ruhiger, und so ging´s wieder los, nachdem wir unseren Vierer, in dem ich auch z.B. saß, noch umgekehrt hatten. Es war vorher schon ziemlich viel Wasser reingeschlagen. Wir hatten das Pech, in dem ältesten Kahn zu rudern, der mitgenommen war, übrigens bezeichnend “Alterchen” hieß. Wir durften noch einiges Gepäck an andere Boote abgeben zum Trost – und dann ging´s los. Kaum 100 m vom Ufer fortgearbeitet, schlugen auch wieder Wellen über Wellen ins Boot, daß uns schließlich etwas beklommen zumute wurde, obgleich wir vorher kräftig versucht hatten, die Sache mit Humor aufzufassen. Wir sahen bald ein, daß das so nicht länger gut gehen könnte und steuerten also energisch ans Ufer wieder. Nicht lange – wir saßen mit den Füßen vollkommen im Wasser, dann ging´s mit Macht weiter so, mit einem Mal war das Boot weg, wir saßen bis zu den Hüften im Wasser. Ihr könnt Euch denken, daß einige doch ein bißchen außer Fassung gerieten und wie schwer es war, immer weiter zu rudern, wo die Ruder kaum über die Wasseroberfläche herausragten. Gott sei Dank saßen wir bald auf Grund und konnten aussteigen, das “Alterchen” heranziehen und vor allem die ganze Bagage retten, die uns bereits entgegenschwamm. Die anderen sahen aus der Ferne, daß “Alterchen” absackte, und kamen auch ans Ufer. Nach einigen Stunden war der See so spiegelglatt, als ob er völlig unschuldig sei, daß wir uns wieder aufmachen konnten und unser Ziel Raputh bei Potsdam noch erreichten. Am nächsten Tag auf der Rückfahrt sollte es noch schlimmer kommen. Die Mannschaften der Riemen- und Pullboote wurde gewechselt, sodaß wir vom “Alterchen” erlöst waren. Die neue Alterchenmannschaft bekam vorsichtshalber überhaupt kein Gepäck wieder ins Boot. Bis wir in den großen Wannsee kamen, der etwa in der Mitte unseres Weges von Raputh nach Spandau liegt, ging alles gut und ohne Wellen von Bedeutung. Da – an dem Ufer gegenüber der Unglücksstelle vom Tage vorher – entdecken wir plötzlich 2 von unseren Booten, die uns voraus waren, so dicht nebeneinander, ganz am Ufer. Dann erkennen wir, daß die eine Mannschaft überhaupt am Ufer steht und das andere Boot gerade umkehrt. Mit Mühe rudern wir in die Nähe, da rufen uns die aus dem Boot drüben zu: Alterchen ist gekentert! Ach, du meine Güte, da sehen wir das arme Wrack auch am Ufer liegen, zu Füßen der trauernden Mannschaft. Wir konnten nicht ganz heranfahren, weil große Steine dort noch in ziemlicher Entfernung vom Ufer lagen, von denen einer das Alterchen zertrümmert hatte, als die Mannschaft sich in die Nähe des Landes retten wollte, da bereits wieder eine solche Ladung Wasser im Boot war und sie nicht dasselbe Theater erleben wollten wie wir am Tag vorher, nun ging´s ihnen noch kläglicher! Es wurde ihnen von Spandau ein Motorboot geschickt, das das “Alterchen” ins Schlepptau nahm. – Wir haben hinterher wohl über die Erlebnisse gelacht, besonders über das komische Gebaren einiger, an das man sich nachher erinnerte, das einen im Augenblick des Geschehens natürlich nicht zum Lachen reizte. Aber Ihr könnt mir überhaupt glauben, in dem Moment ist es ein unbeschreiblich fürchterliches Gefühl, wenn man die Wellen immer kommen sieht, fortwährend hereinplanschen lassen muß, ohne etwas daran ändern zu können. Wir waren froh, daß mit dem Unglück noch so viel Glück verbunden war, daß uns die Geschichte nicht mitten auf dem See passierte.
Im übrigen war das Leben im Sommer in Spandau sehr froh und vergnügt; ich glaube, es wird kaum woanders so viel gesungen wie dort. Man war immer draußen im Freien, manchmal kaum 1 Std. am Tag in seiner Bude, so daß wir alle braungebrannt wie die Neger in die Ferien gereist sind. Wir waren alle traurig, daß der schöne Spandauer Sommer so schnell vergangen ist, obgleich wir uns natürlich auf das Ausruhen freuten. Etwas arbeiten muß man auch schon, weil nach den Ferien bald einige mündliche Fächer geprüft werden.
Ach du großer Groschen, jetzt muß ich aber schnell aufhören, ich kann ja mal wieder kein Ende finden und würde auch am liebsten noch viel erzählen von allem Schönen dieses halben Jahres, das mich noch ganz + gar erfüllt.
Ich wünsche Euch allen viel Freude und grüße Euch herzlich.
Eure Margarete Schulze.
Im Herzen der Heide.
Ihr lieben Hamburger.
Oha, oha, wie lange hat das Buch nun bloß schon bei mir gelegen, ich wage gar nicht mehr darüber nachzudenken. Doch eben hat mich ein so freudiges Ereignis ereilt, daß es sofort zu Papier gebracht werden muß. Also, Elfriedchen hat jetzt auch eine Stelle bekommen, nachdem sie vorher nur ein paar Stunden an der Berufsschule in Lüneburg gab. Und ich sitze nun seit 15. Juni im Herzen der Heide. Wenn es auch verschiedene Mängel aufzuweisen hat, so gefällt es mir alles in allem hier doch sehr gut. Ich gebe in der Woche 17 Turnstunden und 11 Handarbeitsstunden. Bin einstweilig angestellt, kann also wenn ich will mein Leben hier beschließen. Morgens um 7 1/2 geht der Betrieb los. Ich habe fast alle Klassen. 5 Grundschulklassen, dann noch die 4. u. 2. Klasse. Die obere ist schon nicht mehr so nett, denn die Volksschüler sind in dem Alter doch schon recht muffelig. Ich gehe, glaube ich, auch noch zu viel auf die Kinder ein, was sie gar nicht gewohnt sind. Doch die Kleinen sind ja zu niedlich, sie kommen beim Turnen so ganz aus sich heraus und sind so mit Leib und Seele dabei. Oft muß ich in Vertretung auch die Jungen mit dazu nehmen, das ist zum totlachen. Die sind doch so ganz anders. Im großen und ganzen komme ich mir selbst oft lächerlich vor, wenn ich da schon immer so als würdige Lehrerin herumstolziere. Hauptsächlich im Kollegium. 15 Kollegen von 59 – 28 Jahren, dann kommt eine Weile gar nichts und dann komme ich Küken von … 20 Jahren. Aber Gott sei Dank, daß ich noch so jung und bis jetzt noch unverknöchert bin. Und nun diese Besuche, die alle machen, Ihr könnt Euch totlachen. Von der Seite schielen sie einen an, um einen nur recht zu erfassen; und Frl. Sporleder benimmt sich dann für Best und lächelt lieblich herüber. Wenn ich schon bloß an all die Kaffees denke, wo dann die ganze weibliche Lehrerwelt Soltaus zusammenkommt. Obenan Frau Rektor, dann Frau Konrektor und dann all die betagten Lehrerinnen. Ja, ja, an dieses ganze Drum und Dran muß man sich erst gewöhnen. Doch gibt´s hier auch sehr nette junge Kollegenfrauen, mit denen ich mich gut verstehe.
Na, Ihr werdet das alles ja auch noch erleben und hoffentlich recht bald. Denn, Kinnings Geldverdienen, das ist ein Spaß. Bald ist ja wieder der 1. . Hui!! und dann die Ferien. Das ist und bleibt doch immer eine angenehme Unterbrechung. Ob wir uns in diesem Jahre wohl noch mal sehen? Ich hoffe doch. Nun drückt man den Daumen, daß ich hier nicht versaure im Winter.
Herzliche Grüße Euch allen
Eure Else Sporleder.
Lüneburg, 1.10.28.
Ihr lieben Leute!
Auf daß Annemaries Zorn nicht zu groß werde, setze ich mich gehorsam heute noch hin und schreibe Euch, denn das Buch ist ja per Schneckenpost gewandelt! Also, wie Else Euch schon verkündet hat, ab 1. November Lehrerin in Weferlingen, Provinz Sachsen, in der Nähe von Braunschweig. Ich war selbst da vor einigen Tagen; mußte eine Turnlehrprobe halten – feierlich vor 7 Herren! – und bin dann – außer mir waren noch drei Mädels da – gewählt. Ja, Glück muß der Mensch haben, hoffentlich lebe ich mich dort gut ein; abwarten und Teetrinken. Weferlingen ist klein und niedlich – ländlich-sittlich, na, ich werde ja sehn! – Bis jetzt war ich an der hiesigen Berufsschule tätig, allerdings nur 15 Std. die Woche, und zwar Weißnähen und Krankenpflege. Die Stunden haben mir Spaß gemacht, manchmal allerdings war´s auch kein leichtes Umgehen mit diesen 15 – 16 jährigen Mädels, da sind vielleicht welche drunter!! Aber man gewöhnt sich an alles, auch daß man mit würdiger Miene zur Konferenz schreiten muß (eine hab ich Gott sei Dank erst miterlebt!) Und dann das Geldverdienen! Ich sag Euch, das ist eine feine Sache, man kommt sich ganz anders vor, wenn man so von eigenem Gelde Einkäufe macht! – Augenblicklich hat Else ja auch Ferien, da haben wir noch herrliche Tage zusammen hier in Lüneburg, und als angenehme Unterbrechung die Hochzeit von Elses Cousine in Plaue, fein nicht? – Nun will ich aber Schluß machen, denn das Buch nähert sich bedenklich dem Ende zu. Nächstes Mal berichte ich Euch von Weferlingen.
“… drum werd ich Lehrerin, geh nach der Schule hin …”. Also in diesem Sinne, laßt es Euch gut gehen allesamt!
Eure Elfriede Benecke.
Harburg/E. d. 26.10.28
Liebe alte Klasse,
Achtung jetzt kommt die dritte technische Lehrerin in Amt und Würden! Sicher wissen die meisten von Euch schon, daß ich Ostern gleich meine erste Stellung (eine Vertretung bis Ostern 29) angetreten habe – am nächsten Tag nach dem Examen, großes Glück gehabt! – in der es mir unverrufen gut gefällt. Es ist wohl ganz ähnlich wie bei Else und wie´s nun auch bei Elfriedchen werden wird. Ich bin an zwei Schulen beschäftigt, die eine ist Volksschule 3 in Wilhelmsburg, Fährstr., die andere in Georgswerder, 1/4 Std. von der Neddel (?) zu Fuß. Dorthin fahre ich mit dem Zuge, nach der Fährstr. 1/2 Std. mit der Straßenbahn. In Georgswerder habe ich sämtliche Mädchenklassen bis zur 7. runter. Sie sind z.Zt. nur ganz klein, sodaß 2 Klassen zusammen unterrichtet werden, manchmal auch 3. In der Fährstr. habe ich Kl. 1 u. 2 in Turnen, die Klassen 1 – 3 in Handarbeit, an 3 Wochentagen zus. 12 Std. (mit Turnen natürlich). In Georgswerder (Montag, Mittwoch, Freitag) habe ich 16 Std. zu geben. Ihr seht also, ich bin voll beschäftigt. Es ist wohl ziemlich mühsam, 5 Std. hintereinander zu haben, stehen, kommandieren, vorturnen usw. Man ist hinterher erledigt. Hauptsächlich zu erst wurde einem der Dienst sehr schwer. Nun wo man sich eingelebt hat, wird es besser. Man weiß jetzt, was für Kinder vor einem sitzen, und dann kann man sie leichter regieren. Ich habe ganz famose Kinder dazwischen, an denen man viel Freude haben kann. Ansonsten eifrig, sauber u. ordentlich vor allem. Die Kleinsten fast am eifrigsten. Aber es sind ja auch Ekel dazwischen, und frech! Das schreibt Else ja auch! Die hat nun ebenfalls schon Erfahrungen gesammelt. Aber dumm und uninteressiert finde ich noch schlimmer als frech.
Aber, wie gesagt, ich komme jetzt mit allen ganz gut aus. Zuerst wollten sie mir manchmal was bieten, wohl weil ich so jung noch bin. Doch glaube ich, daß der bei aller Kameradschaftlichkeit nötige Respekt nun genügend vorhanden ist. In beiden Kollegien bin ich natürlich bei weitem das Küken. Zuerst kommt man sich ganz kurios in der neuen Würde vor, so als ob man gar nicht man selber ist.
Anfangs fiel mir das Turnen ohne Turnhalle, im ersten Vierteljahr sogar fast ohne Geräte, große wie kleine, sehr schwer. Eine ganze Anzahl Geräte hauptsächlich zum Spielen, haben wir nun bekommen. Eine Turnhalle gibt´s zwar noch immer nicht, aber man hat gelernt, die Kinder ohne das zu beschäftigen. In Georgswerder bekomme ich vielleicht einen Saal im Winter. Sonst immer raus. Für Handarbeit durfte ich für beide Schulen Nähmaschinen kaufen (3 bzw. 2). Bis die Maschinen erst alle in Gang waren, bis die Kinder alle (etwa 130!) eine Arbeit zwischen den Pfoten hatten – oh!! Ich war oft der Verzweiflung nah.
Doch das liegt alles nun gottlob hinter mir. Es werden Unterröcke, Kleider, Nachthemden, Kopfkissen, Turnschuhbeutel geschustert, daß es man so eine Art hat. Und wenn man die Kinder erst so richtig kennt, macht´s auch Spaß. – Donnerstags nachmittags nehme ich hier in Harburg an einer Arbeitsgemeinschaft teil, um mich auf die 2. Prüfung für die feste Anstellung vorzubereiten.
Nun habe ich Euch von meiner Arbeit, glaube ich, alles Wesentliche erzählt. Das interessiert Euch auch wohl am meisten.
Ob wir uns dies Jahr Weihnachten wohl wiedersehen? Das wäre entzückend!
Es grüßt Euch alle herzlich,
Eure Gertrud Beyer.
Potsdam, im November 28.
Gute Annemarie, schimpf nicht, bei mir ist das Buch auch wieder`n büschen zu lange geblieben! –
Geliebter Verein!
Viel Platz habt Ihr mir ja grad nicht mehr gelassen, aber ich bin ja bescheiden.
Eigentlich könnte ich nun den Hildeschen Brief vom 28. Mai 1927 abschreiben, denn ich sitze hier nun seit dem 11. Oktober in Potsdorf (das ist vielleicht `n Dorf!! Da macht die Hauptpost mittags von 1 – 3 dicht, u. ich kann mit meinem 10 Pfundspaket wieder nach Hause trudeln.), hab` ihre Klassenlehrerin, ihren Mittagstisch, ihren Schulweg und ihre Bude mit Kalender, Stiefelkrem, schriftliche Ausarbeitungen, Kaffeebohnen, Ausziehtusche, Salz u. Zucker u.s.w. geerbt u. fühle mich jetzt hier unberufen sehr wohl (klopft bitte alle unter`n Tisch!!). Wir sind noch 17 in unserer Klasse, vielfach bebubikopft und – o, Wonne! – sangesbegabt und sangesfreudig! Ich bin natürlich die Kleinste, wie könnt`s auch anders sein? Frl. Henning will mich auswalzen; damit wird sie wohl kein Glück haben, da ich in der Breite auch nicht mehr allzuviel übrig habe. – Gefühlsmäßig gearbeitet wird hier, uijeh! Malt doch bitte mal Angst u. Heiterkeit mit Pastellkreide auf weißes Papier und bringt mir das am 27. Dez. zum Klassentreffen bei mir mit. Ich kann das nämlich nicht! – Jetzt kommen die Kunstgeschichtsvorträge. Der Mann soll`n guter Redner sein? Ne, teure Hilde, d-der st-stottert ja! “Ssssehn Sie, meine Damen, w-wo sich O-O-Oberarm und wwwweiche W-W-Wange schneiden.”
Ich bin vor Lachen in der Düsternis (Anm.: Unterricht mit Lichtbildern) vom Stuhl gerutscht, da ich schon wieder mal sooo müde war, daß alles Erhabene meilenweit über mich dahinfloß u. nur alles Lächerliche noch imstande war, mich zu beeindrucken. Und wenn dann erst so schwierige Worte kommen wie Parallelismus, dann ist es gänzlich aus mit mir. – Neulich waren wir mit der Klasse in Staaken (Anm.: ist bei Berlin), um den Zeppelin zu besichtigen. Herrlich war das!! Da wurden nebenbei noch alle möglichen und unmöglichen Reklamen verteilt, u.a. auch eine Porzellanreklame. Na, ich streck` dem Mann ja denn auch ganz bescheiden meine Hand hin: “Nicht für Kinder! Nicht für Kinder!!” Meine Klasse tobte natürlich vor Vergnügen! Was macht man bloß dagegen? So, nun zum Schluß noch eine gütige Vermahnung aus der Anschiedsrede (Anm.:= Gegenteil von Abschiedsrede) unserer Direktorin. Sie bat uns herzlich, Verlobungen u. ähnliche Scherze während dieser Jahre unterwegs zu lassen. (Eine aus unserer Klasse hatte nämlich am letzten Abend telegraphiert: “Habe mich verlobt u. verzichte auf Potsdam.”) “Heiraten, meine Damen, ist eine Angelegenheit, die man nebenbei erledigt, die Hauptsache ist der Beruf!” Also, Kinder, vergeßt nicht, diese Angelegenheit nebenbei zu erledigen.
Herzlichst
Eure Käthe Brandes.
Lüneburg, den 3.12.28
Hallo,
heute in drei Wochen ist Heiligabend und dann noch ein paar Tage, und wir treffen uns hoffentlich alle vergnügt bei Käthe wieder. – Gut, daß Käthe kein Datum geschrieben hat, so kann man auf sie nicht böse sein und mich nicht kontrollieren. –
Ich blättere zurück und sehe, daß wieder über ein halbes Jahr seit meinem letzten Bericht verflossen ist und ich kaum weiß, ob mit dem Anschluß an ihn oder mit dem Neuesten diese Blätter am besten zu füllen sind. – Augenblicklich bin ich mit meinem Praktikum gar nicht zufrieden. Annemarie und Käthes kunstgewerbliche, künstlerische Werkstätten haben sich bei mir in eine kleine Winkelschneiderstube verwandelt, von der bis auf die Seele von Mensch, der Schneiderin, nicht viel Gutes übrigbleibt; davon erzähle ich nicht gern und hole lieber vom April anfangend nach.
Bis zum 1. Juli war ich noch in Bremen im Krankenhaus in der Diätküche. Der gefürchtete Neid der Götter ist nicht eingetreten, sondern ich habe meine Zeit dort weiter genossen bei interessanter Arbeit und nettem Kreis unter den Schwestern.
Um mich in sozialer Arbeit zu betätigen, habe ich vier Wochen lang Schokolade umsonst, das heißt sogar noch mit 56 Pf Stundenlohn bei 8-stündiger Tagesarbeit, probiert. Ich war bis zum 1. August in einer Schokoladenfabrik und saß abwechselnd an Tischen, bei denen die Schokolade eingewickelt, Pralinen überzogen wurden oder Pralinekästen gepackt wurden. Die Arbeiterinnen hatten das Bestreben, mir eine möglichst gute Warenkenntnis beizubringen, sodaß ich auch viel Spaß neben der nicht immer angenehmen Arbeit, zumal wir in den heißen Tagen schon um 4 Uhr anfingen, weil die Schokolade buchstäblich in den Händen zerfloß, hatte. – Bald wurden die Arbeiterinnen in ihren Gesprächen vertraulicher und erzählten mir, nachdem sie erfahren hatten, daß ich Praktikantin sei, ja vor mir wären zwei Lehrerinnen dagewesen, die hätten immer so gefragt wie: “Wo kommt der Kakao her? Wie wächst er?” usw. Innerlich konnte ich mich kaum halten vor Lachen. – Als ich gefragt wurde, ob ich auch mit meinem “Kavalier” (sie drückten sich schon vornehm aus und umschrieben Herrn oder Verkehr) am Sonntag aus wollte, war es mit meiner Fassung hin.
Die vier Wochen brachten mir allerlei interessante Beobachtungen, nicht immer schön, und ich konnte das Elend und die Not dieser Kreise noch besser später hier im Wohlfahrtsamt kennen lernen. Ich arbeitete 6 Wochen im Jugend- und 4 Wochen im Gesundheitsamt; half beim Innendienst: Aktenführen, schriftliche Arbeiten erledigen; gewann einen Überblick über den dauernden Verkehr und die Anfragen des Publikums, wie schamlos gefordert wird, auf das Wohlfahrtsgesetz pochend, wie versucht wird durch falsche Angaben mehr zu erhalten und dann noch auf die Einrichtung zu schimpfen. Daneben kommen schüchtern andere, denen man mit vollen Händen geben möchte, weil das Elend unverschuldet ist. -
Beim Außendienst half ich bei den Schuluntersuchungen der Grundschüler und Hilfsschüler. Die kleinen Krabben waren zu niedlich. Eine kleine wird vom Arzt gefragt “Was ist denn dein Vater?” Stolz “Oberbürgermeister!” “und von welcher Stadt?” tiefes Stillschweigen. Wir lachten natürlich. Die Säuglingsfürsorgestelle interessierte mich sehr. Zum Schluß machte ich noch Ermittlungen in den verschiedensten Familien; teilweise mit einer Fürsorgerin zusammen, teilweise allein.
Wenn man auch auf all die Verdienenden beinah neidisch wird, so haben wir es doch sehr interessant in unserem Praktikum.
Das muß ich noch mitteilen. Eben habe ich eine Aufforderung von Potsdam erhalten, am 15. Dezember zu einer Eignungsprüfung zu erscheinen. Kinners, drückt mir den Daumen. Annemie, freu Dich, wenn ich durchfalle, habe ich eben mit meiner Mutter besprochen, will ich in Hamburg studieren. -
Nun Schluß; allen herzliche Grüße
Eure Carla v. Lauenstein.
Hamburg, den 15.Dez.1928
Liebe Klassenkameradinnen!
Diese s Buch ist doch zu schön, man hört auf diese Weise allerlei von einander. Meistens sind es zwar olle Kamellen, die man von anderer Seite längst weiß, aber das macht nichts, freuen tut man sich trotzdem.
Eigentlich hat es ja gar keinen Zweck für mich hineinzuschreiben, denn in ganz kurzer Zeit sehen wir uns ja bei Brandes und dann kann ich Euch dort nur das erzählen, was Ihr schon zum Teil wißt. Viel Neues und Gutes kann ich Euch nicht erzählen. Nur dieses eine: Ich habe mich entschlossen, einstweilen technische Lehrerin zu bleiben. In Hamburg ist es mit der Ausbildung ein großer Reinfall. Die Prüfungsordnung ist noch nicht genehmigt. Ob und wann sie es wird, steht noch nicht fest. Außerdem ist dieses die Prüfungsordnung für Berufsschullehrerinnen. Hamburg wird auch in absehbarer Zeit keine ausbilden, da es ja so wenige berührt. Dies alles erfuhr ich durch Zufall von einem hiesigen Schulrat. Mir kam die Sache schon immer spanisch vor, daß wir keine Zeit für die Fachausbildung haben sollten, sondern die ganze Zeit für Staats- und Volkswissenschaften reserviert war. Da ich nun aber durchaus keine Berufsschullehrerin werden will, will ich warten, bis sich die neue Ausbildung geklärt hat und dann weitersehen. Nach Potsdam gehe ich deshalb Ostern noch nicht, da ich augenblicklich nicht fähig bin, intensiv zu lernen. Meine Nerven sind leider sehr herunter, da ich in letzter Zeit viel Schweres durchmachen mußte. Ich sehe mich also jetzt nach einer Stelle als technische Lehrerin um. Hoffentlich gelingt es mir bis Ostern etwas zu finden. Dann werden sich meine Nerven wohl auch schon etwas beruhigt haben. – Leider weiß ich Euch sonst nichts Erfreuliches zu berichten. Wenn das Buch in einem halben Jahr wieder bei mir erscheint, hoffe ich, Euch besseres mitteilen zu können. –
Euch allen ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr!
Eure Annemarie Lepel.
Hamburg, Weihnachten 1928
Liebe Klasse!
Endlich hat das Buch auch den Weg zu mir gefunden, und ich habe mich doppelt darüber gefreut, weil ich schon dachte, es wäre gar nicht mehr da. Was soll ich Euch noch erzählen? In ein, zwei Tagen sehen wir uns schon und können uns alles viel besser mündlich berichten. Aber damit ich nicht im Buch fehle, will ich noch einiges hineinschreiben. Meine Stelle in Wandsbeck habe ich immer noch, allerdings nur 8 Std., da ich die andern abgeben mußte, weil ich noch das Turnseminar besuche. Wir müssen nett schuften da im Seminar, oha! Bis September kam ich gut mit, Ende September brach ich mir den rechten Arm im Ellenbogengelenk und jetzt, Ende Dezember, ist der Arm noch nicht wieder grade. Nette Geschichte, was? Schmerzen hatte ich erst zum Davonlaufen, aber ich habe in Wandsbeck stramm weiter unterrichten müssen u. nicht einen Tag frei bekommen. Na, es ist ja auch so gegangen. Wie das nun Ostern bei der Prüfung mit mir wird, mögen die Götter wissen, ich weiß nichts.
Ansonsten geht es mir, wie´s schlechten Leuten immer geht. Jetzt Weihnachten war ich verreist und habe in den 4 Tagen ordentlich gefaulenzt, das hat aber gut getan! Euch andern scheints ja sonst mächtig gut zu gehen, die Grete könnte ich vor Neid fressen. Annemiechen, Du mußt gründlich ausspannen, dann geht´s auch wieder, nur nicht unterkriegen lassen.
Außerdem kann ich Euch nur noch mitteilen, daß ich jetzt vor Weihnachten gerade die Bescheinigung bekommen habe, daß ich die Prüfung für die “Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, Berlin” bestanden habe. Kennt Ihr die? Es ist eine Schwimmprüfung. Wir mußten:
1 Std. beliebig schwimmen, 300 m Kleiderschwimmen mit Schuhen und nachfolgendem Ausziehen im Wasser, 25 m Tauchen nach dem Sandsack, sämtliche Rettungs- u. Befreiungsgriffe im Wasser u. an Land vormachen u. Wiederbelebungsversuche nach 2 Arten. Es war eine sehr schöne Prüfung, nur die 1 Std Schw. war schrecklich langweilig. In dem kleinen Bassin in der Kellinghusenstr.-Badeanstalt wurde es eine ewige Dreherei zuletzt, dabei schwammen einem noch dauernd übende Schüler in die Quere. Aber ich hätte noch länger aushalten können, sehr müde war ich nicht. Na, ich glaube, nun habe ich Euch so allmählich den ganzen Senf erzählt, bei Käthe wird wohl die zweite verbesserte Auflage folgen.
Euch allen ein frohes Weihnachtsfest und guten Rutsch ins Neue Jahr
Eure Dora.
D. 10.1.1929
Liebe Klasse!
Nun sitze ich wirklich wie ein frierendes Häslein hier am Sachsenwald. Da kam das Buch! So wurde mir das Lesen zur rechten Festfreude.
Viel Neues kann ich nicht berichten, weil ich im Hause der Eltern geholfen habe. Damit meine pädagogischen Fähigkeiten nicht ganz verkümmern, habe ich in der Dorfschule den Handarbeits- und Turnunterricht geleitet. Zum Weihnachtsfest haben wir ein Märchenspiel eingeübt, das Groß und Klein viel Spaß brachte.
Ich habe jetzt meine Zeugnisse auch bei der Oberschulbehörde eingereicht, werde aber noch warten müssen, da augenblicklich keine Vakanz vorhanden. – Hoffentlich wird sich bald etwas Gutes für mich finden.
Viel Glück Euch Allen im neuen Jahr!
Eure Gertrud Frischgesell.
Hbg, den 16.1.29
An die Lehrerinnen in Amt + Würde + an das andere unselbständige Kroppzeug!
Kinder, wie herrlich, daß schon so viele von uns Geld verdienen. Ich gehöre ja auch noch zu dem “unselbständigen Kroppzeug”. 22 Jahre und noch immer die Füße unter Vaters Tisch, eigentlich elendig. Aber das zweite praktische Jahr ist knorke. Meine entzückenden Vasenol-Säuglinge liegen ja nun schon lange hinter mir (in den Betten natürlich). Es war wunderschön im Säuglingsheim; die Menschen, die Säuglinge, die Arbeit, alles war lieb, und es fiel einem schwer, die Gören zu verlassen; mit tränendem Auge (aber wirklich) und einem tadellosen Zeugnis verließ ich dann die Vasenolbude. Nächstens muß ich mal wieder hin, denn ich jippere danach, mal wieder einen Menschen in verkleinerter Auflage zu baden und zu bepudern. Nach der Säuglingsbündelei habe ich 14 Tage Ferien gemacht; und dann habe ich mich mit spitzer Schere, Nadeln in allen Stärken und Fingerhut aufgemacht nach dem führenden, bitte aber führenden Modellhaus Joh. Boankens, Uhlenhorsterweg 3; also ganz feudal und vor allen Dingen in meiner Nähe, 5 Min von meinem Hause. Um 9 Uhr stecke ich die erste Nadel in den Stoff, um 6 1/2 Uhr höre ich wieder auf, mit 1/2-stündiger Mittagspause. Also Kinnings, Plünnen, nein, man sagt wohl lieber Kleider oder Roben, bekomme ich da in die Hand, daß einem die Spucke wegbleibt, so chic + elegant. Und Preise nimmt der Mann dafür, daß die Spucke überhaupt nicht wiederkommt. Aber das geht mir ja weit vorbei. Ich lerne viel hier; die Kolleginnen sind lustige, nette Menschen; ein Sündenbock ist ja immer dazwischen. Aber ich bin´s wirklich nicht, gebt Euren Gedanken eine andere Richtung. Meine Directrice ist eine nette Haut, der Chef ist auch ein kleines Patentkerlchen, der sich eigentlich nur um seine Pelzmäntel, Kostüme usw. kümmert. Weihnachten hatten wir eine famose Weihnachtsfeier und ich bekam für “gute Dienste” wunderschönen Kostümstoff für ein “Tailor made”. Dieses ist gerade heute fertig geworden, kostet blödsinniges Geld, sitzt aber wie ein Handschuh (Schnack vom löblichen Chef!) Augenblicklich viel Arbeit, macht Spaß, bloß am Abend ist man müde und gähnt wie ein Kettenhund. In meinen Rücken werde ich mir noch eine stählerne Einlage einbauen müssen. – Im März höre ich auf mit der Stichelei und dann? Ja, Kinder, man wird dickfellig wie ein Nilpferd. Ich harre auf den Bürgerschaftsbeschluß, es muß ja eine Lösung kommen. Ende Januar werde ich Schulrat Lohse mal wieder aufsuchen. Ich werde dann wohl mit Annemarie gemeinsam die Bänke der Universität abscheuern. Ich traf Lepelchen bei der Feier für Frau Direktorin Vakes; wir sind beide froh, daß wir nun zusammen durch Dick und Dünn stiefeln wollen. Eine Aufforderung habe ich auch von Potsdam bekommen, aber abgeschrieben, weil Papa es wünschte. Der Hamburger Staat kann uns nicht auf die Straße setzen. (und dann bei diesem Eis und Ostwind!) Ich glaub´, man heiratet; die Lösung fände ich geradezu ideal; aber wenn Käthe, dieses kleine Etwas, meint, daß erst der Beruf kommt und dann diese Nebenbeschäftigung, dann will ich man dem löblichen Beispiel folgen und meine Gehirnfurchen vertiefen. Gerne wäre ich am 27.12.28 bei Euch gewesen, aber ich konnte tatsächlich nicht; warum, sage ich Euch auf dem nächsten Klassentag. Daß ich liebend gerne mal wieder “Rangiene” (wie Elfriedchen) gewesen wäre, ist Euch wohl klar.
So Kinnings, ich grüße Euch herzlichst.
Eure Helga Ritter
Meine liebe Klasse!
Endlich kommt das liebe Buch an die Reihe; aber denkt Euch nur, meine Tinte war eingefroren. Das ist doch bei dieser grausigen Kälte kein Wunder. Also dürft Ihr nicht mit mir schimpfen. Ich habe in letzter Zeit immer viel zu tun gehabt, nebenbei war ich auch noch krank und darauf meine Schwester, so ist die Zeit im Flug dahin gegangen. – Ich habe Euch am Klassentag ja leider nicht begrüßen können. Es hat einen komischen Grund gehabt, ich hätte mich bestimmt nicht richtig freuen können. – Ich bin augenblicklich in Katerstimmung, wir haben bis heute morgen 1/2 5 getanzt auf einem Maskenball. Es war ganz famos. Vielleicht haben einige von Euch auch dergleichen mitgemacht. So schön wie im letzten Jahr in Köln war es natürlich lange nicht. Aber Kölner Karneval haben wir dieses Jahr auch gehört, allerdings nur durch Radio. Mein Bräutigam hat mir zu Weihnachten Radio angelegt. Wir hören nun jeden Abend, wenn wir gemütlich beisammensitzen die schönste Musik. Sonst passiert hier in der sibirischen Kälte nichts Absonderliches. – Wir machen augenblicklich eine Tanzstunde mit, um moderne Tänze zu lernen. Das ist sehr nett, 16 Paare, alles junge Eheleute (u. die es noch werden wollen.). Käthe wir haben nämlich noch keine Zeit gehabt, die Angelegenheit nebenbei zu erledigen. So meine lieben Kinder nun kommt man gut durch den Winter.
Seid herzlich gegrüßt von
Eurer Ilse Schomaker
Hamburg, d.27.II.29.
Ihr Lieben alle,
sehr gefreut habe ich mich, daß ich, als nur so halb dazu gehörig, auch einmal in dieses famose Büchlein schauen durfte; und so, nach einigen Jahren, mal wieder über Euer Tun und Treiben so ausführlich erfuhr.
Nun macht´s weiter so!
und seid alle herzlichst gegrüßt
von … ??? ja, nun ratet mal!
Eurer 1 jährigen Klassenkameradin;
2 jährigen techn. Lehrerin;
augenblicklich Praktikantin
u. gasthörend Studentin;
in d. Ferien Sportlerin, auch Hochtouristin
jetzt sonntags Skiläuferin i.d. Harburger “Bergen”,
dabei letztens meinen r. Daumen verknackst –
O, diese Platzverschwendung! man merkt die Ferienstimmung! – drum Schluß!
Harburg, den 10.April 1929.
Ihr lieben alle!
Als ich meinen letzten Bericht in dies Buch schrieb, quälten mich noch die Examenssorgen in Potsdam, und jetzt hab ich diese Prüfung mit allem Drum und Dran schon fast wieder vergessen. Seit Oktober bin ich wieder zu Hause und gondle nun täglich nach Hamburg “zwecks Ableistung des Praktikums”. Zuerst war ich vier Monate lang bei Frau Diebitsch-Hardorff, von der Käthe uns im vorigen Jahr ja schon erzählt hat. Ich habe da ebenso herrliche Dinge erlebt wie sie damals, die Arbeit machte Spaß und wurde durch die ungeahnten Zwischenfälle manchmal direkt amüsant. Besonders schön war es für mich, daß zur selben Zeit auch Elfriede Seegers dort ihr Praktikum machte und wir immer zusammen sein konnten. Nun hab ich vor zwei Monaten dieser Wirkungsstätte wieder den Rücken kehren müssen und jetzt trete ich mir täglich die Beine lahm an einer etwas schwerfälligen Nähmaschine bei Möhring & Co. in der A-B-C-Straße. Infolge Platzmangels konnte ich noch immer nicht zu einer elektrischen aufrücken, obschon meine Beinmuskulatur nun wirklich bald durchtrainiert ist, um mit Soltau zu reden. Im übrigen macht mir das Nähen aber viel Spaß, augenblicklich fabriziere ich hauptsächlich Sommerkleider, gewiß nicht so schick wie in Helgas erstklassigem Atelier, aber doch recht nett. Wie es sonst so in einer Wäschewerkstatt aussieht, ist ja schon des öfteren in diesem Buch beschrieben worden; Radau, muffige Luft und Staub sind ihre besonderen Merkmale. Die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, sind aber sehr nett, vor allem uns Neulingen gegenüber äußerst hilfsbereit u. gefällig, das macht einem die Arbeit so viel leichter und angenehmer. Wenn ich mit der Wäschenäherei fertig bin, möchte ich gern noch ein paar Monate schneidern, ehe ich im Herbst wieder nach Potsdam zurückkehre. Dann können wir dort übrigens eine Filiale aufmachen, vorgestern sind nämlich auch Carla, Annemarie und Grete dorthin abgedampft. -
Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von
Eurer Hildegard Schulze.
Potsdam, den 12.4.29.
Liebe Hamburger Klasse!
Einige von Euch sind vielleicht erstaunt, mal wieder jemanden aus Potsdorf schreiben zu sehen, oder wißt Ihr es alle, daß seit Ostern jetzt Annemarie, Carla und ich hier auf dem Hauswirtschaftl. Berufsschulseminar sind? So allmählich sind wir so viele hier, das wir eine Hamburger Filiale od. einen Verein ehemal. Hamburgerinnen gründen könnten. Wir haben heute gerade zusammengezählt, daß wir 9 an der Zahl sind augenblicklich, im Herbst kommt Hilde als 10. zu ihrem Kandidatinnenjahr dazu. – Wir 3 letzt Importierten haben natürlich noch nicht erheblich viel erlebt in den 4 Tagen, die wir hier sind, wenn zwar auch die ersten Tage für einen selbst mit am eindrucksvollsten sind. Es läßt sich nur nicht so viel für andere Interessantes erzählen. – Am amüsantesten war Carlas und mein Einzug in unsere gemeinsame Behausung bei einer äußerst merkwürdigen “sehr gebildeten Dame”, wie sie sich selbst wörtlich nannte, als sie uns in der ersten Stunde über ihre Persönlichkeit aufklärte, indem sie nämlich auch erzählte, daß sie Künstlerin sei, trotzdem aber Ordnung und Sauberkeit über alles liebe, das stimmt nun tatsächlich und ist uns sehr wichtig. Ihr Künstlertum besteht darin, daß sie Klavierunterricht erteilt, augenblicklich aber keine Schülerinnen hat. Unser Zimmer mußten wir erst selbst mit fertig einrichten, das war natürlich nicht sehr gemütlich und einladend zum Empfang. Jetzt haben wir den Dreh schon soweit, daß es recht gemütlich bei uns ist und wir uns behaglicher fühlen. – In der Schule ist der Betrieb man noch mau. Da unsere Vorlesungen in Berlin erst am 29. beginnen, haben wir noch zwei freie Tage im April. Unser Unterricht hier wird sich auf die Fächer erstrecken, die wir vom Seminar her kennen, außerdem müssen wir in der Potsdamer Berufsschule hospitieren und scheinbar auch dort selbst unterrichten, das ist uns noch nicht ganz klar. Irgendwo u. -wie unterrichten wir jedenfalls, und zwar regelrecht mehrmals wöchentlich, das werden nicht nur Lehrproben. So lange wir noch nicht viel zu tun haben, wollen wir die Zeit ausnutzen mit viel Spazierengehen und dem Genießen der vielen Potsdamer Schönheiten bezw. des Interessanten hier. Wir wünschen uns nur wärmeres Wetter, es ist doch noch recht kalt. – Wenn das Buch wieder zu uns nach Potsdam zurückkommt, können Carla und Annemarie Euch schon mehr von unserer Arbeit erzählen.
Laßt es Euch allen weiter recht gut gehen, bleibt vergnügt und gesund und seid von uns Potsdamern herzlich gegrüßt, besonders von
Eurer Grete Schulze.
(Die noch unvollständige Einrichtung, d.h. der zu Hause vergessene Füllhalter, möge den Tintenstift entschuldigen.) -
Soltau, den 15.IV.1929
Ihr lieben Hamburger!
Schon wieder 8 Tage Schule hinter mir und man ist schon wieder ganz im Dreh drin. Mein neuer Stundenplan ist ähnlich so geblieben. Meine Klassen führe ich alle weiter und habe jetzt noch eine Jungensklasse im Turnen dazubekommen. (2.Grundschuljahr!) Zum ersten Mal erlebte ich jetzt das Eintreten der ganz Lütten in die Schule. Das war ein Gekribbel. Mütter, Väter, weinende Geschwister und dann die stolzen Schulkinder. Begab man sich nur einmal in den Tumult hinein, so hatte man an jeder Hand ein zappelndes, blerrendes Etwas “ich habe meinen Tornister verloren”, “ich weiß nicht, wo meine Klasse ist.” Zu drollige Geschöpfe.
Nachdem nun das Buch schon wieder eine Ewigkeit pausiert hat, soll dieser Bummelei aber wirklich ein Ende gemacht werden. So ist nämlich bereits schon Juni geworden und ich finde es jetzt in meinem Bücherbord, wo es die ganze Zeit über fein säuberlich ausgeruht hat.
Die drolligen Geschöpfe, von denen ich Euch da oben erzählte haben sich unterdessen schon fein an den Schulbetrieb gewöhnt, genau so wie ich auch. Am 15. Juni beging ich mein einjähriges Lehrerinnenjubiläum. Wenn man sich das vorstellt. Und was hat man in der Zeit alles gelernt. Erstens, daß Theorie und Praxis ein himmelweiter Unterschied sind, daß der Betrieb einer technischen Lehrerin viel Spaß und Freude macht, daß man gänzlich unbegabt für eine “Pädagogin” ist, daß man um alles in der Welt nicht solch meckerndes, verknöchertes, immer unzufriedenes ältliches Jungferchen werden möchte, (von der Sorte verzieren nämlich drei unser Kollegium), daß man aber schon eine ganz feine Summe alleine verdient hat und daher in den großen Ferien sich eine Seereise leisten kann. Wann treffen wir uns wohl alle bei der Nordlandsreise? Ihr Gewerblichen macht man ein bißchen Dalli, damit Ihr auch bald aus dem Geldbeutel des Staates schöpfen könnt. –
Augenblicklich habe ich ja ein so gesundes Leben, wie man es sich nicht besser denken kann. Dauernd draußen auf dem Spielplatz oder in der Badeanstalt. Und das macht mir furchtbar viel Spaß, wenn so ein Krabb´ nach dem andern sich über Wasser halten kann und die ersten Schwimmzüge allein fertig bekommt. Die übrige Zeit wird für die Reichsjugendwettkämpfe trainiert, die am 10. August sind. Das wird zusammen mit der Verfassungsfeier wohl wieder ein Fest für Soltau sein. Abends betätige ich mich im Turnverein, turnender und schwimmender Weise, einmal in der Woche wird gesungen, sodaß man also immer vollauf beschäftigt ist. Bei dem ganzen Betrieb bin ich schon so braun geworden, daß ich bald mit dem Spandauer Frack (?) konkurrieren kann.
So, nun soll das Buch aber auch schleunigst weiter, denn wenn es jetzt erst wieder in meinem Bücherbord landet, könntet Ihr es vielleicht Weihnachten erst wieder zu Gesicht bekommen.
Also beeilt Euch und spart für die Nordlandsreise!
In alter Frische mit den herzlichsten Grüßen
Eure Else Sporleder.
Weferlingen (Pr. Sa.), August 1929
Ihr lieben Hamburger!
Heute endlich soll das Buch weiterwandern, nachdem es so schön in den großen Ferien bei mir ausgeruht hat. Nun ist man schon wieder im Dreh drin und die schöne freie Zeit – Else und ich verbrachten sie gemeinsam an der Nordsee – u. das gute selbstverdiente Geld ist hin – unsere erste selbst bezahlte Reise, herrlich sage ich Euch! – Am 1. November bin ich nun schon ein Jahr hier in Weferlingen, habe mich gut eingelebt und bin gern hier. Ich bin in der Volksschule beschäftigt mit wöchentlich 28 Stunden, außerdem gebe ich auch den Handarbeits- und Turnunterricht an der Mittelschule – 5 Stunden die Woche. Überstunden werden extra bezahlt, eine feine Sache, aber dieses Vergnügen wird nicht mehr lange dauern, da selbige Mittelschule stark im Abbau begriffen ist. Ich gebe also in allen Klassen Handarbeit und Turnen, von den Kleinen in der 6. Klasse an. Die sind ja zu niedlich, und es macht so viel Freude mit ihnen auf dem Sportplatz, der hier herrlich mitten im Wald liegt, herumzutollen. Na, manchmal muß man ja auch mächtig dazwischen fegen, wenn so annähernd 50 krabbelnde Geschöpfe um einen sind. Die Kleinen haben gerade heute stolz mir ihre fertigen Ballnetze abgegeben, jetzt kommt der Topflappen an die Reihe. Alle fertigen Sachen kommen in den Schrank, und Ostern ist große Ausstellung; darauf freuen sich die Kinder schon jetzt, wenn all ihre Sachen bewundert werden. Mit der 1.Volksschulklasse und dem Rektor mache ich Anfang September eine Harzwanderung, der ist ja von hier so leicht zu erreichen, für mich doppelt schön im letzten Winter zum Skilaufen – auch hier in Weferlingen kann man laufen. – Vor den Ferien war hier großes Kinderfest, das war vielleicht eine Begebenheit! “Reinecke Fuchs Hochzeit” wurde aufgeführt mit 290 Teilnehmern, sämtliche Kinder waren als Enten, Hühner, Hasen, Zwerge usw. verkleidet und jede Gruppe führte Tänze auf. Diese Einüberei – aber nachher klappte alles herrlich und hat soviel Freude gemacht. Jetzt wird noch geübt für die Reichsjugendwettkämpfe, die bei uns erst nächste Woche steigen. – Das Kollegium hier ist sehr nett, außer mir sind nur noch 2 Lehrerinnen vorhanden, wir vertragen uns gut. In meiner freien Zeit spiele ich hier viel Tennis, mache Radtouren – wir haben hier herrlichen Wald – und Sonnabend-Sonntags geht´s oft nach Magdeburg zu meinen Verwandten, eine feine Abwechslung. –
Für heute aber Schluß, laßt es Euch weiter recht gut gehen und seid herzlichst gegrüßt
von Eurer Elfriede Benecke.
Hamburg, d.23.Sept.29.
Liebe alte Seminarklasse,
der erste völlig freie Nachmittag, seid das Buch in meinen Händen ist, soll dazu genutzt werden, es wieder auf den Trab zu bringen. Ich habe mich sehr gefreut, wieder von Euch allen zu hören. Ganz besonders interessieren mich Elses und Elfriedchens Berichte, denn ich erlebe ja genau dasselbe, und die zwei nehmen mir sozusagen das Wort vom Munde. Auch ich hatte inzwischen mein “einjähriges Jubiläum”, habe manches dazugelernt, und erkenne, genau wie Else es beschreibt, daß man noch vieles falsch macht, noch nicht tüchtig genug ist, sich noch nicht genug Mühe gibt, also mit einem Wort noch keine gute Lehrerin ist. Doch man hat den Wunsch, den Willen und den Ehrgeiz dazu und ist gottlob noch jung genug. Aber verknöchern will auch ich um keinen Preis, im Gegenteil, je mehr Friede, Freundschaft und auf gesunder, vernünftiger Grundlage aufgebaute Kameradschaftlichkeit herrscht, desto besser flutscht alles, desto mehr erreicht man.
Mit den Kindern stehe ich mich unverrufen z.T. sehr gut, besonders sind mir diejenigen lieb geworden, die ich nun schon im 2. Jahre habe. Meine Vertretung ist nämlich um ein zweites Jahr verlängert worden; was dann wird, mag der Himmel wissen. Von der unbequem gelegenen Georgswerder Schule bin ich weg und dafür an die Sammelschule in Wbg. gekommen, wo ich nun mit der selben Stundenzahl beschäftigt bin. Die Kinder sind da genau so gut und so schlecht wie an anderen Schulen. Eine Turnhalle gibt´s da ebensowenig wie an anderen Wbg.-Schulen. Daher sehe ich mit einigem Grausen dem Winter entgegen. Der Sommer war ja zum größten Teil wunderschön. In der vielen Sonne, auch jetzt noch wieder im Spätsommer, wurde man sportlich-fachlich braun. Im August waren die Reichsjugendsport- wettkämpfe, die tadellos ausfielen. Meine Mädchen schnitten recht günstig dabei ab, natürlich nicht mein Verdienst, denn bei Begabung od. Nichtbegabung, wovon das Meiste abhängig ist, kann man nichts machen.
Große Freude machen mir neben meinem Beruf die Schwimmstunden am Nachmittag. Die Kinder, die dazu kommen, sind besonders eifrig und nett, und es macht sehr viel Vergnügen ihr Können zu fördern und die sichtbaren Fortschritte von den ersten selbständigen Zügen bis zum Freischwimmen, zum Kopfsprung und noch mehr zu beobachten.
Nun, da ich´s hinter mir habe, denke ich nicht mehr an all die Anstrengung und Hetzerei, die die Mehrbelastung von zeitweise 10 wöchentlichen Schwimmstunden mit sich brachte. Vor allem aber ist die Extraeinnahme nicht zu verachten, aus dem “Geldbeutel der Stadt geschöpft”, nämlich mehr als ein Monatsgehalt. Fein, nicht? Ein Teil wird als Anzahlung auf eine Nähmaschine verwandt.
Und im Ferienmonat Juli? Da bin auch ich vom selbstverdienten Geld verreist. Zuvor keine Nordlandreise, denn solch Faulenzen auf´m Schiff nebst Mastkur ist nichts für junge Leute, das kommt erst für uns alle gemeinsam (was ich reizend fände!) dann, wenn alle selbst genug verdienen, was immerhin noch etwas dauern kann. Ich war in Oberbayern: Garmisch! Kinder war das schön! An Hand meiner reichlich gesammelten Ansichtskarten könnte ich Euch stundenlang erzählen. Die Berge, die hohen kahlen kalten Felsen, die ganze Landschaft dort unten zum ersten Mal zu sehen ist ein gewaltiges Erlebnis! Und wieviel Herrliches gibt es in der Gegend! Natürlich möglichst überall gewesen, jeden Blick genossen, alles gesehen, unglaublich viel, viel Schönes an Eindrücken mit nach Hause genommen. Dazu fast immer schönes Wetter. Der Höhepunkt der Reise, die viele Ausflüge und Kraxeleien, Baden in den verschiedensten Bergseen, Tage in Innsbruck und München, ein Volks- u. Trachtenfest, Autobustouren mit sich brachte, war der Tag auf der Zugspitze! Hinauf mit der Drahtseilbahn in 20 Min., oben bis zum höchsten Gipfel 2964 m , sogar bis auf´s Dach der Wetterstation, unglaublicher klarer sonniger Ausblick, dann angeseilt mit Führer eine kurze schaurig-schöne Gratwanderung zum Ostgipfel. Alles unerhört schön, neu, eindrucksvoll, unvergeßlich! Abwärts 8 Stunden strammer Fußmarsch, zuerst mit Führer, bis Garmisch.-
Ja, das war das! Wie finde ich den Übergang zu etwas Anderem?
Neuerdings besitze ich selbst einen ganz entzückenden patenten kleinen Photoapparat, mit dem ich mich schon versucht habe. Sollte ein Bild, das Euch alle interessieren kann, mal dabei sein, das vor allem so ist, daß ich vor Euren kritischen Augen damit bestehen kann, will ich´s mit in das Büchlein kleben. – Neulich anläßlich des Zeppelin-Besuchs in Hamburg habe ich auch geknipst, es wird aber wohl nichts geworden sein. Übrigens: das war auch etwas Herrliches, bei schönstem Wetter von einem guten Platz aus, nämlich hoch auf einem Hausdach stehend, das wundervolle, schlanke, riesige, elegante Luftschiff, hell und silbern schimmernd, während der ganzen Zeit über Hamburg ganz genau und zeitweise aus nächster Nähe beobachten zu können. – Da werden´s wohl die anderen Hamburgerinnen gleichfalls gesehen haben. Es war fein, nicht?
Das wäre so im Moment das Wichtigste, was ich Euch berichten könnte. Mit Kleinigkeiten darf man sich gar nicht abgeben, denn erstens muß man fürchten, die Leserinnen zu langweilen, zweitens findet man dann gar kein Ende.
Laßt es Euch weiter recht gut ergehen, bleibt vor allen Dingen alle ganz gesund und so vergnügt und frohen Sinnes, wie es paßt zu dem Geist, der unsere Seminarklasse auszeichnete.
Herzliche Grüße
Eure Gertrud Beyer.
Ihr Lieben,
das Leben ist eines der schwersten – es endet meistens tödlich – und ist doch hochinteressant! Es heißt, das Letzte wohl weniger im Augenblick – Arbeit, Arbeit und nochmal Arbeit. Man schimpft hauptamtlich, galgenhumort nebenamtlich und fühlt sich doch im Grunde seiner Seele noch so wohl, wie`s irgend gehen will.
Ich glaube, es ist gerade ein Jahr her, seit ich in dies erquicksame Buch geschrieben habe. Inzwischen hat sich wenig u. vieles verändert. In meiner Bude fühl ich mich noch genau so wohl wie ehedem, seit den Ferien sogar noch um 50% wohler, da Schulzes aus Harburg, Maretstr.22 jetzt das Zimmer unter mir gemietet haben. Schulzes von unter mir also u. ich können uns jederzeit durch Klopfzeichen durch die Fußbodendecke u. teils rein, teils weniger reines Plem-Plem-Singen tadellos verständigen. Herrliche Einrichtung das!
Und die Penne? Na ja! Nachdem wir hier einen sehr arbeitsreichen Winter und einen unbeschreiblichen schönen Sommer verlebt haben, stürzen wir uns jetzt mit Wut, Eifer u. Grimm wiederum in die Arbeit. Ostern ist Examen. Ich bitte dann alle verfügbaren Daumen gütigst pressen zu wollen. -
Bitte ein Streichholz! Meine Augen fallen zu!
Ich seh mich also leider gezwungen, Schluß zu machen.
Euch allen viel herzliche Grüße!
Eure Käthe Brandes.
Hamburg 23, den 27.12.29
Ihr lieben Anderen!
Gott sei Dank, das Buch existiert noch! Ich habe berechtigte Zweifel gehabt daran. Genau ein Jahr ist das Buch nicht bei mir gewesen. Aber Weihnachten ist doch vorüber gegangen, ehe ich Zeit fand, es weiter zu senden; gelesen habe ich es gleich bei seiner Ankunft. Und doch weiß ich eigentlich seit dem letzten Male wenig zu schreiben. Wie Ihr wißt, brach ich mir im Turnseminar den Arm, der machte mir viel Schwierigkeiten, so daß ich mit Glanz durchs Examen fiel. Da ich erst Ende Januar wieder anfangen durfte zu turnen, konnte ich natürlich bis Mitte März nicht die verloren gegangenen 4 Monate aufholen. Ich bin eben ein rechter Pechvogel. Da es nun kein Seminar mehr gibt, habe ich mich privat weiter gebildet und hoffe nun, diesen Ostern endlich die Prüfung zu bestehen. In Wandsbeck ist es wie immer. Aber es bringt mir dort keine rechte Freude mehr. Es wird so sehr gegen uns technische Lehrerinnen gearbeitet von Seiten der festangestellten Gewerbelehrerinnen. Ich habe mich darum auch schon beworben nach einer anderen Schule, z.B. Volksschule, Mittelschule, hoffentlich klappt bald etwas. Ich möchte auch einmal die Arbeit an einem anderen Betriebe kennen lernen. Jetzt schon immer an einer Stelle hocken, mag ich nicht, dazu bin ich noch zu jung und zu unfertig.
Die großen Ferien dieses unvergleichlich schönen Sommers habe ich zu Hauptsache an der Elbe verlebt, so daß ich recht sonnenverbrannt wieder an die Arbeit kam. Späterhin hat mir das Jahr weniger Gutes beschert. Weihnachten bin ich dafür mit soviel Liebe bedacht worden, daß ein großer Teil des anderen davon aufgewogen wurde. Sonst lebe ich in Gleichförmigkeit und in guter Gesundheit meine Tage. Neulich traf ich Helga auf einem Sparziergang. Ich war beinahe erschrocken, als ich sie sah. Sie war sehr blaß und schmal geworden in der Universitätsarbeit. Sie muß mal tüchtig sich erholen. Sonst wüßte ich nichts, hoffentlich kann ich nächstes Jahr Euch was Neues erzählen.
Also ein recht fröhliches “Neues Jahr” und recht herzliche Grüße
Dora Düker.
Seid doch mal so freundlich und drückt den Daumen, daß wir Schnee bekommen, ich warte so darauf. D.D.
Januar 1930
Ihr Lieben!
Nun wird´s aber Zeit, daß ich das Buch weiterschicke. Entschuldigt den langen Aufenthalt, es gab jedoch in diesem Monat so viele Vorträge zu besuchen, daß ich immer erst spät nach Hause kam.
Seit vorigen Ostern trat also auch ich in Amt und Würden und bin an meiner früheren Penne, der “Oberrealschule des Paulsenstifts” beschäftigt. Reiner Zufall war es, daß ich die Direktorin auf der Oberschulbehörde bei meiner Bewerbung traf und notiert wurde. Und siehe da, es klappte, zu Ostern wurde eine Lehrerin an eine staatliche Schule berufen, und ich erhielt vorläufig deren Stelle.
Der Schulbetrieb war mir noch bekannt, so daß ich mich schnell einarbeitete. Mein Unterricht erstreckt sich von der X. Klasse bis zur O III, Turnen gebe ich nur bis zur VI. Am niedlichsten sind doch die Kleinen (IX – VIII. Kl.). Mit welchen strahlenden Augen gehen sie zum Turnen, mit welchem Eifer sind sie dabei. Zur Osterfeier üben wir kleine Tänze mit ihnen ein: “Lieschen, was fällt Dir ein, solch Gesicht zu machen.” Ihr solltet nur einmal die teilnahmsvollen und die brummigen Gesichter dazu sehen, wirklich allerliebst!
Nach Ostern werde ich verschiedene Fortbildungskurse besuchen, um später an der II. Prüfung zur festen Anstellung teilnehmen zu können. Seid Ihr Technischen schon in der Arbeitsgemeinschaft? -
Herzliche Grüße
Eure Gertrud Frischgesell.
Den 20. Februar 1930.
Liebe F.S. Klasse!
Oft denken wir an die schönen Stunden in Hamburg zurück. Es war doch fein in unserer alten Klasse. Helga, Dich erreicht das Buch zunächst. Wie geht es mit dem Studium? Du hast auch wohl kaum gedacht, daß dies Buch noch einmal zu Dir käme. Es liegt auch seit geraumer Zeit bei mir. Ich hatte keinen Mut einzuschreiben, um nicht nur Kröten aus meinem Kopfe auf diesem Papier zu verewigen. Jetzt bekommen wir wieder etwas Luft. – In 8 Tagen hören die Vorlesungen auf.; was für uns zwei freie Tage in der Woche bedeutet. Diese zwei Tage sind in Gedanken wieder mit Arbeit vollauf gefüllt; aber darauf winken die Osterferien vom 1. April – 1. Mai. Wir zählen schon Wochen und Tage. – Den ganzen Sonntag haben Annemarie und ich still arbeitend hier verbracht. Annemarie hat eben ihre Lehrprobe, die sie am Donnerstag zu halten hat ausgearbeitet. Sie ist geistig etwas erschöpft und so soll ich diesen Brief in ihrem Namen mitschreiben. Wir erleben ja doch alles zusammen. – Über die Schule, unser größtes Erlebnisfeld zur Zeit, möchte ich nicht viel schreiben. Es ist nicht alles Gold was glänzt, und unsere Schule bestimmt nicht.
Nach einigen Kämpfen haben wir Semesterferien (?) vom 1. April erreicht; aber unser Examen, das im Juli vor den Semesterferien stattfinden sollte, ist auf Ende Oktober verschoben worden. – Trotz aller unserer Bemühungen ist der Ministerialerlaß nicht mehr umzustoßen. –
Neben der Arbeit in der Schule suchen wir Hamburger in fröhlichem Zusammenkommen Abwechslung. Gestern feierten wir Hilde Schulzes Geburtstag. – Wir waren recht vergnügt. – Käthe Brandes holte versteckt ein Kleid hervor, das noch vor dem Examen fertig werden muß und Grete Schulze mußte in eifrigem Spiel ihren Rücken, der sie mit Hexenschuß seit 8 Tagen quält, vergessen.; sonst geht es uns anderen gut. –
Ich will meine Laune im Zirkus morgen etwas beleben. – Zirkus “Sarasani” ruft vom Tempelhofer Feld mit Riesenreklame alles was Beine hat heran.-
Da fällt mir eben ein, daß Ilse Schomaker inzwischen verheiratet ist. Wer folgt? –
Herzliche Grüße
Carla v. Lauenstein.
(u. Annemarie Lepel)
Hbg, den 4.3.30.
Liebe Gemeinde!
Gestern erhalten, heute schreiben.
Motto: “Fasse Dich kurz, nimm Rücksicht auf die Wartenden” (s. öffentl. Fernsprechstellen). Carla hat meine Gedanken erraten, indem sie meint, ich hätte den Glauben an ein Wiedersehen aufgegeben. Wenn ich von den großen Verdiensten lese, worauf Reisen stehen können, so schlackere ich wehmütig mit den Ohren und denke an die vier Semester, die mir noch blühen. Ja, Kinder, unter der Anrede “stud.phil.” tue ich es nun wirklich nicht mehr. Zwei Semester liegen hinter mir. Das Studentenleben ist herrlich, ein wenig anstrengend, weil man den ganzen Tag in der Stadt umherzittern muß, ohne sich ausruhen zu können. Nur im “Heldenkeller” (Erfrischungsraum im Keller der Uni) bleiben einem einige kurze Erholungspausen bei einer Buddel Milch mit Strohhalm. Jünglinge und Jungfrauen hängen daran und fühlen sich ins nuckelnde Säuglingsalter zurückversetzt. Sonnabend war Semesterschluß, nun geht es aber an das richtige Pauken. Erholung muß so kommen, ich bin blaß wie Kümmelkäse (aber ohne Kümmel) und schlank wie eine Pinie (102 Pfd); die Hängebacken von Blücher sind dahin. Zwei Monate Ferien, im zweiten Monat werde ich im Jugendamt soziale Arbeit verrichten in d. Beobachtungsstation. Eigentlich hätte ich es nicht mehr nötig gehabt, weil ich schon 6 Monate im Krankenhaus war. Aber diese Arbeit interessiert mich, sie nennt s. auf d. Uni der “kleine Schulhelferdienst”; im Herbst steigt der “große Schulhelferdienst”, d.h. wir erhalten für zwei Monate vollkommen eine Klasse in d. Berufsschule an die Leine, ersetzen also d. Klassenlehrerin u. müssen selbständig arbeiten ohne Aufsicht. Zu jedem Semester belegen wir “schulprakt. Übungen” = unterrichten an Berufsschulen + hospitieren (im vergangenen Semester: Geschäftsrechnen u. Staatsbürgerkunde); im nächsten: Naturkunde-Fächer. Das Arbeiten ist ja vollkommen anders als im Seminar. Man kann doch schon besser mit den Gören umgehen, trotzdem sie wenige Jahre jünger sind als wir. Na, Kinnings, das Leben ist schön, sogar wunderschön. Es ist gut, daß der Sommer in Bälde naht, damit man wieder Farbe bekommt, indem man mit seinem Kahn durch das Wasser zittert. In zwei Jahren lacht die Prüfung, bis dahin lache ich mit. Man muß sich ein enorm dickes Fell wachsen lassen, sonst bekommt man es mit den Nerven, denn was wir alles belegen müssen, spottet jeglicher Beschreibung; eigentlich alle Fakultäten: Rechtswissenschaft, Nationalökonomie (Handels-, Agrar-, Sozialpolitik), Erziehungswissenschaft, Chemie, Physik (hihi, griente das Scheusal!). -
Aber nichtsdestotrotz sehen wir der Zukunft freudig ins Auge!!
Herzlichst Eure
Helga Ritter, stud.phil.
(d. Klaue ist noch schetteriger geworden, aber durch das viele Geschreibsel in d. Uni vergißt man bald ganz, Erhöhungen zu machen, die bei mir Buchstaben sein sollen.)
Lüneburg d.18.3.30.
Als glückliche Frau grüßt Euch alte liebe Seminarklasse Eure
Ilse Holzgrebe.
Hoch , Hoch , hoch !
Die trauernden Hinterbliebenen.
Harburg, den 23. April 1930.
Ihr lieben Hamburger!
Zuerst muß ich Helga mal ein Lob spenden. Wenn wir nur halb so pünktlich wären wie sie, brauchte das Buch kein ganzes Jahr zu einer Rundreise. Leider kann ich mich bei dieser Strafpredigt nicht ausnehmen.
Also, wie schon irgendwo vermerkt, ich bin seit Oktober wieder in Potsdam, wohne dort mit Grete zusammen, führte im ersten Halbjahr den Titel einer Fachgewerbeoberschulunterkandidatin und rücke jetzt zur Oberkandidatin auf, um die Unterkandidatinnenwürde an Käthe abzutreten, die inzwischen ihr Examen gemacht hat. In diesem Kandidatinnenjahr erhalten wir unsere pädagogische Ausbildung, wir unterrichten (etwa 12 Stunden wöchentlich), haben Pädagogik, Methodik und Volkswirtschaftsunterricht. Zur Prüfung müssen wir eine große schriftliche Arbeit liefern,; ich möchte dazu ein volkswirtschaftliches Thema nehmen, alles andere wissen bislang die Götter. Vor dem Sommer graut mir darum etwas. Aber es ist ja allens `n Övergang, leider auch die Ferien. Die sind heute auch wieder zu Ende, in 2 Stunden reise ich los.
Etwas Neues muß ich Euch noch erzählen, weil wir so stolz darauf sind. Wir haben seit einer Woche einen kleinen Neffen. Leider haben wir ihn nur erst im Bilde gesehen, weil meine Schwester in Eisenach wohnt. Hoffentlich können wir in den Pfingstferien hinfahren. –
Im Herbst könnt Ihr wieder mal für mich den Daumen kneifen, das ist dann hoffentlich das letzte Examen.
Euch allen viele herzliche Grüße.
Eure Hildegard Schulze.
Harburg, d. 23.4.30.
Liebes Hamburger Seminar!
Seitdem ich meine letzte Epistel schrieb, ist gerade ein Jahr vergangen, das 1. Potsdamer Jahr. Davon ließe sich ja wahrhaftig allerlei erzählen. Aber es ist schwer, ein kurzes und einigermaßen begreifliches Urteil über die Erlebnisse und Erfahrungen dieses Jahres zu geben. Carla hat schon angedeutet, daß nicht alles herrlich ist in unserer “Staatlichen”. Man hat in diesem Jahr zugenommen an Alter und Menschenkenntnis und nebenbei vielleicht etwas an “beruflicher Büldung”, dafür aber eingebüßt ein gut Teil Begeisterung (für den Beruf) und Idealismus, Mut und Selbstvertrauen. Ihr müßt Euch vorstellen, man ist mit unserer Klasse absolut nicht zufrieden, erlebt mit unserem Können nach den gemachten Voraussetzungen eine Enttäuschung nach der anderen und enthält uns die dementsprechende Meinung über unsere Klasse natürlich nicht vor. Daß diese Erfolge unserer Bemühungen – mit wenigen Ausnahmen – nicht gerade ermutigend od. begeisternd für uns waren, könnt Ihr Euch ja denken. Uns ist nur schleierhaft, wie eine ganze Klasse, zusammengewürfelt aus x vorbildlichen Seminaren, so enttäuschend wenig leisten kann! Na, jedenfalls, man hat nur Angst, in den Beruf zu gehen. –
Augenblicklich genieße ich die Osterferien und meine neue Tantenwürde, obgleich ich weniger
Berechtigung u. Verdienste habe, darauf stolz zu sein als auf irgendwelche etw. Schulerfolge. Muschi, die alte erfahrene Tante, wird mitleidig lächeln über meinen kindlich-tantlichen Stolz.
Wenn ich jetzt nach Potsdam komme, gehen wir ja erfreulicherweise dem Sommer entgegen, der dort besonders schön ist. Hoffentlich haben wir Zeit, ihn zu genießen. Am 25.Mai etwa dürft Ihr alle an uns Hamburger Filiale in Potsdam denken, dann kommt vielleicht ! Fräulein Rudtke von einer Tagung einen Nachmittag von Berlin nach Potsdam, um mit uns einen Hamburg-Tag zu veranstalten. Das wäre doch fein, nicht wahr, wenn daraus etwas würde?
Nun wünsche ich Euch allen hier und dort gute Erfolge weiter und viel Freude im nahenden Sommer und grüße Euch alle herzlich.
Eure Grete Schulze.
Soltau d.26.IV.30.
Lieben Leutchen!
Endlich! Ich hatte die Hoffnung auf dieses Buch schon ganz aufgegeben. Und da ich nun in der Schule (so kurz nach den Ferien!) mit den besten Vorsätzen angefangen habe, wie das ja zuerst immer so ist, soll auch dieses Geschreibsel ganz nach Vorschrift weitergehen.
Aus mir ist nun in diesem Jahr noch nicht eine “Handarbeitsoberschulunterturnlehrerin” geworden, wie aus den Potsdorfer Kandidaten, denen ich übrigens herzlichst und untertänigst meine Glückwünsche zu Füßen lege, sondern ich wirtschafte hier immer noch mit derselben Begeisterung im Herzen der Heide. Zu meinem größten Schrecken hat der gute Herr Schulrat mir anbefohlen, ab jetzt auch Hauswirtschaft zu geben. Else, Else wie soll Dir das noch gehen. Ich habe, glaube ich, keine Ahnung mehr. Hoffentlich bekommt mein schwacher Geist im rechten Augenblick eine Erleuchtung. Neben der Schule nimmt mich jetzt das Schwimmen sehr stark in Anspruch, und ich habe die unbezahlte Ehre als Frauenturnwart die “Damenabteilung” zu leiten und für den Sommer ein hier stattfindendes Gauturnfest mit vorzubereiten. Ja, ja zu was man in einem Heidedorf nicht alles nütze ist. Ich schändliches Wesen zähle nun schon wieder die Wochen bis zu den nächsten Ferien, es sind noch 6! Dann habe ich nämlich das Vergnügen 20 Gören zu der V.d.A.*) Tagung nach Salzburg zu leiterieren.
(Aber nicht allein!) Anschließend eine Tour über Innsbruck, Zugspitze, Partenkirchen, Oberammergau – München. Bleibt Euch da nicht vor Neid die Spucke weg? Muschi, Du hast die Tour doch auch schon gemacht, nicht? Was haben wir für ´ne sonnige Jugend!
Oh, Ihr voller wissenschaftlicher Vorlesungen steckende Ober- u. Unterkandidaten u. stud.phil. schickt mir doch mal etwas Lust und Grips für meinen Tätigkeitsbericht. Er muß in 10 Tagen fertig sein, sonst hängt mich der Schulrat. Solche Sachen sind nämlich nötig, um unsre erlernten Tüchtigkeiten zu beweisen und für die II. Lehrerprüfung fähig zu machen. Darum setzt man sich jedes halbe Jahr hin und berichtet über die Probleme seiner Amtstätigkeit. Da schweigt dann meistens mein Geist vor Ehrfurcht still.
Doch, darum keine Feindschaft. Euch geht es ja auch nicht anders. Mit Freude habe ich alle Eure Berichte noch einmal durchgelesen und wünsche nur, daß wir uns bald mal wiedersehen und richtig ausklöhnen können. Denn das Schreiben ist doch nur halb. Ilse hat wohl als einzige „nebenbei“ sich verehelicht, alle anderen widmen sich nach Potsdam in erster Linie ihrem Beruf!? – Else Achtung!!!
Immer noch Eure technische
Else Sporleder
(Mein Gekritzel wird auch immer schöner; man merkt, daß man alt wird!)
*) VDA = (vermutl.) „Verein f. d. Deutschtum im Ausland“ [anläßl. 50-jährigen Jubiläums: Tagung in Salzburg, Pfingsten 8./9.6.1930; Reichs- u. Auslandsdeutsche =>„... 25 000 Festteilnehmer...“; „... Festumzug der Schul- und Jugendgruppen ..“; etc]
Weferlingen, d. 9.V.30.
Liebe alte Klasse!
Mit Freude habe ich alle Eure Berichte gelesen, und daß es Euch gut geht; nun komme also ich dran, die ich noch immer hier in der Provinz Sachsen bin und die Kinder “behäkele” – “bestricke” – ” beturne” und neuerdings auch “bekoche”. Seit Oktober gebe ich der ersten Volksschulklasse Hauswirtschaftsunterricht, und immer mehr Freude macht es, wenn ich auch zu Anfang mit etwas bänglichen Gefühlen an die Sache ging – man lernt doch Gott sei Dank immer mehr hinzu und wird ruhiger und sicherer in seiner Arbeit. Orthopädischen Unterricht bekomme ich auch noch hinzu – da bleiben nicht viel freie Nachmittage, aber wenn, dann werden sie tüchtig mit Tennisspielen und Radtouren ausgenutzt! Von meiner Junggesellen- bude habe ich einen herrlichen Blick auf den Wald – da hält man es jetzt drinnen nicht viel aus, gleich morgens geht´s mit den Kindern heraus auf den Platz – denn die Turnhalle ist nicht gerade ideal – besser als keine, was Muschi? Else und ich tun uns immer in den Ferien unsere Erfahrungen, die wir gemacht haben, kund (bzw. trösten uns über Mißerfolge), da fehltest Du eigentlich noch im Bunde der “technischen”! Nicht zu vergessen die beiden Hamburger.
Auch einen Frauenturnverein habe ich zu leiten – es ist doch ein großer Unterschied, mit Kindern oder Erwachsenen zu turnen, da schwitze ich vielleicht manchmal! – Für heute will ich nun Schluß machen, Euch Lieben weiterhin alles Gute und viel Freude!
Eure Elfriede Benecke. -
Harburg, d. 8. September 1930.
Liebe Seminarklasse!
Ein rabenschwarzes Gewissen bekomme ich, wenn ich das Datum über Elfriedchens Bericht betrachte. Aber daß das Buch so lange bei mir lag, hatte auch seinen besonderen Grund. Als ich´s bekam, nahm ich mir vor, erst nach bestandener “2. Prüfung” einzuschreiben, auf die ich täglich lauerte. Da war´s schon besser, die Nase vorher noch ordentlich in die Bücher zu stecken.
Die Prüfungskommission kam und kam aber nicht – zwischen Pfingsten und den Sommerferien rechnete ich ganz fest damit – hatte ich doch die große schriftliche Arbeit und die Meldung schon zum 15. Februar eingereicht.
So mußte ich mit nicht ganz leichtem Herzen in die Ferien gehen. Aber nun ist´s gewesen – endlich, endlich! Am 29. August mit “gut” bestanden, hurra! Die ersten Tage danach war ich fassungslos vor glücklicher Entspanntheit. – Kinder, die Warterei war zu scheußlich gewesen. Es ging alles ganz gut und war natürlich mal wieder all die Angst nicht wert. Merkt´s Euch alle, die Ihr noch ein Examen vor Euch habt! Eben lese ich noch, daß nun mal wieder Carla und Hilde an der Reihe sind – Nun kann ich also nach weiteren 2 1/2 Jahren fest angestellt werden.
Nachdem das Schulschwimmen mit der Schlußveranstaltung, dem Schulstaffelschwimmen und die Reichsjugendwettkämpfe glücklich vorüber sind, habe ich nun endlich mal wieder etwas Ruhe und freie Zeit für mich privat, kann Klavierspielen, Spazierengehen usw.
Übrigens vergaß ich ganz zu erzählen, daß ich seit Ostern eine Stellung hier in Harburg habe, Mädchen-Volkssch. II. Ich bin sehr gern dort, habe mich schon gut eingearbeitet und bin froh und dankbar über die großen Vorteile dieser Stellung gegenüber Wilhelmsburg, nämlich als Wesentlichstes: Turnhalle (neu sogar) und nur 10 – 15 Min. Schulweg. Die Klassen sind mit 35 – 40 Kindern allerdings sehr stark besetzt. Ich bin bloß froh, jetzt schon Übung zu haben.
Im Juli war ich diesmal in Tirol (Ötztal, Achensee) Kinder, beschreiben läßt sich das nicht, was man in der großartigen, herrlichen Natur alles an Schönheit erlebt, es ist zu wundervoll! Ihr müßt selbst, sobald Ihr´s könnt, mal ins Gebirge fahren und wandern, wandern und schauen, soviel Eure Augen nur zu fassen vermögen.
Ob wir uns dieses Jahr zu Weihnachten wohl mal alle wiedersehen werden? Hoffentlich, ich glaube, wir werden uns sonst noch ganz fremd.
Herzliche Grüße
Eure Gertrud Beyer.
Harburg, d. 13.Okt. 30
Ihr lieben Gestalten!
Lange genug hat das geliebte Buch sich ja nun schon wieder bei mir rumgetrieben. Ich werde mich auf meine alten Tage auch wohl kaum noch in Punkt diesiges bessern.
Ich freue mich riesig, daß es Euch allen noch so schändlich gut geht und beneide die, so kein Examen mehr vor sich haben. Hilde, Grete, Annemarie u. Carla haben ja jetzt zur Abwechselung mal wieder eins gemacht. Und Muschi hat vollkommen recht, wenn sie sagt, daß der Krempel all die Angst u. Aufregung nicht wert ist. Aber es gibt eben Menschen, die ganz besonderes Talent haben, sich und andere Leute wild zu machen, und solche määkwürdigen Gestalten sind eben in unserer Penne en gros vorrätig. Aber darum keine Feindschaft nich!!
Ich bin eben im Begriff des Begreifens, wieder nach Potsdorf abzusausen. Die Ferien waren arbeitsreich und erquickend. Ich habe Bibliotheken, Weltwirtschaftsarchive, Arbeitnehmer- u. Arbeitgeberverbände abgegrast nach Literatur für meine Arbeit. O, Kinners, man steht der Angelegenheit ja so herzerquickend unbefangen gegenüber, wie der Ochs vorm Berge, indem daß man keine Ahnung davon hat u. im Laufe des Winters auch wohl herzlich wenig Zeit haben wird, sich so intensiv, wie es erforderlich wäre, mit der Materie zu bemusen. Wissenschaftliche Arbeit! Hihi! Von Wissenschaft keine Spur! Ein Plätschern an der Oberfläche – ein Ringen mit dem Ausdruck!
Na, und in diesem Sinne
(u. indem daß ich nicht mehr viel Zeit habe)
Hääzlichst
Eure Käthe Brandes.
Heidehof, 26.XI.30.
Ihr lieben Kameradinnen!
Als dies Buch Ende Oktober zu meiner großen Freude bei mir anlangte, war ich zu sehr in Spannung, als daß ich vernünftig hätte schreiben können. Nun bin ich seit einiger Zeit hier im Heidehof bei Lübeck als – Erzieherin und leite den Küchen- u. Wirtschaftsbetrieb. Ja, ja, es stimmt. Als ich am 1. April von Wandsbeck fortging, weil dort 20 Lehrkräfte abgebaut wurden, habe ich mir dies alles nicht träumen lassen. Durch Zufall bekam ich im Mai eine Vertretung in einem Heim im Küchenbetrieb. Es gefiel mir dabei großartig und ich wurde wider Erwarten gut fertig mit den Mädchen, sodaß ich nach Ende meiner Vertretung nach einer solchen Stelle gesucht habe. Auch war ich acht Wochen im Waisenhaus in Hamburg, wo ich Küche, Haus und Magazin – natürlich nur in wirtschaftlicher Hinsicht – als Vertretung zu leiten hatte. November bekam ich dann also diese Stellung als Wirtschaftserzieherin im Heidehof in Blankensee/Lübeck. Jetzt habe ich mich schon einigermaßen eingelebt und die Sache funkt schon ziemlich. Die Mädchen sind Zöglinge, die fast alle in moralischer Hinsicht einen kleinen Defekt haben. Einige sind dermaßen frech, unverschämt und mannstoll, daß man sie mit aller größter Strenge behandeln muß. Sehr viele kommen aus entsetzlichen häuslichen Verhältnissen, sind aber ziemlich gut zu leiten. Im ganzen ist der Verkehr sehr schwierig u. kostet eine Menge Geduld und Liebe. Wenn sich die Mädchen eine Zeit bewährt haben, werden sie in Stellung gegeben vom Lübecker Jugendamt.
Zuerst habe ich mit meiner Küchengruppe – 8 Mädchen – alle Tage großen Streit und lange Auseinandersetzungen gehabt, sie stahlen und naschten u. waren in der Arbeit nicht die Spur zuverlässig. Manchmal bin ich halb verzweifelt ins Bett gestiegen: was für einen Streich spielen sie dir morgen. Schelten hat keinen Zweck und macht sie bockig; man muß vernünftig mit ihnen reden u. ohne Zaudern strafen. Im Betrieb steht mir eine Praktikantin zur Seite, die man auch nötig braucht. Soweit von mir. Ich muß aber noch sagen, daß es mir im Heimbetrieb besser gefällt, trotz allem, als in der Schule. Wie ich aus Euren Berichten gelesen habe, seid Ihr alle in Eurer vorgesehenen Bahn geblieben. Auch scheint es Euch noch ebenso gut zu gehen wie damals, als wir uns das letzte Mal sahen. In irgendwelche Examina komme ich wohl kaum noch, Gott sei Dank!, ich habe diejenigen-welche weitgehendst bedauert, wenn ich Zeit hatte. Aber die ist von morgens 1/2 7 Uhr bis abends 1/2 10 Uhr nicht sehr reichlich, weil man sich hinterher noch für einige Unterrichtsstunden vorbereiten muß. Gott sei Dank kann ich mit meinen Mädeln allerhand fertig bringen, sie gehorchen mir wenigstens.
Wie ich zu meinem Schrecken sehe, ist meine Epistel ein großes Durcheinander geworden – heute Mittag gab´s Kohl – denn also kann ich zum Schluß ja auch gern weiter musen. Es wäre wirklich sehr freundlich, wenn wir uns mal bald wiedersehen könnten, und also lade ich Euch feierlichst ein, am Sonntag nach Weihnachten zu mir nach Blankensee in den Heidehof zu kommen. Ich hoffe, daß der eine oder andere dies Buch noch so lange vor Weihnachten bekommt, daß er sich mit den andern in Verbindung setzen kann.
In der Küche ist schon wieder Krach, ich muß schnell mal wieder hin und sehen, was los ist.
Darum Tschüß.
Recht herzliche Grüße
immer Eure Dora Düker.
Hamburg, d. 12.12.30.
Liebe Klasse!
Mit regem Interesse habe ich Eure Berichte gelesen und festgestellt, daß manche schon ein gut Teil Begeisterung eingebüßt haben. Ist das ein Wunder bei der vielen Paukerei? Mit ganzer Seele bedaure ich D., die sich mit den schwererziehbaren Mädchen plagen muß.
Ich bin noch immer an meiner früheren Schule tätig. Unterricht in der Grundschule: ein Gekrabbel von 50 Kindern im Turnen. Nur die Handarbeitsstunden werden in den Großen Klassen von zwei Lehrkräften geleitet. Allerdings hatte ich eine Quarta mit 40 sehr lebhaften Kindern vollständig allein zu unterrichten. Daß dies nicht leicht war, könnt Ihr Euch denken. Gleich beim Eintritt meldeten sich 10 Hände, sodaß man gar nicht wußte, wo man anfangen sollte. Nun habe ich die Klasse teilen dürfen. Das ist mir eine große Erleichterung. Denn nun kann ich mich in der kurzen Zeit eingehend mit jeder beschäftigen.
Nicht lange mehr werde ich meinen Beruf ausüben, um mich dem natürlichsten zu widmen. Am Weihnachtsfeste gedenke ich mich mit meinem Vetter zu verloben; wer wird von Euch folgen?
Wünsche Allen ein frohes Weihnachtsfest!
Gertrud Frischgesell.
Hbg, 17.12.30.
Ihr lieben guten Seelen;
Ich ergreife jetzt die Feder mit dem Wunsche, daß dies Geschreibsel ein einigermaßen leserliches sein möge. Denn diese Schrift ist keine Schrift mehr.
Wenn ich Frischgesells weihnachtliches Vorhaben erblicke, so kann ich nur sagen: o, über uns restliche Arme! Wann blühet uns der natürlichste Beruf von allen? Aber fort, fort mit diesen losen Gedanken! Ich will versuchen von meiner Paukerei zu reden, ohne in die gewöhnlich dabei auftretende Wut zu geraten. Den “kleinen Schulhelferdienst” am Jugendamt habe ich abgerissen; Arbeit war nicht leicht, s. Psychopathen (ich bitte auch mich von ganzer Seele zu bedauern!), ich hätt´s ja nicht nötig gehabt. In den großen Semesterferien stieg dann der “Große Schulhelferdienst” in der Uferstraße, an einer der schönsten, modernsten Berufsschulen in Hamburg. Die Arbeit machte Freude; ich mußte die entsetzliche Pille schlucken, daß Theorie und Praxis sich bewußt den Rücken kehren. In der Uni wird von Seelengemeinschaft usw. mit den Feinden (?) geredet, in der Penne unter den Tisch mit diesen Dingen; bitte die Lehrpersönlichkeit hervorzuziehen. Die Wut kommt, ich schweige still. Das eine habe ich aber feststellen können, entweder man ist dazu geboren, die Gören sofort zu gewinnen, ohne systematische Methodenkauerei, oder es gelingt einem niemals. Vielleicht habe ich ja den Dusel gehabt, das erstere mitzubekommen, denn zum Abschied kamen sie mit Sträußen angetrudelt, und das ist wirklich viel bei Kindern der Fortbildungsschule, Abteilung Barmbek. – Sporleder, mir blühten genau dieselben Berichte; sie verursachen Albdrücken und man lernt das Seelengefasel.
In einem Jahr steige ich ins Examen; ich möchte bei meinem Schädel anbauen können; grausig diese Stoffmengen! Wenn die Leute sich nur schon selber ganz darüber klar wären, was sie wollen. Nun haben sie uns auch noch mit einem Gewerbekundl. Institut überfallen; wir sind nun glücklich auf 40 Wochenstunden gekommen; Übungen sind die Hauptsache. Übrigens hat Rudtke auch im G.I. einen Lehrauftrag erhalten. Wir hocken wieder zusammen; im Augenblick malen + backen wir wieder dicke Trompeten, Weihnachtsmänner, Eierfrauen. Außerdem haben wir noch 2 weitere Übungen bei ihr. Und so geht es fort. Wir gehören zum ambulanten Gewerbe, denn wir sind in ganz Hamburg vertreten; nun sind wir auch glücklich noch bei den Schweinen gelandet; bitte, aber auf dem Schlachthof bei einer tierärztlichen Vorlesung. Das Todesgequieke dieser armen Würmer geht einem durch Mark & Pfennig. Man ist ein großer Nervenhaufen, zusammengehalten durch Knochen; Fell, wohin bist Du entschwunden? Aber was ich mir gerettet habe ist der Humor; Kinder, glaubt mir, ich bin noch immer die verrückte Nuß und ich habe eine wahre Sehnsucht danach, mal wieder mit Euch kreuzfidel zu sein! Die Seminarjahre waren doch verflucht schön; so sorglos wie damals war ich eigentlich noch nie so ganz wieder; besonders in der letzten Zeit, wo das Grauens-Gespenst in der Ecke hockt + seine falschen Zähne fletscht.
Menschenskind Grete, Du hast recht, wenn Du sagst, das Selbstvertrauen kriegt böse Knicke.
Sonnabend gibt´s Ferien, angefüllt mit einer großen Übungsarbeit; aber püttegal, ich freue mich auf
Weihnachten!
Euch allen die selbe Freude
Eure Helga Ritter.
stud.rer.pol.
(stud.rer.pol., nach Volkswirtschaft mein Lieblingsfach; bei stud.phil. blecken mich stets die gräßlichen Methoden + Formalstufen an!)
Lüneburg, 7.1.31
Liebe alte Seminarklasse!
Als Weihnachtsgruß bekam ich diesmal unser liebes Buch. Das war mir eine schöne Überraschung, und ich hatte Muße, alles zu lesen. Aber die liebe Helga muß sich nächstes Mal doch bemühen, etwas deutlicher zu schreiben. Was nützt es uns sonst, wenn sie uns so viel Interessantes berichtet. Ich möchte allen, die sich inzwischen wieder durch ein Examen gerungen haben, meine allerherzlichsten Glückwünsche aussprechen. Hoffen wir, daß sie bald eine Anstellung finden. Auf Examina brauche ich ja Gott sei Dank nicht mehr hinzuarbeiten, aber zu tun habe ich auch genug.
Ich bin auch Lehrmeisterin von 2 Lehrlingen, die bei mir Binderei erlernen. Es macht doch viel Freude, Menschenkindern etwas beizubringen. Mein Beruf ist auch sehr interessant und abwechslungsreich. Ich finde es sehr schön, wenn die Frau mit beruflich tätig ist. Dafür habe ich natürlich auch im Hause mit meinem Mann viel Freude. Unsere Privatwohnung liegt dicht bei unserer Gärtnerei. Im Sommer ist es dort ganz herrlich mit dem Blick auf den Kurpark. Vielleicht kommt Ihr im Sommer mal alle nach dem schönen Lüneburg. Sonntag waren Else und Elfriede bei mir; es ist zu schön, Erinnerungen wieder aufzufrischen.
Ich wünsche Euch viel Glück für das Jahr 1931 u. viele Grüße
Eure Ilse Holzgrebe.
Potsdam, d.11.I.31.
Ihr lieben Hamburger!
Diesmal kam das Buch wirklich überraschend früh, das zuletzt übliche Jahr als Pause ist ja noch längst nicht rum. Wär es man schon, dann könnte ich Euch hoffentlich Besseres erzählen als jetzt. Noch sitzen wir im Druck, und schon angsterfüllt “unserem Ende ” entgegen; da wir uns aber gerade vorgenommen haben, keine Klagelieder mehr zu singen, die das Leben doch nicht erleichtern, will ich´s auch hier möglichst kurz machen. Es geht uns (ich meine jetzt Carla, Annemarie + mich, die wir im Frühjahr in Berlin das wissenschaftl. Berufsschullehrerinnenexamen machen) ähnlich wie Helga; ihren Wunsch, am Schädel anbauen zu können, kann ich gut verstehen. d.h. ich möchte lieber “umbauen” können, aus einem verdummten einen brauchbaren Schädel machen. Wir sind uns alle einig, daß wir systematisch immer dummer werden. Und diese Einigkeit ist der einzige Trost in unserem Leid. Es wird wirklich Zeit, daß das ewige “Anregungen-Kriegen” aufhört, damit man erstmal praktisch versuchen kann, was eigentlich dabei rausgekommen ist und damit man allmählich alles im Beruf verarbeiten kann. – An sich ist das Leben und Lernen in Berlin ja eigentlich herrlich. Ich glaube kaum, daß man´s je in einer anderen Stadt wieder so hat. Zuerst hatte ich ja eine wahre Wut und einen entsetzlichen Greuel vor dieser Stadt, in der man so viel Gräßlichem, Düsterem und Abstoßendem begegnet. Allmählich gewöhnt man sich daran oder lernt, darüber hinwegzusehen, weil man daneben ja auch auf Schritt und Tritt Interessantes und Anregendes sieht. In sehr vieler Beziehung ist Berlin doch anderen Großstädten – auch unserem geliebten Hamburg – überlegen, besonders weil es in allem mehr bieten kann (Bibliotheken, Geschäfte, Theater, Vorträge usw. usw.) Man hat die denkbar günstigsten Gelegenheiten, alles dies (auch z.T. zu sehr billigen Preisen) auszunutzen. Daß man leider lange nicht genug Zeit hat, es wirklich ausgiebig zu tun, darüber wollte ich ja jetzt nicht stöhnen.
Ich überlege eben, ob Ihr eigentlich seit unserem prakt. Examen im September schon was von uns gehört habt, da stelle ich erstaunt fest, daß Annemarie + Carla in der letzten Runde überflogen sind. Frischgesellchen, warum hast Du die richtige Reihenfolge nicht eingehalten? Beichte! –
Dann müssen sie jetzt noch zu Wort kommen + können Euch von unseren einzigartigen Lehrproben berichten, die wir im Norden! von Berlin, Arbeiterinnenschule-Wedding halten müssen. Prima Gegend! sage ich Euch.
Darum mit meiner Epistel Schluß!
Herzliche Grüße Euch allen
von Eurer Grete Schulze.
Berlin, den 28.III.31.
Meine liebe Hamburger Klasse!
So nun wäre es soweit! Die “Gewerbeoberlehrerin für Hauswirtschaftliche Berufsschulen” Carla stellt sich vor. – Meine Koffer stehen gepackt und damit liegt wieder ein Abschnitt meines Werdegangs hinter mir. – Mit mir zusammen haben Annemarie und Grete Schulze das Examen bestanden; auch Käthe ist in Potsdam jetzt fertig. (d.h. Grete, Käthe und ich gehen noch einmal nach Potsdam, um einen Zusatzkursus durchzumachen – Stellenangebot ist knapp; da muß man eben noch weiter lernen. Auf den Sommer in Potsdam freuen wir uns mächtig. – Vor ein paar Tagen habe ich mir ein sehr nettes Zimmer gemietet, es ist bereits das vierte in Potsdam. – Von dem letzten Vierteljahr ist nicht mehr so viel zu berichten. Grete hat von unserem Leben geschrieben. Zu Ostern saß jeder über seinen Büchern in Spezialgebiete versenkt, um dann wie immer festzustellen, daß man längst nicht alles brauchte. –
Jetzt geht es in die Osterferien nach Hause. –
Herzliche Grüße
Carla v. Lauenstein.
Hamburg, den 10.April 1931.
Ihr lieben alten Kameradinnen,
was soll ich Euch nun schreiben? In zwei Stunden treffen wir uns ja alle auf dem Klassentag bei Hilde und Grete. Dort können wir uns in Ruhe allerlei erzählen, von Sorgen und Nöten und Schandtaten berichten. Es ist nur schade, daß Dora, Gertrud und Else nicht dabei sein können. Euch drei grüße ich besonders herzlich.
Laßt es Euch allen recht gut gehen und denkt zuweilen an die arme Gewerbeoberlehrerin i.R.
Annemarie L.
Hamburg-Langenhorn, den 30.6.31.
So, Ihr lieben Leutchen,
nun ist seit dem Klassentag genügend Zeit vergangen. Leider waren ja längst nicht alle da, besonders Lüneburg versagte vollkommen, das war schade.
Soll ich nun seit dem letzten Geschreibsel nachtragen? Inzwischen bin ich also fertige Gewerbelehrerin, habe meine Künste schon ein Vierteljahr im Winter an der Harburger Berufsschule probieren können, war dann von Ostern bis Pfingsten arbeitslos und bin jetzt, wie Ihr an der Überschrift seht, in Langenhorn im Haushaltungsheim “Birkenhof” als Sommerurlaubsvertretung. Was sagst Du dazu, Annemarie? Eigentlich solltest Du doch diese Stelle haben. Ich war ganz erstaunt, als ich das hörte. Die Welt ist doch zu klein. – Hier bin ich seit 3 Wochen, hab aber schon eine ganze Menge erlebt und “erfahren”. Denkt nur, zuerst kam ich in die Küche, wo 4 Schülerinnen unter meiner Leitung das Essen für sämtliche Insassen zu kochen hatten. Seit 1927 sozusagen keinen Kochtopf in der Hand gehabt, und nun stand man auf einmal davor! Ich tappte oft im Dunkeln und mußte mich vor allem an die großen Quantitäten gewöhnen. Es ist zwar kein sehr großer Betrieb: 30 Personen. Für “Anfänger” aber genug. Aber Spaß gemacht hat´s auch, ich hab ordentlich Lust gekriegt, mal ein Kochpraktikum zu machen. – Jetzt bin ich in der Nähstube und lasse alle möglichen schönen Sachen fabrizieren. Die Schülerinnen hier sind meist schwächliche, erholungsbedürftige Kinder, die vom Hamburger Jugendamt hierher geschickt werden. Dora kennt solch Heimleben mit seinen besonderen Schwierigkeiten und Freuden wohl am besten. Es ist doch das stete Zusammensein mit den Mädchen anstrengender als der Schulbetrieb; aber da man zur Zeit immer nur eine kleine Schülerinnenzahl um sich hat, ist darin wieder ein Ausgleich vorhanden. Und man hat ja auch viele schöne Stunden zusammen. Der Birkenhof liegt sehr schön, hat einen großen Garten u. Spielplatz. Da sind wir oft draußen, spielen mit besonderer Vorliebe Völkerball. Bis Anfang September werde ich hier bleiben, und dann wird sich hoffentlich wieder was Neues finden. Die Zeit rennt mir viel, viel zu schnell, viel schneller als früher. Das kommt wohl, weil man älter wird. Und ich wüßte jetzt immer so viel, viel nachzuholen, zu lesen, kennen zu lernen, zu sehen usw. usw. Und das kommt auch daher, daß man älter wird, und das ist die schöne Seite daran. – Puh, jetzt wird´s phrasig!
Seid alle recht herzlich gegrüßt.
Eure Hildegard Schulze.
Hamburg, am Klassentag
Liebe Hamburger Klasse!
Ich habe den Auftrag, Euch Ausbleibern am 2. Weihnachtstag Bericht zu erstatten und von uns Sieben recht herzlich zu grüßen. Es waren da: Schulzes, Käthe, Annemarie, Ilse Holzgrebe, Elfriedchen und ich. Es war sehr gemütlich; wir haben nur sehr bedauert, daß Ihr nicht alle dabei waret. Als Ersatz haben wir all Eure Grüße vorgelesen. Muschi, wie wir uns über Deinen lieben, langen Brief gefreut haben, glaubst Du gar nicht. Ganz fahrplanmäßig kam er morgens um 8 Uhr an. Recht herzliche Glückwünsche noch von mir zu Deiner Hochzeit! Du hast es entschieden am besten jetzt, das haben wir alle festgestellt. Bei diesen Notverordnungen sitzt man doch dauernd auf dem Sprunge, gegangen zu werden. Elfriedchen und ich sind augenblicklich noch an unserem alten Wirkungsplatz, wie lange – ? Wir haben beide unsere zweite Prüfung überstanden, auch mit “gut” wie Du, Muschi! Sonst geht alles seinen alten Lauf: man wirkt neben der Schule in Turnvereinen, macht in “Jugendpflege” usw. Ähnlich wird es Dora auch wohl gehen, nicht? Sehr viele sind ja von uns techn. Lehrerinnen nicht mehr übrig geblieben. Denn Gertrud “Frischgesell” ist auch nicht mehr, sie ist seit dem Sommer auch schon verehelicht und heißt jetzt “Martens”. Herzlichen Glückwunsch, Gertrud. Willst Du nicht auch ein Bild von Euch 2 Glücklichen einkleben? Ilse Holzgrebe hat das auch schon zugesagt. Wir haben überhaupt beschlossen, daß am nächsten Klassentag jeder mit seinem Mann anzurücken hat.
Nun zu den “Gewerblichen”. Carla hat eine Stelle in Nordholz bei Cuxhaven am Kinderheim vom Roten Kreuz. Du hast es, glaube ich, sehr schwer, Carlchen! Nicht einmal Weihnachten und Neujahr frei! – Annemarie betätigt sich an der Berufsschule in Wandsbek. Sie ist noch immer die alte Annemie, sogar noch genau so “schlank”. Ja, und was nun kommt, ist – arbeitslos. Sie ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus, haben aber alle zugesagt, sich in ihrer Küche stören zu lassen, wenn sie ihre Kunst als Schneiderinnen für Hochzeitskleider anwenden könnten. Also Helga, Du stumme und treulose Tomate, merk´ Dir das. Man hat so etwas gemunkelt, als wenn bei Dir dieser Fall sehr bald eintreten würde. “Es läßt sich ruhig im Hafen schlafen”. Darum sei Dir auch verziehen, daß Du nicht kamst: wenn “er” ein Hafen ist. Vorläufig mußt Du noch Examen machen? Armes Tier! Hals und Bein, liebe Helga! Ob wir nun wohl endlich alle von diesen häßlichen Einrichtungen verschont sind. – Wer ist eigentlich noch bezopft von Euch? Auf dem Klassentag waren so bieder nur noch Grete und ich. Alles andere erschien, jedesmal mit lauter Gemurmel empfangen, mit ohne. Sogar Hilde, die ja eigentlich immer noch dagegen ist. Ich kam mir ganz merkwürdig dazwischen vor.
So, Ihr Lieben, ein frohes neues Jahr! Laßt Euch eine Anstellung bringen, oder einen Mann – ganz nach Wunsch!
Schickt das Buch bitte jetzt erst denen, die nicht in Lüneburg waren, also:
Muschi, Gertrud Martens, Dora Düker, Helga Ritter, Carla. Dann in der üblichen Reihenfolge.
Herzliche Grüße,
Eure Else Sporleder.
Kassel, d. 20.März 1932.
Meine liebe alte Seminarklasse!
Aus der Gertrud Beyer, die das letzte Mal noch einschrieb, ist inzwischen eine sehr glückliche Frau Gertrud Merzin geworden. Von der Hochzeit und von dem ganzen neuen Leben will ich Euch erzählen. Gerne hätte ich´s Weihnachten oder jetzt zu Ostern am Klassentag mündlich getan. Besonders daß ich an dem letzteren wegen der Verlegung auf die Zeit nach Ostern nicht teilnehmen kann, wie ich gehofft hatte (da ich gut 14 Tage zu Besuch in Harburg war), tut mir sehr, sehr leid. Ich hatte mich schon richtig darauf gefreut. -
Seit meinem letzten Einschreiben hatte ich immer lustig weiter unterrichtet bis zum vorigen Oktober (1931). Dann haben wir gleich geheiratet, nachdem wir uns im April verlobt hatten, d.h. verlobt waren wir ja fast 4 Jahre lang. Zum Abgehen von der Schule habe ich wohl gerade den richtigen Zeitpunkt gewählt, denn womöglich wäre ich gekündigt worden od. hätte doch zumindest meine gute Stelle verloren bei dem allgemeinen Abbau. Der Abschied war ordentlich schwer. Gerade an der letzten Schule war ich sehr gern. Die Kinder schreiben mir recht häufig. Ich lege eine kleine Kostprobe bei. Übrigens habe ich jetzt meine alte Wirkungsstätte mal wieder besucht – es gab ein großes Hallo!
Unsere Hochzeit war dann nach all der Unruhe der Zeit davor ganz wundervoll. Die liebste Erinnerung daran sind uns die sehr gut gelungenen Bilder. Wer mich mal besucht, kriegt alles zu sehen. Bitte denkt an mich, wenn Ihr durch Kassel kommt! Aber bitte vorher erkundigen, ob wir auch schon woanders hinversetzt sind. Und dann bitte vorher anmelden! nicht vergessen!
Die Trauung vollzog mein Schwiegervater, der in Kassel Kirchenrat ist. Das war natürlich ganz besonders schön. Für die musikalische Ausgestaltung hatte meine Klavierlehrerin gesorgt, außerdem sangen mir meine Schülerinnen einen Choral. Ganz goldig machten meine Inge-Nichte und das kleine Hänschen das Blumenstreuen. Wie schön alles war, seht Ihr aus unseren strahlenden Gesichtern auf dem Bild. Am Auto gab´s dann noch einen sehr fröhlichen Abschied von all meinen winkenden Schülerinnen. – Die Familienfeier fand zu Hause im kleinsten Kreise statt! Unsere Hochzeitsreise war sehr klein aber fein. Wir waren im sonnengoldenen, herbstbunten Harz. Nun sind wir schon fast 1/2 Jahr in unserer reizenden kleinen, möblierten Wohnung, deren Besitzerin sich für 3/4 Jahre auf Reisen begeben hat! Wir sind also völlig selbständig in unserem Heim, was besonders in der Küche sehr angenehm ist. Mit Ausnahme von unserem herrlichen Ibach-Flügel, den ich eifrig benutze, und unserem Rundfunkgerät, mit dem wir vornehmlich Frankfurt hören, gehört alles in der Wohnung der Dame, die uns die Benutzung ihrer gesamten Einrichtung gestattet hat. Unsere eigene Einrichtung, die wir untergestellt haben, können wir vorläufig nicht benutzen, da ein Umzug damit zu teuer wird. Ein junger Assessor aber wird noch viel herumgeschickt, wird womöglich heutzutage auch mal arbeitslos. Na, wollen´s nicht hoffen! Arbeit ist wahrhaftig reichlich genug vorhanden. Und auch ich habe mein reichliches Tun mit dem In-Ordnung-Halten unserer Wohnung (2 Wohnz., Schlafz., Küche), mit dem Kochen, was nach den ersten bänglichen Wochen nun sehr gut geht, mit der Wäsche, dem Einheizen usw. – Aber nun kommt bald der Frühling, da wird schon von selbst vieles leichter, und wenn die Sonne scheint, flutscht alles noch einmal so gut.
Zum Schluß wünsche ich Euch die Erfüllung Eurer Wünsche betreffs einer Stellung oder – wenn Ihr was Besseres wißt, dann wünsche ich auch das von Herzen. Laßt es Euch allen recht gut gehen. Ich freue mich sehr, wenn ich von Euch Neues zu hören kriege.
Eure Gertrud Merzin.
Im Mai am Sachsenwald
Liebe Klasse!
Wie Else Euch schon berichtet hat, befinde auch ich mich seit Juni unter der Haube, nebenstehendes Bild gibt den Beweis. Leider ist das Bild etwas verwackelt, sodaß ich eine zu lange Nase und eine doppelte Zahnreihe bekommen habe, aber Ihr habt mich sicher noch in Erinnerung und wißt, daß ich in Wirklichkeit nicht so bissig bin, wie ich aussehe. Es gefällt mir das Hausfrauenleben. Ihr glaubt nicht, wie königlich man sich zuerst als selbständige Hausfrau fühlt nach der Hetzerei im Schulbetrieb. Viel zu tun habe ich in meiner kleiner Wohnung nicht. Wir wohnen bei meinen Eltern in ländlicher Einsamkeit direkt am Sachsenwald; nennen im oberen Stock 2 Zimmer und 1 kleine Küche unser. Ein Blick aus meinem Küchenfenster gibt mir jetzt gerade ein wundervoll, stimmungsvolles Bild, der finstere Tannenwald hebt sich als schwarze Silhouette vom rötlich-violetten Abendhimmel ab. – Während ich meine Wohnung in Ordnung bringe, befaßt mein Mann sich in Hamburg mit Kinderdressur, kommt erst spät am Nachmittag zurück, so daß ich fast den ganzen Tag allein bin. Da ich nun viel freie Zeit habe und es hier sehr einsam ist, habe ich mich eifrig dem Klavierspiel gewidmet, besuche zweimal wöchentlich das Vogt´sche Konservatorium in Hamburg. Für diese Stunden habe ich tüchtig zu arbeiten. Augenblicklich haben es mir die Walzer, Polonaisen und Präludien von Chopin angetan. Wie gerne hätten wir auch einen schönen Zimmerflügel. Mein sehnsüchtigster Wunsch, wann gehst du in Erfüllung? Wie glücklich kannst Du sein, Muschi!
In diesen Sommerferien gedenken wir viele kleine Touren zu machen mit unserem Hanomag, auch Lüneburg wollen wir aufsuchen. Häufig stehe ich abends schon auf den Geesthachter Hügeln, zu denen wir in 20 Min. per Rad gelangen, und sehe auf die vor mir liegenden Marschlande, vor allen Dingen aber auf Lüneburg. Haben Euch Lüneburgern noch nicht die Ohren geklungen?
Nun Ihr Lüne- Har- und Hamburger seid herzlich gegrüßt
von Eurer Gertrud Martens
22.8.32.
Ihr lieben Anderen!
Als ich dies Buch nach langer Zeit wieder in die Hände bekam u. meine Epistel las, habe ich ein wenig lachen müssen. Was liegt schon alles an Not u. Sorgen, an Hoffen und Wünschen zwischen Heidehof u. jetzt! Im Heidehof bin ich nach 1/2 Jahr regelrecht zusammengeklappt durch körperliche u. auch seelische Überanstrengung. Gerade zu der Zeit schwerer Arbeit habe ich auch sehr viel seelisch Schweres durchmachen müssen, sodaß ich einfach umfiel. Nach langer Zeit erst konnte ich daran denken, eine Stellung wieder anzunehmen u. als ich mich gut eingelebt hatte, verbrannte ich mir den Fuß u. bekam Blutvergiftung dazu. Jetzt ist alles gut verheilt nur eine große Narbe zeugt von verschwundener Pracht. Jetzt bin ich wieder am Suchen. Na, da Unkraut nicht so leicht vergeht, habe ich große Hoffnung, daß ich bald wieder im Sattel bin. Kneift den Daumen. Nun habe ich herrlich Zeit, endlich einmal meine geliebte Psychologie weiter auszubauen u. arbeite tüchtig Pfister´ Werke durch, nachdem ich Adler einigermaßen verdaut habe. Freud soll noch folgen, soweit ich ihn nicht kenne.
Herzliche Grüße
Eure jetzt wieder fröhliche Dora D.
Hamburg,16.12.32
Liebe alte Klasse;
heute wird einmal versucht “deutsch” zu schreiben, denn das Gestöhne über meine Handschrift ist mir nahe gegangen. Dieses Buch erhielt ich gerade als ich an meiner großen Arbeit saß; Ihr kennt fast alle die Depressionen unter denen man dann zu leiden hat. Mitte Oktober habe ich mein Examen mit Erfolg bestanden, indem ich mit dem Titel Studien-Assessor aus ihm hervorgegangen bin. Die Zeit war gräßlich, ich bin mit meinem Gewicht abgesackt bis auf 102 Pfd; von den Nerven nicht zu reden. Oh, aber Schwamm drüber. Nach langen 8 Jahren des Lernens lockt uns hier der freiwillige Arbeitsdienst mit RM 1,00 pro Tag, abzüglich Fahrgeld usw. Eine wahre Pracht!! – Das wäre die erste Begebenheit, die von Wichtigkeit wäre.
Die 2. wäre die, daß Else´s zu hören geglaubtes Gemunkel, ich wollte mich in Bälde ehelich binden, Wahrheit geworden ist, indem ich mich am 6. November verlobt habe. Heirat erfolgt voraussichtlich im Mai des neuen Jahres. Wenn es so weit ist, klebe auch ich ein Bild ein. Dann könnt Ihr das Ehepaar Gerhard in Augenschein nehmen. Hoffentlich wackele ich nicht darauf wie Gertrud; denn ruhiger bin ich während des ganzen Jahres nicht geworden. Ich freue mich wirklich, daß ich die Unerquicklichkeiten des “freiw. AD.” ( freiwilliger Arbeitsdienst) nicht mitzumachen brauchte, denn ich habe bis zum Mai noch viele Dinge zu erledigen. Die Zeit fließt so entsetzlich schnell dahin. In einigen Monaten wird die Wohnungssuche beginnen, ein schwieriges Kapitel, hoffentlich sinken die Mieten noch. Aber ich will heute noch nicht jammern. Diese Art Sorgen sind ja erträglich, wenn man nicht sonst sagen könnte – schön (??). Meine Tage sind ausgefüllt bis zum Abend, trotzdem mein Verlobter sehr selten hier ist. Augenblicklich ist Mutti verreist, sodaß ich schon eine Vorübung bekomme, denn bis Mai ist keine Unendlichkeit mehr.
So, Kinder, nun Schluß; ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest + viel Freude im neuen Jahr 1933!
Eure Helga Ritter.
Hamburg, den 8.III.33.
Meine lieben Hamburger Kameradinnen!
Das war eine Überraschung, als ich vor einer Woche dies Buch in der Hand hielt. Helga, Du ahntest sicher nicht, daß Du mir eine riesige Geburtstagsfreude damit machtest. Ich feierte ihn dies Mal ganz allein in Lüneburg, da meine Geschwister alle von Hause fort sind und meine Mutter auch verreist war. Da ich (arbeitslos) nichts zu tun hatte, konnte ich mich in aller Behaglichkeit mit jeder einzelnen von Euch beschäftigen. – Es mutet einen ja etwas seltsam an, wenn man all das Gestöhne der in der Ausbildung stehenden, die Angst vor dem Examen sieht; dann folgt meist ein wenig erfreulicher Bericht der ersten Arbeit und ein Jauchzen glücklicher Ehepaare oder solcher die davorstehen. Allen, die sich inzwischen verlobt und verheiratet haben und zu allen ersten Babys, die demnach eintreffen werden, sage ich meine herzlichsten Glückwünsche. Ich schlage vor, am nächsten Klassentag werden alle Ehemänner mit eingela- den. Helga gratuliere ich besonders herzlich als erste, die es durch dieses Buch erfahren hat.
Jetzt wollt Ihr sicher etwas von mir hören. Ich brauche nicht sehr weit zurückzublättern, die Episteln scheinen ja immer kürzer zu werden, und sehe, daß es fast 2 Jahre her ist, als ich als “neugebackene” Berufsschullehrerin einschrieb. 1/2 Jahr hielt mich danach noch mit einigen andern von uns Potsdam fest. Das letzte halbe Jahr haben wir unendlich genossen; es war abwechselungsreich durch gemeinsame Fahrten (Hiddensee – Rügen) Käthe, das war unser Erlebnis (Dresden – Sächs. Schweiz), die große Arbeit brachte Arbeit aber auch viel Freude. Wir hatten viel freie Zeit neben interessanter Arbeit. Ende September machte ich das letzte Examen (hoffentlich brauche ich keins mehr nach meinem Führerkursus abzulegen). Ich hatte das große Glück, am 1. Oktober bereits meine erste Tätigkeit anzufangen. Ich kam als erste Gewerbelehrerin an eine Haushaltungsschule, die bis dahin von Jugendleiterinnen geführt war und nur durch eine Gewerbelehrerin die gewünschte staatliche Anerkennung, um Zuschuß vom Reich erhalten zu können, bekommen konnte. Die Schülerinnen waren aus der Volks- und Mittelschule und aus dem Lyzeum. Ich bekam eine Gruppe von kleinen Sachsen, alles Kinder, die von einem Bergwerkbesitzer auf seine Kosten geschickt waren.. Meine Kollegin, eine Jugendleiterin hatte einen gemischten Kursus. Im ganzen hatten wir beide 36 – 42 Schülerinnen. Die Zahl wechselte zu Ostern. Der Haushaltungsschule war ein Kinderheim angeschlossen. Im Winter waren 125 Kinder da und im Sommer hatten wir bis 600 Kinder. Die Schülerinnen machten sämtliche Arbeiten für den Kinderheimbetrieb und in unserer Hand (ich arbeitete mit der Jugendleiterin sehr eng zusammen) lag die Organisation und Verteilung der Schülerinnen und der theoretische wie praktische Unterricht. Bei der praktischen Arbeit für das Heim wurden sie außer von uns noch von Hausbeamtinnen überwacht.
Daß es in einem Heim nicht immer erfreulich ist, wissen jetzt wohl die meisten von Euch. Es ergaben sich immer Schwierigkeiten mit der Leitung, den Angestellten, Disziplinschwierigkeiten mit den Schülerinnen. Es kam noch hinzu, daß wir weiblichen und männlichen F.A.D. (Anm.: = Freiwilliger Arbeits-Dienst) mit im Heim hatten. Natürlich blieben auch die Erstlingsfehler nicht aus. Ein besonderes Ereignis war die 1. Prüfung, die ich abnehmen mußte. Die 2. im letzten Herbst ging schon wesentlich besser. Der Sommer war natürlich wesentlich schöner als der Winter. – Das Wattenmeer der Nordsee, Cuxhaven , eine Fahrt nach Helgoland mit der ganzen Gruppe, Besichtigung der “Europa” in Wesermünde brachten Abwechslung. – Ich habe unendlich viel dort gelernt, was einem keine Ausbildung geben kann.
Seit Anfang November vorigen Jahres bin ich nun arbeitslos. – Ich werde von allen Seiten bedauert, finde mich selbst aber gar nicht bedauernswert, sondern habe diese Zeit unendlich genossen. Bis Mitte Januar wohnte ich in dem Studentenzimmer meiner Geschwister in Berlin, sah mir Berlin in Ruhe an: Museum, Vorträge, Vorlesungen, Läden, Theater, Kino. Alles auf möglichst billige Weise, denn umso weiter kam ich mit meinem Ersparten. Als alles zu Ende war, habe ich mich einladen lassen. Seit etwa 3 Wochen bin ich in dem geliebten Hamburg. Ich kann Annemarie das Buch sogar persönlich bringen. Wir wohnen nicht weit auseinander und haben uns häufig schon sehen können.
Ab 1. April werde ich in Lüneburg an der Frauenschule hospitieren, denn an eine neue Tätigkeit glaube ich nicht mehr. Der F.A.D. lockt mich, nach dem was ich gehört und gesehen habe, kein bißchen. Augenblicklich steht man ja vollständig unter politischem Einfluß. Wie viel begeisterte Nazi sind denn unter Euch? Vielleicht gibt ja die neue Regierung auch uns was zu tun?!
Ich hätte gern ein paar Bilder mit eingeklebt oder ein paar Briefe von den Schülerinnen eingelegt, ich habe leider nichts passendes hier. Meine Geburtstagsbriefe oder eins meiner Taschentücher sind mir zu schade. Ich bekam nämlich von meiner letzten Gruppe ein Päckchen mit einem Taschentuchbehälter in dem von sechs Schülerinnen ein entzückend selbstgearbeitetes Taschentuch lag und jede hatte dazu geschrieben.
Nun noch etwas Geschäftliches. Das Buch scheint jetzt seinem Ende zuzugehen. Wenn es voll ist, bitte ich es an mich zu senden! Ich sorge dann für ein neues. Ich denke wir wollen die Verbindung noch recht lange aufrecht erhalten, wenn die Abstände auch weitläufig geworden sind.
Mit Gruß an alle
Eure Carla v. Lauenstein.
Ostersonnabend 1933
Dienstag, den 18.IV.33.
Ihr lieben Leutchen!
Die Überschrift hatte ich gerade geschrieben als es klingelte, als mein lieber Besuch kam. – Nun ist Dienstag. Dazwischen liegt ein großer Lebensabschnitt. Am Sonntag haben wir uns verlobt, das heißt der gefürchteten Öffentlichkeit unser Geheimnis preisgegeben. –
So, dies war Einleitung. Nun will ich versuchen, Euch in kurzen Sätzen meine Tätigkeit von 1931 bis 1933 zu beschreiben. Vor zwei Jahren war das Buch zuletzt in meinen Händen. Es ist wirklich eine Schande mit Euch Bummelanten. Das muß aber wirklich besser werden!! – Also damals 1931 war ich noch auf hohem Roß. Trotzdem es doch schon recht schlecht war für uns, in den Berufsschuldienst zu kommen, habe ich das Glück gehabt, die beiden Jahre stets zu unterrichten. Es waren zwar nur Erwerbslosenkurse aber immerhin etwas. Vom freiwilligen Arbeitsdienst bin ich verschont geblieben. Lütten, Grete, Hilde haben welche. Ihr armen Mädels müßt oder mußtet entsetzlich schuften. Ich hatte nur meine Stunden zu geben, und baronisierte dann. Das Gehalt war das gleiche. Mein Unterrichten hat mir viel Ärger und später besonders im letzten Vierteljahr viel Freude gemacht. Zuerst hatte ich die 16 – 18 Jährigen, die mir viel Kummer mit ihrer Ungezogenheit machten. Da wäre ich bald verzweifelt. Dann bekam ich Kurse für 18 – 25 Jährige. Das war famos. Ein, zwei Worte, ein Scherz und die Mädels folgten und waren auch dankbar, daß sie in ihrer arbeitslosen Zeit noch etwas lernen durften. Ich habe Fabrikarbeiterinnen und Dienstmädchen gehabt im Schneidern und im Kochen-Hauswirtschaft. Es war interessant, wie verschieden sich die beiden Gruppen dem gebotenen Stoff gegenüber verhielten – und wie beide Gruppen sich anfeindeten. Ich mußte oft schlichten.
Ich habe mit ihnen einfache und feine Küche gearbeitet. Ohne Arbeitsschulmethoden, ohne moderne Sperenzien! Mit diesen hatte ich im ersten Jahr Schiffbruch erlitten, mit der alten Methode ging´s besser. Gewerbliche Wäsche oder Kleider nach Potsdamer Art gab es auch nicht. Ich war froh, wenn die Naht einigermaßen gerade genäht war. Außerdem wurde dieser Geschmack absolut abgelehnt. Ich konnte sie ja nicht recht überzeugen, da ich ja selbst keine starke Anhängerin davon bin. –
Wenn ich nun die letzten zwei Jahre überblicke, so kann ich sagen, daß sie mir trotz manchem großen Ärger und kleinen Verzweiflungen sehr viel Freude gemacht haben. Ich habe in diesen Jahren mehr vom Beruf für den Beruf und für´s Leben gelernt, als in den sieben Ausbildungsjahren. Nun gebe ich das Unterrichten frohen Herzens auf, freue mich aber, daß ich wenigstens kurze Zeit im Beruf gestanden habe.
Bis Ende Mai wird noch unterrichtet, und dann wird im Juni geheiratet. Ein Jahr wollen wir noch in Hamburg bleiben, dann geht´s nach drüben.
Ich habe noch eine Bitte, beeilt Euch ein wenig mit dem Einschreiben. Ich möchte noch vor der Ausreise etwas von diesem Buch wiedersehen. Ja, bitte?!!
Einen herzlichen Gruß Euch allen
Eure Annemarie L.
Francis William Gerhart
Lüneburg, 24.Mai 33.
Ihr Lieben alle!
Was ich Euch als Erstes und Letztes erzählen möchte ist die große Freude über mein liebes Kindchen. Es ist am Ostermontag geboren und ist ein süßes, gesundes kleines Mädchen. Es grüßt Euch alle. Sie guckt strahlend in die sonnige Welt meine kleine Carita. Rita wird sie genannt, bald ist Kindtaufe. Ach es ist herrlich. Ich könnte Euch seitenlang von dem Püppchen erzählen. Mit jedem Tag schaut es mich lieber an u. strampeln tut es schon kräftig. Mein Luten ist ein sehr lieber Vati und ist ganz entzückend mit dem Kindchen. Es steht jetzt schon draußen im Garten, ich kann es vom Fenster aus beobachten. Nachmittags stelle ich den Wagen in die Gärtnerei, dann muß der Vati aufpassen, und ich fahre ins Geschäft zur Stadt. Mir geht es wieder sehr gut, habe alles fabelhaft leicht überstanden.
Nun möchte ich denen von Euch, die sich verlobt haben, meine herzlichsten Glückwünsche sagen. Nun beeilt Euch man ein bißchen, daß am nächsten Klassentag nicht nur die Männer, sondern auch schon ein Paar Kinder antreten können. Mit Blumenstreuen stelle ich meine Rita bald zur Verfügung. Meine Zeit ist um, ich muß jetzt Baby baden – und nähren tue ich auch selber. Ich habe viel, viel zu tun.
Lebt wohl und seid herzlich gegrüßt.
Eure Ilse Holzgrebe.
Eldenburg b. Waren (Mecklbg.),
den 13. Oktober 1933.
Ihr Lieben alle!
In ein paar Stunden geht´s weg von Eldenburg, wo ich ein Jahr lang, Grete 1 1/2 Jahre war. Beim großen Packen kam nun auch das Buch wieder mahnend zum Vorschein. – Wir haben hier eine arbeitsreiche und schöne Zeit hinter uns. Vom Oktober bis Ende Juni hatten wir einen FAD. Manche von Euch hat gewiß auch damit zu tun gehabt oder doch davon gehört. Wir arbeiteten im Winter für die Winterhilfe, nachher für männl. Lager und machten Land urbar, durchschnittlich hatten wir 40 Mädchen im Haus. Schön war es, daß Grete und ich in dieser Arbeit mal wieder zusammen sein konnten. Nach Schluß des Arbeitsdienstes wurde das Haus wieder zum Erholungsheim eingerichtet, wie es früher war. Wir blieben dann beide zur Hilfe der Hausmutter noch hier. Nun ist aber leider Schluß. – Es ist hier auch landschaftlich wunderschön. Wir haben grad noch einen Abschiedsspaziergang gemacht. –
Wißt Ihr, ich finde, daß wir bald mal wieder einen Klassentag haben müssen. Die Abstände zwischen den einzelnen Schreibseln werden erschreckend lang. Wir wollen versuchen, von Harburg aus ein Treffen in die Wege zu leiten. –
Herzlich grüßen Euch
Eure Grete u. Hilde Schultze
Soltau, den 5.11.33.
Ihr Lieben allzusammen!
Endlich mal eine ruhige Stunde zum Schreiben! Das ist in diesem Leben eine Seltenheit. Jedenfalls für eine “Technische” in diesem Heidestädtchen. – Ich bin noch immer seßhaft und bewege mich zwischen Schule, Turnhalle und meiner Behausung rasend oder weniger schnell hin und her. Der letzte Sommer stand unter dem Zeichen von Stuttgart. Die Mühe und Arbeit vorher hat sich restlos gelohnt. Das Turnfest war ein Erlebnis, gekrönt dadurch, daß wir Soltauer das unerhörte Glück hatten, in der 12. Reihe vor Hitler zu turnen. Leider haben wir uns im Film nicht wiedergefunden. Augenblicklich freue ich mich auf einen 14 täg. Lehrgang an der Kunstschule Charlottenburg. Und das während der Schulzeit! -
Nun zu Euch, Ihr lieben “Brautens”. Meine allerherzlichsten Glückwünsche!! Das war wirklich mal eine freudige Überraschung, als das Buch mit soviel Neuigkeiten ankam. Das ist doch mal was anderes, als immer nur Berichte von schrecklicher Arbeit und Angst vor Examen. Falls Ihr inzwischen schon verheiratet seid, auch dazu Heil und Sieg! Und Ilse, Du glückliche Mutter! Was sind wir doch dagegen für Waisenkinder. Also, Ihr ledigen Leutchen, haltet Euch gefälligst mal ran!
In diesem Sinne viel Glück Euch allen!
Eure Else Sporleder.
Sparsam wie wir immer sind, hören wir hier auf, damit “Friedchen” hier noch schreiben kann, und das Buch noch bis Carla reicht!
Weferlingen (Pr.Sa.), Jan. 1934
Ihr Lieben alle!
Gehorsam wie ich bin, fange ich noch hier unten mein Geschreibsel an – das Buch neigt sich wirklich bedenklich dem Ende zu, aber was steht nun schon alles darin, und besonders diesmal hat man so viel Neues und Erfreuliches zu lesen bekommen! Meine herzlichsten Glückwünsche allen verlobten und verheirateten Leutchen – ob inzwischen schon wieder mehr dazu gekommen sind? Und Ilse hat ein kleines Mädchen – Du, die kleine Rita sehe ich mir an, wenn ich Ostern nach Lüneburg komme. – Wie Ihr seht, bin ich immer noch hier in der Provinz Sachsen, wenn einmal eine von Euch nach Magdeburg od. Braunschweig kommt, muß sie mich besuchen, hört Ihr? Das ist dann nur eine kleine Ecke bis hier, und Euch wird dies kleine Nest, besonders im Sommer, sicher gefallen! Und Platz haben wir immer, da ich jetzt über eine ganze Etage verfüge, d.h. meine Mutter ist vor 1 Jahr ganz zu mir gezogen, wir freuen uns täglich des Zusammenseins, wenn uns auch der Abschied von Lüneburg recht schwer wurde. – Im Übrigen gibt es genug Arbeit – wie immer. In der Schule geht´s auf einen Elternabend los, da muß natürlich allerhand “geboten” werden, das auszuklamüsern ist Sache der “Technischen”; dann die manchmal nicht so leichte turnerische Arbeit im Frauenturnverein und neuerdings in der Frauenschaft, aber es macht auch wieder viel Freude und das ist die Hauptsache. Ein Skisonntag im Harz ist dann mal so eine richtige Auffrischung und Erholung. – Carla und Ilse, wißt Ihr, wen ich neulich in Magdeburg besuchte? Hilde Schauer; sie führt ihrem Vater den Haushalt, der am dortigen Domgymnasium Musiklehrer ist. Wir werden uns sicher öfter sehen. – Nun aber Schluß, sonst schilt Frau Gertrud Merzin, daß Elfriede so viel Platz verbraucht hat. Ich hoffe, daß Ihr alle gut in´s neue Jahr gekommen seid, möge es Euch all das erfüllen, was Ihr von ihm erhofft!
Heil Hitler!
Herzlichst Eure Elfriede Benecke.
d. 27. Januar 1934
Meine liebe alte Klasse!
Liebe Annemarie, Dir besonders viel Glück für “drüben”.
Diesmal brachte der Klassenbrief aber besonders viel Neues und Erfreuliches; zu nett war das Lesen! Von Annemaries und Ilses Neuigkeit wußte ich noch gar nichts, laßt Ihr beiden Euch also besonders herzlich gratulieren, aber bitte, Ihr müßt alle viel mehr Bilder beifügen, das gibt doch viel bessere Anschauung, denn mit künftigen Klassentagen wird es doch immer nur hapern. Da ist´s umso mehr ein Glück, daß wir diesen Brief haben. 2 Jahre ist´s her, daß ich ihn das vorige Mal hatte. Unterdessen sind wir nach Berlin umgezogen, nachdem wir eine schöne Zeit in Kassel gehabt haben (immer in der selben Wohnung, das 2. Jahr mit der Eigentümerin zusammen, mit der wir uns ausgezeichnet vertrugen), und uns der Abschied ordentlich schwer wurde, hauptsächlich von der schönen Natur dort. Inzwischen – seit dem 15. Okt. sind wir hier – haben wir uns aber schon ganz u. gar eingelebt, fühlen uns sehr wohl, und sind noch viel, viel glücklicher als in Kassel, weil wir nun unsere erste eigene Wohnung mit unseren eigenen Möbeln besitzen, die bis dahin untergestellt waren. Kinder ist das schön im eigenen Heim zu leben, noch dazu solch ein entzückendes, das kann man sich gar nicht vorstellen, eh man´s selbst erlebt hat. Wie gerne würde ich Euch alle mal nachmittags zum Tee bitten und Euch alles zeigen! Wer durch Berlin kommt, besucht mich bitte, ja? Nur vorher anmelden – damit der Empfang ein würdiger wird! Wir wohnen in angenehmer Gegend etwas draußen, haben in einem Neubaublock eine geradezu ideale 3-Zimmerwohnung mit Heizung und Heißwasserversorgung, Bad, Küche u. geräumigem Flur! Die Zimmer liegen gen Süden u. Westen, sind alle drei für uns nach eigenen Wünschen neu hergerichtet. Nun paßt das natürlich blendend zu den schönen neuen selbstverdienten (!) Möbeln und den selbstgenähten Gardinen, den sorgfältig ausgesuchten Lampen usw. usw. Im Wohnzimmer, dem größten, steht alles, was mein Mann zum Arbeiten braucht (Schreibtisch, Bücherschrank, Aktenbock usw.), dann eine feine praktische Couch mit Tisch, Sessel, Leselampe, und schließlich hat der Flügel auch sogar gut Platz. Im Eßzimmer steht am Fenster noch mein Nähtisch, im Schlafzimmer das Übliche. Es ist wirklich so hübsch alles, wir sind einfach selig darüber. Das Wirtschaften ist eine Freude drin – d.h. nicht nur, denn Berlin ist teuer. Aber man kriegt ja allmählich so viel Erfahrung, daß man alles immer noch billiger einrichten kann. Wir kriegen es sogar fertig, noch so manches Schöne mitzunehmen, was Berlin in so überreichem Maße bietet, und das muß man ja auch, solange man jung und ungebunden u. in der Reichshauptstadt ist. Silvester haben wir einen netten kleinen Bummel gemacht – aber daheim ist´s doch am schönsten. Allerlei Besuch war auch schon bei uns, und alle wollen bald wiederkommen. Viel Glück haben wir auch insofern, als mein Mann bloß zu den 3 – 4 Sitzungstagen in der Woche zum Gericht (dem gr. Landgericht am Alex) zu fahren braucht, im übrigen hier arbeiten kann. Da bin ich nicht so viel allein. Nun freuen wir uns schon, auf Frühling und Sommer, wo wir auch etwas von der Umgebung kennen zu lernen hoffen. Das ist ja hier mehr als woanders eine große Zeit- und Geldfrage.
Nun seid alle herzlich gegrüßt, unbekannterweise auch von meinem Mann,
u. weiter alles Gute!
Eure Gertrud M.
Beiliegende Bildchen sind zwar nicht mehr ganz neu, aber das wird Euch hoffentlich nicht stören. Das Bild aus Timmendorf/Ostsee ist aus unserem ersten gemeinsamen herrlichen Urlaub, August 1932.
Rundbrief – Band II
Weimar, den 4. Febr. 1934.
Meine liebe alte Seminarklasse!
Hiermit fange ich das zweite Buch unseres Rundbriefes an mit dem Wunsche, daß das Buch ebenso fleißig wandert und alle gleiche Freude wie an dem ersten an ihm haben mögen. Den ersten Teil behalte ich bei mir und wer das Buch gern noch mal haben möchte, braucht sich nur an mich wenden. Ich verpflichte mich auch dafür zu sorgen, daß es an Klassentagen da ist.
Genau vor einem Jahr hielt ich das alte Buch in den Händen. Damals saß ich arbeitslos allein zu Hause. Es dauerte noch eine Zeit, bis ich wieder eine unterrichtliche Tätigkeit fand. Für 4 Wochen wurde ich Plätterin in einer chemischen Reinigungsanstalt. 12 Std. am Plättbrett stehen und ein Std.-Lohn von -,20 RM war alles. Ich wollte mir die Fahrt nach Klagenfurt mit dem V.D.A. verdienen. – Leider kamen ja politische Schwierigkeiten zwischen Deutschland und Österreich dazwischen und die Fahrt wurde nach Passau verlegt. Ich war als Führerin der V.D.A. Schulgruppe von unserm Lyzeum mit. Wir waren etwa 25 Schüler. Ich habe viel Schönes gesehen und erlebt. Anschließend machten wir eine Wanderung durch den Bayrischen Wald, der wirklich wunderschön und für Wanderungen gut geeignet ist. Wir kamen durch Regensburg, Nürnberg, Rotenburg o.T. auf der Rückreise. –
Dann hospitierte ich noch einige Wochen an unserer Frauenschule; spielte in den großen Ferien Kindertante in der Verwandtschaft und hatte mich schon mit dem Gedanken, als Familientante mein Dasein zu beschließen, abgefunden. Durch die politische Umwälzung gelang es mir nicht mehr in den F.A.D. zu kommen.
Plötzlich wurde ich durch einen Eilbrief hier nach Weimar zur Vertretung hergeholt. Ich blieb hier hängen und bin nun seit dem 1. Aug. hier an einer Haushaltungsschule. Internatsbetrieb, angeschlossen an ein Krankenheim. Seit Oktober arbeite ich mit meiner Freundin, der Jugendleiterin aus Nordholz, hier zusammen. Wir haben 22 Schülerinnen., teilen uns den Unterricht und die Beaufsichtigung der praktischen Arbeit und Freizeit. – Es macht mir sehr viel Freude. Allmählich bereiten wir die Schülerinnen auf die Prüfung vor. Eine will Ostern nach Potsdam auf unsere geliebte Staatliche Handels- und Gewerbeschule. Zwei andere wollen nach Groß-Hansdorf und dort ihr Praktikum machen. Ich habe ihnen eben das von Hilde eingeklebte Bild der Schule gezeigt und Eure Erlaubnis voraussetzend (ich bitte andernfalls noch nachträglich darum) Stellen aus den Praktikumsberichten vorgelesen.
Wie gerne ich hier in Weimar bin, kann sich wohl am besten Käthe Brandes vorstellen, die die Tage der Schillerwoche mit mir hier erlebt hat. Unsere Schule liegt oberhalb des Goethegartenhauses in wunderschönem Park. – Wer auf seiner Hochzeitsreise oder sonst in diese Gegend kommt, muß mich unbedingt besuchen. Gestern hatte meine Kollegin (eine angehende Gewerbelehrerin, vorläufig noch Praktikantin) hier Klassentag von ihrer Jenaer Abiturklasse) Wie wär´s mit einem Klassentag hier in Weimar?!! oder ist es günstiger einen Ferientag zu wählen, wo ich in Lüneburg bin!? -
Alle 8 – 14 Tage gehe ich ins Theater oder in die Oper, entweder mit einem Schwanz von Schülerinnen oder einer Freundin. Wir haben hier noch den Vorteil, daß es nicht nur billig und gut ist, sondern auch noch schnell zu erreichen.
Ich fühle mich augenblicklich so wohl, wie Ihr vielleicht schon an dem Bericht gemerkt habt, daß ich ein schnelles Ende dieser schönen Zeit fürchte. Das wird wohl Ostern sein. Ich weiß noch nicht, was aus der Schule wird. –
Der Zeit entsprechend, wenn man sich aktiv beteiligen will,
grüße ich Euch mit “Heil Hitler”
Eure Carla v. Lauenstein.
Hamburg, den 2. Oktober 1934.
Meine liebe alte Klasse;
gleich werdet Ihr wieder Euren Ärger haben – denn meine Schrift ist noch genau so unleserlich wie früher. Sie wäre der erste Grund – der zweite: daß ich das Klassenbuch schon so lange in Händen habe. Der Grund hierfür ist der, daß ich lange, lange mit meiner Gesundheit nicht auf der Höhe war.
Ich weiß nun eigentlich gar nicht, wo ich anzusetzen habe mit Erzählen, denn ich habe das alte Klassenbuch unendlich lange nicht mehr in Händen gehabt. Carla, altes Haus, hast Du meine Karte, auf der ich darum bat, nicht erhalten oder hast Du es verhudelt? Vielleicht schickst Du es mir noch einmal, denn ich möchte doch zu gerne wissen, wie es allen ergangen ist in der Zeit bis zum Februar.
So, nun fange ich an. Sollte ich erzählen, was Ihr schon wißt, so müßtet Ihr es übersehen.
Fast 1 1/2 Jahre bin ich nun schon verheiratet. Kurz vorher hatte ich ja mein Examen gebaut. Meinen Nerven war es nicht besonders dienlich. Nach einigen Tagen des Ausruhens ging es auf die Wohnungsjagd, – ein Vergnügen besonderer Art. Abends hing man in den Angeln. Im letzten Augenblick ward eine gefunden. Herrgott, wenn sie nur nicht so verwohnt gewesen wäre, sie mußte von A – Z in Ordnung gemacht werden, – und das alles bis zu einem bestimmten Termin, der schon bedenklich nahe stand; + zwar bis zu dem Termin, an dem mein Mann seinen Urlaub erhielt. Es war eine anstrengende Hetzerei, – meine Nerven fingen schon immer mehr an, sich gräßlich zu benehmen. Dann kam die Heirat, nach 6 Wochen ging mein Mann auf Monate wieder fort. Ganz allmählich waren meine Nerven dann soweit, daß sie nicht mehr funktionierten, – eine Schlaflosigkeit setzte ein, die ich meinen ärgsten Feinden nicht wünsche! Vielleicht kennt sie einer von Euch aus der Ferne, – wenigstens ich mußte sie monatelang trotz ärztlicher Mittel aus allernächster Nähe durchkosten. Im Winter war nicht mehr viel nach von mir, vielmehr im Frühling, – aller Humor war futsch. Hinzu kam die Sorge um meinen Mann, der von einem schweren Rheumatismus auf See befallen wurde, + deswegen zu einer langen Kur nach Deutschland kommen mußte. Wir waren beide zusammen in Oeynhausen, wo mein Mann + auch ich gesund wurden. Es war eine schwere Zeit, doch nun sieht alles schon wieder besser aus. Ich bin glücklich, daß mein Mann seine Gesundheit wieder hat, nun werde auch ich wohl wieder bald ganz auf der Höhe sein. Kneift den Daumen. Kinder, nun glaubt bloß nicht, daß mich dieses alles hat unterkriegen können. Gott sei Dank, bin ich ja mit einigem Humor + Frohsinn auf die Welt gekommen. Ich gebe mir immer Mühe, obenauf zu sein. Aber das muß ich sagen, ich habe einen Jibbel danach, Euch einmal alle wiederzusehen, so richtig albern möchte ich einmal wieder sein und toben wie ein Gör. Gerade gestern fiel mir die Klassenzeitung*) von uns in die Hand. Kinder, war es doch herrlich. Ich habe noch keines meiner “Talente” die ich damals aufzuweisen hatte, eingebüßt. –
Wenn Ihr euch nun voller Mühe durch meine Epistel durchgelesen habt, dann sagt Ihr auch: “Tjä, alles Glück ist nie beisammen, Gackel.” Und das ist vielleicht auch gut so, sonst könnte man in den Himmel wachsen.
Herzliche Grüße
Eure Helga Gerhard.
PS: Einige Bilder habe ich im Umschlag beigelegt.
*) möglicherweise die Klassenzeitung vom 28.03. 1925, siehe Anhang
Lüneburg, 14. Nov. 34
Liebe alte Klasse!
Endlich will ich unser liebes Büchlein wieder in die Welt schicken. In diesem Jahre wird es wohl nicht mehr weit kommen. Bei mir hat es sich auch reichlich lange ausgeruht. Es kam als erste Freude in meine neue Wohnung geschneit. Wir sind im Oktober umgezogen. Dabei gibt es dann natürlich viel Arbeit. Wir haben es jetzt aber auch gemütlicher und mehr Raum als in der alten Wohnung. Die Arbeit ist nun hinter mir, aber ich sitze jetzt in einer noch viel größeren drin. Bei uns blüht jetzt das Geschäft: zum Totensonntag soll alles geschafft sein. Viel Material will noch zu Kränzen und dergleichen verarbeitet werden. Ich habe gute Hilfe, aber selbst ist der Mann. Ich schaffe von früh bis spät, es macht mir auch viel Freude. Mein süßes Kind ist verreist zur Oma. – Ihr könnt sie Euch auf dem Bildchen ansehen. So spielt sie vergnügt bei mir im Garten umher. Aus dem Baby ist ein richtiges Kindchen geworden. Sie spricht schon fast alles und ist schon sehr vernünftig u. artig. Sie ist ein liebes Kind und wie sie an der Mama hängt. Ihr glaubt nicht, was das für ein entzückendes Gefühl ist. Ich wünsche allen von Euch die verheiratet sind so ein schönes, gesundes Kind! – Hoffentlich kann ich es Euch bald persönlich vorzeigen, ich bin ja so stolz. Ob wir uns in diesem Jahr Weihnachten wohl zu sehen kriegen? – Wir kennen uns sonst wohl bald nicht wieder. Unsere alten Lieder müßten wir auch auffrischen. Die geraten sonst ganz in Vergessenheit. -
Herzlichst Eure
Ilse Holzgrebe, L. Holzgrebe + Rita.
Harburg, den 2. Dezember 1934.
Ihr lieben, alten Klassenkameradinnen!
Bald sind es nun zehn Jahre her, daß wir mit vollen Segeln in die Seminarausbildung hineingingen! Und trotz der Verschiedenartigkeit der Wege, die wir seither gegangen sind, ist doch noch so vieles da, das uns verbindet. Daß es wirklich so ist, beweist doch die Freude, die jede beim Erhalten dieses Klassenbriefes hat. Dieses Mal wurde sie mir etwas getrübt dadurch, daß erst so wenige Berichte in diesem neuen Band stehen. Und es geht mir wie Helga, ich weiß nicht recht, wo mit dem Erzählen anzufangen ist. – Arme Helga, Du hast eine schwere Zeit hinter Dir. Aber gut, daß sie nun hinter Dir liegt! So viel Sorgen passen in eine junge Ehe auch am allerwenigsten. – Da sind bei uns die beruflichen Sorgen schon eher eine Selbstverständlichkeit, an die wir uns gewöhnt haben. Ich meine damit die Schwierigkeiten, überhaupt in den Beruf hineinzukommen. Aus der Arbeitsdienstzeit habe ich wohl im vorigen Bericht schon geschrieben. Das liegt nun schon ein Jahr zurück. Seit dem vorigen Herbst bin ich hier in Harburg in Erwerbslosenkursen, die das Arbeitsamt einrichtet, beschäftigt. Es werden da die Mädchen, vorwiegend Fabrikarbeiterinnen, zu Hausangestellten umgeschult. Meine “Vorgesetzte” beim Arbeitsamt in Hamburg ist Ilse Hintze, das interessiert Euch vielleicht. An und für sich ist diese Arbeit in den Kursen ganz schön; unbefriedigend ist allerdings, daß man die Mädchen immer nur 6 Wochen hat (solange dauert ein Kursus.) und infolgedessen ein richtiger schulmäßiger Aufbau nicht möglich ist. Für einen selbst kommt dann noch die Ungewißheit, ob noch weitere Kurse sich anschließen werden, dazu. Für die Zeit nach Weihnachten ist das jetzt auch noch nicht entschieden. Aber da sich bis jetzt immer wieder Möglichkeiten zur Arbeit gefunden haben, kann man das ja auch weiter hoffen. – Außerdem betätige ich mich seit dem Sommer in den zusätzlichen Berufschulungskursen der deutschen Arbeitsfront, die jetzt in Verbindung mit der Hitlerjugend durchgeführt werden. Und zwar gebe ich an drei Abenden der Woche Stenographie und Maschinenschreiben! Das hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen. Aber es ist jetzt gut, daß ich das kann. – Gestern war ich in einer Weihnachtsausstellung der Frauenwirtschaftskammer in Hamburg und sah dort von der Brennerstr. ausgestellte und zweifellos von Rudtke fabrizierte Honigkuchen; genau dieselben Weihnachtsmänner, Eierfrauen usw. wie wir sie damals gemacht haben. Ich fühlte mich gleich in die Zeit zurückversetzt. –
Nun laßt das Buch recht schnell herumlaufen!
Euch allen recht herzliche Grüße,
Eure Hildegard Schulze.
Harburg, Weihnachten 1934.
Ihr lieben Leute aus der Brennerstraße!
Nachdem ich das Buch einige Wochen gehütet habe, komme ich nun zu Hause endlich dazu, einzuschreiben. Da Carla uns leider den ganzen letzten Teil beschlagnahmt hat, weiß man gar nicht mehr, wann und wovon man Euch zuletzt erzählte. Es wird noch so etwa die Zeit des F.A.D. gewesen sein, in dem Hilde und ich zusammen arbeiteten in Mecklenburg. In dem danach verflossenen Jahr lag wieder mancherlei Neues. Im letzten Winter machte ich, nachdem ich ein 1/4 Jahr ohne Arbeit zu Hause gewesen war, einen Landjahrführerschulungskursus in Eutin mit. Was das Landjahr ist und bedeutet, ist Euch inzwischen ja wohl allen bekannt. Ich hätte dann zu Ostern auch eine Arbeit in einem Landjahrheim bekommen können, zog jedoch eine andere Stelle, die mir von der Regierung angeboten wurde, vor. Das ist das Erbe von Carla, die Gewerbelehrerinnenstelle in Nordholz, an der Haushaltungsschule im Kinderheim vom Roten Kreuz. Seit dem 1. April 34 bin ich dort also, und zwar zusammen mit Käthe Brandes und einer dritten Gewerbelehrerin, die die Lüneburgerinnen von Euch kennen: Erika Sehlmayer. Wir drei bilden das ganze “Kollegium” und verstehen uns sehr gut und halten sehr “kollegial” und nett zusammen. Im übrigen ist unsere Arbeit nicht gerade nur rosig. Ihr könnt Euch denken, daß so eine Stelle im Internat immer recht anstrengend ist. Man braucht schon besondere Nerven dazu, wenn man das immer gut aushalten will. Die Schularbeit an und für sich macht mir viel Spaß. Es ist ja eigentlich die erste richtige Schulstelle in dem Sinne für mich, nur eben wieder erschwert durch den Internatsbetrieb.
Es ist nett, wenn wir mal wieder mehr und deutlich voneinander hören können. So freuten Hilde + ich uns gestern sehr, als wir im Zug nach Hamburg plötzlich Gertrud (Beyer) Merzin mit ihrem Mann trafen und alle Neuigkeiten seit dem letzten Sehen vor 3 1/2 ! Jahren auspacken konnten. Oder – als wir bei der Gautagung des NSLB (National-Sozialistischer Lehrer-Bund) in Harburg Else Sporleder trafen. Nicht, Else, da haben wir uns über das Wiedersehen auch sehr gefreut. Ein richtiger Klassentag kommt wohl schwer mal wieder zustande. Vielleicht im nächsten Jahr mal.
Für 1935 wünsche ich Euch allen das Beste! – Herzlich grüßt Euch
Eure Grete Schulze.
Lüneburg, d. 2.1.1935
Ihr lieben Leutchen aus Hamburg!
Ich glaube, ich habe im letzten Jahr auch um diese Zeit in das Buch eingeschrieben. Man freut sich doch immer sehr, wenn man mal wieder von Euch allen hört. Dieses Buch berichtet ja nur teilweise. Schade!! Bei mir hat sich inzwischen wenig geändert. Soltau macht immer noch so weiter und ich mit. Arbeit wird jetzt ja nirgends weniger durch all die Nebenbeschäftigungen. Manchmal ist die Schule schon recht Nebensache. Halt! Doch etwas Neues. Ich glaube, im vorigen Jahr war ich noch Untermieter. Seit Ostern hause ich in einer kleinen “meinen” Wohnung in eigenen Möbeln. Koche alleine usw. Man hat es mal satt, immer in Zimmern zu wohnen, die einem nicht recht behagen und ewig Mittagstisch. Da ich nun noch so viel Sachen von zu Hause erben konnte, die dort nur auf dem Speicher stehen – ist es ganz plötzlich so gekommen. Manchmal ist das jetzt eine schöne Hatz, mittags noch kochen. Doch im Ganzen ist es so entschieden schöner. Sogar ein Fremdenzimmer habe ich! Also, auf nach Soltau. Auch für Ehepaare zu benutzen, denn es sind 2 Betten drin!
Helga, was Du auch für Geschichten machst. Auch Elfriedchen hat Ähnliches hinter sich. Sowas dürfen wir uns doch eigentlich noch nicht leisten. Nur gut, daß Ihr beiden das schlimmste überstanden habt. Im nächsten Jahr, wenn das Buch wieder da ist, hören wir von Euch hoffentlich nur Gutes.
Ja, sehen müßten wir uns in diesem Jahr unbedingt. So recht vergnügt miteinander sein und erzählen, erzählen. Wenn wir alle Lust dran hätten, kann es auch was werden.
Bis dahin Euch allen herzliche Grüße und alles Gute im neuen Jahr.
Eure Else Sporleder
Weferdingen, d.23.3.35.
Ihr Lieben alle miteinander!
Nun wird es aber höchste Zeit, daß unser Buch, an dem man beim Lesen wieder so viel Freude gehabt hat weiter wandert. Aber ich konnte mich zum Schreiben nicht eher aufschwingen – ganz allmählich geht es mir gesundheitlich nun wieder gut. Ich habe vor Weihnachten wochenlang in der Schule aussetzen müssen – durch Überanstrengung hatte ich mir eine Herzmuskelschwäche geholt, die einfach gräßlich war! Da habe ich dann nach den Weihnachtsferien ganz langsam wieder mit der Arbeit begonnen und war froh, wenn ich meine Schulstunden hinter mir hatte. Aber jetzt darf ich zum Glück schon wieder turnen und im Sommer auch hoffentlich wieder schwimmen, denn wir haben im vergangenen Jahre eine wunderschöne Badeanstalt bekommen, leider seht Ihr auf dem beiliegenden Bildchen nicht viel davon. Ganz herrlich gelegen am Waldrand. Kommt denn niemals von Euch einer in die Gegend von Magdeburg oder Braunschweig? Ich würde mich tüchtig freuen, wenn eine von Euch plötzlich angesaust käme! Und wie ist es mit einem Klassentag? Hoffentlich kommt er recht bald einmal wieder zustande, ich glaube, jede von uns hat so richtig Sehnsucht danach, daß wir mal wieder fröhlich zusammen sind und tüchtig klöhnen können! – Sonst ist hier noch alles beim Alten, meine Mutter wohnt nun schon 2 Jahre bei mir. Es ist doch um so vieles schöner, wirklich “zu Hause” zu sein, als ewig möbliert zu wohnen. In der Schule gibt´s tüchtig zu tun, besonders die übervollen Klassen machen einem das Leben manchmal sauer, aber das ist ja in anderen Orten dasselbe. Ganz zu schweigen von all den Nebenbeschäftigungen, die so eine technische Lehrerin in einem kleinen Ort aufgehalst bekommt – aber das macht man ja alles gern, wenn man es gesundheitlich aushält. – In den Osterferien jetzt besucht mich Else, wir freuen uns schon mächtig auf das Zusammensein, und ich will nur hoffen, daß ich Euch alle auch bald einmal wieder sehe!
Alles Gute! Herzliche Grüße
von Euerer Elfriede Benecke.
28. März 1935
Liebe alte Seminarklasse!
Ja, das ist jedesmal eine große Freude, wenn der Klassenbrief mal wieder angereist kommt. Sehr hübsch wäre es, wenn künftig alle es so machen würden wie Ilse und Elfriedchen und ein (oder mehrere) Bildchen dazukleben würden. Das macht den Bericht so viel lebendiger, und man kann die Ehemänner und Kinder auch kennen lernen, oder man kann einen Blick tun in den Wirkungskreis der Berufstätigen. Ilse, Dein Bildchen ist ganz allerliebst, wie reizend muß das Kind sein!
Im letzten Bericht – als letzter in das alte Buch geschrieben, drum also ungelesen geblieben – hatte ich Euch schon viel von Berlin erzählt und vorgeschwärmt. Nun muß ich das nochmal etwas tun – d.h. wiederum, so wichtig ist das Allgemeine ja nicht, da die meisten von Euch ja selber schon ausführlich hier gewesen sind. Wir wohnen nun schon 1 1/2 Jahre hier und sind riesig gern hier und sind furchtbar glücklich und zufrieden, in erster Linie darüber, daß wir so viel zusammen sein können (weil nämlich mein Mann vorwiegend zu Hause arbeiten muß, da am Gericht kein Platz ist), sodann über unsere wirklich entzückende Wohnung. Oh, ja, eine eigene Wohnung – das ist erst das Wahre – Else sagt das ja auch. Wir haben 3 riesig gemütliche Zimmer, in denen den ganzen Tag über die Sonne ist, Bad und Küche. Sie liegt in einem hellen Neubaublock an breiter Straße, Geschäfte direkt vor der Tür, der Stadtpark ist in 5 Min zu erreichen, Fahrverbindungen sind sehr gut (hier sehr wichtig). Da die Wohnung Heizung und Warmwasserversorgung hat, so ist´s für die Hausfrau alles schön bequem! Ich mache dann auch selbstverständlich alles allein einschließlich Wäsche. Das hätte das gute Frl. Liese mir auch nicht zugetraut! Kinder, wißt Ihr noch: 1 Hemdhose = 3 Stunden plätten!) Damit bin ich denn auch vollauf eingedeckt, und ich bin froh, daß es nicht immer soviel zu tun gibt wie in den augenblicklichen Tagen des gründlichen Reinemachens; gründlich so, wie die Brennerstr. es gelehrt hat! denn Zeit zum Schneidern, zum Klavierspielen und mancherlei netten Dingen muß doch auch noch bleiben. Wir haben einen reizenden Freundeskreis gefunden, in dem wir manche frohe Stunde verleben. Ab und zu geht´s auch in Theater oder Konzert – allzu oft erlaubt es der Geldbeutel nicht, aber das schadet nichts. Man kann auch mit wenig Unkosten viel Schönes erleben, zumal hier in Berlin. Aber auf Aufzählen kann ich mich nicht erst einlassen, das langweilt Euch auch nur.
Im letzten Sommer haben wir ganz besonders herrliche Ferien gehabt. Wir waren anschließend an den Besuch der sehr eindrucksvollen Festspiele in Oberammergau den ganzen August in Königssee bei Bergdesgarden (Berchtesgaden) und haben dort, hochoben in einem einfachen Landhaus bei ganz prächtigen Leuten so recht die Ruhe und Ausspannung, die gute Luft u. die herrliche Natur und die viele Sonne genossen. Das hat gut getan! Wer Gefallen dran hat, seinen Urlaub mal ganz schlicht, ganz naturnah und – billig zu verbringen, dem kann ich dieses sehr empfehlen. – Die vorjährigen Ostertage verbrachten wir in Dresden bei Berti Reise – Ihr Harburger kennt sie. Sie wohnen jetzt auch hier und wir sind oft zusammen. Weihnachten waren wir in der alten Heimat Harburg. Dieses Jahr möchten wir wohl wieder in unser Ferienparadies – aber da heißt´s erst noch tüchtig sparen.
Mittlerweile gibt´s auch noch durch Logierbesuch manche Abwechslung – nach Berlin kommt ja ein jeder mal – sodaß wir über Langeweile nicht zu klagen haben, manchmal eher im Gegenteil. Aber Besuch macht ja auch wieder unendlich viel Freude. Durch unsere Couch haben wir die Möglichkeit, eine Person unterzubringen, und das ist sehr angenehm. Wie die eine Ecke, die sog. “gemütliche”, das Wohnzimmer aussieht, könnt Ihr auf dem Bild erkennen. Links guckt der Schreibtisch vor, der Arbeitsplatz meines Mannes, und rechts an dem 2. Fenster (es ist im Eßzimmer) hat der gr. Flügel seinen Platz. – Oh, ich möchte Euch ja zu gern mal alles zeigen! Das würde mit dem Platz schon gehen, und Sitzgelegenheiten sind auch genug vorhanden. Habt Ihr nicht Lust, zum Tee zu kommen? – Bitte, wer nach Berlin kommt, der meldet sich mal für ein Plauderstündchen, ja? –
Nun seid allesamt recht herzlich gegrüßt, und ich wünsche Euch alles Gute und Schöne, und daß Ihr so glücklich sein mögt wie
Eure Gertrud Merzin.
Opladen, d. 1.9.35
O, Ihr!
Ich hänge mit sämtlichen Beinen in der Luft und weiß in keinsterweise, wie weit Ihr nun eigentlich über meinen Lebenslauf orientalisiert seid!
Und das ist mir auch merkwürdigerweise in der länglichen Zeit vom 28. März bis zum 1. September nicht klarer geworden (nich schimpfen – nich schimpfen – hat kein Zweck!!) Und das alles kömmt ja bloß, weil einer von Euch Banditen unsern ersten Band gefressen hat!
O, Ihr
Mein Leben ist irrsinnig bewegt und aufregend. Ich will versuchen, Euch kurze Wochenübersicht für eilige Leser zu geben. – Über Nordholz wißt Ihr ja noch Bescheid durch Schulzegrete. Sie drückt sich nur furchtbar zahm aus – man könnte ja noch ganz anders – was, Carla??!
Aber da ist man denn wohl zu kultiviert zu! Wenn Euch so Begriffe wie “Intrige” u. “Weiberwirtschaft” noch nicht klar sein sollten, dann laßt Euch bloß mal in so`m Laden anmustern – da fällt es Euch wie Dachziegel von den Augen!!!! – Na – überwunden!
Ostern entwich ich da mit süßem Täterätä , weil mir von Lübeck eine Stelle angeboten wurde. (Stelle? Kandidatin mit 100M im Monat, wobei man günstigstenfalls ja auch bloß verhungern kann!!) Ich ergriff diesen Strohhalm, wobei ich mich leider zwischen 2 Stühle setzte, was ich häßlich und gemein fand von den beiden Stühlen. Aber die Heupferde aus Lübeck hatten sich a) um eine Lehrerin bemüht, um sich dann b) zu erkundigen, ob diese Stelle im Haushaltsplan der Schule auch genehmigt würde – was sich dann leider als absoluter Essig erwies!! – Na!!
In den 6 darauffolgenden Wochen ließ ich meinen inneren und äußeren Menschen von süßer alter Mutter gründlichst überholen u. neu aufrenovieren und beschäftigte mich im übrigen mit dem netten Spiel des Bewerbungenschreibens und Absagensammelns, was mir bis auf seine Kostspieligkeit ein durchaus neckisches Spiel zu sein scheint. -
Und plötzlich fand ich mich in Soest i.W. als außerplanmäßig vollbeschäftigte Lehrkraft an der Berufsschule wieder! – (Tja, Ihr mögts nicht glauben – aber sowas gibts!) 4 Jahre nach meiner Ausbildung zum ersten Mal an einer richtigen Schule!!
Ich kann Euch sagen!! Wild begeistert!!
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!! (Und war nicht inzwischen eine entzückend bescheidene Rasse geworden?)
Soest, wunderschöne und ganz alte Stadt!!
Schülerinnen nett – Kollegium nett (ich unter Männern die einzig lebende Frau – aber sie beißen nicht!!). Wirtsleute noch netter – und ich restlos glücklich! Märchenhafter Zustand! –
Aber leider ist das Leben eben kein Märchen, und darum ist das alles auch schon nicht mehr wahr.
Die Schulaufsichtsbehörde kann mich für Soest leider nicht bestätigen, weil ich für diese Schule zu vornehm bin als Fachgewerbelehrerin und mir der staatliche Stempel dafür fehlt, daß ich mit der Psyche des Volkes kann, mit der ich mich doch nun seit 4 Jahren intensiv befaßt habe in Arbeitsdienst, Erwerbslosenkursen u. Führerschulungslagern!
O, Ihr!
Wenn ich nun Talente hätte zum Verzweifeln – würde ich jetzt –
aber ich hab` ja nicht –
Gott sei Dank!
Und in diesem Sinne herzliche Herzliche
Eure Käthe Brandes.
22.Sept. 35.
Ihr lieben andern!
Recht herzlich gefreut habe ich mich, daß Ihr alle noch vorhanden seid. Da ich ja wohl seit
2 Jahren (oder ist´s länger) nichts von Euch hörte, hatte ich mich schon mit viel Skepsis mit dem Gedanken vertraut gemacht, nie wieder etwas von Euch andern zu hören. Es hätte mir wirklich leid getan. Ich habe inzwischen einen bunten Roman erlebt, beinahe Courthsmaler. Als ich Käthe das letzte mal sah, war´s auf dem Hamburger Arbeitsamt, kurz vor meiner Heirat. In schweren 1 1/2 Jahren Ehe wurde mein Dieter geboren u. jetzt lebe ich schon 3/4 Jahr von meinem Mann getrennt u. stehe kurz vor der Scheidung. Drollig was? Ja, ja, da kann man was erleben! Und nun bin ich wieder auf der Suche nach einer Stellung. Aber wißt Ihr, man kann ja so viel ertragen, wenn man muß, viel mehr, als man meint, besonders wenn man so einen süßen, herzigen Blondkopf da neben sich tappeln hat. Dieter ist morgen 1 1/4 Jahr u. hat gestern seine ersten selbständigen Schrittchen ins Leben getan. Ilse Holzgrebe wird ja Bescheid wissen, wie das ist. Es ist natürlich ein bildschöner Junge; welche Mutter findet ihr Kind nicht immer bildschön, nicht wahr? Ein Bildchen habe ich im Augenblick nicht mehr, ich klebe beim nächsten Mal eins ein.
Gesundheitlich geht es mir jetzt wieder sehr gut, ich war lange krank, als mein Mann mich Weihnachten allein ließ. Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört u. gesehen. Na ja, Schluß damit. Ansonsten lebe ich ziemlich zurückgezogen u. würde mich natürlich riesig freuen, Euch mal alle Mann hoch wieder zu sehen, u. fände es furchtbar nett, wenn mich hier mal eine überfiele. Wenn´s geht mit vorhergehender Anmeldung. Wie gesagt, lange wohne ich nicht mehr an der Wandsb. Chaussee, die Wohnung ist viel zu groß u. zu teuer jetzt für mich, ich bin schon auf der Suche nach einer niedlichen 2 Z.Wg.; ich hoffe Mitte bis Ende Oktober umgezogen zu sein. Aber das braucht Euch nicht zu stören, mich regt das auch nicht viel auf, man kriegt ja Gottseidank mit der Zeit eine Elefantenhaut, an der alles abprallt.
Und wenn ich nicht so einen himmelhohen Optimismus dabei hätte, so hättet Ihr schon längst Kränze schicken müssen.
So und nun bin ich am Ende angelangt. Oder interessiert es Euch noch, zu wissen, daß ich jetzt Stenographie u. Schreibmaschine lerne, nein pauke, büffle, damit ich vielleicht als Stenotypistin Stellung bekomme. Denn als einfache technische Lehrerin ist nix zu machen in Hbg. Gar nix. Und ich kann der Scheidung wegen nicht gut weg.
Also herzliche Grüße von
Dora u. Dieter Rothenstein.
(Wenn Ihr vielleicht denken solltet, mein Mann wäre Jude, des Namens wegen, dann irrt Ihr Euch, er ist rein arisch.)
Zum letzten Mal!
Am Sachsenwald. 25.10.35.
Liebe Klassenkameradinnen!
Unser Buch besteht und wandert also doch noch. Wie schön, ich hatte sein Wiedersehen schon aufgegeben. Liebe Carla, Du bist sicher böse auf mich geworden, daß ich die angegebene Reihenfolge nicht eingehalten habe, entschuldige, es war nicht schlecht gemeint, meine Mutter, die in Hamburg zu tun hatte, bot sich an, das Buch dort weiter zu geben. Nun sollst Du es aber stets von mir erhalten.
Wie bewegt ist doch das Leben der Berufstätigen, ich wünsche nur, daß Ihr auch endlich einmal zur Ruhe kommt und etwas Dauerndes findet, sonst steuert lieber in stillen Hafen der Ehe. Seht doch nur unsere Gertrud Merzin an, wie ist sie glücklich in ihrem Heim. Wie ich inzwischen gehört habe, von unserer Turnkameradin Elfriede Niekrenz, können wir sie jetzt auch als Mutter eines Töchterchens beglückwünschen. Wie wird es denn heißen?
Für mich hat das Klosterleben in der Einsiedelei am Sachsenwald nun bald ein Ende. Und doch denke ich mit Dankbarkeit an diese Jahre zurück. Habe ich ihnen doch nicht nur ein ernstes Arbeiten an der Musik zu danken, sondern durch Verzicht auf Theater, Konzerte und sonstige mit Unkosten verbundene Erbauungen, auch ein schmuckes Eigenheim. Es erwartet im schön gelegenen Vorort Bergedorf, an einem sonnigen Plätzchen seine zukünftigen Bewohner. Ich bin glücklich aus der einsamen Natur, die besonders im Herbst so erdrückend auf´s Gemüt wirkt, wieder unter die Menschen zu kommen. Bergedorf bietet in dieser Beziehung einen guten Übergang, findet man dort doch Natur und Kultur in glücklichem Verhältnis vereinigt. Ein Bild werde ich erst nächstes Mal beilegen, wenn die Fenster mit Gardinen bekleidet sind, und der Garten angelegt ist. Unser Heim enthält zwei Wohnzimmer, Schlaf- und Fremdenzimmer, Küche und Bad und ist mit allen Schikanen ausgerüstet. Die neuzeitlichen Errungenschaften der Technik, wie Zentralheizung, Elektro-Koch- und Warmwasseraggregate bilden meine stumme Dienerschaft. Damit auch die körperliche Gesundheit bei all diesem Komfort nicht mit in Leidenschaft gezogen wird, sorgt ein Garten am Haus durch Betätigung im Freien, zur Kräftigung.
Das nächste Mal werdet Ihr also einen Gruß aus Bergedorf, aus dem Häuschen in der Schlageterstraße empfangen, heut noch von unserm herrlichen Sachsenwald.
Alles Gute Euch wünschend, grüßt Euch
Eure Gertrud Martens.
Bad Salzbrunn, Eschenallee 7.
Ihr Lieben, Alle!
Schuldbewußt senke ich mein Haupt, denn das viel verlangte I. Buch liegt bei mir; es fand sich jetzt beim Auspacken der Sachen. Aber ich bin viel zu glücklich, um mich dabei lange aufzuhalten, sondern erzähle gleich mal ein bißchen von mir. –
Vor ein paar Tagen erreichte mich das Buch hier und ich habe mit meinem Mann zusammen die Berichte gelesen, der an allen herzlich Anteil nahm.
Vergessen ist Weimar wo ich 14 Tage nach Absenden des Buches die Kündigung in der Hand hielt. Vergessen, daß ich 1 1/2 Jahre in Bremen Geschäftsführerin vom Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein war. Ich hatte alle meine Kräfte in den Dienst dieser Sache gestellt. – Wir gaben Koch- und Hauswirtschaftliche Kurse, daneben hatte ich die Geschäftsführung von 3 Kindergärten, die an ein Seminar angeschlossen waren. Ich arbeitete in der neu eingerichteten Mütterschule in Bremen mit; meine Freundin aus Weimar wurde Leiterin der Mütterschule. Ein halbes Jahr machten wir 14 täg. hauswirtschaftliche Ausstellungen im Rahmen der Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft unter Oberaufsicht der N.S. Frauenschaft. – Die Zeit war sehr interessant und ich war sehr gern in Bremen. Meine Stelle war sehr selbständig, da ich nur einem Vorstand von denen unterstand; ich wurde gut bezahlt; aber es ist alles vergessen in dem unendlichen Glück, was ich jetzt gefunden habe. –
Wir sind jetzt eingerichtet in einer 3-Zimmerwohnung in einem 2-Familienhaus. Der Blick aus dem Fenster geht auf den Hochwald-Sattelwald und in der Ferne ahnt man das Riesengebirge und die Schneekoppe. Bis jetzt haben wir Wanderungen durch das umliegende Waldenburger-Bergland gemacht. Am Sonntag lagen wir neben Schneefeldern in strahlendem Sonnenschein.
Der Winter zieht uns in das Siebengebirge zum Skilaufen, das habe ich trotz 7 1/2 jähr. Ausbildung nicht gelernt; aber mein Mann ist Skilehrer (nicht vom Hauptberuf) und so hoffe ich, das auch noch zu lernen.
Wen von Euch allen der Weg mal in diese Gegend führt (Bahnstrecke: Berlin – Hirschberg – Breslau) der ist herzlich eingeladen. Wir haben ein Gastbett, das sich über jeden Besuch freut. -
Als näheren Kommentar lege ich die Verlobungsanzeige und die Danksage nach der Hochzeit bei; ein Bild ist leider noch nicht vorhanden; vielleicht beim nächsten Mal, dann geht das Buch noch etwas schneller herum. -
Was soll ich noch erzählen, daß ich überströme vor Glück und Seligkeit, das ich mit Begeisterung die in der Frauenschule gelernten Sachen am eigenen Heim anwende, daß mein Mann Saphirkuchen, Sandtortenplätzchen mit Freude verspeist hat, daß meine Wäsche gestern bei strahlendem Sonnenschein im Freien flatterte. – Man wirft alles Lehrerinnenhafte ab und wird plötzlich wie jede andere normale glückliche junge Frau. Sehe ich mir Muschis Bilder an, so kann ich nur sagen, so strahlend wie Du + Dein Mann sind wir auch. –
Und ich bin glücklich, so im Kleinen am eigenen Heim wirken zu können. –
Euch allen Frohes und Glück wünschend
Eure Carla Overlach v. Lauenstein.
Hamburg, 7.I.1936.
Meine liebe alte Klasse;
da ich die erste bin, die im neuen Jahr in dieses Buch schreibt, möchte ich Euch ein frohes Schaffen und Gelingen für dieses wünschen. Dieses Buch sollte schon lange fort sein aber es erreichte mich in einer Zeit, die angefüllt war mit Ereignissen, die ich Euch nachher erzählen werde, – und daher die Verspätung. Gottseidank kann ich sagen, daß es ein wunderschönes Ereignis war; – aber es war auch nötig, daß für meinen Mann + mich endlich wieder die Sonne kam. In meinem letzten Bericht erzählte ich doch so voller Freude, daß mein Mann endlich wieder geheilt sei. Aber es kam ein furchtbarer Rückschlag und zwar war mein Mann durch 6 Jahre hindurch verkehrt behandelt worden. Im Februar 1935 erkannte Prof. Sudeck (?) endlich das wahre Leiden; eine gefährliche Operation war nötig, + dann kam die Genesung, ganz allmählich, – aber es war doch die Genesung. Von mir war nicht mehr viel nach, – Ihr könnt es wohl verstehen. Doch ganz allmählich ging es auch mit mir wieder bergauf. Zwei schwere Jahre lagen hinter uns, – aber dann kam die Sonne. Nachdem mein Mann geheilt war und sich wieder zum Dienst melden konnte, – wurde er zum Kapitän befördert. Wir waren selig, – denn diese Beförderung bei seinem Alter in dieser Zeit, in der die Schiffahrt sehr danieder liegt, ist eine Seltenheit.
Und der zweite Grund ist der, daß ich am 10. Nov. 35 ein Söhnchen bekommen habe. Er ist ein Sonntagsjunge. Er konnte es nicht abwarten, und ist 7 Wochen zu früh auf diese Welt gekommen. 5 1/2 Pfd wog das süße kleine Wesen, doch nur nach 3 Wochen schon 8Pfd 340g. Ich klebe zwei Bildchen ein; sieben Wochen ist er dort genau. Es ist ein Flaschenkindchen, + doch hoffen wir, daß er weiter so gedeiht wie bisher. Und auch ich gebe mir Mühe, mich zu erholen. Da er eine künstliche Geburt sein mußte, war es nicht ganz so einfach, – aber es ist ja alles vergessen, wenn man das süße Wesen im Arm fühlt. Ich kann nur mit Ilse sagen, daß ich jedem von Euch dieses Glück wünsche. Unser Junge heißt “Jörn” und ist unsere größte Freude. Und im Februar kommt Wilms und wird dann endlich auch seinen Sohn sehen. Ihr werdet es kaum glauben, aber mein Mann hat ihn noch nicht gesehen. Er ist schon seit Monaten im Ausland, – aber nun kommt endlich das Wiedersehen. Nur einige Bildchen habe ich nach Brasilien schicken können, damit er eine kleine Ahnung von seinem Jungen hat. Ist es nicht hart? Wenn W. zurückkehrt wird Jörn schon laufen können. Ach, Kinder, dieses Glück, wenn man das allmähliche Werden eines rührend hilflosen Menschenkindes erleben darf. Und nun werde ich aufhören, denn langes Sitzen ist noch nicht gut für mich; – viel liegen heißt die Parole. Das Richtige für mich, Kinder! Und wann werden wir uns einmal wiedersehn; es wäre zu herrlich. Wenn einer von euch einmal nach hier kommt, so darf er nicht vergessen, doch zu mir zu kommen, ich würde mich so freuen; nicht nur ich, sondern auch Jörn, dem ich, wenn er es erst versteht, erzählen werde, welch´ schöne Zeit wir zusammen auf dem Seminar verlebt haben. – Carla, und Dir sowie Deinem Mann möchte ich nur alles erdenkliche Glück wünschen.
Euch Lieben, herzlichste Grüße von
Eurer Helga Gerhard und Klein-Jörn
Lüneburg, 6.2.36.
Meine liebe alte Klasse!
Im vorigen Jahr hat sich ja sehr viel bei einigen von uns ereignet. Viele haben jetzt schon von uns ihr Glück in der Ehe gefunden. Ich möchte allen denen weiterhin so ein großes Glück wünschen wie aus dem Büchlein klingt. Den Müttern möchte ich recht von Herzen gratulieren. Liebe Helga Dein Bub ist reizend. Er wird dir die Zeit nicht lang werden lassen bis Dein lb. Mann zurückkehrt. Liebe Muschi M. Dir auch gutes Gedeihen für Dein Mädel. Unsere Familie soll sich auch bald vergrößern. Mein Ritalein ist schon ein tüchtiges liebes Mädchen geworden. Sie spielt den ganzen Tag im Garten. Wenn Papa + Mama arbeiten tut sie es auch mit ihren Spielsachen. Unser süßes Kind ist unser beider Sonnenschein. Sie singt + lacht den ganzen Tag u. ist fein gesund. Mama muß immer Märchen erzählen, dann hört sie aufmerksam zu u. möchte immer noch mehr hören. Sie wird nun schon bald 3 Jahre alt u. sehr selbständig. Man könnte den gz. Tag zusehen so reizend kann sie sich beschäftigen. – Bei uns fängt jetzt wieder die Arbeit an. Das Frühjahr naht u. dafür muß der Gärtner rechtzeitig vorsorgen. Gestern nachmittag habe ich schon Tomaten pikiert. – Wir haben große Pläne für dieses Jahr vor. Wenn ich das nächste Mal in das Büchlein schreibe, sitze ich vielleicht schon auf unserer neuen Plantage. – Hört, hört aber weiter verrate ich noch nichts. Ich fasse mich diesmal nur kurz mit meinem Bericht u. bin sparsam mit dem Platz. Ich habe jetzt die Freude, mein Buch an Hilde persönlich zu übergeben.
Seid alle recht herzlich gegrüßt
Eure Ilse Holzgrebe. + Luten + Rita.
z.Zt. Harburg, den 10.4.36.
Ihr lieben “Hamburger”!
Durch geplanten und nun ja auch schon gewesenen Klassentag ist das Buch länger als “gesollt” bei mir hängen geblieben. Für die, die am letzten Montag (6.4.) nicht dabei sein konnten, will ich einen kurzen Bericht geben. Wir trafen uns in Harburg, 8 an der Zahl (Benecke, Brandes, Düker, Ritter, Schomaker, Schulze, Schulze, Sporleder), machten einen kleinen Sparziergang durch den Harburger Stadtpark und ließen uns dann in einem netten kleinen Cafe zu gemütlichem und lebhaftem Geklöhn nieder. Es war ein nicht enden wollendes Erzählen, und es war schön, nicht wahr Ihr alle, die Ihr dabei wart? Wir haben aber auch an alle, die nicht da waren, gedacht, und gewiß haben Euch die Ohren geklungen, ja? Und das Schönste war, daß wir uns alle gar nicht verändert fanden (wennschon wir doch alle 9 Jahre älter geworden sein müssen.), daß wir uns noch genauso gut kennen wie ehemals. Die ollen Kamellen wurden ausgekramt, die Neuigkeiten dazu erzählt, die Männer und Kinder (in Photo) “zum Nachtisch herumgereicht”. Es wurde beschlossen, diese Treffen alljährlich in den Osterferien zu wiederholen, und ich als der neu ernannte Sekretär werde Euch dann immer rechtzeitig alarmieren! Vorschläge und Wünsche für die Ausgestaltung werden immer willkommen sein. –
Nun will ich noch etwas von mir erzählen. Ihr wißt zwar inzwischen wohl alle, daß ich jetzt endlich in einer festen Schulstelle an der dreijährigen Frauenschule in Lüneburg gelandet bin; eine Stelle, um die ich mich schon vor über 4 Jahren beworben hatte! Daß daraus nun wirklich etwas wurde, ist zum großen Teil Carlas Verdienst; denn sie hat mich über die Aussichten immer wieder unterrichtet und mich dem Direktor wieder in Erinnerung gebracht, als ich diese Bewerbung schon ganz vergessen hatte. Seit dem 1. Juli 35 bin ich nun also dort, nachdem ich vorher kurze Zeit an der Berufsschule in Lehrte war. Die Arbeit an diesen beiden Schulen ist grundverschieden. Ich mußte mich erst ganz umstellen. Man merkt in der Arbeit überhaupt – es ist dies ja meine 1. Schulstelle – , ein wie blutiger Anfänger man noch ist. Wir sind nur froh, daß wir nun endlich richtig im Schuldienst sind, Grete ist seit einem Jahr auch an einer Frauenschule (in Bitterfeld) beschäftigt, u. Käthe fängt jetzt in Remscheid auch an einer dreijährigen Frauenschule an. Da diese Schulen alle an Lyzeen angegliedert sind, werden wir auch in den unteren Lyzeumsklassen mit beschäftigt. Da sind uns Else u. Elfriedchen mit ihrer jahrelangen Praxis an Erfahrungen weit überlegen. Aber die Stunden mit den Kleinen, besonders den Sextanerinnen, machen mir viel Spaß. Alles in Allem können wir überhaupt mit der Entwicklung der Dinge jetzt sehr zufrieden sein. Die Frauenschule war doch immer unser Ziel. Und es ist durchaus ein Verdienst der neuen Zeit, daß diese Schulen jetzt stärkere Beachtung finden und weiter ausgebaut werden. – Dieses Mal soll der Brief nun ausnahmsweise nicht in der üblichen Reihenfolge weitergehen, sondern an Annemarie geschickt werden, die ihn solange nicht gehabt hat.
Liebe Annemarie wir denken, daß Dich doch all unsere Berichte – trotz der weiten Entfernung – genau so interessieren werden. Und andererseits möchten wir auch so gerne von Dir wieder etwas hören. Hoffentlich erreicht das Buch Dich. Eine solche Ozeanreise dünkt uns hier doch etwas Besonderes zu sein. Du denkst darüber gewiß anders. – Meine besonderen Grüße gelten nun heute Dir, liebe Annemarie,
aber auch alle andern grüße ich herzlich.
Eure Hildegard Schulze.
New York, den 10.Mai 1936
Ihr lieben Alten in der Heimat,
ich kann Euch gar nicht sagen, wie ich mich über das Buch gefreut habe. Ich hatte schon alle Hoffnungen aufgegeben, es jemals wiederzusehen. Und besondere Freude hat es mir gemacht, daß Ihr meiner kartenschreibender weise auf dem Klassentag gedacht habt. Wie gern wäre ich mit dabei gewesen, hätte Euch alle wiedergesehen. War es auch diesmal nicht möglich, so hoffe ich doch zuversichtlich, daß ich auf einem der nächsten persönlich anwesend sein werde. Und wenn Ihr Euch alle nach mir richten solltet und den Osterjahrestag in die Sommerferien verlegen müßt!
Ich weiß nicht, wann ich zuletzt dieses gute Buch in Händen hatte, ich denke es war noch in Deutschland. Wie das klingt “noch in Deutschland”! Das liegt jetzt schon so weit hinter mir, so fern, ach so fern. Schon über 2 1/2 Jahre sind wir hier, und habe ich Zeit gehabt, mich an Amerika zu gewöhnen.
Wo soll ich anfangen mit dem Erzählen? Es ist so unendlich viel auf mich eingestürzt, daß ich erstmal Gedanken sortieren muß.
Also während des ersten Jahres unseres Hierseins lebten wir in Philadelphia. Es war für mich ein Jahr des Lernens und Entwöhnens von deutschen Ideen. Ich lernte Englisch, ging auf die Universität und suchte mein Leben aufzubauen. Es gelang mir auch recht gut. Die Menschen, mit denen wir zusammen kamen, waren mir sehr sympathisch. Sie waren so von dem guten, alten, behäbigen Hamburger Schlag; ungeheuer konservativ. Sie gefielen mir sehr gut, so daß sich bald ein gemütlicher Freundeskreis entspann.
Dann wurde die eben beginnende Herrlichkeit zerstört, dadurch, daß wir nach New York ziehen mußten. In New York gibt es keine Behaglichkeit, keine Beschaulichkeit. Alles rennt, hastet, versucht Geld zu verdienen. Es ist absolut keine Zeit vorhanden, Freundschaften zu pflegen. Meistens arbeiten Mann und Frau (trotzdem sie es nicht nötig hätten) und hetzen sich während der Tagesstunden so ab, daß sie abends totmüde sind und sich nur von Theatern, Varietees unterhalten lassen können. Sie selbst können nicht Träger der Unterhaltung sein. Die interessanten, intellektuellen Menschen sind sehr schwer zu finden. Erst jetzt so allmählich finden wir Gleichgesinnte; erst jetzt fängt es an “gemütlich” in New York für uns zu werden. Hoffen wir, daß wir nicht wieder einmal in eine andere Stadt verschlagen werden, sondern hier Wurzeln schlagen, hier in N.Y. von dem man sagt, daß man dort Geld verdienen kann aber nicht leben. Von Philadelphia sagt man: Man lebt in Philadelphia aber ein Geldverdienen ist nicht möglich. “Geldverdienen” heißt reich werden, über Nacht reich werden. Dieser Gedanke spukt noch in Millionen von Amerikanern – trotzdem etwa 40% der Einwohner auf die eine oder andere Weise Unterstützung beziehen.
Unser häusliches Leben ist halb deutsch, halb amerikanisch. Das zeigt sich sehr in der Sprache. Während der Woche wird englisch gesprochen, während des Wochenendes deutsch, damit wir beide nicht die Sprache verlernen. Während der Woche habe ich meinen kleinen Haushalt, lese viel und richte mir mein Leben sehr gemütlich ein. Unser Hundchen, ein mordsfrecher Dackel, hat nur manchmal eine entgegengesetzte Meinung von dem, was ich Gemütlichkeit nenne. Wenn ich mich ausruhen und lesen will, besteht sie darauf, daß gespielt wird. Und sie setzt meistens ihren Willen durch. – Um meine freie Zeit nützlich hinzubringen, bin ich wieder im Winter auf die Universität gegangen und habe amer. und engl. zeitgenössische Schriftsteller gehört. Sehr, sehr interessant. Im Winter werde ich es wieder machen.
Übers Wochenende, der Sonnabend ist während des Sommers frei, wird aus N.Y. herausgefahren. Es ist zu heiß hier. Oft geht es schon am Freitag los im Auto, sogar noch vor dem Abendessen, und es wird ins Blaue gefahren. Wenn wir müde sind, wird gegessen und ein Nachtlager gesucht. In den kleineren Städten vermieten Privatleute ihre Fremdenzimmer für eine Nacht + Frühstück. Das ist erheblich billiger als ein Hotel. Und solche Hotelrechnungen reißen ein großes Loch ins Portemonnaie, wenn man so jede Woche unterwegs ist.
Auf diesen Fahrten habe ich ungeheuer viel gesehen. Ich kenne den Osten Amerikas besser als ich Deutschland kenne. Ja, so ein Auto ist wirklich schön, es bringt einen überall schnell hin. In diesem Sommer haben wir nun eine große Freude. Wir haben meine Mutter zu uns eingeladen und freuen uns sehr, ihr alles und jedes zu zeigen. Mutter weiß doch noch nicht einmal wie wir eingerichtet sind, kennt unsere Häuslichkeit nur von Bildern! Wir sind froh, daß es jetzt endlich möglich ist, sie wieder zu sehen und sie bei uns zu haben. Da geben wir gern unsere Deutschlandreise für ein Weilchen auf. Wir hoffen auch, daß es Mutter viel Spaß machen wird, ein neues Land kennenzulernen, neben der Freude ihre Kinder wiederzusehen. Und nun glaube ich, mache ich mal Schluß mit diesem Brief. Er wird sonst endlos und damit langweilig.
Ich denke oft an Euch alle und freue mich, daß Ihr nun alle auf dem Platz steht, den Ihr Euch gesucht habt. Dora, auch Du wirst in der Zwischenzeit wieder Licht und Freude gesehen haben. Dein Junge wird Dir über vieles hinweghelfen und Dich vergessen lassen, was Trübes Du erlebt hast.
Die eingeklebten Bilder sind famos. Mehr, mehr davon. Und all die niedlichen Kinderbildchen! Herzlichen Glückwunsch allen von Euch Müttern und allen, die es unterdessen werden sollten, bis das Buch wieder in meinen Händen ist.
Ein frohes Glückauf den Lehrerinnen, die hoffentlich immer weniger an Zahl werden mögen, den jungen Ehefrauen nebst Gatten und Kindern!
Eure Annemarie.
Bitterfeld, Auenstr.16, 8.X.36.
Ihr Lieben alle zusammen!
Zuerst muß ich es gestehen: es ist nicht der weite Weg von Amerika nach Deutschland daran Schuld, daß der Brief erst nach 5 Monaten weiter wandert. Annemarie war die Pünktlichkeit in Person, “wie immer”! Bei mir hat es nun genügend abgelagert. Heute ist Herbstferienbeginn, und da der -schluß ihm sehr bald schon folgt, will ich gleich am 1. Tag die Schreiberei beginnen, sonst wird wieder länger nichts draus.
Liebe Annemarie, zuerst zu Dir. Deine Schilderungen, die Du uns so fein ausführlich gegeben hast, interessieren uns alle wohl fast am meisten. Ich freue mich besonders über die frische und vergnügte u. glückliche Stimmung, die daraus spricht. Hoffentlich habt Ihr mit Deiner lieben Mutter einen recht schönen gemeinsamen Sommer in Deiner neuen Heimat gehabt. Und auf den Klassentag mit Dir freuen wir uns nun alle im voraus mächtig!
Und nun zu Dir, liebe Muschi, der nun in nächster Linie besondere Grüße zukommen! Einen sehr, sehr herzlichen Glückwunsch auch nochmal an dieser Stelle zu dem Erscheinen des Söhnchens, das ja wohl inzwischen schon Anstalten macht, ein “Sohn” zu werden. Ich schicke Dir jetzt erst das Buch, obgleich das außer der Reihe ist, weil Du die hübschesten Neuigkeiten einschreiben kannst (soweit mir bekannt ist), an denen sich dann gleich alle anderen freuen können. (Du schickst also bitte an Else Sp. weiter, ja?)
Neben all dem Hübschen, das Ihr Verheirateten + Mütter berichten könnt, kommt mir das Berufsgedröhne, das wir nun vom Stapel lassen können, eigentlich langweilig vor. Es geht uns ja Gott sei Dank jetzt allen in Bezug auf unsere Arbeit wohl so gut, wie wir es uns mal wünschten. Und viel Freude und Schönes erlebt man ja freilich auch. Aber es läßt sich eben nicht immer Neues davon berichten. Die letzten Ereignisse seit dem Klassentag, von denen ich erzählen könnte, sind eine mehr oder minder verregnete Reise an die See (Sylt) in den gr. Ferien, dann wunderschöne Tage in Berlin – allgemein! Dann Landheimaufenthalt mit der Frauenschulklasse, in der ich unterrichte, in Schöna in der Sächs. Schweiz, nahe der Tschechischen Grenze. Das war ein Sommer mit allerlei netten u. interessanten Unterbrechun- gen. Das Olympiaerlebnis (Hilde + ich waren zum Eingangsfestspiel + zum Turnen in der Dietrich Eckart-Bühne da, sahen außerdem noch etwas vom Reiten + Schwimmen) war natürlich ganz groß. Die Stadt Berlin, die bis in jeden Winkel u. mit jedem Menschen, der dort war, eine Feststadt gewaltigster Art war, lohnte einem die Reise schon allein. Alles Nähere über die Ereignisse kennt Ihr ja zur Genüge aus den Zeitungen.
(Inzwischen bin ich auf der Bahnfahrt nach Hause, entschuldigt die Krickelei!)
In meiner jetzigen Arbeit bin ich sehr froh + zufrieden. Ich bin also an einer Frauenschule, die am Lyzeum in Bitterfeld angeschlossen ist. Die Frauenschule wurde vor 1 1/2 Jahren neuerrichtet, wobei ich schon half. All das Einrichten + Probieren hat viel Freude gemacht. Jetzt im 2. Jahr ist schon alles ganz gut eingefahren. Die Schülerinnen sind in diesem Jahr (im Gegensatz zum vorigen) sehr nett und vergnügt u. offen, so daß ich wirklich ein nettes kameradschaftliches Verhältnis zu ihnen habe, besonders seit der Landheimzeit, die in der wunderschönen Gegend sehr hübsch war. – Am Lyzeum gebe ich außerdem noch eine Reihe Turnstunden.
Dadurch, daß ich mit meiner ältesten Schwester zuf. in der derselben Stadt wohne, habe ich privat viel Freude, bes. durch ihre 3 Kinder.
Die Schunkelei wird jetzt aber zu wüst. Darum lieber Schluß!
Ich wünsche Euch allen (denen, die verheiratet, u. denen, die Mütter, u. denen, die weder-noch sind) weiterhin das Allerbeste, was es für sie geben kann!
Herzlich grüßt Euch
Eure Grete Schulze.
5. März 36. (?)
Ihr Lieben alle!
Dies Buch ist etwas fabelhaft Nettes! Zudem bringt es Freude, und je länger es kreist, desto interessanter wird es und desto lieber ist es einem. Habt Dank für all Eure Berichte, die so Verschiedenes melden. Daß Du, liebe Annemarie, so schön ausführlich geschrieben hast, finde ich besonders nett; Du hast aber auch den meisten “Stoff”. Mit Dir möchte ich bitten: Mehr Bilder!!! Hoffentlich habt Ihr inzwischen alle recht viel Angenehmes und Erfreuliches erlebt und haben die trüben Eindrücke aus einigen Berichten sich zum Guten gewendet, das ist mein herzlicher Wunsch.
Das große Erlebnis, von dem ich Euch heute vor allem berichten möchte, ist unser Kind. Wie unsagbar glücklich wir darüber sind, kann ich mit Worten gar nicht ausdrücken. Ein eigenes Kindchen ist etwas so unglaublich Schönes – das kann man nicht beschreiben und vorher auch nicht annähernd ausmalen – das muß man selbst erleben. Der kleine Kerl ist unser Sonnenschein, um ihn dreht sich nun alles, und tag-täglich ist da die große Seligkeit über das kleine lebendige Wunder, das nun nach 1/2 Jahr schon lachend und schwatzend und krähend und jauchzend und mit “Dä-Dä” und “hä” und “da” in seinem Körbchen liegt. Man möchte nur immer daneben stehen und sich über jede Lebensäußerung freuen, über die täglichen kleinen Fortschritte, über das anmutige Spielen mit Händchen und Füßchen, über das Strahlen, sobald es die Eltern sieht – ach, es ist zu schön! Natürlich ist unser kleiner Günther ein ganz entzückendes Kind! – welche Mutter fände ihr Kind nicht am allerschönsten?! Das muß auch so sein. Jedenfalls sieht er rund und rosig und zufrieden aus, und man sagt allgemein, er sei ein sehr freundliches Kind.
Am 9. Mai, am Geburtstag seines Großvaters Merzin, kam unser Baby auf die Welt. Daß man´s nicht gerade geschenkt bekommt (zumal wenn´s nicht ganz vorschriftsmäßig geht) sondern sich redlich anstrengen muß, auch die nachfolgende Zeit noch nicht gerade auf Rosen gebettet ist, das wissen die, die´s aus eigener Erfahrung kennen. Aber die Mühe lohnt sich ja wahrlich! Zumal wenn Baby dann gut gedeiht. Er wog 6 1/2 Pfd und ist jetzt auf 14 1/2 Pfd. Sein Futterchen bekommt er z.Z. noch heute von mir, dazu Obst und Gemüse und Brei usw. Allmählich ist nun der ganze Haushaltsbetrieb auch wieder im Geleise, aber das alles will sehr seine Zeit haben! – Ilse, Du hast beim zweiten gewiß wieder dieselbe Erfahrung gemacht, nicht wahr? und nun wirst Du´s auch gut schaffen. Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Bericht und bin sehr gespannt, von Deinem 2. Baby zu hören. Herzlichen Glückwunsch noch nachträglich! Desgl. auch an Carla zur Hochzeit.
Jetzt am 11. Oktober hatten wir Taufe, dazu waren all unsere nächsten Angehörigen und unsere liebsten Freunde bei uns – ein hübsches kleines Fest! und das Bübchen war musterhaft artig. – Seit kurzem ist mein Mann Konsistorialrat bei der Reichskirchenregierung. Seine Tätigkeit ist aber nach wie vor rein juristisch, und er beschäftigt sich nicht etwa damit, Kirchensteuern beizutreiben – wonach wir vielfach gefragt wurden!! Er ist nun viel mehr von zu Hause fort – auch aus diesem Grund ist´s also sehr gut, daß ein kleiner Stellvertreter da ist.
Und sonst? Die Olympiade war wirklich ganz großartig, ein herrliches Fest! Der ganze Betrieb in der Stadt war schon wundervoll, und auf dem Festgelände erst recht. Die Eindrücke vergißt man so leicht nicht wieder: Dies riesige Stadion mit seinen Sprech-Chören und seiner begeisterten Menschenmenge, die enorme wundervolle D.-E.-Freilichtbühne, das Schwimmstadion! Wir haben mitgemacht, soviel in unseren Kräften stand. Einmal waren wir den ganzen Tag dort, frühmorgens ging´s los mit dem Kinderwagen und Koffer, die bei Betreten in der Nähe des Stadions abgestellt wurden, wohin ich dann zu den Mahlzeiten eilte.
Eine Reise wurde diesen Sommer nun natürlich nicht gereicht – aus mehr als einem Grunde. Nächsten Sommer aber hoffen wir, mit unserem kl. Liebling an die See zu fahren in irgend ein einfaches Bad, wo man schön ungestört ist. Im Sommer 1935 waren wir übrigens noch ein 2. Mal in unserem “Paradies” in Königssee, was ich schon im letzten Bericht geschildert hatte. Es war da wieder genauso herrlich wie das erste Mal, und wir haben wundervolle Touren damals gemacht. Und denkt Euch: Eines Tages trafen wir in der Badeanstalt am See mit Schulzes zusammen! Wißt Ihr noch Ihr beiden?
Mein Bericht ist nun schon wieder viel länger als die meisten geworden, drum will ich endlich schließen. Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen!
Seid allesamt einschl. Ehemännern und lieben Kinderlein tausendmal gegrüßt von meinem Mann, Günterlein und
Eurer glücklichen Gertrud M.
Soltau und Weferlingen
im Sommer 1937
Ihr Lieben alle mit einander!
Was ist da viel zu schreiben? Wir 2 unzertrennlichen haben nun in diesem Sommer das Gescheiteste getan, das zu machen war: uns verlobt!
Alle Ihr, die Ihr das nun schon miterlebt habt, wißt, wie schön die Zeit ist. Und Ihr anderen macht es uns recht bald nach! Wenn das Buch wieder zu mir kommt, haben wir hoffentlich unser Heim gegründet und können mit Euch anderen Glücklichen plaudern und uns über die nächsten Verlobungen freuen. Heute müßt Ihr es über unsere!
Zwei Glückliche:
Else und Elfriedchen.
Elfriede Benecke Else Sporleder
Walter Carl Heinrich Böttcher
Juli 1937 August 1937
Duisburg, den 16.10.37 Schweizerstr. 47
Liebe Klasse!
Eigentlich bin ich noch nicht dran, aber Muschi´s Bilde möchte ich ein ähnliches zugesellen. –
Käthe Brandes ist fürs Wochenende bei mir. Wir wollen gleich nach Düsseldorf in die Ausstellung “Schaffendes Volk”, um den letzten Tag der Ausstellung auszunutzen und uns an dem Leuchten der Fontäne und dem Feuerwerk zu freuen. – Wir hatten im Laufe des Sommers Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen. Sie ist ganz fabelhaft. Einmal waren wir auch mit Kinderwagen da. Käthe hatte gestern Freude an der Erzählung, und so gebe ich sie zur Nachahmung bekannt. – Wenn man einen schönen Sonntag mit seinem Manne zusammen verbringen will und niemand für´s Kind hat, so muß es eben mit und wenn nicht anders im Kinderwagen und mit Koffer für seine Utensilien. Die Schaffner auf den Straßenbahnen sind im neuen Staate angewiesen zu Muttis und Kindern besonders nett zu sein und so kommt man mit Kind, Kinderwagen durchs Land. Durch einen Sondereingang geht´s in die Ausstellung. Das Quartier suchen war schwierig. Schließlich fand ich in der Schlageter Siedlung ein Haus, vor dem ein ähnlicher Wagen stand wie der meinige, und der Sohn war für den Tag untergebracht bei einem sehr netten jungen Ehepaar. Auch ich erschien alle 3 Stunden wieder bei meinem Sohn wie Muschi, und er hat sich so musterhaft benommen, daß wir gebeten wurden, ihn das nächste Mal wieder mitzubringen. -
Günther ist am 12.2. hier in Duisburg zur Welt gekommen und jetzt mit 8 Mon. ein richtiger Bub. Meine Waschfrau sagt: “Ein lecker Kind, wat”, und im Schwarzwald galt als Lob:
“E feschter Carla”. Von wem er das “sonnige Natürell” hat ist noch Streitfrage zwischen meinem Mann und mir. Die goldigen Locken gestehe ich meinem Mann zu. Rote Backen, blaue Augen, Kopfform, Nase sind noch umstritten. Aber der feste gesunde Körper ist einwandfrei – u. wenn auch leider nicht auf Nähren von mir zurückzuführen, sondern – auf die Buttermilch, mit der ich den sehr kleinen, etwas zu früh in der Welt erschienenen Burschen hochgekriegt habe. –
Nun will ich kurz ausholen. Salzbrunn liegt mit seinem Winter, seinem idealen Sommer, seinen Vergnügungen bei Tennis, Tanz, Baden und Riesengebirge, mit seiner interessanten Arbeit in der Abtlg. V + H ( Abteilung Volkswirtschaft – Hauswirtschaft) lange hinter mir. Eines Tages wurde meinem Mann seine Arbeiterei zu bunt. Er kündigte, und unsere Gedanken suchten im ganzen Reich eine neue Tätigkeit. – Damals lockte Abessinien, Spanien war noch nicht so weit. Es wurde dann die Demag in Duisburg (ggf. “Deutsche Maschinenfabrik AG DEMAG“, Duisburg. – Lokomotivbau). Wir sind seit 11. Dezember hier; wir nutzen was uns geboten wird und was in unserm Rahmen liegt.
Hinter uns liegen herrliche Ferien im Schwarzwald, wo wir Kräfte für den Duisburger Nebel und Regenwinter sammelten.
Käthe drängt. Günther ist gewickelt. Wir wollen los. -
Herzliche Grüße Euch allen
Eure Carla.
Remscheid, 22.10.37
Und mit was sollen wir drei armen Restgebliebenen nun an die Luft knallen? Wo wir doch weder mit Bräutigämmern noch mit Ehemännern noch mit Kindern handeln?! Und wenn schon – dann auch man bloß mit gepumpten Kindern! Wie z.B. hier ersichtlich. Diese gehören mir sonntags manchmal – im übrigen meiner Schwester, die die eigentliche Mutter dazu ist. Der Bengel hat aber Gott sei Dank mein Temperament geerbt, und hält seine süße Mutti den ganzen Tag in Atem, was mir herzliche u. innige Freude bereitet! Und was muß man als brauchbare Tante können? Den Säugling nicht nur trockenlegen u. baden, sondern ihn möglichst auch noch wieder richtig verpacken, ihn spazierenfahren, das Kleinkind beschäftigen u. mit Pötti gehen, alle Zimmer immer wieder aufräumen, die Gören (mit od. ohne Fakultas!) benähen, beschenken u. Lust haben einzuhüten, wenn die Vatis u. Muttis auch beide mal ausgehen wollen, was für eine junge Ehe notwendig ist! Ich bemühe mich nun mit Fleiß u. Ernst, diese Tugenden zu erwerben!!
Das ist aber nur die eine Seite meines Lebens – die andre heißt “Beruf”! Und zwar immer noch mit Begeisterung! Ihr, die ihr ihm den Rücken gekehrt habt, werdet das kaum glauben – aber es ist doch so! Ich bin nach Soest in Remscheid gelandet, das ist nun die 6. Stelle in meinem jungen Leben. “Ja, wir sind Zigeuner, fahren durch die Welt” Und das Leben serviert uns noch jeden Tag eine neue Platte, teils mehr, teils weniger kunterbunt, aber immerhin doch so, daß man letzten Endes fröhlich ja u. amen dazu sagen kann. Die Menschen sind nun einmal das Kurioseste, was es auf der Welt gibt u. ich habe davon in den letzten 6 Jahren in rauhen Mengen genossen.
Als es diesmal Ostern wurde (ich bin seit 36 hier in der Frauenschule) und ich zum 1. Mal nicht meinen Koffer packte u. umzog, da wurde mir ganz eigen ums Herz – und das geht auf die Dauer auch sicher nicht gut, mit Remscheid bin ich noch nicht verheiratet! Remscheid hat die Eigenschaft aller berühmten Städte: selbst häßlich zu sein und eine fabelhafte Umgebung zu haben. Es ist auf sieben Hügeln erbaut wie Rom; u. Städte wie Köln, Düsseldorf u. Essen sind unsre _ ! Oho! die bergischen Menschen sind stur, schwerfällig, erdgebunden und mit zunehmendem Alter unglaublich materiell. Meine Süßen von 16 – 18 Jahren sind aber noch eine ganz passable Rasse, bis auf daß sie einem manchmal dank ihrer Erbmasse wie Pech an den Schuhsohlen kleben! Und das in nächster Nähe der Rheinländer!! Und lang sind die Öster – bei Anproben manchmal nur mit Trittleiter zu bedienen. Und unser Fach ist ja doch nett! Da alle Evas Affen sind von Natur (und wir sind es sogar von Beruf u. staatlich dafür abgestempelt) ist auf dieser Grundlage immer was mit ihnen zu erreichen. Programm für die Unterprima: Bastsachen: Strandschuhe, Gürtel, Taschen, Schalen, Teller; anschließend: Strandbüxen lang od. kurz; anschließend: Bademantel od. Strandjacke od. -mantel; dann kommt der graue Alltag in Gestalt von Jungshosen für d. Winterhilfe, dann Röcke u. zum Schluß versenken wir uns in Stickerei! Ihr Biereifer verfolgt mich bis in den stillen Frieden meiner Behausung u. zu 3 Nachmittagsextrastunden haben sie mich auch noch betört, womit ich 29 in der Woche habe, was für meine zarte Figur von 94 Pfd hinreicht!
Meine Oberprima ist nüchtern u. wissenschaftlich interessiert u. d. Obersekunda steht im Zeichen des Kindes, wie aus beiklebendem Bild erkennbar. –
Das war der Ernst des Lebens! Jetzt kommt die Erholung!
Da Remscheid 370 m hoch liegt und in dieser Wolkenhöhe dieselben dauernd am Los am Kratzen ist (das ist gut remscheiderisch!) sitzen wir halb- bis 3/4-jahrweise in Nebel und Regen, was das sonnigste Gemüt nicht verträgt u. so lechzte meine Kinderseele dann letzten Ostern nach klarblauem Himmel u. Sonne, Sonne, Sonne!! und um sie ganz bestimmt nicht zu verfehlen, schwang ich mich auf Schifflein u. fuhr von Bremerhaven immer westwärts u. dann südwärts bis Lissabon u. Madrid und nach Afrika bis Casablanca! Und das hat mir unglaublich schön gefallen! Je südlicher wir kamen, desto wärmer u. sonniger, desto leuchtender die Farben, desto schöner die Menschen, desto größer d. Dreck! Im vornehmsten Cafe in Lissabon lag die Zigarettenasche fingerhoch auf Tischen u. Fußböden, weil es keine Aschenbecher gibt u. die Teilchen, die wir uns mit Mühe organisierten, waren mit einer feinen Staubschicht überzogen u. mit Fliegenbeinen beklebt (u. haben so gut geschmeckt!). Die besten Hotels da unten sind die stattlichen Schiffe des Bremer Lloyd auf denen in Bezug auf Sauberkeit ein erquickender Luxus getrieben wird! – Über den Dreck muß man also erst weg, aber dann gibt es nichts Schöneres, als mutterseelen allein durch eine große fremde Stadt zu bummeln, deren Sprache man nicht versteht und deren Rhythmus so ganz anders ist als der unserer Städte. –
Verzeihen Sie, werte Damen! habe ich Ihre Geduld bereits über Gebühr beansprucht? Ich hatte aber auch noch 2 Mal nachzuholen!! Da ich jetzt glücklicherweise den ersten Band dieser inhaltsreichen Bücher erwischte, mußte ich feststellen, daß zwischen meinem letzten u. vorletzten Bericht 5 Jahre liegen!
O Musch, o Musch! (Anm.: “Muschi” Beyer/Merzin) Womit hab ich das verschuldet? Warum hast Du mir solches angetan? Und da mein Nachrichtendienst von zu Hause stellenweise auch schlecht funktionierte, erfuhr ich von der Geburt Deines süßen Bengels erst, als er schon halb erwachsen war! Aber trotzdem noch meinen herzlichen Glückwunsch! Auch Dir, Ilse, zum Zweiten! Und wann führt Ihr sie nun alle vor? Ich hab bislang nur Carlas auf `m Arm gehabt.
Und Else u. Elfriedchen Heil u. Sieg! u. Doppelhochzeit? Wann? Und bessert Euch Ihr Schlimmen! Wenn das Buch nächstesmal wieder Jahrende bei Euch kleben bleibt, versohl ich Euch persönlich!
Herzliche Herzliche!
Eure Käthe Brandes.
Hamburg, 16.12.37.
Ihr lieben Klassenkameradinnen!
Nun liegt das Buch lange genug bei mir, sodaß ich endlich einschreiben muß. Ich habe mich natürlich riesig gefreut, daß es wieder zu mir kam, zumal ich doch auch endlich etwas Erfreuliches berichten kann.
Es ist endlich mit mir bergauf gegangen. Seit April bin ich angestellt mit 23 Std wöchentlich, bekomme ein wenn auch kleines, so doch eben auskömmliches Gehalt. Ich muß jetzt in 4 Schulen im Hamburger Landgebiet Handarbeitsstunden geben, das ist ja viel Lauferei oder besser Fahrerei, (alles per Rad), aber es macht auch Spaß. – Geschieden bin ich jetzt seit Oktober auch, der Mann allein schuldig. Nun habe ich mir eine kleine hübsche 2 1/2 Zi. Wohnung genommen u. fühle mich denkbar glücklich. Morgens, wenn ich in den Dienst muß, bringe ich meinen Dieter-Jungen zu meiner Mutter, die glücklicherweise nur 3 Min. entfernt wohnt, mittags hole ich ihn mir wieder.
Augenblicklich liegt er allerdings mit Fieber zu Bett, aber es ist nichts gefährliches, leichte Angina, aber Kinder fiebern ja leicht hoch. Er hat sich sonst prächtig herausgemacht, u. ist der ganze Stolz von Mutti u. Pappi. Jawohl Pappi! Ihr staunt? Ostern wird geheiratet u. ich heiße dann Dora Timm. Meine jetzige Wohnung bleibt. Ich bin wirklich so fröhlich u. glücklich wie möglich, das könnt Ihr Euch denken. In meiner allereinsamsten Zeit lernte ich den Mann kennen u. ich werde von vorn u. hinten seitdem verwöhnt. Dieter weiß nicht anders, als das es sein Pappi ist, ein Außenstehender würde auch nichts anderes merken. Es hat sich also wirklich alles zum Besten gewendet.
Gibt Gott Häschen, gibt er auch Gräschen. – Eine Zeit werde ich wohl nach meiner Heirat im Dienst bleiben, um noch etwas mitzuverdienen, aber dann bin ich doch wieder endlich Hausfrau. Bis jetzt war ich immer so ein Zwitterding. So nun wißt Ihr das Wichtigste.
Letzten Sommer habe ich eine wunderschöne Reise nach Miltenberg gemacht. Ein ganzes Album von Bildern habe ich mitgebracht. Sommer 38 geht´s zu dritt irgendwohin, wo es schön ist. Schon wieder was zum Freuen! Wer mich jetzt besucht (bitte nach Anmeldung), wird mich wohl ganz verändert finden. Ich hoffe aber sehr, daß alle, die nach Hause fahren Weihnachten mich auch besuchen. So nun aber Schluß, mein Mittagessen muß fertig werden.
Allen Bräuten u. jungen Müttern recht innige Glückwünsche, allen andern viele herzliche Grüße von
Eurer Dora.
Ich habe ganz vergessen, das Allerschönste ist, daß mein Verlobter meinen Jungen adoptiert, sodaß er gar nichts anderes kennt, als daß er Dieter Timm heißt. Er selbst nennt sich jetzt schon so.
Viele Weihnachtsgrüße
Eure Dora.
Bergedorf im Frühjahr
Liebe Kameradinnen!
Das Datum wollen wir lieber fortlassen, damit Ihr nicht böse werden könnt. Man kann sich auch zu schwer von dem lieben Buch trennen, immer wieder kann man es lesen, die niedlichen kleinen Sprößlinge bewundern, wie süß sind sie, besonders, wenn sie lachen. Also den neuen glücklichen Müttern, Helga und Carla nachträglich meine herzlichen Glückwünsche, desgleichen Elfriedchen und Else zur Verlobung.
Nebenstehendes Häuschen hat nun auch seine Einwohner empfangen und bereitet uns viel Freude. Anschaffen kann man immerzu, man glaubt es kaum. Aber darin liegt ja auch gerade der Reiz im Leben; wenn wir alles hätten, würden wir uns langweilen und leicht überdrüssig werden.
Ich habe in diesen zwei Jahren ein recht beschauliches Leben führen dürfen. Mein Mann macht in einigen Wochen seine Prüfung als Sprachheil- und Taubstummenlehrer. Es wird auch hier, wie in allen Dingen, viel verlangt. Hoffentlich ist er bald fertig, dann wollen wir die Sommerferien recht genießen in der schönen Natur, und doppelt nachholen, was wir in vergangenen zwei Jahren entbehren mußten.
Nun seid alle herzlichst gegrüßt von
Eurer Gertrud Martens.
Hannover, den 22.5.38. Moltkeplatz 6 III
Liebe Klasse!
Wie nett, daß ich das Buch schon wieder in Händen habe und hocherfreut liest man die immer glücklicher und fröhlicher klingenden Berichte. Vor allem Dora und Helga haben es wohl sehr schwer gehabt, und von Herzen freue ich mich mit Euch beiden. –
Das Leben in Duisburg fand bald nach meinem letzten Bericht sein Ende. Günther bekam Keuchhusten und ich fuhr mit ihm für Wochen nach Lüneburg. Die Luftveränderung tat gute Dienste, wenn auch der Winter ihm eine Anfälligkeit zu Erkältungskrankheiten ließ. Im Februar machte der Kleine Kerl eine Bauchoperation durch. Seitdem hat er sich prachtvoll entwickelt. Jetzt läuft er wie ein Wiesel und wird ein Menschlein, das man recht energisch anfassen muß. –
Die Arbeit in Duisburg entsprach nicht mehr dem, was mein Mann erwartet hatte und wir sahen uns nach einer anderen Tätigkeit um. – Seit Mitte Januar 38 sind wir in Hannover. Das “Wohnungsuchen” in Hannover war ein lustiges Vergnügen. Es ist nicht zu beschreiben, wie verbaut und zum Teil unmöglich gebaut die Wohnungen sind. Auf dem Gebiet des Wohnungsbaus muß noch unendlich viel getan werden. Wir streben natürlich auch ein eigenes Heim später an, so wie Gertrud Martens. Aber soweit sind wir noch nicht. – Wir fanden mit viel Glück doch noch eine passende Wohnung und fühlen uns jetzt wohl hier. Seit dem Frühling haben wir auch einen kleinen Garten für die Kinder. Kinder sage ich, weil meine Schwester 10 Min von uns entfernt wohnt. Wir haben den Garten gemeinsam und durch ihre 4 Kinder herrscht fröhliches Leben. An sonnigen Tagen wird das Mittagessen mit nach draußen genommen, auf dem winzigen Herd gewärmt und im Freien verspeist. – Selten haben wir beide die Freude, daß die Männer mit dabei sind, aber wenn, ist es ein besonderes Fest! – Mein Mann ist hier bei der nordwestl. Eisen- und Stahlberufsgenossenschaft und häufig auswärts bei Betriebsbesichtigungen. – Für mich ist es interessant, seine Berichte zu hören. Später, wenn wir mal einen eigenen Wagen haben, werde ich ihn auf seinen Fahrten begleiten und dahin gehen unsere Pläne.
Nun grüße ich Euch alle herzlich
Eure Carla.
den 13.6.38.
Ich schickte den Brief noch nicht ab, um Euch noch die frohe Botschaft mitteilen zu können, daß uns am Pfingstsonntag ein zweiter Junge geschenkt wurde. Mir geht es ausgezeichnet; ich durfte schon aufstehen und der Junge nimmt gut zu.
Scarsdale, den 20. Nov.1938.
Ihr Lieben alle in der deutschen Heimat!
Dies Buch macht mich stets heimwehkrank, so sehr ich mich immer über sein Erscheinen freue. 2 1/2 Jahre sind seit meinem letzten Brief an Euch schon wieder verflossen und noch immer bin ich nicht wieder in Deutschland gewesen. Doch hoffe ich, wie immer, daß der Tag der Deutschlandfahrt nicht zu fern ist.
Und der Grund weshalb ich nicht fahren konnte? Oder besser die Gründe? Mary & Margreta! Unsere Kleinen! Mary ist jetzt zur “Großen” avanciert. Sie ist jetzt 2 1/4 Jahr, gesund, kräftig und lebensüberschwenglich. Von morgens bis abends ist sie im Gange, hat alles und jedes in ihren Händen und muß alles selbst machen. Wenn sie es nicht darf, wird sehr energisch protestiert. Z.B. muß sie ihre Milch selbst aus dem Eisschrank holen, in einen Topf gießen und auf den Gasherd stellen. Die Streichhölzer möchte sie selbst anstecken, und das ist unser Streitpunkt. Jeden Tag und jeden Tag! Wer weiß wie lange ich noch standhaft bleiben kann. Meistens hat nämlich dies kleine selbständige Etwas recht. Sie sehr selten versucht etwas, was sie noch nicht kann. – Aber was schreibe ich so viel von diesem “Problem”, Ihr alle, die Ihr kleine Kinder habt, habt ja dieselben jeden Tag. –
Unsere Kleine oder “Baby Kar” wie Mary sagt, ist 5 1/2 Monate alt. Sie scheint ganz das Gegenteil von Mary zu sein. Sie ist ruhig, behaglich und ist ganz begeistert von ihrer großen Schwester. Es ist köstlich zu beobachten, wie sehr sie alles interessiert, was Mary tut. Ich bin absolute Nebensache, ich stopfe nur Nahrung in ihren Mund. Mary dagegen lacht und tobt und macht Unsinn, und das muß angelacht und angekräht werden. Im nächsten Jahr, schätze ich, werden die beiden unzertrennlich sein.
Seit einem Jahr wohnen wir in einem “Vorort” von New York. Der Vorort ist 50 km von N.Y. entfernt. Ist etwa so weit entfernt von N.Y. wie Hamburg von Lüneburg. Francis fährt jeden Tag mit dem Zug rein und raus. Er ist einer von den Tausenden von N.Y. Geschäftsleuten, die sich jeden Tag dieser Unannehmlichkeit unterziehen, damit seine Kinder im Grünen aufwachsen und nicht in Wolkenkratzern.
Scarsdale ist ein hübscher Villenort. Jeder hat sein kleines oder großes Haus in einem kleinen oder großen Garten. Wir gehören zu denjenigen, die ein kleines Haus haben. Abgesehen von dieser ewigen Hin- + Herfahrerei mögen wir sehr gern hier draußen wohnen. Die Kinder gedeihen hier so viel besser. Sie sehen ein wenig von der Natur und lernen sie schätzen. Vögel, Eichhörnchen sind von besonderem Interesse hier. Sie sind so zahm, daß sie fast aus der Hand fressen. Eichhörnchen sind besonders die große Wonne von Mary. Sie steht auf der Veranda und füttert sie mit Nüssen. Zuerst kommt eins vom Baum herunter und dann noch eins – bis schließlich eine ganze Familie auf den Verandastufen hockt. Es ist zu niedlich. Diese Fütterung können wir freilich nur vornehmen, wenn Putzi, unser Dackel, nicht da ist. Sie ist gar zu ärgerlich über die “frechen Eichhörnchen” und jagt und jagt sie und kriegt sie doch nicht! –
Im Sommer 1937 machten wir eine sehr schöne, für mich sehr interessante Reise. Wir fuhren mit unserem Auto nach Westen, um nach Tagen Francis Geburtsort zu erreichen. Er wurde im “Mittelwesten” der Staaten geboren, im Herzen Amerikas. Lincoln, so heißt das Städtchen, ist von N.Y. so weit entfernt wie Hamburg von Konstantinopel. Und wir haben es ganz gemütlich und auf beabsichtigten Umwegen in 4 Tagen geschafft. Mit einem Auto kann man ja unzählige Meilen zurücklegen per Tag. – Das Interessante an der Fahrt war das Folgende. Wir haben denselben Weg genommen, den die Pioniere während der letzten Jahrhunderte im Wohnwagen gefahren sind. Die Engländer + Deutschen in Francis Fall landeten an der amer. Küste, ließen sich für eine Generation dort nieder, dann ging die nächste Generation ein Paar hundert Meilen nach Westen, um sich dort ein neues Leben zu zimmern; die 3. Generation ging wieder weiter nach Westen bis dann endlich Francis im Mittelwesten geboren wurde. Wir suchten natürlich die Plätze auf, wo Fr. Vorfahren gelebt hatten, versuchten Nachkommen von diesen zu entdecken. Manchmal mit Erfolg, meistens ohne Erfolg. So haben wir amer. Geschichte und Familiengeschichte auf unserer Ferienfahrt getrieben. Ich habe viel gelernt, was ich, wäre ich in Amerika zur Schule gegangen, als 10 Jährige gelernt hätte. Unsere Umwege bestanden aus der Besichtigung der Ford Werke in Detroit und dem Ford Museum. Das ist etwas typisch amerikanisches. Auf ein paar Quadratkilometern baut er ein Museum auf. Ein Haus, das aus irgendeinem Grunde mit amer. Geschichte verbunden ist, wird gekauft, abgerissen oder im Ganzen auf die Eisenbahnwagons geladen und in dieses Museum verpflanzt. So kann man dort das Bahnwärterhäuschen der ersten amer. Eisenbahn sehen, das Haus, in dem Lincoln zur Schule ging usw. Das interessante ist, das alles enorm angelegt ist; Geld spielt natürlich keine Rolle. Jeder Laune von Henry Ford ist nachgegeben und alles, was ihn persönl. interessiert, dort aufgebaut. Alte Pflüge, alte Eßgeräte, moderne Lampen. Es ist eine wahre Fundgrube für jeden interessierten Menschen. Alles ist da, alles unter dem Motto Amerika.
Chicago hat mich auch interessiert in seinem Schmutz und seiner Eisenbahn, die mitten durch die Straßen ohne Warnung od. Warnungsschilder fährt. Man kann ganz gemütlich in eine hineinfahren mit dem Auto, wenn man sich nicht vorsieht.
Die Niagara Falls haben mich enttäuscht. Die künstl. Fälle der Wasserwerke sind so viel gewaltiger als diese natürlichen.
In diesem Jahr fiel natürlich die Reise aus. Margreta kam mitten im Sommer an und hielt uns im Hause. Aber wir bedauern es nicht.
Und nun zum Schluß möchte ich allen jungen Müttern herzlich zu den kleinen Söhnchen und Töchterchen gratulieren. Die Glückwünsche sind zwar sehr veraltet, doch kommen sie von Herzen. Else und Friedchen wünsche ich alles Gute und hoffe, daß sie inzwischen schon verheiratet sind.
Euch alle, alte Klassenkameradinnen, grüße ich herzlichst und wünsche allen frohe Stunden in den nächsten Jahren – bis das Buch wieder über den großen Teich kommt.
Eure Annemarie Lepel Gerhart
Brunsbüttelkoog, 11.1.39
Meine liebe alte Klasse,
genau drei Jahre sind es her, daß ich dieses liebe Buch, welches so viele schöne Erinnerungen weckt, wieder in Händen habe. Gerade von unserem Urlaub zurückgekehrt, soll es nun mein Erstes sein, Euch zu erzählen, wie es uns ergangen ist. Ihr werdet Euch mit uns freuen, wenn Ihr hört, daß wir seit Oktober 37 in Brunsbüttelkoog am Kaiser-Wilhelm-Kanal wohnen, weil Wilms hier eine Landstellung bekommen hat. Wir sind täglich auf´s Neue dankbar, daß wir nun beieinander sein können, und daß wir das Gedeihen unseres Jungen zusammen erleben können.
Wenn W. auch oft 24 Stunden fort ist, so sind diese wenigen Stunden ja nichts gegen die vorherigen monatelangen Trennungen. Außerdem sind wir nun auch Besitzer eines schönen Hauses mit Garten, sodaß Jörn viel draußen sein kann. Den letzten Sommer haben wir so recht genossen auf unserem Rasen, – wenn er auch nur kurz war. (Eine Aufnahme unseres Hauses habe ich im Umschlag beigelegt.). Daß ich mich als Großstädter noch sehr an die Stille hier gewöhnen muß, ist selbstverständlich, – aber alles andere Schöne überwiegt dieses. Für unseren wilden Jungen ist das große Haus mit seinem Garten ein Paradies. Im Augenblick tobt er ausgerechnet bei mir umher. Ich möchte wohl wissen, ob er seine Gliederchen einmal alle ruhig beieinander wird halten können. Da der Schrei nach Bildern groß ist, so mache ich den Anfang + klebe mehrere mit ein. Ihr könnt daraus ersehen, wie sich unser Junge entwickelt hat. Er ist unsere ganze Freude und unser Sonnenschein in unseren trüben Stunden. Die uns nicht erspart geblieben sind. Meiner Mutter geht es nun schon wieder viel besser, und wir sind glücklich, sie wieder bei uns haben zu dürfen. Einem jeden von Euch möchte ich wünschen, daß es ihm erspart bleiben möchte, einen Menschen, den er liebt, leiden sehen zu müssen, ohne helfen zu können. Als ich diesen Brief erhielt, habe ich voll Sehnsucht an die unbeschwerten Jahre unserer Ausbildung gedacht, – sie waren doch herrlich! Ich wünschte so sehr, daß wir uns alle einmal wiedersehen könnten. Liegt das Treffen nicht in den Osterferien? Sollte es in Hamburg sein, so könnte ich es einrichten + nach dort kommen. Hilde, Du organisierst es doch, – denke dann bitte auch an mich. Wie habe ich mich gefreut, daß es Euch allen gut geht. Euch, Elfriedchen + Else noch unsere herzlichsten Wünsche, – sicherlich tragt Ihr heute schon einen anderen Namen. Und allen glücklichen Müttern alles Glück für ihre kleinen Wesen. Ihr müßt wirklich mehr Bilder einkleben, damit man alle kennenlernt. In einigen Jahren könnten wir schon mit ihnen zusammen ein Treffen veranstalten.
Euch Allen alles, alles Gute! – Herzlichst
Eure Helga Gerhard.
Erbstorf, 8.5.39
Ihr Lieben alle!
So ist es nun, wenn man 10 Jahre verheiratet ist, die Familie nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Ich darf es kaum erzählen, daß unser liebes Buch mir ein Geburtstagsgruß war im Februar. – Wir haben unsere Gärtnerei verlegt nach Erbstorf, 5 Km von Lbg. entfernt. So nebenbei haben wir einen kleinen Bauernhof. Meine Arbeit ist sehr vielseitig. Morgens muß erst das Vieh versorgt werden. – Dann muß das Ritchen zur Schule. Dann geht es an den Kochtopf. Danach geht es im Gewächshaus weiter, wo ich meinem Luten gerne helfe. Nachmittags fahre ich meistens zur Stadt ins Geschäft. Ich bleibe aber auch ebenso gerne zu Hause. Da haben wir es augenblicklich eilig auf dem Felde. Das Pflanzen u. Säen macht mir viel Freude.
Meine allergrößte Freude ist mir jeden Tag mein süßer kleiner Junge, Jürgen. Er ist ein besonders liebes Kind, beschreiben kann ich es kaum, man muß ihn erleben. Er wird bald 3 Jahre alt. Sein Schwesterchen bemuttert ihn und beschützt ihn wie ihren Augapfel. Es ist ein ganz entzückendes Gespann. – Schön ist die Welt jetzt und bei uns in Erbstorf besonders. Wir wohnen mitten zwischen Wald u. Wiesen + Wasser. Auf dem Wasser schwimmen meine Enten. Ich habe jetzt so eine kleine Zucht davon, ganz kleine reizende Tiere.
So leben wir in Erbstorf glücklich mit Pflanzen, Blumen u. Tieren.
Wir grüßen alle herzlichst
Ilse u. Familie.
Liebe alte Klasse,
ich glaube 12 Jahre sind es nun her, daß Sie aus dem Handarbeitsseminar in Hamburg abgingen. Wie die Zeit vergeht und wieviel Erlebnisse haben all die Jahre gebracht. Die meisten von Ihnen haben die eigene Häuslichkeit und freuen sich an den eigenen Kindern. Einige von Ihnen und ich auch haben unsere Freude an anderen Kindern, denn jeder Mensch kann ja nicht so sehr vom Glück begünstigt sein. Dieses Buch kam durch Zufall zu mir. In Hamburg bei einer Besichtigung traf ich Hilde Schulze, die ich zuerst nicht erkannt hatte, dann aber kamen wir ins Gespräch, alles tauchte auf. Es war eigentlich auch für mich das schönste Schuljahr mit Ihnen allen zusammen. In der Brennerstr. hat sich auch so allerlei verändert. Seit Frau Oakes (?) fort ist, haben wir schon die zweite Schulleiterin. Manche Kolleginnen sind pensioniert, manche junge Kraft dazu gekommen. Die Zeit bringt es so mit sich, daß man sich in der Schule kaum sieht. Nach dem Unterricht ist an ein Zusammenkommen kaum zu denken. Jeder hat sein Maß voll Nebenarbeit. -
Das Buch hat mir wieder soviel Freude gemacht, man kommt dabei auf so ganz andere Gedanken. Wie schreiben die meisten von Ihnen glücklich und zufrieden! – Ich hoffe und wünsche es sehr, daß ich Sie bei einem Treffen mal wiedersehen werde. Sollte mal jemand nach Hamburg kommen, so ist er bei mir immer willkommen, alte Wohnung: Am Elisabethgehölz 14, Tel. 262191.
Allen recht herzliche Grüße und weiter viel Freude und Glück.
Die alte Klassenmutter
Den 26. Mai 1939 Karla Dudy.
Bitterfeld, 24.6.39.
Auenstraße 16.
Ihr lieben Hamburger Klassenkameradinnen!
Das Buch bedeutet immer dieselbe große Freude! Und das in allen Berichten Zufriedenheit, Fröhlichkeit u. Glücklichsein die beherrschende Stimmung ist, finde ich so besonders schön. Es liegt in den 12 Jahren, die wir von Hamburg fort sind, wirklich eine Menge interessantes u. reiches Erleben für die meisten aus der Klasse. Am meisten Spaß machen mir immer Eure Berichte u. Bilder von Euren – zusammen nun schon zahlreichen – Kindern. Entzückend sind die Bilder alle, in jedes der süßen Bälger könnt´ man sich verlieben. Es ist nett, daß Ihr sie uns alle in so hübschen Bildern vorstellt, macht das bitte in Zukunft weiter so!
Von mir kann ich gar nicht viel Neues berichten. Es ist wohl das erste Mal, daß ich in 2 aufeinander folgenden Berichten, nach 5 Jahren, noch dieselbe Adresse u. also auch noch die gleiche Arbeit habe. Es geht mir im großen u. ganzen recht gut in Bitterfeld. Unsere Schule wird inzwischen zur Vollanstalt ausgebaut, wir werden Ostern 1940 das erste Abitur abnehmen müssen (Oberschule f. Mädchen, hauswirtsch. Form, sind wir). Die Arbeit wird so nun natürlich etwas abwechselungsreicher, als sie an der einjährigen Frauenschule war. Seit 1 Jahr haben wir ein schönes neues Schulgebäude, an das in Bälde ein Flügel mit unseren eigenen hauswirtschaftlichen Räumen angebaut werden soll. Vorläufig benutzen wir die nämlich als Gast in einer anderen Schule mit.
Privat bin ich augenblicklich mit Ferienplänen beschäftigt u. genieße die Vorfreude auf die Reise, die Hilde u. ich zus. nach Salzburg u. an den Wolfgangsee unternehmen wollen.
Etwas besonders hübsches gibt es seit einigen Monaten für mich, nämlich, daß Elfriedchen in Wörlitz (Anhalt) wohnt u. ich sie alle paar Wochen mal zum Sonntag besuche – das ist wirklich hübsch. Da ich heute auch gerade bei ihr bin, behält nun als nächstes Elfriedchen das Buch, u. dann geht es in der alten Reihenfolge weiter. – Seid diesmal bitte zufrieden mit meinem etwas dürftigen Bericht. Bleibt alle so zufrieden, vergnügt u. glücklich wie bisher.
Laßt Euch alle das Beste für weiterhin wünschen! Herzlich grüßt Euch Eure Grete Schulze.
Wörlitz, im Juli 39.
Ihr Lieben alle!
Ganz mächtig habe ich mich gefreut, als Grete neulich dies liebe Buch mitbrachte; gleich haben wir uns darüber hergemacht, alle Bilder uns immer wieder beguckt und uns über Eure Berichte gefreut! Es ist zu nett, daß Grete ab und zu bei uns ist, auf ihren nächsten Besuch freue ich mich besonders, da werden wir gemeinsam vom schönen Wolfgangsee schwärmen können, wo sie ja jetzt ihre Ferien verbringt und wohin vor einem Jahr unsere Hochzeitsreise führte. Ja, ein ganzes Jahr bin ich nun schon verheiratet, und wie schnell ist es vergangen. Unsere Trauung fand in Lüneburg statt, in unserer alten schönen Johanniskirche. Wir machten Doppelhochzeit, mein einziger Bruder heiratete auch, und Ihr könnt Euch gewiß vorstellen, wie besonders schön und feierlich alles für uns war. Und denkt Euch, Ilse Holzgrebes kleine Rita hat uns Blumen gestreut, ganz reizend hat sie das gemacht, schade, daß auf diesem Bild nur ein Zipfelchen von ihr zu sehen ist! – Nun bin ich also schon ein Jahr Hausfrau, und zwar mit Begeisterung, nicht ein bißchen sehne ich mich nach dem Lehrerinnendasein zurück. Wir fühlen uns in unserer kleinen Neubauwohnung sehr wohl, ein netter Garten ist auch dabei.
Wörlitz selbst ist berühmt in seiner Gegend durch seinen einzigartigen Park, der im Sommer von Tausenden besucht wird. Er ist mit seinen Schlössern und Seen und wunderschönen Parkanlagen wirklich sehenswert, sollte eine von Euch mal nach Dessau kommen, dann vergeßt nicht, den Abstecher nach hier zu machen! (30 Min. Bahnfahrt). Im Sommer gibt´s hier also sehr viel Abwechslung, und Besuch habe ich auch sehr oft. Schön ist es, besonders im Winter, daß wir Dessau so in unserer Nähe haben, es hat ein sehr schönes, neues Theater bekommen, das genießen wir, so oft es geht. – Augenblicklich stecken wir in Reisevorbereitungen, wir wollen eine Norwegenfahrt machen und freuen uns sehr darauf. Wißt Ihr noch, wie Frl. Rudtke uns mal von solcher Fahrt begeistert erzählte?
Nun laßt es Euch allen weiterhin recht, recht gut gehen, besonders allen Müttern und ihren Kinderlein das Allerbeste. Ob wohl mal endlich wieder ein Treffen zustande kommen könnte? Wenn nicht eher, so doch möglichst dann, wenn Du, lb. Annemarie, mal wieder nach Deutschland kommst, wir wollen alle den Daumen halten, daß das recht bald sein möge!
Nun Euch allen viele liebe Grüße von
Eurer Elfriede Carl.
Lüneburg, den 5.11.39.
Ihr Lieben alle!
Da Else heute hier ist, soll sie das Buch, das seit Ende August bei mir liegt, endlich mitnehmen! Ich fand in der letzten spannungs- und ereignisreichen Zeit nicht die nötige Muße zum Einschreiben. Nehmt es nicht übel, wenn ich es auch heute so kurz mache. Gefreut hab ich mich über alle Eure Berichte, über die Beschreibungen und Bilder Eurer Kinder besonders! Und dieser Reihe kann Else nun gleich auch etwas anfügen. – Mir selber geht´s hier in Lüneburg recht gut, in meinem Leben hat sich seit dem letzten Bericht nicht viel geändert. – Ich freue mich, öfter jemand aus unserer Hamburger Runde zu treffen. Else sehe ich öfter, Elfriedchen war im Sommer auch hier in Lüneburg, Ilse konnte ich ein paarmal in Erbstorf besuchen, und Carla traf ich neulich in Hannover. Seit Käthe in Uelzen ist, sehen und besuchen wir uns natürlich auch ab und zu zum Wochenende. Schön wär´s, wenn wir andern uns alle einmal wiedersehen könnten. Erst müssen wir nun aber wohl abwarten, was die nächste Zeit uns an politischen Ereignissen noch bringen mag. Daß es weiter Gutes sein möge wie bisher, wollen wir uns alle wünschen. Ob viele von Euch ihren Mann bei den Soldaten haben?
Ich wünsche Euch von Herzen das Beste.
Eure Hildegard Schulze.
Soltau, am 11.9.40.
Liebe alte Klasse!
Nun hat das liebe nette Buch wohl lange genug bei mir gelegen. Schelte genug habe ich darum schon von Hilde, Grete u. auch Käthe bekommen. – Mächtig gefreut hatte ich mich im vorigen Jahr, nur ich wollte es einfach noch ein Weilchen behalten. Und so etwas soll man nicht tun, dann gerät es zu leicht in Vergessenheit! Die Bilder klebte ich damals gleich ein, darum sind die von unserem Jungen schon recht alt! Aber nun der Reihe nach!
Elfriedchen schrieb Euch so hübsch von ihrer Hochzeit, bei der ich natürlich tätig dabei war und zwar schon mit meinem mir angetrauten Gatterich! (Ihr seht das gute Stück auf dem Bilde.) Wir hatten natürlich große Not, eine passende Wohnung zu bekommen und fingen darum in meiner kleinen Junggesellenwohnung an. Es ging im Anfang ganz gut und wir freuen uns jetzt desto mehr an unserer “passenden”. Einige von Euch kennen sie schon richtig, für Euch andere klebe ich einige gemütliche Ecken mit ein. Schon 2 Jahre wohnen wir hier, schön ist´s. Unser Ulrich ist inzwischen 1 Jahr und 5 Monate alt geworden. Mit wieviel Interesse ich all die lieben, netten Berichte von Euren Kinderlein verfolgt habe, das glaubt ihr gar nicht. Und alle schreibt Ihr so selig und glücklich über die kleinen Purzelwesen wie man es eben als Mutter ist. Das kann man sich einfach vorher nicht vorstellen. Mein Bursche wurde am 7. April 1939 geboren und hatte es seiner Mutti recht leicht gemacht. Er wog knapp 6 3/4 Pfd und war 51 cm lang. Er gedieh prächtig, ich konnte ihn aber auch 10 Monate höchst persönlich ernähren. D.h. natürlich mit den entsprechenden Gemüse- u. Obstmahlzeiten dazu. Er hat sich inzwischen zu einem richtigen kleinen Dicksack entwickelt, der trotz des grausigen Sommers hübsch braun und rotbackig aussieht. Mit dem Laufen hat er sich lange Zeit gelassen, die ersten selbständigen Schritte mit 1 1/4 Jahren. Dabei blieb es dann, krabbeln ging ja viel schöner. 1 Monat später “raste” er dann von heute auf morgen los. Jetzt gibt´s kein Hindernis mehr! Das ist ja ein zu goldiges Alter! Alles wird nachgeplappert, er ist das richtige kleine Echo. Und der Tatendrang ist kaum zu bändigen. Na, Ihr Muttis alle kennt das ja. Wie ich gehört habe, ist unsere Kinderzahl bis zum Erscheinen dieses Buches schon wieder angewachsen! Karla, Du Tüchtige hast schon 3 Jungen, Elfriedchen (ich darf es doch gleich mit verraten?) hat seit Juli einen “Hansjürgen”. Und wer weiß, was sich bei dem langen Lagern des Buches noch alles ereignet hat. Ich wünsche Euch allen, allen jedenfalls ein gutes Gedeihen Eurer Sprößlinge und freue mich jetzt schon auf die nächsten Berichte. – Ob auch viele von Euren Männern im Kriege sind? Ich mußte meinen erst im Februar hergeben. Er war auch schon recht ungehalten über sein langes Zivilsein. Lange wußte ich ihn in den verschiedensten Kasernen. Für mich war das sehr schön, wir konnten uns alle 4 Wochen etwa über Sonntag sehen. Nun bin ich ihn leider seit Mitte Juli los. Er ist in Belgien und wünscht sich sehnlichst, mit nach England zu kommen! Was ich dazu sage? – Man muß eben tapfer sein wie all die andern vielen, vielen Frauen und nur wünschen, daß dieser gräßliche Krieg bald ein Ende haben möge. In diesen Tagen spitzt sich das Geschehen ja sehr zu und man kann einfach nicht begreifen, was der Engländer als Antwort auf seine gemeine Kampfesweise erwartet. Das kann man wohl mit deutschem Herzen nicht fassen. – Wir hier in unserem kleinen Soltau haben bisher noch nicht einmal Alarm gehabt, trotzdem jede Nacht sehr laut das Brummen der feindlichen Flieger und das Schießen der Flak aus umliegenden Truppenübungsplätzen und Munitionsfabriken zu hören ist. Hoffentlich seid auch Ihr anderen alle noch verschont geblieben. Für die Kinder allein tut es einem so leid!
Ich glaube, ich muß Schluß machen. Sonst wird das Buch noch in Kriegszeiten voll und das Papier ist doch soooo knapp! Erzählen könnte ich sonst noch viel mit Euch. So will ich denn wünschen, daß das liebe Buch beim nächsten Erscheinen wieder lauter frohe, glückliche Berichte bringt, der Krieg längst vergessen ist und vielleicht auch unsere 3 “Standhaften” (Hilde, Grete u. Käthe!) mal was ganz, ganz Neues zu berichten haben!
Es grüßt Euch alle ganz, ganz herzlich
Eure Else Böttcher
Uelzen, d. 8.1.41
Meine ganz Lieben!
Ich weiß, ich habe es zu lange behalten – aber was soll ich machen, wenn Else etwas ganz ganz Neues verlangt!
Also denn: seit 5 Tagen bin ich verheiratet! Glücklich unendlich –
Zeit keine! Denn morgen fährt mein Mann wieder nach Krakau!
Allerherzlichste Grüße
Eure Käthe Klein
geb. Brandes.
Herzliche Grüße Richard Klein.
Nun glaubt bloß nicht, daß das Buch am 8. abgegangen sei – sondern nein, heute ist bereits der 12. Der Abschiedsschmerz hat mir inzwischen das Herz gebrochen – u. ich liege nun mit den Scherben und einem Keuchhusten (kein richtiger!!), der in diesem Jahr in dieser Gegend auch uns gewachsene Leute befällt, in der Heia. Ich zähle die Tage bis zum nächsten Urlaub u. versuche mir vorzustellen, wie das ist, wenn man seine Flitterwochen, so wie Ihr, am Stück genießen kann. Bei uns wird es sich ja einstweilen immer nur um Tage handeln – aber wenn die alle so köstlich sind wie diese, dann will ich es wohl zufrieden sein! C´est la guerre!
Vor 4 Jahren, als das liebe Buch zum letzten Mal bei mir war, war ich noch in Remscheid, dem ich nach einem halben Jahr dann aber endgültig den Rücken kehrte, um mich in Uelzen anzusiedeln. Kinder, es geht nichts über die kleinen Städte! Sie sind ungeheuer gesund und nervensparend, besonders für Leute, die sich so leicht verpulvern wie ich. Ich glaube nach 6 Jahren Großstadt (im Beruf) könnte man meine Gebeine zusammenfegen. Und all die Kraft, die man hier spart, kommt ja schließlich der Arbeit zugute. Das Schöne an Remscheid war die Nähe von Köln mit meiner Schwester u. von Soest mit meinem Mann. Wir haben damals in herrlichen Wochenendfahrten das Land zwischen Soest u. Remscheid gründlich kennen gelernt, vor allen Dingen aber das Bergische Land u. das ist wirklich schön!
Jetzt ist mein Malermann aber so begeistert von der hiesigen Landschaft, daß wir wohl einstweilen hier wohnen bleiben werden u. ich bin dessen von Herzen froh, weil auch ich das Land liebe. – Wo würden wir auch jemals wieder so hübsch wohnen? Ich besitze seit 2 1/2 Jahren eine bildschöne kleine Wohnung in einem hübschen Einfamilienhaus an der Ilmenau. Hilde, Else u. Carla – Ihr kennt sie – es ist doch nicht geprotzt? Wir hüpfen über`n Zaun u. liegen im Sommerbad. Schule 5 Minuten von mir entfernt. Boot auf der Ilmenau von meinen Hauswirtsleuten jederzeit zu haben. Was wünscht unser Herz mehr? und wie gut, daß ich jetzt diese kleine Wohnung habe mit allem was dazugehört. Denn wie sollte ich jetzt wohl darankommen? Wenn nur erst dieser schreckliche Krieg vorbei wäre!
Dann treffen wir uns mal zu viert in Wilsede im Heidemuseum, Friedchen, was? Nicht wie im Sommer 39, wo mein Malermann u. ich voller Begeisterung die Heide genossen, u. ich mich Wochen darauf in Soltau bei Else von Friedchen u. Mann entsetzlich anpflaumen lassen mußte: ob die Heide denn alleine nicht zu einsam sei u.s.w. Und ich Schaf fall auch haushoch darauf rein u. erfinde die schönsten Redensarten, bis ich schließlich dahinterkomme, daß diese Lausbuben 4 Wochen nach uns auch im Heidemuseum gewohnt hatten u. selbstverständlich das Gästebuch durchgeblättert hatten. – Tjä, Klumbumbus, sän de Amerikaner, as Klumbumbus jem entdeckt hew, nu helpt dat woll nix mehr – nu sünd wi jo entdeckt! – so war es, nur ich merkte es leider zu spät.
Tschüs, meine Lieben, meine Augen frieren, ich muß sie zudecken!
Herzlichst
Eure Käthe Klein.
Februar, 1941
Meine Lieben alle miteinander!
Welch große Freude war es, dieses Buch nach 4 1/2 Jahren wiederzubekommen, nachdem man die Hoffnung darauf schon lange aufgegeben hatte u. das Buch verschollen glaubte! Und alle schreiben froh und zufrieden, auch Dora´s trübe Zeiten haben sich gewendet, wie schön ist das! Wenn nun erst der böse Krieg glücklich beendet ist u. damit schwerer Druck von einem genommen wird – wie froh werden wir dann erst alle sein. Dabei habe ich bisher meinen Mann nur 4 Monate im vorangegangenen Sommer herzugeben brauchen, und so haben wir nur auszustehen, was allen aufliegt. Aber es bangt einem vor der Zukunft u. einer möglichen neuen Trennung. Ferner bangt einen, wie es mit den Fliegerangriffen noch werden mag. Bisher war´s nur zeitweilig unangenehm. Aber Berlin wird sicher immer begehrtes Ziel bleiben. Vor Weihnachten waren Günterlein u. ich ein paar Wochen fort, um ruhig schlafen zu können. Demnächst werden wir wieder das Weite suchen. Viel lieber bliebe ich hier, denn nirgends ist es so schön wie daheim. Aber vielleicht sieht man ja bald klarer in die Zukunft u. kann sich dann wieder in Ruhe seines Glückes freuen. – Uns geht´s weiter gut – sehr gut. Seit 2 Jahren haben wir eine größere, ganz wunderschöne Wohnung in Neuwestend, nicht weit vom Olympiastadion, 4 1/2 Zimmer, sonnig, warm, geräumig, in jeder Weise günstig gelegen, und wir fühlen uns außerordentlich wohl darin, haben uns auch oft schon darin unseres Freundeskreises erfreuen können. – Unser Günter ist inzwischen zu einem bald 5 jährigen Jungen herangewachsen, er macht uns weiterhin tagtäglich die größte Freude und ist unser Glück und unser Stolz und unser Sonnenschein, wie mir alle Eltern unter Euch werden nachfühlen können. Er ist ein schlankes Kind, das nicht gern ißt – trotz aller Bemühungen meinerseits, ist äußerst lebhaft und faßt sehr leicht auf, singt oft und gern, ist vergnügt und lieb, körperlich widerstandfähig und zäh. Abwechselnd wird behauptet, daß er ganz der Vater oder ganz die Mutter sei. Er hat dunkelbraune Augen, hatte als Kleinkind die entzückendsten kastanienfarbigen Locken, die aber inzwischen längst einer richtigen Jungenhaartracht Platz gemacht haben. Seitdem er 3 1/2 ist, besucht er einen netten Kindergarten in der Nachbarschaft, was einen sehr guten Einfluß auf ihn ausübt.
Am 21. Juni 1939 kam unser liebes kleines Brüderchen Gerhard auf die Welt, und wir freuten uns unendlich. Das Kind, das kräftig war, (7 Pfd.) und gesund schien, sah genauso aus wie Günter als Baby. Leider war die Geburt wiederum ganz besonders schwer – danach schien die ersten Wochen alles gut und das Kind gedieh nach Wunsch. Allmählich aber stellte sich zu unserm größten Schmerz heraus, daß der Kleine bei der Geburt einen schweren Schaden davongetragen hatte. Es folgten entsetzliche Monate. Wir mußten unseren Liebling in die Charite bringen zu dem besten Kinderarzt – diesen Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen. dort hat er fast 3/4 Jahr gelegen, man hat alle Heilmethoden versucht, doch vergeblich. Schließlich wurde er sogar noch operiert – und überlebte auch dieses dank seiner an sich so guten Gesundheit, die ich ihm mitgegeben hatte. – Da man ihn nun im Krankenhaus nicht mehr behalten konnte, zuhause aber die Pflege nicht möglich war, mußte ich mein Kind in ein Heim bringen, kurz nach seinem 1. Geburtstag. Was dies alles heißt für eine Mutter, das kann ich Euch nicht schildern. Selber nahezu am Rande meiner Kräfte, fuhr ich mit Günter, da mein Mann inzwischen eingezogen worden war, für 2 Monate an die See, und dort gewann ich den ersten Abstand von dem großen Herzeleid und lebte wieder auf. Im Oktober durfte mein Mann zurückkehren, und so waren wir drei wenigstens wieder beisammen. Von unserem kleinen Sorgenkind haben wir übrigens relativ recht günstige Nachrichten. Er wird dort sehr liebevoll und mit viel Interesse gepflegt, und neuerdings scheint es uns, als brauchten noch nicht alle Hoffnungen, die an dem Kinde hingen, endgültig beiseite getan zu werden!
Nun grüße ich Euch alle samt Familien zum Schluß recht, recht herzlich, auch von meinem Mann, und wünsche Euch weiter viel Glück und viel Freude.
Eure Gertrud Merzin.
Hoffentlich gibt es bald mal ein Wiedersehen zwischen uns allen – wenn nicht leibhaftig, so doch wenigstens in diesem Buch. Also laßt es nicht zu lange liegen und fügt Bilder bei.
Hamburg-Bramfeld, 30.6.41
Ihr Lieben alle!
Nach langer Zeit hat das Buch endlich auch wieder zu mir gefunden u. ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich gefreut habe. Grade ein paar Tage vorher hatte ich zu meinem Mann gesagt, das Klassenbuch lebt wohl gar nicht mehr. Aber wenn man vom Deubel spricht, dann kommt er u. siehste wohl, er kam hier auch. Dann hab ich es gleich ganz u. gar gelesen u. abends noch mal. Bis heute ist nun allerdings eine ziemlich lange Zeit vergangen. Wir sind inzwischen in unser Sommerhäuschen zur Erholung gezogen u. wollen den Sommer über auch hier bleiben. Schade, daß ich Euch nicht ein paar Rosen mitschicken kann, es blüht alles so herrlich. Ich ernte auch schon fleißig Erdbeeren, die bei mir wirklich reichlich im Garten vorhanden sind. Und für die Kinder gibt es ja nichts besseres als viel Luft u. Sonne. Seit dem 15. September 1940 hat sich ein kleiner Rüdiger zu uns gesellt, ein strammes Kerlchen von 8 Pfd. Geburts- gewicht, der sich prächtig macht. 14 Tage vor Pfingsten bekam er eine fieberhafte Bronchitis – natürlich vom Luftschutzkeller – u. dann mußten wir ihn 5 Wochen entbehren. Im Krankenhaus bekam er dann auch noch Windpocken. Jetzt ist er seit 14 Tagen wieder bei uns u. wir sind recht froh darüber, er ist auch schon schön gebräunt u. runde Bäckchen hat er auch schon wieder. Es ist ja so wonnig, so ein kleines Wesen bei sich zu haben, was lacht u. plappert u. jucht u. sich freut, wenn “mamam” kommt. Der große Dieter mit seinen 7 Jahren gehört doch schon nicht mehr ganz der Mutter allein. Er ist ein lebhafter aufgeweckter Junge u. ist den ganzen Tag mit seinen Spielkameraden unterwegs. Nur zum Essen ist er bei uns. Aber da er erst zum Herbst in die Schule kommt, soll er seine Zeit noch recht zum Spielen nutzen. Anbei auf dem Bilde seht Ihr meine Sprößlinge; es ist um Ostern auf unserem Balkon gemacht. Seit Ostern 1939 bin ich auch nur Hausfrau u. habe die Schule aufgegeben, es ist tausendmal schöner so. Hört Ihr´s? Draußen im Garten ruft der Rüdiger Mamam, ihm ist es wohl plötzlich langweilig geworden. Aber ich muß schnell hinlaufen, er steigt mir sonst aus dem Wagen.
Er hat zwar im Krankenhaus rechte Gummibeinchen bekommen, vorher stand er schon fester; aber Ihr wißt ja, ein fester Wille ist die halbe Arbeit u. wenn ich ihn alleine lasse, schreit er Mordio. Ich tus aber doch oft. Diese Nacht war hier wieder eine tolle Schießerei u. wenn die schwere Flak wummert, schaukelt alles, wir haben sie hier draußen schön nahe bei. – Hoffentlich ist alles bald vorbei u. wir können nachts gut u. ruhig schlafen, auf den Bohnenkaffee will ich gern verzichten. Augenblick mal, ich muß meinen Hampelmann erst mal vom Schoß nehmen, er hat immerzu mitgeschrieben u. reißt mir jetzt zur Abwechslung die Haare aus, das kann ich unmöglich dulden. Jaja, die Kinder. Wie gern würde ich sie Euch zeigen. Wir sind so stolz auf unsere Jungens, besonders der Papa. Wir sind so froh, daß unser Papa nicht eingezogen ist bis jetzt, so kann er doch wenigstens abends noch seine Kinder sehen u. Sonntags.
Mitte Juli.
Nun ist wieder eine Zeit verstrichen u. das Buch ist noch nicht fort. Aber es gibt ja immer Arbeit für eine Hausfrau, besonders wenn Einmachzeit ist. Etliche Erbsen sind auch inzwischen eingeweckt, morgen kommen noch einige Gläser an die Reihe. Inzwischen sind auch noch Bilder fertig geworden, sodaß Ihr noch etwas zu sehen bekommt. Heute ist es draußen kühl u. regnet viel, aber ich finde immer, in der Stadt ist der Regen viel nasser als draußen, nicht mal Dieter läßt sich davon stören.
Meine beiden Kinder schlafen schön; es ist schon ziemlich spät, Papa ist auch schon ins Bett gegangen u. Mutti ist auch müde. Also gute Nacht Ihr alle Lieben zusammen, vielleicht beschert uns ein guter Stern die Freude, daß wir uns alle recht bald wieder sehen in Natura, möglichst mit Sprößlingen. Euch allen wünsche ich recht viel Sonne u. lauter Gutes, besonders Annemarie drüben über dem großen Teich.
Viele herzliche Grüße Euch allen mit Familie von
Eure Dora Timm mit Anhang.
Dez. 41
Meine Lieben!
Nun soll das Buch aber endlich wieder weiterreisen, habe es lange genug studiert und all die Babys bewundert.
Seit Märzbeginn weile ich am schönen, lieblichen Tegernsee und betätige mich in der KLV*) als Lagerhelferin bei einer Gruppe, die mein Mann hier unterrichtete. So für 50 Kinder insgesamt zu nähen und zu stopfen war keine Kleinigkeit, doch habe ich mir die Größten herausgesucht und Stopflektionen erteilt, so daß ich es dann ganz nett aushalten konnte. Zur Belohnung wurden dann Bergwanderungen gemacht, so daß sie alle Berge, die den See umrahmen, erstiegen haben.
Ein Kloster ist an seinem südlichen Ufer im 9. Jahrhundert gegründet. Die alten Mönche wußten sich schon die schönsten Plätze für ihre Klöster zu wählen. Seit 1850 befindet sich das Kloster, nachdem es durch die Kriege x-mal zerstört worden, in dem Besitz der bayrischen Herzöge. Die Schloßkirche ist eine Perle des Barocks, habe dort die Weihnachtsmette und Festgottesdienste mit Erbauung erlebt. Zur Zeit weile ich nämlich hier im Tegernseer Krankenhaus als Reconvalescent, habe hier einen Abzeß erlitten und den mal gründlich ausheilen lassen, auf daß er nimmer wieder kehrt. In den nächsten Tagen geht´s dann wieder nach Hause.
Es war hier eine schöne Zeit, in dieser majestätischen, unvergleichlichen Landschaft. Man wird an mittelalterliche Bildhintergründe erinnert, wie wir sie bei der Mona Lisa und Werken Altdorfers finden; täglich ist man auf´s Neue bei seinem Anblick entzückt. Hier spürt man nicht den Krieg, still und feierlich ruht der Alpsee zu Fuß seiner Berge. Ich bin glücklich, in dieser paradiesischen Gegend so lange hier sein zu dürfen.
Möge der schreckliche Krieg bald zu Ende sein, daß Ihr mit Euren Männern und Kinderchen alle glücklich, beisammen sein könnt, wünscht Euch herzlich grüßend
Eure Gertrud Martens.
*) KLV = Kinderlandverschickung (Im September 1940 ordnete ein “Führerbefehl” Hitlers die Evakuierung von Kindern und Jugendlichen aus den luftkriegsgefährdeten Städten Deutschlands an.)
Uelzen, d.16.4.42.
Meine Lieben!
Dran bin ich ja wirklich nicht – ich will Euch auch nur mal eben schnell meinen kleinen Sohn vorstellen. Voilà, Ulrich heißt er! Er war ein kleiner komplizierter Fall, der mit Kaiserschnitt ins Leben hüpfte, merkt man ihm aber nicht an – mir auch nicht mehr – im Gegenteil, ich schulmeistere ruhig weiter. Ein kleines Häuschen kaufte ich mir auch im letzten Sommer noch so nebenbei, Kleinstformat, wißt Ihr, so in die Tasche zu stecken – aber immerhin es hat einen Rasen u. eine Terrasse u. der kleine Herr des Hauses steht draußen im Sonnenschein u. mir hüpft das Herz vor Freude u. ich bin sooo glücklich! Der Uli gedeiht vorschriftsmäßig, hat ein tolles Temperament u. hat sich am letzten Sonntag seine Taufrede selbst gehalten. Als der Onkel Pastor ihn segnete, hielt er seinen kleinen Finger fest u. ließ auch nicht wieder los, der Knabe neben ihm konnte nur noch eine pastörliche Hand zum Segen kriegen. Nach der Bibel schnappte er auch, u. als er sie glücklich erwischt hatte, knurrte er zufrieden. Und als die heilige Handlung beendet war, sagte er laut u. deutlich : “hapüff”, mit einem kleinen Sprühregen. So war er.
Und unser Vater kennt seinen Sohn immer noch nicht, das Häuschen auch nicht u. mich auch bald nicht mehr, wenn das so weiter geht. 13 Monate ist er nun weg, im Osten, Urlaubsaussichten keine. Aber es ist wohl so, wie Helgackel sagt – sonst würden die Bäume in den Himmel wachsen!
Mit herzlichen Grüßen
Eure Käthe Klein.
Soltau, Juni 48
Ihr lieben alten “Hamburger”!
Nun ist das Buch doch nach all den Wirren aus der Versenkung wieder aufgetaucht – und wie leicht hätten wir es nie wieder gesehen. Ich habe mich mächtig gefreut, als ich es neulich in Lüneburg bekam, habe geblättert und gelesen, doch nun muß ich´s doch wohl weitergeben – Ihr andern werdet Euch auch freuen wollen, nicht?
Wie wird es Euch allen gehen; der böse Krieg hat doch so alles durcheinander gerüttelt und wohl keiner Familie irgend welchen Kummer erspart. In unserem kleinen Soltau ist es noch recht glimpflich abgegangen. Die einzigen Bomben, die 8 Tage vor der Besetzung fielen, bombten unsre Straße dann wahrhaftig aus u. ich kroch mit meinen Kindern und meiner Mutter, die ich bei mir hatte, 1 1/2 Jahr bei Bekannten unter. Wir waren so dankbar, daß die Kinder heil und gesund aus den Trümmern herauskamen. Im Nachbarhaus waren 12 Tote und unser Ulrich war bis kurz vorher dort zum Spielen gewesen. Hartwig überstand mit seinen 6 Mon. auch alles gut, ich hatte ihn gerade zum Mittagsschlaf fertig gemacht und darum bei mir; gerade rasten wir noch in den Keller, da verschwand unser Treppenhaus. In seinem Wagen im Garten fand ich nachher einen großen Ziegelstein. In Ruhe besehen war dann der Möbelschaden gar nicht so schlimm, denn man mißt ja jetzt mit so anderem Maß, und wir finden es nun, nachdem wir mit viel Mühen unseres Hauswirts wieder im zurechtgebauten Hause drin sitzen, direkt heimatlich und wunderschön. Fürstlich mit eigenem Wohn- u. Schlafzimmer; im Kinderzimmer ein 11 jähr. Mädchen unserer Einquartierten mit drin; vor allem habe ich die Küche ganz für mich! Und das ist doch im Vergleich zu andern wahrhaftig Grund zum Glücklichsein und Dankbarsein. Nicht, Carla, die Du Dich so sehr behelfen mußt und die Du trotzdem immer so tapfer den Kopf oben hast, wenn ich Dich mal – leider nur so flüchtig – in Lüneburg traf. Und Elfriedchen, die auch so ganz von vorne anfangen muß, alles beim Russen ließ.
Meinen Mann bekam ich schon im Sept. 45 wieder und zu 2-en ist ja alles so viel leichter. Er hat seine Stellung behalten, so daß wir nun wohl auch “normal” in die bevorstehende Währung hineinschliddern. Außerdem hat er so rührende u. anständige Geschwister, die uns die ganzen Jahre mit Kalorien versorgt haben, daß auch das mir viel Erleichterung verschafft hat. Im übrigen hat ja jeder sein “Rasen”. Augenblicklich sind die Bickbeeren dran und daran reiht sich dann so eins ans andere bis der Sommer zu Ende ist. Aber gesund sind wir alle, vor allem strotzt unser Hartwig, der nun schon im August 4 wird, vor Gesundheit. Elfriedchens Mann hat mal von ihm behauptet, er sei ein wandelnder Schinken! Entsprechend stark ist auch sein “eigener Kopf”, so daß er mich schon im Gange behält. Unser Ulrich ist 9 Jahre, viel sanfter und sehr leicht zu lenken. Er ist ein kleiner Denker und Träumer und ist schon recht vernünftig. Interessen? Nur Autos und das Gebrumme der verschiedenen Typen (die ich arme doofe Mutti wohl nie lerne!) geht ohn´ Unterlaß. Leider wurde ich meinen Fotoapparat los, drum ist die Bilderauswahl sehr klein!
Das nun also das Gröbste von uns, mehr darf ich wohl nicht, sonst ist für die andern kein Platz. Man müßte sich eben mal sehen, das fände ich zu schön. Vielleicht ist´s doch mal möglich, wenn man nun durch dieses Buch erst mal wieder Fühlung hat. Vielleicht sitzt manche von Euch näher dran, als man ahnt? Wir Lüneburger, Du Käthe in Uelzen – und Grete ist doch schon ein paarmal schwarz gekommen. Daß unsere liebe Ilse nicht mehr lebt, wißt Ihr anderen sicher auch noch nicht. Hilde ist wohl noch am letzten mit ihr zus. gewesen, wird uns sicher noch Näheres schreiben können. Sie hat sich wohl mit ihrem flinken und zupackenden Wesen für ihre Familie aufgerieben. Wißt Ihr noch, wie sie so schnell beim Wäschenähen fertig war, einmal eine verkehrte Naht trennen mußte und dann doch noch zuerst fertig war? Wie glücklich klingt noch ihr letzter Bericht.
Nun kommt alle gut durch die sicher schwere Zeit nach der Währung und schreibt hoffentlich nicht zuviel Kummer hinein. Grüßt Eure Männer und Kinder (wie viele es wohl zus. schon sind?) und freut Euch genau wie ich an dem lieben – guten Buch!
Grete, Dir noch schnell den herzlichen Wunsch, daß Du bald wieder Deine alte liebe Tätigkeit aufnehmen möchtest! Dir, Käthe-Lütjes endlich, endlich ein Lebenszeichen von Deinem lieben Manne! Von Euch anderen allen weiß ich ja nichts!
Immer Eure Else Böttcher.
(Bilder im Umschlag, damit ich nicht noch mehr Platz verschwende!)
Lüneburg, 29.Juni 1948
Liebe alte Seminarklasse!
Nun wird es Euch allen so ergehen wie Else und mir: man kommt nicht wieder los von diesem guten, alten Buch, man freut sich zu sehr, es wieder nach langer Zeit in den Händen zu haben u. all die meist doch so glücklichen Berichte lesen zu können. Bei mir sind es 9 Jahre her, daß ich hier einschrieb, und so ist es bei den meisten von Euch. Wollte jede von uns alles Erlebte in diesen Jahren ausführlich erzählen, würden die Blätter in diesem guten Buch nicht ausreichen. Zu viel ist geschehen, und ich will nur hoffen, daß die meisten von Euch mit ihren Männern und Kindern gesund geblieben sind. Das kann ich Gott sei Dank auch von mir sagen. Im Frühjahr 46 fand ich mich mit meinem Mann, der sich aus der Kriegsgefangenschaft nach hier entlassen ließ, wieder zusammen nach langen Monaten der Ungewißheit. – Nach dem Zusammenbruch hatte ich mit meiner Mutter, die zum Glück bei mir war, und unserem Jungen unseren Wohnsitz verlassen u. alles da lassen müssen. Wir flüchteten zu unseren Verwandten nach Magdeburg, und ich arbeitete in der Holzbearbeitungsfabrik meines Onkels als Anlerntischler. Dadurch verdiente ich erstens Geld und bekam zweitens die Lebensmittelkarte für Arbeiter, was alles ja so wichtig war. Von Magdeburg aus “kämpfte” ich dann um meine Sachen, und es gelang mir auch, Wäsche u. Kleidung zu retten u. sie glücklich mit nach hier zu bekommen. Ein weiteres großes Glück war es für uns, daß uns die Wohnung meiner Mutter hier in unserem alten, lieben, so wenig zerstörten Lüneburg erhalten blieb und die alte Heimat somit unsere neue wurde. Mein Mann hat seine alte kaufmännische Tätigkeit wieder aufgenommen, und so haben wir alle Grund genug, dem Schicksal dankbar zu sein, daß wir alle am Leben blieben. Unser 8 jähriger Hansjürgen macht uns viel Freude, er ist groß und kräftig für sein Alter. Etwas Herrliches ist es für ihn, wenn er mit seiner Mutti zum Wochenende zu Tante Else nach Soltau fährt, was öfter vorkommt. Man weiß nicht, bei wem dann die Freude größer ist, bei den Muttis oder ihren Söhnen. Es ist dann immer fast wie im Frieden bei Tante Else, so friedlich u. schön u. die Wohnung trotz aller Einschränkungen nun so hübsch. Wir sitzen hier in der Wohnung meiner Mutter sehr eng zusammen, aber wem von Euch ginge es nicht ähnlich. Zu nett ist es, daß wir uns mit Carla und Hilde, manchmal auch mit Grete u. Käthe sehen und hoffentlich nun durch dieses kostbare Buch mit Euch andern allen wieder in Verbindung kommen.
Seid mit Euren Männern und lieben Kindern von Herzen gegrüßt mit vielen guten Wünschen für die Zukunft, die für uns alle leichter werden möge als die Vergangenheit.
Eure Elfriede Carl.
(Anm.: Es folgt ein Brief von Gertrud Merzin an die Teilnehmerinnen des Klassentages in
Uelzen 1949:)
5. April 1949
Meine Lieben:
Helga, Dora, Gertrud,
Carla, Else, Elfriedchen,
Hilde, Grete, Käthe!
Von Herzen grüße ich Euch alle aus der Ferne und feiere fröhliches Wiedersehen mit Euch nach 22 Jahren. Welch lange Zeit! und wie rasend schnell ist sie dahingegangen! Welche Fülle von Erlebnissen ist aber auch über uns alle dahingebraust, ganz abgesehen von dem, was sich für jede in der eigenen Familie ereignet hat!
Da würde ich ja nun zu gerne all die Lebensberichte mit anhören, all die verschiedenen Schicksale nachträglich kennen lernen. Bitte laßt mich ein klein wenig mit Anteil nehmen, indem Ihr mir kurz schreibt. Wie wär´s – wollen wir nicht einen neuen Klassenbrief in Marsch setzen? oder lebt gar der alte noch und wird von der derzeitigen Besitzerin unter Erröten ans Tageslicht befördert? – Wenn irgend möglich, vergeßt auch das Fotografieren nicht! ev. durch einen Berufsfotografen. Oder schickt mir bereits fertige Fotos zur Ansicht, wie auch ich es hier tue.
Habt Ihr Eure Erzählungen am Kaffee- und Abendbrotstisch bereits zum guten Teil fertig? Nun kommt noch die “treulose” aus der Ferne dran, die sich nicht mit Aufzählen aller Gründe für ihr Nichtkommen aufhalten will. Ihr müßt es so wissen, daß ich mich Euch nach wie vor sehr verbunden fühle u. liebend gerne zwischen Euch säße.
Im April 1941 gab ich den Klassenbrief zur Post, hatte in Schreiberhau eingeschrieben, wohin ich mit unserem Ältesten, Günter, für 2 Monate den “Bombenangriffen” auf Berlin (die ja gegenüber späteren gar nicht der Rede wert waren) ausgewichen war. Immerhin: Unser kleiner Gottfried war unterwegs. Er kam am 11. Juni in Berlin gesund und leicht zur Welt und war uns, nach dem großen Schmerz um unseren 2. Jungen (der durch eine unglückliche Zangengeburt einen unheilbaren Schaden davongetragen hatte) in ganz besonderem Maße ein himmlischer Trost und ein großer Sonnenschein. Tatsächlich ist dies Kind von besonders glücklicher Veranlagung, ein liebenswürdiger, höflicher, zärtlicher kleiner Kerl, der überall gern gesehen ist. Als er 3 Monate alt war, wurde mein Mann endgültig eingezogen, und zwar kam er als Kapitänleutnant-Sonderführer in den Stab der Marinegruppe Süd in Sofia. Dort ist er 2 Jahre gewesen, herumgekommen nach Südrußland (Krim), den gz. Balkan, Griechenland!, Kreta, Rhodos usw. Danach hatte er eine Marinedienststelle in Wien für den Nachschub zu leiten, war dort bis März 45, kam nach abenteuerlichen Erlebnissen schließlich nach Schleswig-Holstein, wohin seine zuständige Dienststelle inzwischen verlegt war, u. hatte so das Glück, in englische Gefangenschaft zu geraten. Diese dauerte für ihn nur 1/4 Jahr, und am 4. August 45 bekamen wir unseren Vater zwar etwas hungerzittrig, aber sonst doch heil und gesund wieder. – Dies alles liest sich jetzt leicht und schnell u. klingt harmlos, aber es waren doch viele gefährliche Klippen zu umschiffen.
Ich war bis August 1943 mit den Kindern in unserer Berliner Wohnung. Dann kam der Goebbels´sche Aufruf zum Evakuieren. Ich packte eine Woche lang zahlreiche Gepäckstücke, soweit das Packmaterial nur irgend reichte, und dann verließen wir Heim und Habe – :”Bis Weihnachten” – trösteten die Nachbarn, aber mir war sehr jämmerlich zumute. Alsbald sollten wir merken, wie elend man dran ist, wenn man nirgendwo hingehört und auf die Gnade der Mitmenschen angewiesen ist. Wir wandten uns nach Wien, damals noch dem “Luftschutzkeller des deutschen Reiches”, wo ja mein Mann gerade zu arbeiten angefangen hatte u. selber erst dabei war, Fuß zu fassen. Wir erlebten dort so Unglaubliches mit der Wohnung – d.h. mit der Vermieterin, die noch heute nur die Hexe bei uns heißt – , daß wir keinen Mut zum bleiben hatten (wie gut, daß uns das Bleiben so gründlich verleidet wurde!) und nach nur einer Woche zu hilfsbereiten Freunden nach Ulm weiterflüchteten mit Sack und Pack. Von da ging´s nach 3 Wochen weiter mit Sack und Pack nach Bad Wildungen, wo uns durch meinen Schwiegervater im Pfarrhaus 2 Mansarden angeboten wurden, in denen wir hoffen durften, nun wirklich für Kriegsdauer bleiben zu dürfen. Und so wurde es dann auch. Die Gegend dort ist wunderbar schön, der Blick aus unseren Fenstern ging weit ins Land, die Zimmer u. die Einrichtung waren bescheiden aber recht nett – nur die Pfarrers waren greulich. Ach, man ist ja aber auch, so entwurtzelt, in einer zu unglücklichen Situation, man muß immerzu bitten und betteln und verliert alles Selbstbewußtsein, ist gar nicht mehr : man selber. Und die anderen? Sie haben noch alles, sind verständnislos, kalt, lieblos, machen einem das Leben schwer.
Nun, da sind gewiß manche unter Euch, die dieselben Erfahrungen gemacht haben. Zum Glück vergißt man das Böse ja auch schnell wieder. Was aber das Wichtigste war: Die Kinder konnten relativ ruhig u. gesund heranwachsen, sie haben keinen einzigen Bombenangriff mitgemacht. Wohl sind wir nachts oft in den Bunker gelaufen, aber es hätte viel schlimmer sein können. Dann kam der Zusammenbruch, Wildungen bekam amerikanische Besatzung, das Pfarrhaus brauchte nicht geräumt zu werden, auch alle anderen Befürchtungen trafen nicht zu.
Als mein Mann wieder da war, wurde es vollends allmählich wieder besser. Zwar war die Enge fürchterlich u. sehr auf die Nerven gehend, aber nach etlichen Reisen seinerseits, um beruflich wieder hineinzukommen, ging mein Mann dann im Januar 46 hierher nach Gmünd an seine alte Berliner Behörde, die über den Umweg Stollberg – Göttingen hierher gekommen, aber erst im Aufbau begriffen war. In Berlin hat sich übrigens später eine Dienststelle “Ost” wieder aufgemacht. Die unsrige (“West”) wird in absehbarer Zeit verlegt werden, da Gmünd zu abgelegen. – Nachdem er sich wiederum, wie so oft, unter schwierigen Verhältnissen hatte durchbeißen müssen und nachdem es ihm gelungen war, eine Wohnung zu bekommen (Gmünd ist zum Glück gänzlich unzerstört), konnten wir im Mai 46 nachkommen: mit Sack und Pack auf einem LKW, 15 Stunden in kalter Maiennacht durchgeschüttelt – na überhaupt – die Zeiten! Hier natürlich erst bös gehungert, bis Fuß gefaßt u. bis ein paar Quellen erschlossen waren. Wohnung: sehr schön (nur sonnenlos) sind allein drin, Landschaft entzückend, Gmünd schöne alte Stadt (früher 20 000, jetzt überfüllt mit Flüchtlingen), sind sehr gern hier. Im Februar 47 bekamen wir dann noch ein Nachkriegskind, unseren Hans-Christian, der unser aller größte Wonne ist.
Wir sind unendlich glücklich und dankbar über diesen neuen Reichtum. Die Brüder haben große Geschwisterähnlichkeit, aber jeder hat doch wieder seine Art für sich. Der kleinste ist der jungenhafteste. Der Älteste ist dem Vater seiner gz. Veranlagung nach sehr ähnlich, hat vor allem dessen rasche Auffassungsgabe, ist daher unter den besten seiner Klasse. Gottfried hat von meiner musikalischen Begabung das meiste abgekriegt. Weihnachten musizierten uns beide zus. was vor, Klavier u. Flöte, ganz allerliebst.
An Einrichtung waren wir zunächst sehr kümmerlich dran, meist nur geliehene und gemietete Sachen. Wir sind dabei, uns allmählich wieder Eigenes anzuschaffen. Unsere Möbel in Berlin sind von Bomben verschont geblieben, obwohl auch in unserer Gegend sehr viel passiert ist, aber sie sind uns doch unerreichbar, vor allem durch die Zonengrenze. Außerdem aber haben Leute von ihnen Besitz ergriffen, die freiwillig nichts herausgeben, vieles auch schon verkauft, vertauscht und verschoben haben. Eine höchst unerfreuliche Angelegenheit! Aber es wäre undankbar, hierüber zu trauern. Im April 48 war ich mal dort, konnte durch Vermittlung sogar in die Wohnung hinein, in der sich der Hauptteil unserer Sachen befindet – das war höchst sonderbar. Da stand nun alles, was ich mir mal selber verdient hatte, auch der schöne Flügel war noch da, alles etwas fremd geworden und – gänzlich unerreichbar! – bis auf einen kleinen Teil Bücher, die auf Seite zu bringen sich nicht gelohnt hatte u. die ich nun gnädig mitnehmen durfte. Ich erzähle Euch alles mehr als Kuriosum, es tut nicht mehr weh.
So, nun habe jedenfalls ich durch meinen unverschämt langen Brief am längsten das Wort gehabt, bitte vielmals um Entschuldigung. Es ist 1 Uhr durch in der Nacht, und nun muß ich endgültig schließen. Ich sage aber: Auf Wiederhören! Auf Wiedersehen! Käthe 1000 Dank, daß sie die Fäden der Zusammengehörigkeit wieder geknüpft hat.
Vielmals grüße ich Euch alle samt, auch die möglicherweise dazugehörenden Gäste.
Eure Gertrud und Familie.
Uelzen, d. 7.4.49.
Meine Lieben!
Die Vorbereitungen zum Klassentag sind erledigt – zum Klassentag 1949! Kinder, wann war der letzte? Kaum auszurechnen! Das letzte Hamburger Examen war jedenfalls 1927! vor 22 Jahren! Und allerhand Achtung vor unserem Büchlein – wenn es auch hin u. wieder verschütt zu sein scheint – daß es alle diese Jahre, auch die schweren voll Kummer u. Not u. Tod überstanden hat, und fröhlich wieder da ist! 6 Jahre allerdings – von 42 bis 48 – hat es sich vor allem grausigen Geschehen versteckt u. ist zu Carla geflüchtet. Und da das Büchlein ja auch Carlas eigentlichstes Kind ist, ist das wohl zu verstehen u. es war gut so!!
Diese 6 Jahre sind uns allen nicht in den Kleidern hängen geblieben. Aber wir gewinnen allmählich Abstand zu den Dingen u. gewinnen Kraft, mit ihnen fertig zu werden – oder ringen um Kraft! Für mich ist der Krieg immer noch nicht zu Ende. Ich warte seit März 45 auf Nachricht von meinem Mann. Jetzt habe ich zum ersten Mal Verbindung mit seiner Einheit bekommen u. hoffe jetzt Endgültiges über sein Schicksal zu erfahren u. weiß noch immer nicht, was leichter ist: die Ungewißheit weiter zu tragen od. eine traurige Gewißheit zu erfahren. Vielleicht bin ich feige – u. möchte doch gern so tapfer sein wie er. Aber ich habe zwei Jungens, Kinder u. darum lohnt sich das Leben immer noch! Ich führe sie Euch gleich vor! Einen großen sehr zarten Ulrich von 7 1/2 Jahren u. einen kleinen ebenso stabilen Ekkehart von 5 1/2 Jahren. Uli malt und träumt – in der Schule leider auch (Aufmerksamkeit: 3 u. das übrige Zeugnis so lala!) Ekkehart ist der Wirklichkeitsmensch u. ein ungeheurer Schaffer, der inzwischen zwar auch mit Leidenschaft malt u. gar köstlich – er hat einen unglaublich kühnen Strich u. ist gar nicht bange vor Farben! Wie zart u. innig sind Ulis Malereien dagegen!!
Ja, u. Schulmamsell bin ich unentwegt weiter – Gott sei Dank! Denn wovon sollte der Schornstein rauchen? Und bin es immer noch mit der selben Freude wie früher – u. kann es in Ruhe sein, denn zu Hause waltet unsere gute Omi u. der Opa, die im Oktober 44 in Harburg total ausgebombt wurden. Mein Häuschen steht auf so schwankendem Untergrund, daß es den Bomben standgehalten hat, es war zwar dachlos u. teils wandlos aber immerhin flickbar! Und wir haben eine Bleibe mit der ganzen Familie!
So, meine Lieben, übermorgen mehr, wir sehen uns ja von Angesicht zu Angesicht. Aber dennoch muß wohl jede ihren Bericht getreulich hier eintragen für Frischgesellchen, von der ich noch keine endgültige Zusage habe, für Muschi, von der ich leider eine endgültige Absage habe – u. es wäre doch beinahe geglückt!! Aber ein Paket kam heute von ihr für uns alle! Mit Mehl, Zucker, Margarine, Äpfeln, Bohnenkaffee u. abendlichen Appetithäppchen! Sie lebe hoch!, hoch! hoch!! Nachexerzieren muß sie dafür aber mindestens!!! Und für Annemarie!! Wenn der Weg so weit nicht wär! Wie gerne wohl, Annemarie!
Gute Nacht, Ihr Lieben!
Eure Käthe Klein.
Hamburg, 22.4.49.
Klassentag, 9.4.1949!!
Nun da ich dies schreibe, ist dieser langersehnte Klassentag 1949 schon ein Stück Vergangenheit. Aber er war ganz herrlich. Er startete bei Käthe in Uelzen in ihrem kleinen reizenden Häuschen u. war ganz wunderschön. Käthe hatte alle Vorbereitungen mit soviel Liebe u. Sorgfalt getroffen, daß er wirklich nur gelingen konnte. Leider hatten sich nur 7 (sieben) unserer Klasse eingefunden; Grete, Hilde, Carla, Else, Elfriedchen u. ich erschienen trotz Sturm u. Wettergebraus bei Käthe. Es war ein herzliches u. fröhliches Wiedersehen! Und ich glaube daß Euch Fernen die Ohren tüchtig geklungen haben. Es war zu schade, daß wir nicht vollzählig waren. Ilse, die nicht mehr auf dieser Erde weilt, ein stilles Gedenken. Sie hat wohl zu wenig an sich u. zu viel an andere gedacht. Nun ruht sie aus von ihrer vielen Arbeit. Helga wünschen wir alle eine recht gute Genesung für ihre Mutter u. ein ferneres gutes Ergehen, ebenso der lieben Muschi. Tausend Dank, Muschi, für die kräftige Beihilfe, wir haben mit vollen Backen u. vollem Herzen an Dich gedacht. Gertrud (Frischgesell), Du hättest Deinen Mann ruhig mal allein lassen sollen, er hätte sich bestimmt auch ohne Dich ganz gut betragen, u. Du wärst um ein paar unbeschwerte fröhliche Stunden reicher gewesen. Kinder, Kinder, wie haben wir bloß geredet! Käthe, Deinen Eltern mag schön der Kopf gebrummt haben am nächsten Tag. Bis so jeder sein Leben erzählt hatte, verging bei Kaffee u. Kuchen der ganze Nachmittag, abends wurde noch mal von vorn angefangen, sowohl mit Essen als mit Reden! Die Lüneburger haben ja nun schon öfter Gelegenheit gehabt, sich zu sehen, ich aber hatte alle am Klassentag in Harburg 1937 zum letzten Mal gesehen. Ich muß aber sagen, es hat sich keine viel verändert, es waren die alten lieben vertrauten Gesichter, die man in guter Erinnerung hatte. Hoffentlich ist es nun möglich, den Klassentag einmal im Jahr steigen zu lassen u. es wäre ganz wunderschön, wenn unsere Annemarie einmal dabei sein könnte! Annemarie, hast Du es auch gespürt in Amerika, daß wir viel von Dir gesprochen haben? Wir haben Dich ganz gewiß nicht vergessen.
Für diejenigen, die nicht dabei waren, noch ein paar Zeilen von mir persönlich, damit die Runde voll ist. Das Buch ist 1941 zuletzt in meinen Händen gewesen u. es liegen 8 lange Jahre dazwischen, die ihren Stempel tief in jedes Leben gedrückt haben. Aber ich darf von mir sagen, daß wir ohne nennenswerten Schaden sie glücklich überstanden haben. Im Juli 1942 kam unser Reinhard als dritter zu unseren Jungens u. seitdem ist Leben bei uns; denn es sind gesunde kräftige Kinder, die sich laut und immer vergnügt durchs Leben spielen. Es ist immer viel Hallo u. viele große Löcher in Strümpfen u. Anzügen, besonders Reinhard hat ein wunderbares Talent, alles klein zu kriegen. Er kommt jetzt zur Schule u. ich erwarte alles Gute für unser ungebärdiges Füllen. Dieter ist mit seinen 15 Jahren so groß, daß er jetzt “kleine Mutti” zu mir sagt. Rüdiger, der zweite, 9 jährig, ist der kluge u. vernünftige. Es macht viel Spaß mit so großen Jungen zu leben u. zu erleben, wie sie wachsen u. gedeihen u. zu Menschen werden. Jetzt zu Ostern konnten sie sich in unserem Garten austoben, den haben wir immer noch. Wir haben eben alles noch, unsere Wohnung, unsere Möbel, es ist alles da; wir hatten das große Glück, nicht ausgebombt zu werden und wir beide, mein Mann u. ich, wissen das wohl zu schätzen. Mein Mann hat auch nicht mit ins Feld zu brauchen (schöner Ausdruck, Pfannenstiel würde Bauchweh kriegen) u. ich danke meinem Schicksal für dieses viele Gute. Jetzt versuchen wir mit Geschick u. Eleganz über die Runden zu kommen, wie mein Mann sich ausdrückt. D.h. uns durch diese etwas schwierige geldliche Zeit hindurchzuwinden. Denn wir möchten natürlich noch viel anschaffen u. das ist bei so einem großen Haushalt nicht einfach. Carla wird es verstehen können. So läuft nun mein Leben in ruhigen u. einfachen Bahnen u. die Sturm- u. Drangzeit ist vorüber. Wollen wir jedenfalls hoffen bei unserem Alter (41 Jahre). Und nun will ich zum Ende kommen, das Buch soll nun zu Gertrud Frischgesell wandern, damit sie sich anreihe.
Euch allen die allerherzlichsten Grüße u. alles Gute
Eure Dora Timm.
Bergedorf, 1950.
Liebe alte Klasse!
Fast ein Jahrzehnt liegt zwischen meinem letzten Bericht und dem jetzigen. – Auch ich habe wie Dora die Kriegs- und Nachkriegszeit leidlich überstanden. Bergedorf ist wie durch ein Wunder verschont geblieben. Mein Mann kehrte im September 45 aus Norwegen zurück und war sofort wieder im Dienst. Ich habe 3 Operationen während seiner Abwesenheit durchgemacht, die 3. erfolgreich bestanden. Unser Haus ist voller Einquartierung, welches bis zum heutigen Tage geblieben ist; wir haben damit zeitgemäße Unterhaltung und nie endende Freuden. Während der Kriegszeit half ich im Schuldienst einer Mädchenvolksschule. (3. Grundschuljahr.)
In der Hamsterzeit, besser gesagt Hungerzeit, ich holte uns grüne Heringe aus Cuxhaven, traf ich Frl. Rudtke an Bord. Sie machte mit ihren Schülerinnen einen Ausflug nach C. Wir saßen zusammen auf dem Achterdeck; sie hörte sich ganz interessiert meinen Fischfang an, auch die verschiedenen Arten der Konservierung: gesalzen, gebraten und mariniert. Wir waren damals ihre erste Seminarklasse, die sie führte, erzählte sie. Leider hat sie durch Bomben alles verloren, ihr schönes Harmonium, ihre gesamte Kleidung etc. Sie wohnt jetzt Elbchaussee im Donnerschlag (?). Trotzdem sah sie jung aus. Unser Friedel Seegers kennt Ihr doch noch? Sie ist an der Berufsschule hier tätig. Manches Mal wandert sie mit ihren Schülerinnen an unserem Haus vorbei zum Sportplatz. Figürlich wirkt sie jünger als ihre großen Mädel, so schlank und elastisch schreitet sie dahin. Sie wohnt bei ihrer verheirateten Schwester. Lieselotte Peters ist seit einigen Jahren verheiratet ist aber weiterhin in H. an einer Berufsschule tätig. – Ja, das wäre wohl alles Neuzuberichtende.
Mir geht es gut, über Arbeitsmangel kann ich nicht klagen. Im Gegenteil im Garten z.B. vergeht das Unkraut nicht, und das andere kennt Ihr ja auch, noch besser als ich.
Mit herzlichen Grüßen
Eure Gertrud Martens.
Brunsbüttelkoog, 1. Aug. 51
Meine Lieben,
schon lange sollte dieses liebe Buch wieder auf die Reise gehen, – aber mir fehlte der Mut. In den letzten Jahren verlangte das Schicksal viel von mir. Der härteste Schlag war der, daß ich vor vier Jahren meinen Mann verlor nach glücklicher Ehe. Es war furchtbar einen geliebten Menschen leiden sehen zu müssen, ohne helfen zu können. Während der Kriegsjahre hatten wir das Glück beieinander sein zu dürfen. Unser Junge gedieh prächtig und ist ein niedlicher Junge geworden voller Streiche und Übermut. (Sollte er beides von mir haben? Wegen dieser Erkenntnis habe ich schon des öfteren ein Auge zugedrückt!) Es zieht ihn in die Welt, er muß sie kennenlernen wie sein geliebter Vati und seine anderen Vorfahren mütterlicherseits, und so ist er schon seit einigen Monaten auf den Weltmeeren, um Kapitän zu werden. Nun, diesen Wunsch zu erfüllen war nicht leicht für mich, sehe ich meinen Jörn doch sehr selten dadurch. Leider besitze ich im Augenblick keine Bilder von uns; der Film ist noch nicht ganz abgeknipst, auf dem er mit seinen 1,80 m neben seiner Mutti steht. Jetzt habe ich noch mein Muttchen zu behüten. Das Nervenleiden ist sehr abgeklungen, – doch immer noch so stark, daß Omi nicht alleine bleiben kann, – ich müßte eine Vertretung haben. Schreibt mir bitte trotzdem, wenn vielleicht wieder ein Klassentag kommen sollte. Ich würde dann alles versuchen, um mit dabei sein zu dürfen. Trotz allem kann ich noch sehr froh und ausgelassen sein; ich wünschte, ich hätte des öfteren Gelegenheit es beweisen zu können. Eine dumme Operation hatte mich im letzten Jahr noch sehr zurückgebracht; eine Liegezeit von einigen Monaten wurde daraus. Sie war scheußlich, wurde aber auch überstanden, – mußte ich doch an meine Lieben denken und die Zähne zusammenbeißen. Die Zeit vergeht doch ungeheuer schnell, besonders wohl dann, wenn man als Frau alleine mit den Alltäglichkeiten fertig zu werden hat (Hausbesitzerin heute zu sein ist kein rosiger Zustand; der Staat fordert allerlei.). Außerdem gehen wir mit Riesenschritten auf die 50 zu! Eine unheimliche Zahl und kaum glaublich! Aber meine weißen Schläfen versuchen, es mir zu beweisen, – von mir aus!
Meine Lieben, genießen Eure Trabanten noch die Ferien oder haben schon – oder sind auch schon z.T. in der Ausbildung? Man hätte so viele Fragen – aber es ist ja unmöglich sie zu stellen und beantwortet zu sehen. Zwischen den Zeilen von allen Lieben liegt ja noch so ungeheuer viel. Jahre lassen sich nicht in einigen Sätzen festhalten. – Versucht mich zu verstehen, daß ich das liebe Buch so lange behalten habe. Euch allen Lieben nur Gutes und hoffentlich ein Wiedersehen in diesem Jahr.
In Herzlichkeit
Eure Helga Gerhard.
An sich müßte unsere Ilse das Buch bekommen, ihr ein liebes Gedenken. – Ich schicke es an unsere Hildegard.
Lüneburg, den 27.6.52.
Liebe alte Klassengemeinschaft!
1939 schrieb ich zuletzt in dieses Buch! Die vergangenen 13 Jahre, die so viel umschließen, erscheinen als eine sehr lange Zeit. Und doch, wenn ich jetzt aus meinem Leben berichten soll, so ist es trotz aller Einschnitte durch Krieg, Krankheit, andre Geschehnisse in der Familie äußerlich in den gleichen Bahnen geblieben. Für manche von Euch hat es sich schwerwiegender verändert, ich denk vor allem an alle, die einen lieben Menschen verloren haben. Andern ist Hab und Gut, Wohnsitz und Beruf genommen, und sie haben von vorn anfangen müssen. Schön ist es, zu hören, wenn dieser Neuanfang geglückt ist. – Ich lebe also noch in Lüneburg. 1939 war ich noch nicht sehr lange hier und fühlte mich noch nicht beheimatet. Jetzt bin ich hier seßhaft geworden. 1944 mußten meine Eltern ihre Wohnung in Harburg aufgeben, seitdem leben wir zusammen in meiner kleinen Wohnung. Grete kann oft bei uns ein. Nach dem Zusammenbruch verlor sie ihre Stellung in Bitterfeld; nun ist sie seit einiger Zeit in Stade an der Berufs- und Haushaltungsschule tätig. Meine Arbeit an der hiesigen Oberschule ist leider nicht mehr so befriedigend, da die hauswirtschaftliche Form der Oberstufe eingegangen ist. –
Wenn Du nun dieses Buch bekommst, liebe Annemarie, dann spürst Du aus den verschiedenen Berichten wohl ein wenig, wie sich das Leben für uns in Deutschland gewandelt und was es dem Einzelnen gebracht hat. Von Deinen Berichten an Käthe habe ich immer mit großem Interesse gehört. Wie schön, wenn Du nun auch einmal in diesen Brief einschreiben kannst.
Herzliche Grüße für Euch alle,
Eure Hildegard Schulze.
Lüneburg, den 2.7.52
Feldstr. 28,
zu Besuch bei meiner Mutter.
Zu meinem eigenen großen Erstaunen habe ich festgestellt, daß meine letzte Eintragung vom 13.6.38 stammt. Von mir aus ging das Buch zu Dir nach Amerika und jetzt ist es wieder soweit; ich schicke Dir, liebe Annemarie, dies für uns alle so kostbare Buch. Am 28.6.52 hatten wir einen ganz kurzen, kleinen Vorklassentag. Elfriedchen Benecke feierte ihren Geburtstag nach, dazu fanden sich ein: Käthe Klein und die beiden Schulzes, und ich bekam das Buch, um es Annemarie zu senden. In den vergangenen Jahren ist das Buch aber in meiner Hand gewesen, auch weitergegeben; aber immer hieß es, erst soll noch dieser und jener einschreiben, dann geht das Buch nach Amerika. Während der Kriegsjahre lag das Buch bei mir, weil ein Schicken ein zu großes Wagnis war und seit dem letzten Klassentag in Uelzen ist das Buch, liebe Annemarie, auf dem Wege zu Dir. – Ich bitte Dich nun, das Buch zu unserem nächsten Klassentag wieder herzuschicken. Am 28.6. war eine Vorbesprechung, ob Lüneburg oder Uelzen in Frage kommt. Du erhältst rechtzeitig von mir Nachricht. –
Außer mit Gertrud Martens, die ich eigentlich in diesen Tagen in Bergedorf besuchen wollte, habe ich mich mit allen lieben Kameradinnen getroffen oder schriftlich in Verbindung gestanden. Ich möchte darum nur kurz von meinem Ergehen berichten:
1938 lag das Leben in aufsteigender Linie vor mir. 1939 erhielten wir den gewünschten eigenen Wagen. Mein Mann war sehr gern in seiner Tätigkeit. Eine Zeitlang ging das Leben für uns noch weiter. 1940 wurde Rolf geboren. 1942 unser vierter Sohn Gerd. Mein Mann war eingezogen, reklamiert, 1943 wieder eingezogen, kam 1944 auf einem der letzten Schiffe von der Krim, wurde dienstverpflichtet nach Lindau im Harz. Ich versuchte den Haushalt aufrecht zu erhalten. 4 Kinder kann man nicht auf den Arm nehmen und rechtzeitig 3 Treppen tief in den Keller bringen. Nach dem ersten größeren Bombenschaden in der Wohnung ließ ich mich nach Lüneburg mit den 4 Kindern evakuieren. 1943: der älteste kam in die Schule, der zweite, dritte und vierte kamen noch in Lüneburg in die Schule. Mit meiner Schwester, mit ihren 5 Kindern und meiner Mutter habe ich die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre verbracht. Ich habe erfahren, was es bedeutet, mit ausländischen Hilfskräften zu arbeiten, wenn ein Krieg verloren geht; ich hatte eine Holländerin, eine Russin und meine Schwester eine Polin als Hilfe im Haushalt; wie einem zu Mute ist, wenn man im Keller über seinen Kindern liegt, wenn die Bomben das Haus über einem verwüsten. Unbeschreiblich ist das, was man als Frau leisten kann, wenn es gilt, eine Familie zu versorgen, wo der Staat nicht mehr in der Lage ist, zu sorgen. Mir war es vergönnt zu erleben, meinen Mann gesund vor mir zu sehen, nach dem man nach monatelangem Warten verzagt wurde. – Die schwersten Jahre waren die Jahre nach 1946 für unsere Familie. Wir verloren unsere Wohnung durch den Einzug der Engländer in unser Haus in der Volgerstraße. Das Haus ist noch besetzt auf unabsehbare Zeit. – Mein Mann verlor seine Stellung fristlos; das Vermögen wurde gesperrt. – 3 1/2 Jahre lebte ich in einem alten Damenstift mit 4 Kindern, das 5. wurde da geboren. – Ich habe sehr viel Hilfe erfahren. Ganz besonders danken muß ich Annemarie, die mir mit ihren Paketen, ernährungsmäßig und vor allem mit Kleidung half. Noch tragen wir Sachen mit engl. oder amerik. Firmen- oder Eigennamen. Annemarie, ich muß Dir immer wieder danken. -
Genau so unvermutet wie die fristlose Entlassung, kam die Wiedereinstellung von meinem Mann; natürlich nach der Währungsreform. Wir gewöhnten uns wieder daran Menschen zu werden, deren Horizont über die Befriedigung des Nahrungsbedarfes hinausgeht. Erst kam die Kleidung, dann die Wohnung, die Schule der Kinder. Über das hinaus reicht das Gehalt eines Beamten in der heutigen Zeit kaum. 20% Gehaltserhöhung gleichen die doppelten bis 3-fachen Kosten für Lebenshaltung nicht aus; und doch schauen wir wieder aufwärts und vorwärts. – Meine 3 Großen sind mit einer Organisation in einem Ferienlager nach Konstanz gefahren, mit den beiden Jüngsten grabe ich jetzt mit Freuden in dem Gärtchen in Lüneburg. Mein Mann hat seit Pfingsten wieder einen eigenen Wagen und ich habe vor, ihn auf seiner nächsten Dienstreise nach Wiesbaden zu begleiten. Jetzt haben wir das Jahr 1952. Im Jahre 1939 habe ich die erste größere Fahrt mit meinem Mann und Sohn Günter 2 1/2 Jahre gemacht, es blieb vor dem Kriege die einzige; jetzt sind wir wieder soweit. Es ist wie ein Traum, möchte es weiter vorwärts u. aufwärts gehen.
Carla.
Scarsdale N.Y. U.S.A
den 1 September 1952
Euch Alle grüße ich herzlichst.
Wie schön ist es, daß Ihr nach all den langen Jahren –14 J.- noch so freundlich meiner gedenkt. Ich habe mich, oh, so sehr über das Buch gefreut. Leider ohne Bilder, da sie nicht eingeklebt waren und deshalb verloren gehen konnten. Nur Babys und junge Frauen fand ich in diesem Buch. Und doch sind wir alle 10 – 14 Jahre älter. Vielleicht findet sich doch noch ein Weg die Photos zu schicken; ich würde mich herzlichst freuen.
Ich habe dies Buch wieder und wieder gelesen und mich gefragt, was ich einschreiben sollte. Was interessiert Euch am meisten? So fange ich bei uns im engen Kreise an. Der Krieg hat uns persönlich nichts gekostet. Francis war zu alt. (Über 38 J. und Familienvater.) Wir haben kleine Unannehmlichkeiten wie Zucker-, Fett- und Fleischrationalisierung gehabt. Gasoline-Benzinrationalisierung war unangenehm. Es war nicht genug da, um mit dem Auto einzuholen. Wir sind 3 km vom nächsten Brot-Schlachterladen, 8 km vom Warenhaus im nächsten Städtchen entfernt. Da mußte alles per Rad gemacht werden. Es tat den Beinmuskeln recht gut, da die Landschaft auf und ab wie in Thüringen geht. Es gibt keinen Autobus und Straßenbahn hier. Ein Auto ist daher unbedingt nötiges Verkehrsmittel. –
Den größten Kummer, den der Krieg uns brachte, war, daß er eine Fahrt nach Deutschland verhinderte. Wir hatten im Winter 1938/39 große Pläne für das folgende Jahr. Pläne, die nie ausgeführt werden konnten und in absehbarer Zeit noch nicht Tatsache werden können. Damals der Krieg, jetzt die Inflation und größeren Reisekosten. Damals ich und 2 Babys, nun zwei unternehmungslustige Backfische, denen die Welt gehört und mein kleines ich. Francis würde nur auf Stippvisite kommen können. Auch stehen wir unseren teuersten Jahren bevor. Mary ist in Unterprima, Greta in Obersekunda. In 2 bzw 3 Jahren haben wir unsere Mädel im College, in der Berufsausbildung. Und das kostet viel Geld, ganz egal in welchem Land man ist. Mary ist jetzt 16 Jahre, groß, schlank; hat meine Figur, wie Ihr sie vom Seminar erinnert. Sie ist rotblond, hat Farben wie Milch und Blut. Ihre Interessen sind auf wissenschaftl. medizin. Gebiet. Sie sagt, sie möchte Ärztin werden. Gut, sagen wir, doch denken wir, daß noch viel Wasser den Berg runterlaufen wird, bis sie ihr Studium (9 Jahre College + Universität) beendet. Andere Interessen: Sport, Tanz, Schwimmen und nicht zu vergessen “das andere Geschlecht”. Während der Sommerferien hat sie ihre erste “Stellung” gehabt. Sie war mit Freunden verreist in die Berge und mußte auf die kleinen Jungen meiner Freundin aufpassen. Anscheinend hat sie ihre Aufgaben dort gut gelöst. Im Allgemeinen ist Mary ruhig, selbstsicher, reif für ihr Alter. Sehr selbständig.
Greta ist 14 J., das ganze Gegenteil von Mary. Sie ist fast so groß wie Mary, doch brunett und rundlich. Im Wesen übersprudelnd, sonnig, Jeder liebt sie und sie liebt jeden. Etwas zu viel des guten, da die Schule oft den Nachteil zieht. Sie ist artistisch begabt, schreibt sehr gut – (Vater´s Erbteil. Er ernährt seine Familie mit Schreiben!) zeichnet, schauspielert. Dazu hat sie ein Mitgefühl für andere. Augenblicklich ist sie von zwei Berufen begeistert: Schriftstellerin oder Psychologin. Was soll ich werden? Well, Algebra muß erst gemacht werden, sonst werde ich nicht versetzt, seufzt sie und arbeitet gut für die Schule bis – eine neue Idee erscheint. So, Berufspläne sind für sie noch ganz im Dunkeln. Tanzen, in Heimen für Kinder zu arbeiten sind ihre Nebenbeschäftigungen.
Francis und ich werden grau und grauer. Wir haben Kummer mit unseren Taillenweiten. Im großen ganzen haben wir uns wenig verändert. Unsere Nebenbeschäftigung ist unser Garten. Er blüht und blüht von der ersten Forsytia im April bis zur späten Chrysantheme Anfang Dezember. Der Garten ist etwa 1 Morgen groß. Es sollte Platz für Gemüse darin sein. Doch macht das keinen Spaß. Blumen sind unsere Liebhaberei. Während des Krieges jedoch hatten wir einen Gemüsegarten.
Vielleicht interessiert Euch mein Tageslauf, der recht verschieden ist von Eurem, schätze ich. 7 Uhr Aufstehen, 7.30 – 8 Uhr Frühstück. Francis geht um 7 3/4 zum Bahnhof mit einem Freund und Nachbarn. Der Bahnhof ist 2 1/2 – 3 km von unserem Haus entfernt. Dann fährt er mit dem Zug 40 min nach NY-City. Dort ist sein Büro ganz in der Nähe des Bahnhofs. Gegen 6 1/2 Uhr kommt Francis gewöhnlich nach Hause. – Die Mädel gehen um 8 Uhr zur Schule; etwa 3 – 3 1/2 km. Sie nehmen ihr Frühstück mit, oder kaufen sich ihr warmes od. kaltes Lunch in der Schule. Die Schule hat eine Diätköchin und mehrere Helferinnen. Sie bereiten ausgezeichnetes Essen für die Kinder. Die Kinder haben 40 min zum Essen im großen Eßsaal. Sie essen in 3 Schichten, da die Schule 7. – 12. Schuljahr zu groß ist. Ihre Schulstunden sind bis 3 Uhr. Dann folgt Sport od. Drama-Club od. French-Club od. Capella Singen, oder Girlscouts – Bund der Mädchen Wandervögel – bis etwa 4.30 – 5 Uhr. Gegen 6 Uhr sind sie wieder im Hause. Gegen 7 Uhr wird gegessen, warmes Mittagessen. Die Hauptmahlzeit der Amerikaner. Es ist während 6 Mon. d. Jahres zu heiß für ein schweres Essen in der Mitte des Tages. Nach dem “Dinner” werden Schularbeiten 2 – 3 Std tägl. gemacht. Lichtaus spätestens um 10 Uhr. Freitag abends + sonnabends sind “Date Days”. Da wird ausgegangen zum Kino, “Henparty” (Gesellschaft von nur Mädchen), zum Tanzen in den verschiedenen Häusern. Die Schule ist nur 5 Tage in d. Woche. Sonnabend ist für Sport, Arbeiten im Haus, in den privaten Wohlfahrtsheimen. Der Sonntag gehört der Familie und der Kirchenorganisation.
Was tue ich nun, wenn niemand im Hause ist während des Tages. Daß das Haus, Wäsche, Kleidung und Garten tiptop sind, wird allgemein angenommen. Diese Arbeit ist selbstverständlich, trotzdem es viel Arbeit ist. Die Häuser sind geräumig und angelegt für Hausfrau und Dienstmädchen. Jetzt jedoch kann sich niemand mehr Hilfe leisten. Man arbeitet nur ein bißchen schneller, damit Zeit für die verschied. außer-häuslichen Gebiete da ist. D.h. Arbeit in der Kirche, im Frauenverein, in den Girlscouts oder Boyscouts, im Lehrer-Elternrat, im Roten Kreuz, im Krankenhaus oder Spezialkliniken (Poliotherapie usw.). An zwei Tagen der Woche sind Vorträge zu hören über Politik, Literatur, Musik, Haushaltsführung. Jede in Scarsdale muß in mehreren von diesen tätig sein, wenn sie in den Augen ihrer Freundinnen gelten will. Im großen ganzen ist man etwa 2 – 2 1/2 Tage fort während der Woche, d.h. arbeitet für die oder jene Organisation. Ich habe eine Gruppe von Girlscouts (16 Jährige) und arbeite in der Kirche und einem Kinderkrankenhaus. Vielleicht könnt Ihr Euch ein Bild von meinem Leben machen, wenn Ihr an das Leben um 1900 – 1910 denkt. So wie unsere Mütter es wohl führten.
Während 10 Monaten des Jahres wird so gelebt, gearbeitet, gehetzt. Im Juli und Aug. wird ausgeruht. Es ist zu heiß. Durchschnittshitze: 30°C. Während der Hitzewellen, etwa 6 – 7 in zwei Monaten steigt die Temperatur auf 35 – 40°. Man kann absolut nichts tun; vegetiert nur. Glücklicherweise dauern diese Hitzewellen nur 5 bis 8 Tage und man hat “normale” 30°C Temperatur zwischendurch für 2 – 3 Tage.
Den 1. Februar 1953
Vor fünf Monaten wurde ich unterbrochen mit dem Schreiben. Nun möchte ich nur noch kurz dazufügen.
Ich habe diesen Vorschlag zu machen. Wenn das neue Buch angefangen wird, schreibt bitte die Geburtsdaten Eurer Kinder ein. Es ist so leichter zu verstehen, was Ihr schreibt.
Unsere Mädel wurden 1936 und 38 geboren. Mary Sept. 1936, Greta 1938; beide in Scarsdale, einem Vorort von New York City.
Nun laßt es Euch besser gehen in den nächsten 14 Jahren. Ich wünsche es allen von Herzen. Doch bitte laßt mich nicht weitere 14 Jahre auf das nächste Buch warten.
Es grüßt Euch alle herzlichst
Eure Annemarie Gerhart.
P.S. Es würde mich und meine Mutter unendlich freuen, wenn Ihr das Buch an sie senden würdet. Sie wird es lesen und prompt weiterschicken. Frau A. Lepel Rotbuchenstieg 7 Hamburg 39.
Hannover, d. 9. Mai 1953
Ihr Lieben nah und fern!
Vor 12 Jahren hatte ich das Buch zuletzt – welch lange Zeitspanne! Wieviele Ereignisse u. Schicksale bergen diese 12 Jahre in sich! Mit großem Interesse ließ ich all die Berichte an mir vorüberziehen. “Wir sind nochmal davongekommen” können wir alle sagen – bis auf Käthe. Aber jetzt, 1953, haben doch alle wieder Boden unter den Füßen. Und alle dürfen in West-Deutschland leben! Wieviel bedeutet das! Bekommt man Briefe aus der Ostzone, so weicht die Bedrückung tagelang nicht von einem. Und was man zu helfen versucht, bedeutet kaum einen Tropfen auf den heißen Stein! Mein letzter Bericht kam noch aus dem lieblichen Schwabenländle, aus Süddeutschland, wo es sich leichter leben läßt, wo man immer ein wenig wie in Ferien ist. Nach 4 schönen, inhaltsreichen Jahren nahmen wir Abschied, sehr ungern, u. leben nun schon wieder 3 Jahre in Hannover. Der wichtigste Pluspunkt hier ist unsere ganz wunderschöne geräumige Wohnung. Das Haus war Ruine u. ist wieder aufgebaut. So mußten wir in den ersten 2 Jahren allerhand Neubaukrankheiten in Kauf nehmen. Doch ist das jetzt vergessen u. wir freuen uns täglich über unser schönes Zuhause. Direkt gegenüber sind die Herrenhäuser Gärten, in denen wir oft spazieren gehen. Die Ruinen in der Nachbarschaft sind alle wieder aufgebaut. Mein Mann hat seine alte Tätigkeit, die ihn zu vielen Dienstreisen zwingt. Aus Gesundheitsgründen (Kreislaufstörungen) sollte er lieber ein ruhigeres Leben führen können. Die Kinder sind gesund u. munter u. kommen in der Schule u. auch sonst (z.B. Musikunterricht) gut voran, wofür wir gar nicht dankbar genug sein können. Unser Ältester, der heute gerade 17 geworden ist, ist Unterprimaner. Seinen Beruf wird er wohl mal auf Mathematik- u. Naturwissenschaftstudium aufbauen. Gottfried, der im Juni 12 wird, ist nach Quarta gekommen. Beide Jungen sind übrigens auf der selben Schule wie Carlas 4 Buben. In einer gemeinsam besuchten Elternratsversammlung trafen Carla u. ich uns zum ersten Mal in Hannover wieder, und jetzt freuen wir uns, wenn wir uns ehepaarweise von Zeit zu Zeit besuchen können. – Unser kleines Schwabenbüble Hans-Christian, 6 Jahre alt, ist soeben auf die Volksschule gekommen u. findet es vorläufig herrlich. Unserem kranken Kind geht es relativ befriedigend. In sachgemäßer Pflege fühlt er sich subjektiv wohl u. lernt auch dies u. das (z.B. hat er auch musikalische Begabung), aber er wird niemals gesund werden u. auch nie für sich selber sorgen können. Was die geldliche Seite betrifft, so ist es so, als hätten wir laufend einen Studenten – u. zwar 12 Monate lang. Das ist nicht einfach. – Nun steht der Sommer vor der Tür u. da werden eifrig Pläne geschmiedet. Schon das bereitet Freude. –
Das Buch ist jetzt 1 1/2 Monate bei mir. Wenn alle es auch etwa so lange behalten, sollte es in 1 1/2 Jahren wieder bei mir sein. Mal sehen!
Seid alle vielmals gegrüßt; alle guten Wünsche Euch samt Ehemännern u. Kindern!
Eure Gertrud Merzin.
Den 10. Mai 1953.
Ein kleiner Zwischengruß nach einem gemütlichen Beisammensein mit Käthe und Gertrud und ihrem Mann soll Euch sagen, daß bei uns noch alles unverändert weitergeht. –
Günther geb. 37. / 52. konfirmiert / 53. 10. Klasse
Knud ” 38. / 53. ” / 53. 9. ”
Rolf ” 40. / wird 54 ” / 53. 8. ”
Gerd ” 42. 53. 5. ”
4 Jungen auf dem humanistischen Kaiser Wilhelm Gymnasium in Hannover
Uta geb. 46 53. 2. Kl. Volksschule
Günther spielt Geige u. Bratsche, Knud spielt Klavier, Gerd spielt Cello.
An Berufe denken wir noch nicht.
Herzlichen Gruß
Carla Overlach.
Uelzen, d. 24.8.53
Immer sparsam, Freunde!
Ich habe zwar schon d. neue Klassenbuch (vor 3 Monaten von Carlchen mitbekommen) aber hier ist ja durchaus noch Platz für eine kleine Person von 1,54 Länge!!
Stelle fest, daß dies treue Buch sich im Laufe von 4 Jahren zu mir hergebummelt hat – Muschi, Deine angestrebten 1 1/2 Jahre für eine Runde!! Ich selbst habe aber auch gesündigt (von Mai bis August); wir werden eben alt u. können uns immer schwerer von diesem Geschriebe mit seinen vergangenen glücklichen Zeiten trennen! Mich hat es in proppenvollen Koffern die ganzen Ferien über begleitet.
Und diese letzten 4 Jahre? Sie waren verdammt nicht einfach! Sie haben uns die endgültige Gewißheit gebracht, daß wir keinen Vati mehr haben – 5 Jahre nach dem Zusammenbruch – in denen wir unsere ganze Kraft verwartet haben! –
Aber das Leben geht weiter, u. zwar eisern. 4 Jahre habe ich doppelte Arbeit geleistet, für eine pensionierte Kollegin mit, für die kein Ersatz kam, u. dabei festgestellt, daß Arbeit ein ganz gutes Betäubungsmittel ist – mehr aber auch nicht. Und im letzten Jahr … (Anm.: an dieser Stelle, dem Übergang zum Band 3 wurde ein Blatt im neuen Buch entfernt; es geht weiter mit dem Satzende) … mal meine Wenigkeit dazu!
Ich grüße Euch herzlichst u. schick das Buch mal eben zu Frau Lepel
Eure Käthe Klein.
Rundbrief – Band III
Hbg., 20.10.53.
Ihr Lieben alle!
Es ist erstaunlich, was für eine Lebenskraft doch so ein Gedanke hat! Vor 4 1/2 Jahren war dieses Buch das letzte Mal bei mir, ich habe nicht geglaubt, daß es noch mal herumkommen würde. Desto größer war die Freude, als es nun doch noch auftauchte.
Ich habe alles stehen u. liegen lassen u. mich gleich in das Buch vertieft. Einige von uns sind ganz schön herumgebeutelt vom Schicksal, aber ich glaube doch, daß es nun allmählich für alle ein geruhiges Fahrwasser wird. Es geht doch eigentlich niemandem schlecht u. wenn auch mancherlei Kümmernisse zu tragen sind, im allgemeinen läßt es sich doch leben.
Bei uns Timms hat sich eigentlich wenig verändert. Die Kinder werden groß u. die Mutti alt. (Papa auch!) Dieter ist ein langes Ende von 1.80 m u. hat schon 1/2 Jahr ausgelernt u. verdient schon ein schönes Stück Geld. Der Rüdiger ist auf der Oberschule u. will einmal das kaufmännische Abitur machen u. dann in die Fußstapfen seines Vaters treten. Der jüngste, Reinhard ist noch in der Grundschule. Seit 2 1/2 Jahren, Ostern 1951, geht Mutti auch wieder zur Schule. Und zwar bin ich in einer Hilfsschule angestellt als technische Lehrerin. Bei Erkrankungen muß ich jedoch oft eine Klasse voll übernehmen. Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich mich recht schnell wieder in den Schulbetrieb eingefunden. Ich gebe Hauswirtschaft, Handarbeit u. jeden Sport. Im Augenblick vertrete ich eine erkrankte Kollegin, 5. Klasse. Die Arbeit macht recht viel Spaß, die Kinder sind nicht so schwierig wie ich dachte u. es ist ein nettes Kollegium. Es hat viel geholfen, daß ich das Jahr im Erziehungsheim noch gut in der Erinnerung hatte. Im Hause habe ich eine sehr tüchtige Hilfe, eine 18 jährige frühere Schülerin. Ich brauche im Hause eigentlich gar nichts tun u. bin abends nur für Papi da. Nun haben wir uns unsere Wohnung recht nett gemacht u. sind ein paar Mal in den großen Ferien verreist an die Nordsee. Nächstes Jahr geht´s an die Ostsee. Ich freue mich schon jetzt darauf. Wie schön ist es, wenn man ein bißchen breiter u. behaglicher leben kann! Ich möchte meine Arbeit gar nicht mehr missen u. im Grunde merkt auch gar keiner, daß ich im Beruf bin, denn mittags bin ich mit den Kindern auch wieder zu Hause. Hoffentlich kann ich noch recht lange Jahre mitmachen.
So, das wär´s! Ich schicke das ganze Paket mit allem Inhalt, so wie ich es von Frau Lepel bekam, weiter an Gertrud Martens.
Gesegnete u. herzliche Grüße an alle,
Eure Dora Timm.
Den Grüßen meiner Frau schließe ich mich an. Ich lese gern und mit Interesse die Berichte dieser Bücher, auch wenn die Übersicht über die Berichterstatter fehlt. – Merkt man es meiner Frau an, daß sie “nur von der Hilfsschule” ist?
Karl Timm.
Bergedorf, 1954.
Meine Lieben!
Mit großem Interesse las ich von Freud und Leid Eures jeweiligen Schicksals. Auch ein wenig nachdenklich machte mich das buntgewürfelte Geschehen in Eurem Leben und es mutete mich geradezu wie eine Kreuzesschau (?- die Leiden jedes einzelnen betreffend?) an, bei der mir in Dankbarkeit die Erkenntnis kam, daß das Schicksal es doch eigentlich recht gut mit mir gemeint hat. Wir haben die Freude, daß unser Haus durch Freikauf wieder uns allein gehört. Für nächstes Jahr planen wir noch so allerhand handwerkliche Verschönerungsarbeiten, und dann hoffe ich, Euch auch mal bei mir empfangen zu können.
Wir leben sehr zurückgezogen und ganz unserer Gesundheit, denn mein Mann hat durch seinen anstrengenden Dienst als Fachlehrer und leidenschaftlicher Bücherwurm sich doch etwas zu viel zugemutet und dadurch eine störende Nervenschwäche zu bekämpfen. Aber da wir uns einen Volkswagen geleistet haben, sind wir ja jederzeit in der Lage, die Enge des Hauses mit der Weite und ewig schönen Natur zu vertauschen, und somit Gelegenheit, seine Neurose abzureagieren.
Und nun darf ich noch ein klein wenig ganz persönlich sprechen – neben meiner hausfraulichen Tätigkeit habe ich mich auch mit der Gesangeskunst befaßt. – Außerdem gilt mein Interesse der Geschichte des Altertums. Im übrigen zeichne ich Euch in Ermanglung eines Photos mein Bild. Trage immer noch Knoten und Mittelscheitel und mache infolge meines soliden ruhigen Lebenswandels einen frischen u. gesunden Eindruck.
Ich bin mit den allerherzlichsten Grüßen an Euch alle
Eure Gertrud Martens.
P.S.
Da das Buch noch bei mir ist, möchte ich eine Nacheintragung machen. Der VW ist wieder verkauft. Denn es hat sich herausgestellt, daß das Fahren am Steuer anstrengend ist und keine Erholung. Der Autoverkehr hat derart zugenommen, daß man ihm nach Möglichkeit weit aus dem Wege geht. Schöne Spaziergänge sind doch das Richtigste.
Seid nochmals herzlich gegrüßt
von Eurer Gertrud.
Den 15.I.1955.
Lüneburg – Klassentag.
Ich bringe den Rundbrief mit, obwohl ich ihn eigentlich vorher an Annemarie hätte schicken müssen. Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich bin noch Kindermutter und habe vollauf zu tun, die Bedürfnisse unsres Haushaltes zu erfüllen. Die Jungen machen in der Schule keine Schwierigkeiten. Gestern war große Schulfeier. Günther spielte im Orchester Bratsche; er hat viel Freude an seiner musikalischen Betätigung und ist jetzt Obmann der evang. Jungenschaft unserer Kirchengemeinde geworden. Uta geht nicht so gern in die Schule, sie ist am liebsten draußen. – Wir vermissen in Hannover die frische Luft; es bleibt den Kindern kaum eine Stunde Zeit. So gleichen wir den Mangel aus an den Sonntagen und in den Ferien. Im vergangenen Sommer waren mein Mann und ich mit den 3 Großen im Schwarzwald auf der akadem. Skihütte Karlsruhe. Das war eine herrliche Zeit. Im vergangenen Winter waren wir mit allen 5 Kindern im Harz im Anschluß an Weihnachten 3 Wochen. Unser Günther braucht noch 2 Jahre bis zum Abitur, solange sind wir mit Berufssorgen noch nicht geplagt. –
Caral Overlach, Hannover, Mendelssohnstr.31
Uelzen, 6.8.55.
Wir sitzen hier bei Käthe schnatternd zusammen u. trinken Wein.
Dora Timm Else Böttcher
Grete Schulze Helga Gerhard
Käthe Klein Annemarie Gerhart
Hilde Schulze Elfriede Carl
Carla Overlach
und als Nachzügler am 7.8. Gertrud Merzin
Klassentag 6./7. Juni 1959
Am Sonnabend den 6. Juni trafen wir uns leider nicht alle bei Dora, deren nettes Haus wir bewundern konnten. – Der vorgesehene Spaziergang mußte wegen Regen etwas abgekürzt werden. Dora gebührt herzlichster Dank. –
Sonntag vormittag wurden die Lüneburger und Else von uns Hamburgern am Bahnhof in Empfang genommen. Wir wollten uns Hamburg beim Wiederaufbau ansehen: Neue Verkehrswege, neue Stadtviertel, ein Blick von der DJH (Deutsche Jugend Herberge) auf die Elbe und den Hafen, ein Weg am Michel vorbei durch die Holstenwallanlagen bis Planten und Bloomen geben einen schönen Eindruck. – Es folgte gemeinsames Mittagessen mit anschließendem Bummel durch die Blumenpracht von Planten + Bloomen. –
Um 16 Uhr war Kaffeetrinken bei mir, zu dem auch Fräulein Buesche und Fräulein Dudy zu unserer großen Freude erschienen.
Anwesend waren: Elfriedchen, Gertrud Martens, Gertrud Merzin, Carla, Helga, Hilde, Grete, Else, Dora.
Käthe u. Annemarie fehlten.
Hamburg Rissen, den 25.6.59.
Meine lieben Ehemaligen,
das war ja eine freudige Überraschung als mich Frau Carla Overlach anrief und besuchte. In angeregter Unterhaltung stand dann wieder die Zeit vor mir, in der wir uns gemeinsam um Ihre Ausbildung bemühten, und Ihre Namen und Gesichter waren mir wieder völlig vertraut. Mit herzlicher Anteilnahme habe ich die Berichte Ihrer Schicksale gelesen, mich aber aufrichtig gefreut, wie tapfer Sie alle Ihr Schicksal getragen und sich wieder bejahend dem Leben zugewandt haben.
Auch ich habe während des Krieges alles verloren und habe dann 10 Jahre mit meiner Mutter und meiner Nichte in Blankenese in einem, allerdings sehr hübschen Zimmer gelebt. Dann hatte ich´s geschafft. Ich habe mir mit Hilfe einer Bausparkasse ein kleines Haus in Rissen gebaut, umgeben von einem sehr schönen Waldgarten mit vielen und teils seltenen Blumen, diese, ein Kätzchen und viel und langer Besuch von Großneffen und Nichten und mehreren großen und kleinen Pflegekindern sorgen für Beschäftigung, Abwechslung und Unterhaltung. Vor 4 Jahren habe ich eine herrliche Reise nach Caracas, Venezuela gemacht, wohin mich mein Neffe und Pflegesohn eingeladen hatte. Hin- wie Rückreise habe ich auf je einem Frachter gemacht, auch einen heftigen Sturm erlebt, fliegende Fische, die über Bord gespült wurden, als Geburtstagsbraten vorgesetzt bekommen, nebst einem herrlichen Gladiolen- und Nelkenstrauß, durch die Fleurop-Haiti bestellt.
Der 6 monatige Aufenthalt in Caracas hat mir großartige Eindrücke einer subtropischen Landschaft und der Mentalität der Südamerikaner vermittelt. Einige hundert Farbdias halten die Erinnerung wach. Wieviel konnte man erzählen von der absolut modernen Stadt Caracas, der Fülle der blühenden Sträucher und Bäume, die fast das ganze Jahr in Blüte stehen und von einer unglaublichen Leuchtkraft, aber ohne Duft sind. Von den großartigen Gebirgszügen und 1000 m tiefen Gebirgstälern und Schluchten, dem Urwald, der z.T. als Naturschutzgebiet erklärt ist, und in dessen Dämmerlicht die sonderbarsten Blüten sich entwickeln, leuchtend rot, lederhart und riesengroß, wo Schmetterlinge mit glasklaren Flügeln herumfliegen, und die Lianen wie Schlangen von den Baumriesen herunterhängen. Und wieder sehe ich die großen Marktplätze in den Hafenorten von Honduras, Cuba, Haiti, wo alles auf der Erde ausgebreitet liegt, neben angebundenen Schildkröten sich Türme von Hüten auftürmen und 1000-e von Fliegen die Lebensmittel umschwirren und wo man manche Markthalle nur mit zugehaltener Nase und eiligen Schritts durcheilen kann, wo ich Indianerfrauen mit kindskopfgroßen schwarzen, roten, grünen Wollpompons auf ihren Sandalen sah, und diese Indianer nachher in ganz buntbemalten, großen Autos nach Hause fuhren. Wieviel nette Menschen habe ich auch kennengelernt, mit denen ich noch in Verbindung stehe und einige auch wiedergesehen habe.
So kann ich nun sagen, daß nach vielem Schweren, das der Krieg für mich und meine Angehörigen gebracht hat, mein Leben nun wieder einen Ausgleich geschaffen hat und ich froh und zufrieden bin.
Gertrud Rudtke.
Hamburg-Wandsbek,
den 5.VII.1959
Wie sehr habe ich mich gefreut, als ich zum Klassentreffen im Juni durch Frau Overlach eingeladen wurde. 33 Jahre hatte ich niemand gesehen und das Wiedererkennen war nicht ganz leicht für mich, aber trotzdem war die alte Kameradschaftlichkeit bald da. Viele Erinnerungen wurden aufgefrischt, besonders dachten wir an die Klassenreisen die wir unternommen hatten. Es war damals in der alten Brennerstr. doch eine schöne unbeschwerte Zeit. Wie Frau Rudtke schon schrieb, haben wir wohl alle fast das gleiche Schicksal gehabt mit Ausbombung usw. Jede hat sich ein neues “Heim” schaffen müssen. – Am 1 Juli habe ich meine Schulzeit beendet, aber endgültig werde ich erst am 1. Oktober in den Ruhestand treten, da ich noch eine Klasse durch die Prüfung schleusen werde.
Ich freue mich auf die Ruhezeit, aber zu tun wird es immer genug geben und Langeweile hat man bestimmt nicht. – Eine Freundin, mit der ich schon 25 Jahre zusammen lebe, hat mich in den letzten Jahren ganz betreut (Hausarbeit, Kochen usw.). Diese Arbeiten werde ich dann mit Freuden übernehmen.
Hoffentlich werden wir weiter in Verbindung bleiben. Mit Grüßen an alle
Ihre Carla Dudy.
Hamburg, 8.VII.59.
Meine lieben ersten F I Schülerinnen!
Beginn der Sommerferien! Wie immer zu diesem Zeitpunkt bin ich erfüllt von Plänen und Vorfreude, allerdings ist diesmal auch etwas Wehmut dabei – denn es sind die letzten Sommerferien, die ich erleben kann, mit Ende des Jahres steht das Erreichen der Altersgrenze in Aussicht! Ja, so weit ist es, ich kann es selbst noch nicht fassen, aber die Zeit läßt sich ja nicht festhalten! Und vor 35 Jahren waren Sie meine erste Frauenschulklasse, daher sind Sie mir wie keine andere in Erinnerung geblieben. Nun werden Sie wohl so recht verstehen, wie ich mich über das Wiedersehen gefreut habe, und wie es mir wohlgetan hat zu erfahren, daß auch Sie mich nicht vergessen haben. Ich hatte ja vor Jahren die Freude, die beiden Schwestern Schulze und Frau Klein wieder zu sehen. Bei der Gelegenheit hörte ich dann schon etwas über das Schicksal von mehreren aus Ihrem Kreise – damals standen wir alle noch unter dem Eindruck all des Schweren, was hinter uns lag. Ein Segen, daß inzwischen manche Wunden vernarbt sind – wenn sie damit allerdings doch nie verschwinden. Aber “des Menschen Engel ist die Zeit”. Jedenfalls zeigten Sie sich neulich von einer so frohen Seite, daß ich den Eindruck haben konnte, Sie haben das Leben gemeistert.
Es war zu schade, daß Gertrud Lorentzen nicht dabei sein konnte. Uns verbindet seit Jahren eine Freundschaft, die ich in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in schönster Weise erfahren habe. Seit ich meinen Vater 1945 verlor – meine Mutter starb ja schon, als Sie meine Schülerinnen waren – verlebe ich den Heiligabend bei Gertrud Lorentzen, zusammen mit ihren Geschwistern und Freundinnen. Es ist mir zu einer lieben Tradition geworden.
Wenn ich die vergangenen Jahre an mir vorüberziehen lasse, so sehe ich neben all dem Schweren, das die vergangene Zeit ja jedem mehr oder weniger gebracht hat, doch auch all das Schöne vor mir, wie die Hilfsbereitschaft, die ich von so vielen Seiten erfahren habe, wie das erste Wiedersehen mit meinem Bruder, der mit seiner Frau das Kriegsende in Berlin erlebte. Ich ging über die “grüne Grenze” – und schließlich konnte ich vor ihm stehen. Wenn ich all jene Zeiten zurückdenke, kommt mir so recht zu Bewußtsein, daß es nicht die äußeren Verhältnisse sind, die das Leben wert machen, sondern daß man sich bemüht, aus jeder Lebenslage noch etwas Gutes herauszufinden – und ich meine, daß das bei einem Rückblick oft erst ganz in Erscheinung tritt. Ich bemühe mich, mein Leben auf diese Weise zu betrachten, und ich bin dem Schicksal dankbar, daß ich so froh und zufrieden geblieben bin.
Reisen war von jeher meine Leidenschaft – diese Leidenschaft hat mich viel Schönes sehen und erleben lassen. Vor einem Jahre war ich 2 Wochen auf Island, es waren wunderbare Tage. In den nächsten Tagen soll es wieder nach dem Norden gehen.
Es würde mich sehr freuen, wenn die Verbindung, die Frau Overlach angeknüpft hat, fortbestehen würde. Mit herzlichen Wünschen allerseits für weiteres gutes Ergehen und mit allerseits herzlichen Grüßen
Ihre Anni Buesche.
Ich füge eine Aufnahme von mir bei; sie wurde vor einem Jahr in Badenweiler gemacht – nach Island war ich dort.
Hannover, 28.August 1959
Meine Lieben!
Nach Jahren des Ruhens hat dieser Klassenrundbrief nun eine neue Runde in diesem Sommer aus Anlaß des wohlgelungenen, schönen Treffens bei Carla begonnen. Möge sie sich nicht zu sehr in die Länge ziehen! Es war zu hübsch, sich nach Jahren mal wieder zu sehen! Besonders bereichert wurde unser Zusammensein in Carlas schöner neuer Wohnung durch das Dabeisein von Frau Dudy und Frau Buesche. Viel wurde in Erinnerungen geschwelgt. Viel wurde von den Kindern erzählt, die z.T. gerade im Begriff waren, sich zu verheiraten! (bei Helga u. Annemarie). Doch ich will nicht vorgreifen, jede möge von ihrer Familie selbst erzählen. Bitte legt auch Fotos bei, es ist dann soviel anschaulicher. Ich mache gleich den Anfang damit und füge ein Bild bei von unseren vorjährigen Sommerferien, die wir gemeinsam verleben konnten – wenigstens eine Woche davon. Je älter die Kinder werden, desto seltener ist die Familie vollzählig. Dieses Jahr haben wir Eltern Kur gemacht in Gastein zum Vertreiben rheumatischer Beschwerden und zur allgemeinen Auffrischung. Die beiden Schuljungen waren an der Nordsee. Günter hat im Februar sein Referendarexamen gemacht; danach eine kleine Ausspannpause gemacht. Sodann hat er seine Doktorarbeit in Gang gebracht und am 1. Juli mit der Referendarausbildung begonnen (alles in Göttingen). Wir wohnen noch in der selben Wohnung in Hannover – nun schon 9 Jahre, so lange waren wir noch in keiner anderen Wohnung. Wir sind sehr gern hier.
Seid alle vielmals gegrüßt von
Eurer Gertrud (Muschi).
Lüneburg, den 17.9.1959.
Meine Lieben!
Vor einigen Wochen haben wir uns gesehen und voneinander gehört. Von Grete und mir ist daher nicht viel zu berichten. – So wie uns am Klassentag das Dabeisein von Fräulein Dudy und Fräulein Buesche besonders erfreute, so hatten wir auch jetzt Freude an deren und Frau Rudtkes Berichten. Euch nachfolgenden Briefempfängern werden beim Lesen auch die so lange zurückliegende Zeit der Brennerstr. und das Bild unserer Lehrerinnen, denen wir einen freudreichen Ruhestand wünschen, lebendig werden.
Mit meinem heutigen Gruß wende ich mich besonders an Dich, liebe Annemarie. Hoffentlich kommt er noch zu Deinem Geburtstag zurecht, zu dem ich Dir herzliche Wünsche schicke. Wir nehmen herzlichen Anteil an Deinem und Deiner Töchter Ergehen und wünschen Dir auch für den neuen Lebensabschnitt Deiner Ältesten alles Gute.
Mit herzlichen Grüßen an alle
Eure Hilde Schulze
und Grete Schulze.
Scarsdale, den 25. Oct. 1959
Ihr Lieben alle.
Wie freute ich mich als ich das Brief-Päckchen im Briefkasten fand. Habt Dank, daß Ihr an mich dachtet. Gar zu gern wäre ich wieder bei Eurem, unserem Klassentag gewesen, doch konnte ich in diesem Jahre absolut (2 Wochen vor Mary´s Hochzeit) nicht kommen. Im letzten Herbst hatte ich Pläne für Margreta und mich und Deutschland gehabt. Doch das Geld wurde zu anderen Zwecken – sehr glücklichen Zwecken verbraucht. Nun muß ich wieder sparen und hoffe Euch rechtzeitig Bescheid zu schreiben, wenn ich komme. Den nächsten Klassentag möchte ich nicht versäumen!!
Wie Ihr ja alle wißt hat meine Mary im letzten Juni geheiratet. Sie ist sehr glücklich – wie es sich gehört – und Margreta und ich auch. Wir sind beinahe so verliebt in Larry (Kosename für Lawrence) wie Mary. Er ist ein feiner, intelligenter junger Mann, 23 J mit Humor und Spitzbuben-Lachen. Er ist Oberlehrer-Geschichte-Geographie. Mary u. L. wohnen etwa 2 Std Autofahrt von hier. Es ist also sehr leicht zu ihnen zu kommen, oder zu telephonieren. Sie haben eine hübsche kleine Wohnung, die Mary – meine wissenschaftliche Mary – wie ein Schmuckkästchen hält. Und kochen kann sie plötzlich auch gut!! Ja, wie die Liebe ein junges Mädchen ändert. Es ist sehr hübsch zu beobachten. Neben den neuen Haushaltungsarbeiten und Kochen hat Mary eine mediz. Laboranten Stellung in einem Hospital und geht 2x die Woche abends zur Universität, um Chemie Lab zu haben. Sie will im Mai-Juni ein weiteres Examen ablegen als Mediz. Lab-Assistentin. Sie kann die Wissenschaft noch nicht ganz lassen. Nein, ich muß wahrheitsgemäß berichten. Mary + Larry wollen im nächsten Schuljahr- Universitätsjahr wieder zur Uni zurück, damit Larry seinen amer. Dr. phil machen kann. Der amer. Dr. ist schwerer als der deutsche, ist beinahe ein Dr. habil. Es dauert 3 – 5 Jahre; je nachdem man eine Teilarbeit als Tutor an der Uni hat oder nicht. So, Marys gegenwärtige Arbeit hat einen Grund. Sie wird mit Larry arbeiten, bis er seinen Dr. hat. Mit dem Dr. kann er Voll-Professor an einer Uni werden. Das ist Larrys Ziel, ohne Dr. bleibt er Oberlehrer-Gymnasiallehrer. So, das sind die Pläne des jungen Paares. Mal sehen, was daraus wird. Kinder sind auch eingerechnet. Ja, wenn man jung ist, kann man alles was man will. –
Meine Margreta hat auch große Ideen. Sie ist in San Francisco, etwa 5000 km von hier.
New York, den Osten kannte sie. Sie wollte Neues sehen. Im August machte sie ihr College Abschlußexamen und ist somit mit ihrer Ausbildung fertig. (Wenn die Jugend mehr Ausbildung haben will, muß sie es selbst erarbeiten, ist die amer. Idee.) So arbeitet Margreta augenblicklich im Geschäft und hofft im Herbst 1960 auch wieder auf die Universität zu gehen, um eventuell dort engl. und klassisch. Literatur zu unterrichten. Auch diese Pläne können über einen Haufen geworfen werden. Margreta ist 21 J. Mary 23 J.
Meine jetztweiligen Pläne sind ungeheuer sparsam zu sein, sodaß ich im Sommer mehrere Wochen auf der Landstraße verbringen kann. Ich kenne den Osten und Mittelwesten gut. Den Westen mit den Rocky Mountains, Geysiren, amer. Wüste, Indianer-Land nur vom Lesen. Nun möchte ich ihn (den Westen) im Sommer kennen lernen und schließlich in San Francisco bei Margreta anlangen. – Und dann wird für die Europareise gespart.
Womit ich meine Zeit verbringe? Ich lerne Maschineschreiben, “Speedreading”. Interessant ist das Atstere (?). Eine neue Art zu lesen, für Artikel, Fachschriften. Von einer Schnelligkeit von 200 Worten/Minute soll man zu 800/min kommen. Ich hoffe, daß dies mir gelingt. Ich habe außerdem meine Volontärarbeit für die Kirche und bin Programmleiter des Adult Forum. Jeden Sonntagmorgen hält ein anderer einen Vortrag über Religion und Erziehung. Sehr interessant und zeitnehmend, da ich die Bücher vorher lesen muß und die Diskussion wach halten muß. – Oh, ich unterrichte als Aushilfe ab und an.
Mary´s Hochzeit war sehr hübsch. Sie wurde in einer sehr modernen Kirche getraut. Sehr schlicht und streng. Hinterher war ein Empfang im Garten. Viele Freunde waren dort. Das Wetter war herrlich, Sonne, leichter Wind und nicht zu heiß. Ein Tag wie er nicht schöner sein konnte. Er wurde uns dadurch getrübt, daß Francis nicht dabei sein konnte. Er wäre so stolz auf seine Mary und seinen neuen Sohn gewesen.
Im August war ich im Süden in Virginia. Larrys Eltern leben dort. Larrys Vater ist Architekt und unter seiner Führung wurde eine ganze Kleinstadt im authentischen Stil des 18. Jahrhunderts aufgebaut. Williamsburg, Virginia ist die erste Siedlung der Amerikaner, als sie noch unter der Oberhoheit der engl. Krone standen. Mehrere der Häuser standen noch, viele waren angebaut, umgebaut, verfallen. Rockefeller gab Geld, um das Städtchen wieder im Original aufzubauen. So wurden Steine abgetragen, der Zement analysiert, die Backsteine analysiert und dann neue in der Technik des 18. Jahrh. hergestellt. Der Grund um die Häuser wurde ausgegraben, um festzustellen, was für Geschirr, Glass, Werkzeuge benutzt wurden. 10, 15, 20 m tief fanden sie Teile. Und von den Ausgrabungen wurden die Häuser konstruiert. Jetzt sind sie Schmuckkästchen und natürlich eine Attraktion für Touristen. Führerinnen sind in Trachten des 18. Jahrhunderts mit Stoffen, die auf 18.Jh. Webstühlen gewebt und bedruckt wurden. Eine Sehenswürdigkeit. Ich hatte Williamsburg natürlich schon vorher gesehen, doch nun unter der Führung von Lawrence Kocher Sr war es ein Hochgenuß. Die Restaurants kochen nur 18.Jh. Gerichte, die Kellner sind in Kostümen. Es könnte zu viel sein, wenn man dort jahraus jahrein leben muß – wie die Kochers – doch als Besuch-Tourist war es charmant.
Wie gewöhnlich ist mein Schrieb der längste – Laßt mich nur sagen, daß ich mich besonders über die Eintragungen von unseren “Ehemaligen” freute. Alles Gute. Allen, allen, allen.
Bitte sendet dies Buch an Gertrud Lorentzen, nachdem alle eingeschrieben haben, und an Elfriede Seegers. Was ist aus Irmgard v. Hasselstein geworden?
In frohem Gedenken
Eure Annemarie Gerhart.
Annemarie schickte mir das Heft, denn sie weiß welch Interesse ich an Ihnen Allen und Ihrem Leben nehme. Beim Lesen kommt mir die Erinnerung an die 12 lebensfrohen jungen Mädchen von damals. Ich wünsche Ihnen Allen alles Beste für die Zukunft.
Dies Buch wandert weiter zu Frau Helga Gerhard.
Alwine Lepel
8.11.59
Hamburg, 15.2.60
Meine Lieben;
und jetzt bin ich dran, – mit großer Verspätung; bitte nicht böse sein. Aber in der Zeit, wo unser Klassenbrief bei mir war, haben sich Dinge ereignet, die Zeit und Kräfte forderten. Meine verehrte Mutter, – sie lebte 29 Jahre bei mir, – verlor ich noch im alten Jahr am 30. Dez. Trotz ihres Nervenleidens wurde sie 84 Jahre. Das plötzliche Alleinsein ist nicht ganz einfach; aber ich werde ihn schon schaffen, den “tiefen Erschöpfungszustand” (= Feststellung des Arztes); mir blüht ja eine mehrwöchige Kur/Luftveränderung. In allen Jahren bin ich ja nie dazu gekommen, – mir fehlte die Vertretung; – So, und jetzt zu schöneren Dingen. Mein Junge macht mir viel Freude. Mit großer Energie schafft er seinen harten Beruf. Im Jahre 59 besuchte er schon in Elsfleeth/Weser (wo er auch sein A5 machte) die Schifferschule, um sein Kapitänspatent A6 zu erreichen. Er bestand es mit “gut” im November. Wie haben wir uns gefreut. Schon nach kurzer Zeit wurde er von seiner Reederei angefordert und mußte nach drüben, um als I. Offizier sein Schiff zu besetzen. Schwiegertöchting + ich hörten schon von ihm; er ist mit Begeisterung dabei. Ein Wiedersehen liegt in weiter Ferne; – es ist nur gut, daß Töchting Helma – ebenso wie ich – auch durch Generationen hindurch mit der harten Seefahrt verbunden ist. Ihr Heim haben die Kinder im Elternhaus von Helma / Elsfleeth, – es sind liebe Menschen. – Hier in Hamburg bin ich beinahe täglich mit Bruder + Schwägerin zusammen; wir wohnen nur 10 min voneinander. Es sind prachtvolle Kameraden. Morgen werde ich nun dieses Buch zu Carla bringen. Sie wollte es weiterschicken. Wir haben uns schon des öfteren gesehen und freuen uns dann immer wieder. Lachen ist eine herrliche Beschäftigung – ich hab´ es noch nicht verlernt und Ihr, meine Lieben, hoffentlich auch nicht?! (Ein Bild kann ich leider nicht beifügen; nur von meinem Sprößling (= 1,82 m) wäre es möglich.
Herzlichst
Eure Helga G.
24.3.60.
Schönen guten Tag alle miteinander!
Von Helga gelangte das Buch über Carla zu mir u. so will ich Euch ein wenig berichten, was alles in meinem geruhigen Leben passierte. – Seit meinem letzten Bericht von 1953 hat sich doch einiges ereignet, was vielleicht das Aufzählen wert ist.
Unsere Reisen an die Nordsee waren herrlich, noch heute denke ich daran als an etwas Wunderschönes, Leuchtendes zurück. Ich liebe die See über alles, u. wenn wir auch in den späteren Jahren weiter südlich unsere Erholung gesucht haben, so bleibt das große Wasser doch das Schönste.
Wenn ich die letzten Jahre zurückschauend betrachte, so muß ich sagen, sie haben uns nach oben getragen u. wir sind dankbar, daß wir sie in Gesundheit erleben durften. 1955 konnten wir uns einen Wagen leisten, den wir noch heute haben, u. 1956 konnten wir in unser neues Häuschen umziehen, was wir jetzt noch bewohnen. Wir fühlen uns recht wohl hier u. haben es uns mit viel Liebe eingerichtet, einige von Euch haben es ja am letzten Klassentag gesehen. Carla u. ich sind ein bißchen näher aneinander gerückt, nicht nur dadurch, daß Carla nach Hbg gezogen ist. Seit Januar (1960) haben wir mit noch zwei bekannten Damen einen Bridgeclub, der mir sehr viel Spaß macht u. ich hoffe, Carla auch. Die Arbeit in der Schule geht nach wie vor weiter, die Schwierigkeiten bleiben die selben, weil wir immer noch keine eigene Schule besitzen. Es soll zwar jetzt im Sommer angefangen werden zu bauen, aber ich bin von Natur aus skeptisch u. glaube es nicht eher, bis ich es sehe. Jetzt ab Ostern soll ich eine eigene 6. Klasse übernehmen mit 32 Schülern, ich bin gespannt darauf u. freue mich. Es wird ja sicher einige Nervenarbeit kosten, aber das macht nichts, Spaß macht`s doch. Mein Mann arbeitet noch immer in derselben Firma u. unsere Jungens sind groß u. kräftig geworden. Dieter ist seit langen Jahren als Dekorateur u. Tapezier tätig u. hat absolut sein Auskommen, Rüdiger hat im Oktober seine Lehre als Fernmeldemonteur beendet, er will Funker werden. Reinhard hat jetzt Ostern das zweite Jahr seiner Lehre als Tischler beendet; er ist also nächsten Ostern fertig. Was er dann weiter tun will, steht noch nicht so ganz fest. Aber alle drei sind große kräftige Kerls geworden u. sind recht brav u. ordentlich u. solide. Gottseidank, wir haben uns ja auch alle Mühe mit ihnen gegeben.
Im allgemeinen warte ich jetzt sehnsüchtig auf Frühling u. Wärme, die letzten Tage war es ja schon ganz zufriedenstellend.
So nun ist alles berichtet u. das Buch geht weiter an Carla. Am Dienstag sehen wir uns beim Bridge. – Leider kann ich keine Bilder einlegen, will es aber bestimmt nachholen. – Wann ist der nächste Kl.Tag?
Mit den allerherzlichsten Grüßen
Eure Dora T.
Lüneburg, 11.6.60.
Ihr Lieben alle!
Vorgestern haben wir viel von Euch allen gesprochen, denn wir hatten fast einen kleinen Klassentag: Hilde, Grete und Käthe waren bei mir und erzählten, daß Annemarie in Sicht sei! Wär das schön, dann wird ja bestimmt wieder ein Treffen steigen! – Von mir ist nichts Neues weiter zu berichten. Ich bin nach wie vor mit 16 Handarbeitsstunden wöchentlich an der Wilhelm-Raabe-Schule, meiner alten Penne, tätig. Die Arbeit dort macht mir Freude, und ich schaffe sie auch ganz gut neben dem Haushalt, der ja auch gemacht sein will. – Unser Hansjürgen ist auch ein großer, kräftiger Junge und hofft, Ostern sein Abitur zu machen. –
Morgen haben wir etwas sehr Schönes vor: meine ganze Familie ist zu Else nach Soltau eingeladen zum Spargelessen! Herrlich! Das Buch nehme ich mit.
Bis zum nächsten Wiedersehen recht herzliche Grüße von
Eurer Elfriede C.
Soltau, 23.6.60.
Ihr Lieben alle!
Ist das schön, daß das Buch wieder aufgelebt ist! Und noch schöner, daß wir im vergangenen Jahr alles so aufgefrischt haben und nun schon wieder die Aussicht haben, uns mit Annemarie zu treffen! Man muß die Feste alle mitnehmen. Der lange fröhliche Bericht von Annemarie interessierte mich diesmal am meisten und die dazugelegten Bilder sind ja reizend! Von Muschi sind wir ja schon immer mit so netten Bildern verwöhnt! Und Carla müssen wir wohl besonders danken, daß sie in Hamburg wieder Verbindung aufgenommen hat mit Fräulein Buesche und Dudy. So hören wir doch auch darüber so nett. – Die meisten von Euch werden inzwischen längst wissen, daß ich – wir hier in Soltau nun ganz fest Fuß gefaßt haben und seit 4 Jahren im eigenen Haus wohnen. Wir fanden einen herrlich ruhigen Bauplatz ganz am Rande unserer kleinen Stadt mit doch nahem Weg zum Mittelpunkt! Wind und Sonne haben wir zwar wohl noch einige Jahre aus erster Hand, aber unsere Bäume und Büsche tun ihr Bestes! Damals als Annemarie hier war, hat sie unsere Baugrube besichtigt! Inzwischen ist auch unser Großer – Ulrich – mit der Schule fertig geworden, hat seinen Wehrdienst abgeleistet und hat nun seit Ostern in Tübingen mit dem Studium begonnen. Er will Philologe werden. Geschichte ist bestimmt gewählt, das andere wird noch ausprobiert – lassen wir uns überraschen! Unser 2. Sohn Hartwig ist in Klasse 10 und faulenzt sich augenblicklich so recht und schlecht durch die Sommerwochen dahin! Das ist ja ein Alter! Aber der Ernst des Lebens kommt ja so und so schnell genug! Jedenfalls machen sie uns keine Sorgen, und wir haben uns, wie Dora so niedlich schreibt, ja auch viel Mühe mit ihnen gegeben. Das andere müssen sie dann allein in die Hand nehmen. Und wenn ich so Eure Berichte alle verfolge, so können wir wohl alle mehr oder weniger dankbar sein mit unserem Geschick! Helga hat so viel Freude an ihrem so großen Sohn! Da wird der Schmerz um Deine Mutter allmählich etwas verblassen und Deine alte frohe Natur wieder durchkommen, ja? Und im Laufe seines Lebens hat wohl jeder von uns des Öfteren mal was zu schlucken. Die Hauptsache, wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir wollen uns doch noch öfter mal so vergnügt und “jung” treffen wie bisher, ja? Darauf freut sich mit den herzlichsten Grüßen an Euch alle mit Kindern und Männern usw.
Eure Else Böttcher.
(Bilder sind natürlich wieder keine geeigneten da, ich werde aber ernsthaft dafür sorgen und beim nächsten Mal alles nachholen!!)
Hamburg, den 22.8.60
Liebe Klasse!
das Buch zurückblätternd sehe ich, das mein letzter Bericht von mir und meiner Familie von 1955 stammt. Mit den meisten aus der Klasse stehe ich persönlich in Verbindung und so sind auch die Veränderungen bei uns bekannt; aber ich will der Ordnung halber und für später noch einiges in dies Buch schreiben.
Im Herbst 1958 fanden wir nach 2 1/2 jährigem Suchen in Hamburg eine für uns passende Wohnung in der Jordanstraße 53. Die Zeit vorher war recht unruhig für uns, weil mein Mann schon laufend in Hamburg zu tun hatte. Ich führte eine sogenannte Wochenendehe. 1957 machte Günther Abitur, ging zu seinem Vater nach Hamburg und studiert seitdem Theologie; Ostern 1959 ging er nach Heidelberg und im August 60 ging er nach England, zunächst, um die Sprache gründlich zu lernen und ab 1.10. für 1 Jahr an die Divinity Students Residence, The Mount, in Edinbourgh mit einem Sonderauftrag. 1958 machte Knud das Abitur; er ging 1 Jahr zum Militär (Pioniere), ging als Fahnenjunker ab, nach 1/2 Jahr Praktikum studiert er seit Herbst 1959 in Karlsruhe Maschinenbau.
1959 machte Rolf, nunmehr fern von der Familie, noch in Hannover das Abitur, ging auch zum Militär (Infanterie). Er hatte leider sehr viel Pech in dem Jahr. Nach einer langwierigen Knieoperation mußte er beim Militär ausscheiden und studiert seit Dezember 1959 Jura in Hamburg. Mit uns nach Hamburg kamen Herbst 58 Uta und Gerd. Beide hatten es nach der Umschulung recht schwer, vor allem Uta; sie ist sehr jung für ihre Klasse, dazu kam der angefangene Konfirmandenunterricht. Inzwischen ist sie 14 Jahre geworden. Ostern 1960 konfirmiert. Die beiden kleinen, wie ich hin und wieder noch sage, was mir aber von Gerd mit 1,93 m Größe sehr übel genommen wird, haben sich gemeinsam Hamburg erobert. Der Abschied von Hannover war uns allen sehr schwer geworden. Allmählich werden wir zu Hamburgern. Für meinen Mann war die Übersiedlung leichter, weil sein Arbeitsfeld teilweise schon seit 1938 Hamburg war. Er hatte zunächst durch die neue Arbeit eine große Mehrbelastung; aber jetzt nach zwei Jahren läuft sich auch bei ihm alles zurecht und wir sind jetzt hier sehr glücklich.
Uta ist im Lerchenfeld-Gymnasium 9. Kl. Es ist Annemaries und Gertrud Lorentzens alte Schule, wir durften mit ihnen das große Jubiläum der Schule in diesem Sommer feiern. Gerd ist in der 12. Klasse des Johanneums.
Ich bin noch immer Hausfrau und Kindermutter.
Eure Carla.
Hamburg, den 30.8.60.
Klassentreffen 1960 in Hamburg.
anwesend waren:
Annemarie Gerhart, Helga Gerhard, Gertrud Lorentzen, Dora Timm, Gertrud Martens, Gertrud Merzin, Else Böttcher, Hilde und Grete Schulze, Elfriedchen Carl. Käthe Klein u. Carla Overlach.
Zwischen 1/2 10 und 10 Uhr trafen wir uns am Hamburger Hauptbahnhof, ließen uns durch den Regen nicht stören und zogen in Gruppen zum Eingang des Messegelände, wo Gertrud Lorentzen uns mit Fräulein Buesche zu unserer freudigen Überraschung erwartete. Gertrud als amtliche Person auf dem Gelände der “Lefa” Lebensmittelfachausstellung bekannt, wollte uns führen. Gertrud verdanken wir nicht nur den freien Eintritt, sondern köstliche Stunden mit Proben und einem Einblick in die Arbeit unserer Lebensmittelversorgung durch den ausländischen und inländischen Einzelhandel. – Fröhlich, aber etwas ermüdet landeten wir auf den Seeterrassen in Planten und Bloomen zu gemeinsam genossenem Kartoffelsalat mit Würstchen. Die meisten von uns freuten sich dann auf eine kurze Ruhepause, wo sie die Augen und den Mund schließen konnten und die Beine hochlegen durften. Das ging bei dem Regenwetter in der Jordanstr. 53 am besten.
Um 16 Uhr fanden wir uns dann alle munter wieder zusammen. – Der Kaffee belebte den Geist und die Erzählfreudigkeit ließ die Stunden nur zu schnell hingehen. – Am Abend zeigte Annemarie noch Dias aus Amerika; leider hatten die meisten schon abfahren müssen. – Für das nächste Treffen hat sich Gertrud Martens bereit erklärt; sie möchte uns die Bergedorfer Sternwarte zeigen. Vorgeschlagen ist Ende August ( 27.8.) – Anfang September 1961 (3.9.).
Auf frohes Wiedersehen
Carla Overlach.
Bergedorf, d.24.Sept.1961
Leider konnte ich am vorigen Treffen noch nicht teilnehmen, da ich mal wieder zur Kur in Bad Homburg weilte – aber ich hoffe sehr, daß es beim nächsten, am 24. Sept. 61 bei Gertrud Martens klappen wird.
Es folgt ein kurzer Überblick über die verflossenen 35 Jahre:
Nachdem wir uns damals trennten, war ich anfangs als techn. Lehrerin mit Turnen vertretungsweise am Paulsenstift, später am Lerchenfeld und in der Emilie-Wüstenfeld-Schule tätig. Die Ferien verbrachte ich – einer Sportlehrerin gemäß – entweder in den Bergen kraxelnd oder skilaufender Weise. Als für uns die Möglichkeit bestand, in Hbg. die Ausbildung zur Gewerbelehrerin zu machen, entschloß ich mich hierzu. Nach mehreren Praktiken, Studium und bestandenem Examen war ich zuerst an der Brennerstr. Die folgenden Jahre in der Wallstr. – unserer alten Penne – die für mich so äußerst günstig gelegen war und auch Sportplatz, Turn- und Schwimmhalle in nächster Nähe hatte, bleiben für mich in bester Erinnerung.
Die Katastrophe 1943 machte allem ein Ende. Meine Mutter und ich wurden von meiner Schwester in Lohbrügge aufgenommen. – Nun ging für mich die Fahrerei nach Altona (Frauenfachschule) los. – Glücklich war ich natürlich, als ich bald von der Berufsschule Bgd. (Bergedorf) übernommen wurde. Im Landgebiet, wo neben den dortigen Volksschulen die ländl. Fortbildungsschule meist in ein oder zwei eigenen Räumen ihren Unterricht durchführt, war ich mehrere Jahre tätig. Es war ein sehr angenehmes Arbeiten mit den Landmädeln und man war so ganz sein eigener Herr dort draußen. – Allmählich wurden wir von landwirtschaftl. Fachkräften abgelöst und die letzten Jahre unterrichtete ich dann an der Bgd.-Berufsschule.
Die über 25 Jahre, die ich im Schuldienst war, verliefen nur gar zu schnell. 1957 mußte ich leider wegen eines chron. Leberleidens ausscheiden. Das Herumdoktern und die häufig verordneten Kuraufenthalte gefallen mir gar nicht – aber was tut man nicht alles, um einigermaßen auf Draht zu bleiben.
Meine eigene kleine Wohnung übergab ich meinem zweiten Neffen, als er Weihnachten heiratete. Seitdem wohne ich wieder bei meiner Schwester; dort ist jetzt wieder Platz – nachdem die Söhne ausgeflogen sind.
Nun fragt Ihr sicher: Was machst Du den ganzen Tag? Als Pensionierte? – Der Tag ist so ausgefüllt, daß ich kaum noch weiß, wie ich “nebenbei” früher die Schule noch geschafft habe.
Jetzt aber genug von mir. – Ich freue mich riesig auf das Treffen und gebe endlich dieses Buch weiter, das durch meinen Umzug schon viel zu lange bei mir blieb.
Entschuldigt vielmals
Eurer Elfriede Seegers.
Ich entschuldige gern –
Uelzen, den 14. Okt. 62.
O, liebes Buch, ich wage Dich nie wieder an mein Herz zu drücken nach diesem Malheur!!
Und beeile mich um so mehr, Gertrud Martens unseren herzlichsten Dank auszusprechen für alle Mühe um das wohlgelungene Treffen. Für geistige und leibliche Genüsse, für die himmlische Ruhe in ihrem Garten auf dicken weichen Liegebetten, umgeben von wohlgefüllten Pflaumenkörben. Wie hast Du unsern Djahren Rechnung getragen!
Dank sei Dir im Namen
aller alten Damen!
In Vorfreude auf ein neues Zusammensein
Eure Käthe Klein.
20. Oktober 1962 bei Else Sporleder-Böttcher.
Und wieder bin ich in Eurem lieben Kreise. Wie wunderwunderschön, daß nach 35 – 38 – 39 Jahren wir noch wieder in alter Freundschaft zusammen sind. Einen besonders herzlichen Gruß an die abwesenden Kameradinnen.
Annemarie Gerhart.
Wir sind so gemütlich beisammen u. das Erzählen nimmt kein Ende. Ganz besonders freuen wir uns, daß Annemarie mal wieder unter uns ist! – Herzlichst
Eure Elfriede Carl.
Grete nahm Hilde, Elfriedchen und mich in ihrem weißen VW mit zu Else. Schnatternd verbrachten wir die Stunde Wagens; in Elses Heim gibt es weitere Themen, die uns alle interessieren. – Else gebührt herzlicher Dank für ihre Gastlichkeit in ihrem Heim, das ich heute kennen lernte.
Carla Overlach
Herzliche Grüße bei gutem Herbstwetter
Eure Helga Gerhard.
Unser Tag hier geht schon zu Ende. Hoffentlich bekommen alle, die nicht hier sein konnten, unsere Grüße auf diesem Wege bald.
Eure Hildegard Schulze
Ich schließe mich allen Vorrednerinnen mit herzlichen Grüßen an alle hier heute nicht Anwesenden an!
Das Wiedersehen und Erzählen war eine Freude. Bis zum nächsten Wiedersehen herzlichst!
Eure Grete Schulze
Inzwischen hat das Buch bei mir etwas gelagert, doch soll Dora, die leider im letzten Augenblick sich noch beruflich einsetzen mußte zum Advent Grüße bekommen.
Ich freute mich sehr, daß unser Treffen endlich zum Klappen kam. Mir scheint doch, mit zunehmendem Alter wird´s immer schwieriger! Annemarie machte es während ihrer 14 tägigen Deutschlandreise möglich, uns in Soltau wiederzusehen, Helga scheute die Anstrengung nicht. Ganz besonders freute ich mich, daß sie Mut und Kraft aufbrachte und so unseren Kreis vervollständigte. Muschi will uns 1963 zu sich einladen, wie schön! Ich lege ihren lieben Brief mit ein, damit Dora, Gertrud und Friedel ihn lesen können! Dora, Du gibst das Buch bitte so weiter, ja?
Eben sehe ich, daß unsere Käthe gar nicht unterschrieben hat, sie war natürlich mit dabei, hatte aber Annemarie bei sich in Uelzen zu Gast und fuhr schon früher mit ihr fort. Sie läßt bestimmt grüßen.
Ich wünsche unserem Buch eine gemütliche Reise. Möge es im kommenden Jahr nur frohes von allen aufnehmen und in Hannover beim Treffen pünktlich zur Stelle sein!
Eure Else Böttcher.
Soltau, Herbst 1962.
(Anm.: der beigelegte Brief von Gertrud Merzin an Else Böttcher:)
8.11.(?)62.
Liebste Else!
Denke Dir, nun muß ich doch noch absagen! ist das nicht schade? ich bin selber sehr betrübt darüber u. habe den Entschluß nur schweren Herzens gefaßt. Es hat sich für diesen Sonntag d. 21.10. auswärtiger Besuch bei uns angesagt, das kann ich nicht abbiegen, auch nicht ihm aus dem Wege gehen, ich habe alles hin- u. herüberlegt, auch an später kommen gedacht. Bitte entschuldigt mein Fehlen! u. Du, bitte, grüße alle vielmals. Könnten wir vielleicht in Aussicht nehmen, daß Ihr nächstes Jahr mal alle zu mir nach Hannover kommt?? 2 1/2 Jahre lang haben wir noch unsere jetzige geräumige Wohnung, in der sich unser Treffen gut ermöglichen ließe. Danach ist dann unser Mietvertrag abgelaufen und wir werden eine viel kleinere Wohnung haben.
Es geht uns allen gut soweit. Bei uns Eltern treten diese u. jene körperl. Beschwerden auf, wie das wohl in unseren Jahren nicht anders sein kann u. sicher auch bei Euch der Fall sein wird, davon braucht man also nicht zu reden.
Unser junges Paar hat nach vielen Bemühungen eine 2-Zimmerwohnung gefunden und will nun möglichst schnell heiraten. Die Hochzeit wird an einem Sonnabend im November, vielleicht am 17., in Delmenhorst sein, wo Christianes Eltern wohnen. Christiane ist Diplombibliothekarin u. arbeitet seit April in der hiesigen Stadtbücherei. Günter, der inzwischen seinen juristischen Dr. gemacht hat, hat noch 1 Jahr Ausbildung bis zum Assessorexamen vor sich.
Gottfried ist Physikstudent in Heidelberg, z.Zt. in Semesterferien zu Hause. Ende des Monats geht es ins 6. Semester. Im August war er in England u. Schottland, teils eingeladen, teils auf eigene Faust ganz allein, per Autobus und zu Fuß.
Hans Christian, der sehr gewachsen u. so groß wie sein ältester Bruder ist, ist im 10. Schuljahr. Zur Hochzeit üben die beiden jüngeren Söhne u. ich ein Klaviertrio von Haydn.
In den Sommerferien waren wir in Badenweiler, dort haben wir Sonne und Wärme u. Sommer genießen dürfen, woran wir Norddeutschen dieses Jahr so erbärmlich zu kurz gekommen sind.
Bitte schreibt mir eine Karte mit allen Unterschriften. Ich werde sehr zu Euch hindenken. Dir u. den Deinen viele liebe Grüße u. alle guten Wünsche!
Deine Muschi.
21.6.63.
Ihr Alle!
Auch bei mir hat das Buch etwas gelagert. Fast ein halbes Jahr! Ich bitte tausendmal um Entschuldigung! Wenn man immer noch im Dienst ist, kann natürlich immer etwas dazwischen kommen. Es kam auch unter anderem um Ostern unsere Silberhochzeit dazwischen, die ich doch gern erst hinter mich gebracht hatte. Sie war nebenbei ein herrliches Fest, das wir aber der Bequemlichkeit halber im Waldrestaurant Timmermann “Wohldorfer Schleuse” gefeiert haben. So hatte ich mit Vorbereitungen auch nicht das kleinste bißchen zu tun. Herrlich! Damit gehöre ich wohl endgültig zu den Alten.
Sonst geht es uns aber gut. Wir freuen uns mächtig auf die Ferien, die wir diesmal in Kohlgrub verbringen werden. Dort kann mein Mann dann seine Bäder haben u. ich erhole mich auch. Es liegt herrlich am Fuße der Alpen, nördlich Oberammergau.
Unsere Jungens sind jetzt erwachsene Männer u. wir sind sehr stolz auf sie im geheimen. Dieter, 29 J, ist zu Hause. Rüdiger, 23 J, lebt bei den Soldaten z.Zt. in Nörvenich (Düren) u. nennt sich Elektroniker. Er prüft Radaranlagen u. sonstige elektronische Geräte in Flugzeugen (Starfighter). Reinhard, 21 J, ist seit November 62 in Zözivil/Bern in der Schweiz u. arbeitet dort. Er wollte etwas von der Welt sehen, ehe er ins Studium (Architekt) ging. Er hat soviel Geschmack daran gefunden, daß es ihm gar nicht darauf ankommt, auch noch weiter zu reisen. So ist also unser Haushalt etwas kleiner geworden. Seit Ostern 63 ist es mir auch endlich geglückt, eine meiner Schülerinnen als Hausgehilfin zu bekommen, sodaß ich jetzt beinahe das Gefühl habe, ich bummle. Wenn ich von der Schule nach Hause komme, ist alles sauber und aufgeräumt u. ich setze mich an einen gedeckten Tisch. Eine herrliche Sache. Nun habe ich ohne Gewissensbisse Zeit, auch etwas für mich zu tun u. zu denken, ohne Hetze. (Alte Damen soll man pflegen!)
Wenn es in diesem Jahr wieder ein Klassentreffen gibt, möchte ich gerne wieder dabei sein, aber es wäre erst im Oktober möglich, denn Anfang Sept. ist unser Sportfest u. in der 2. Hälfte Sept. ist wieder eine Klassenreise fällig. Ob Ihr, alle Lieben, es so einrichten könnt?
So nun muß ich aufhören zu klönen, meine Waltraut bringt mir eben den Nachmittagskaffee; manchmal ist es auch Tee.
Also herzlichst auch im Namen meines Mannes, der dieses Buch eifrig mitliest, mit tausend Grüßen
Eure Dora.
Lüneburg, den 7.7.63
Volgerstr. 32
Ihr Lieben!
Mein letzter Bericht aus dem Jahr 1960 enthielt die Worte: Wir sind jetzt hier (Hamburg) sehr glücklich.
Ich erhielt das Buch am 4.7.63. – Da muß ich zunächst allen, die mir mit Worten und Taten in diesem letzten Jahr geholfen und Liebes getan haben, danken. Es hat mir gezeigt, wieviel eine Freundschaft bedeuten kann; eine Freundschaft, die entstanden ist in unserer Jugendzeit und mal mehr oder weniger in Erscheinung trat; aber in diesem Jahr habe ich sie erfahren und dafür muß ich Euch allen danken. – Ich schließe in das “Euch” auch Gertrud Lorentzen ein.
Am 3.7.1962 starb mein Mann für uns zu unerwartet. Mein Sohn Günther kam aus Cambridge zurück, Sohn Rolf aus Göttingen; um die Ausbildung der Kinder, die noch etwa 2 – 3 Jahre dauerte zu gewährleisten, wollte ich zunächst noch 3 – 5 Jahre in Hamburg bleiben, ich hatte 4 Kinder bei mir. Knud mußte in Karlsruhe beim Maschinenbaustudium bleiben. Im Laufe des Jahres zwangen mich verschiedene Ereignisse, meine Wohnung doch so schnell wie möglich nach Lüneburg zu verlegen; so bin ich seit dem 5.III.63 hier. – Uta geht hier in die Wilhelm-Raabe-Schule in die 11. Klasse. Gerd wohnt hier und fährt täglich zum Studium (Volkswirtschaftslehre) nach Hamburg. Rolf studiert Jura in Hamburg, Knud ist noch in Karlsruhe und Günther studiert Theologie in Heidelberg. Um die Ausbildungskosten etwas zu erleichtern, habe ich 3 Zimmer vermietet wieder an Studierende; damit ich an den Ferientagen Platz für meine Kinder habe.
So ganz zur Ruhe setzen kann ich mich noch nicht; ich wachse allmählich in meinen neuen Aufgabenkreis hinein. – Filmclub, Frauenring, evang. Frauenverein, Johanniterorden, F.D.P. – CDU. Rotes Kreuz, Bund der Ehemaligen werden wieder Begriffe mit Inhalt, weil man die Menschen kennt. In einer kleinen Stadt leben, ist doch etwas ganz anderes. – Ich werde mich wieder einleben in meine Heimat. Für Uta und Gerd hoffe ich, daß Lüneburg zur Heimat wird. Die 3 großen Jungen werden sich eine eigene Heimat suchen. Sie sind nur selten zu Besuch hier. Sie arbeiten für die Abschlußexamen und fangen an, den eigenen Kreis aufzubauen.
Carla Overlach.
Klassentreffen 20. Oktober 1963 in Hannover, Alleestr. 36
Ein sonniger Herbsttag. Herzliche Gastfreundschaft in Muschis Heim – so sitzen wir hier beisammen:
Hilde Schulze Else Böttcher
Dora Timm Grete Schulze
Carla Overlach Elfriede Carl
Käthe Klein Gertrud Merzin.
Schönes Zusammensein bei prachtvollem Herbstwetter – vom Mittagessen über ausgiebigen Parkspaziergang, Kaffeetrinken, Musizieren, viel Klönen und Zeigen und Besehen und Vorlesen bis hin zum Abendbrot. Die Stunden flogen viel zu schnell. Von den Abwesenden waren Annemarie und Elfriede Seegers durch Briefe vertreten. Ich muß allen, die leibhaftig dabei waren, nochmals sehr danken, daß sie gekommen waren u. den Aufwand von Zeit und Kraft u. Geld (Dora hatte die weiteste und teuerste Fahrt!) nicht gescheut hatten.
Auf gutes Wiedersehen hoffentlich im nächsten Jahr!
Eure Muschi.
Hamburg, 18.12.63
Liebe Trudel,
Du sollst das Buch noch im alten Jahr erhalten. Ich bekam es am 20. November 63 bei Frau Buesche; schade, daß Du nicht mitmachen konntest. Wir verlebten dort einige sehr schöne Stunden. Auch das Wiedersehen bei Muschi muß wunderschön gewesen sein. Ich konnte nur zuhören, da ich ja im letzten Augenblick absagen mußte. Meine Gesundheit wollte nicht. Während des herrlichen Herbst-Nachmittags bin ich an der Alster spazieren gegangen, habe an das Treffen in Hannover gedacht + eine Träne zerdrückt. Aber ich werde die dummen Jahre schon schaffen. Gerade eben hatte ich eine große Freude: ich bekam per Luftpost Weihnachtsgrüße von meinem Jungen. Ihr denkt sicherlich, eigentlich ziemlich früh, – aber so ist es bei der Seefahrt. Er schickt von New York aus, befindet sich auf wilder Fahrt, – hat als Kapitän einen großen Pflichtenkreis u. weiß auch nicht wohin es geht. Schwiegertöchting hat schon wieder eine herrliche Reise mitmachen können. Ich bin mit ihnen froh darüber. –
Euch allen ein schönes Weihnachtsfest und ein neues Jahr voller Freude und Gesundheit.
Eure Helga.
Bergedorf, d. 4.3.64.
Meine Lieben!
Vor 10 Jahren habe ich zum letzten Mal in dieses Buch geschrieben. Inzwischen haben wir uns einige Male persönlich getroffen. – 1961 auch bei mir in B. –
Es hat sich vielerlei in all den Jahren ereignet, wir sind älter geworden, die Jugend ist herangewachsen und ist selbständig geworden. Es mußte auch Abschied genommen werden, aber die Zurückbleibenden haben ihre Aufgaben angepackt und gemeistert, und wir alle können zufrieden sein. –
Von mir sind keine großen Ereignisse zu melden. Ich lebe ruhig und friedlich mit meinem Mann in unserm Haus und Garten in Bergedorf. Während der schönen Jahreszeit haben wir wunderschöne Reisen ins Gebirge (zuletzt in die Schweiz, Zermatt) und an die Nordsee (Westerland) gemacht.
Dann wandern wir viel (61 eine Dolomitenwanderung von Hütte zu Hütte, durch den Rosengarten zur Marmolada nach Cortina – unvergeßlich!), sind Mitglieder des Alpen- und des Kunstvereins und beteiligen uns eifrig an allem Schönen und Interessanten was uns unser schönes Hamburg bietet. Darüber hinaus widme ich mich weiterhin meiner Musik, – die mir in vielen Stunden große Freude schenkt.
Ich wünsche Euch Lieben, Euren Männern und Kindern das Allerbeste für die fernere Zukunft und freue mich auf ein Wiedersehen.
Eure Gertrud Martens.
z.Zt. Bad Neuenahr, d. 13.Mai 64
Ihr Lieben,
das Büchlein mußte erst mit nach hier reisen, um endlich weiterbefördert zu werden.
Aus meinen Zeilen an Muschi v. Okt. 63 – sie befinden sich in M.´s Briefumschlag 2 Seiten vorher (Anm.: Die Abschrift dieses Briefes folgt im Anschluß an diesen Bericht ) – erseht Ihr von meinem Ergehen im vergangenen Jahr. Über 8 Monate war ich damals – mit kurzen Unterbrechungen in versch. Krankenhäusern; das war zu viel u. ich hatte so genug davon. Zuletzt in Eppendorf wurde der geplante Eingriff nicht vorgenommen – obgleich der Termin dafür schon festgelegt war. Der Assist.-Arzt sagte: “Es ist keine große sondern eine Riesenoperation” und das Risiko war wohl zu groß. Ich war auch ziemlich herunter; wog keine 90 Pfd. mehr. Nun bekämpften sie dort mit Tabletten, Transfusionen, Eiweisspritzen u. Infusionen mein Leiden. Weihnachten konnte ich endlich wieder im Hause verleben. Auch danach wirkte sich die Behandlung weiter günstig auf mein Ascitis (Wassersucht) aus und es ging mir einigermaßen, sodaß ich schon mal was unternehmen konnte. Die 3 Treppen daheim in Lohbrügge machten mir viel Mühe. Deshalb fuhr ich Febr./März für 4 Wochen zu m. Neffen in die Bremer Gegend. Leider machte mir dort mein Diabetis wieder viel zu schaffen und ich mußte weiter planen, um nicht im Krkhs zu landen. So entschloß ich mich zur Reise nach hier. Es ist ein Spezialbad für Zucker-, Magen-, Leber- u. Gallenkranke u. ich hoffe u. tue alles zu meiner Besserung.
Wie gerne würde ich auch mal wieder zu einem Treffen mit Euch kommen.
Herzlichst Eure Elfriede Seegers.
(Anm.: Brief von Elfriede Seegers an Gertrud Merzin)
Bergedorf, d. 14. Okt. 63
Liebe Gertrud,
der Tag Eurer Zusammenkunft rückt näher u. es wird Zeit, daß ich Dir für Deine lb. Zeilen u. vor allem für die freundl. Einladung herzlich danke. Du siehst, ich bin noch immer im Krkhs. und an ein Kommen ist gar nicht zu denken. Natürlich werde ich am 20. Dez. sehr an Euch denken. Es war damals zu nett, zumal es für mich ja ein Wiedersehen mit vielen von euch nach …zig Jahren war. –
Ich glaube Du weißt, daß ich mich seit etwa 54 mit einem angeblichen Leberleiden herumquäle. 1957 mußte ich den Schuldienst aufgeben; es war ein schwerer Entschluß; aber es ging einfach nicht mehr. Was hatte ich mir alles für meine vorzeitige Pensionierung vorgenommen! Aber an erster Stelle stand doch der Kampf gegen mein altes Leiden. Häufig war ich in Bädern zur Kur, die oft in wahre Pferdekuren ausarteten; so auch im letzten Jahr bei einer Heilpraktikerin in Bremen, die mit Akkupunktur-Behandlung (ein altes chinesisches Verfahren mit Nadeln u. tollen Spritzen) gegen das Übel anging. Doch ganz allmählich – kaum merkbar – wurde es immer schlechter mit mir. Voriges Frühjahr verbrachte ich ein Vierteljahr im Marienkrankenhaus, wo sie sich die größte Mühe gaben festzustellen, welches die eigentliche Ursache m. Leidens war. Durch Leberfunktionsproben erkannten sie, daß die Leber nur sekundär betroffen war, desgl. die Bauchspeicheldrüse. Nun bekam ich zu der Leber-Gallediät auch noch strenge Zuckerdiät und Insulinspritzen. Das ist natürlich besonders grausam, wenn man so gerne Nährmittel, Aufläufe u. Kuchen gegessen hat wie ich. – Na schließlich ersahen sie aus mehreren Röntgenaufnahmen, daß eine frühere Thrombose im Milz-Lebergebiet (Pfort-Ader-System) diese üblen Nebenerscheinungen, wie Ascitis (Bauchwassersucht) hervorruft. – Den letzten Winter überstand ich leidlich; doch im Frühjahr nach einer Grippe konnte ich mich gar nicht wieder erholen. 6 Wochen Aufenthalt im Marienkrankenhs. mit mehreren Punktionen brachte Erleichterung. Anfang Mai konnte ich wenigstens die Rückkehr meines jüngsten Neffen nach 5 jährig. Australienaufenthalt im Hause miterleben. Ende Mai mußten sie mir wieder 10 l Wasser abnehmen; diesmal blieb ich aber im Bgd. Bethesder-Krkhs das vor 10 Jahren gebaut wurde. Nach 3 Wochen waren´s schon über 10 l. die sie punktierten. In der Zwischenzeit war ich aber im Hause u. konnte Anfang Juni die Hochzeit meines 3. Neffen u. am Pfingstmontag die Doppeltaufe einer Großnichte u. des Großneffen meines ältesten u. zweitältesten Neffen mitfeiern. Letztere bei schönstem Wetter, sodaß sich die Taufgesellschaft zeitweise im Garten aufhielt; das habe ich sehr genossen; ich lege einige Fotos bei, die gelegentlich wohl wieder bei mir landen, da ich keine doppelten davon habe. – Im ganzen ist es nun schon über 1/2 Jahr, daß ich im Krkhs. verbringe. Hier versuchen sie durch Tabletten u. Spritzen, das Wasser fortzubekommen, aber es ist nicht von Dauer. Die hiesigen Ärzte raten doch zu einer Verlegung nach Eppendorf; vielleicht kann eine Operation helfen. Die Ärzte d. Marienkrkhs. lehnten es damals ab. So ist es ja auf die Dauer kein Zustand! Ich habe Eure Anschriften nicht bei mir; sollte jemand in Eppend. wohnen, würde ich mich freuen, wenn sie mal einschauen würde; ich warte täglich auf die Verlegung. Doch fragt vorsichtshalber bei Warders an: Tel: 712628. – Erzählen läßt sich´s doch besser als Schreiben. Würdest Du mir bitte die Sondermarken u. einliegende gelegentl. wieder zukommen lassen; ich muß doch für “meine” Jungens sorgen.
Fortsetzung am 16. Okt.
Inzwischen bin ich zur Besprechg. in Eppend. gewesen; in 10 – 14 Tagen werde ich nach dort übersiedeln. Dann denkt an mich – es ist ein ziemlicher Eingriff, den sie planen. –
Hoffentl. habe ich Euch mit diesem, gräßlichen Krankenbericht nicht gar zu sehr gelangweilt; laßt Euch vor allem Eure fröhliche Stimmung nicht dadurch verderben. Ich gehe voller Vertrauen und Hoffnung in die nächste Zeit. –
Leider sind die Fotos hauptsächlich von Harders; aber da ich bei ihnen wohne, gehöre ich ganz dazu. Ich habe die Jungens fast mit groß gezogen; bes. während d. Kriegsjahre – als mein Schwager eingezogen war – u. während der schweren Nachkriegsjahre, als wir nach der Ausbombung nach hier zu ihnen zogen. Entschuldige die vielen Änderungen u. Verbesserungen; aber ich wurde häufig gestört.
Nun grüße bitte alle, die am 20. Okt. bei Dir sind, allerherzlichst von mir und sei Du besonders gegrüßt von
Deiner Elfriede S.
Euch allen weiterhin alles, alles Gute!
Anm. Hier endet das Klassenbuch. –
Meine Mutter, Frau Käthe Klein hat es nicht mehr weitergereicht.
Eine Erklärung dafür kann ich nicht geben -
Ich fand es Anfang 1996 bei der Auflösung ihres Haushaltes.